Nach Trumps Wahldebakel: Vance stellt Bündnis mit Israel infrage
Der US-Vizepräsident macht den Irankrieg für die Niederlage der Republikaner verantwortlich. Nun spricht er offen über Wähler, die eine andere Politik gegenüber Israel verlangen. Für Jerusalem ist das ein ernstes Warnsignal.

Bildnachweis: The White House
Die Niederlage der Republikaner bei den amerikanischen Kongresswahlen entwickelt sich zu einer grundlegenden Auseinandersetzung über die Zukunft der Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen. Am Mittwoch, dem 4. November 2026, erklärte US-Vizepräsident JD Vance, dass zahlreiche frühere Wähler von Donald Trump bei den Zwischenwahlen zu den Demokraten gewechselt seien. Als entscheidenden Grund bezeichnete er den Krieg gegen das iranische Regime. Zugleich nannte er ausdrücklich die Forderung nach einer Veränderung der amerikanisch-israelischen Beziehungen.
Seine Erklärung veröffentlichte Vance auf der Plattform X. Dabei stellte er sich gegen die Auffassung, die Republikaner hätten lediglich zu wenige eigene Anhänger an die Wahlurnen gebracht. Nach seinen Angaben war die Beteiligung republikanisch orientierter Wähler in mehreren Bundesstaaten durchaus hoch. Dennoch reichte sie nicht aus, weil sich zahlreiche Menschen, die Trump und Vance 2024 unterstützt hatten, diesmal für demokratische Kandidaten entschieden.
Vance berief sich auf die Untersuchung eines Meinungsforschers, der die Wahlergebnisse nach seiner Darstellung sehr genau vorhergesagt hatte. Dieser habe ehemalige Trump-Wähler gefragt, unter welchen Voraussetzungen sie zu den Republikanern zurückkehren würden.
Vier Antworten hätten dabei nahezu sämtliche Rückmeldungen bestimmt: den Krieg beenden, die Lebenshaltungskosten und die Inflation stärker bekämpfen, amerikanische Interessen wieder in den Mittelpunkt stellen und das Verhältnis zu Israel verändern.
Besonders aufschlussreich ist, dass der Vizepräsident die Forderung gegenüber Israel ausdrücklich in diese Aufzählung aufnahm.
Damit wird das Bündnis mit dem jüdischen Staat nicht mehr nur hinter verschlossenen Türen diskutiert. Es erscheint nun in einer öffentlichen Erklärung des amerikanischen Vizepräsidenten als Bestandteil jener Politik, wegen der die Republikaner nach seiner Einschätzung erhebliche Teile ihrer bisherigen Wählerschaft verloren haben.
Israel wird Teil der republikanischen Schulddebatte
Vance ging in seiner Analyse ungewöhnlich weit. Er erklärte ausdrücklich, der Krieg sei der Grund für die Wahlniederlage. Wer diesen Krieg trotzdem für notwendig halte, müsse nach seiner Auffassung offen sagen, dass er den Verlust der Senatsmehrheit für den Preis akzeptabel halte.
Das ist eine bemerkenswerte Aussage aus der Führung einer Regierung, die den militärischen Einsatz gegen Iran selbst verantwortet.
Für Israel entsteht daraus ein politisches Risiko. Die Entscheidung über amerikanische Militärhilfe, die Zusammenarbeit gegen das iranische Atom- und Raketenprogramm und die Unterstützung israelischer Sicherheitsinteressen könnte zunehmend unter dem Gesichtspunkt amerikanischer Wahlverluste betrachtet werden.
Dabei muss zwischen zwei Dingen unterschieden werden: Vance hat nicht erklärt, Israel müsse künftig auf amerikanische Unterstützung verzichten. Er hat auch keine konkrete neue Vereinbarung mit JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen angekündigt. Er stellt jedoch öffentlich fest, dass eine Veränderung dieser Beziehungen zu den zentralen Forderungen enttäuschter Wähler gehöre.
Welche Veränderungen damit gemeint sind, bleibt offen. Denkbar wären Forderungen nach geringeren finanziellen Verpflichtungen, einer stärkeren Begrenzung militärischer Zusammenarbeit oder größerer amerikanischer Distanz zu israelischen Regierungsentscheidungen. Vance selbst legte in seiner Erklärung keine entsprechende Maßnahmenliste vor.
Auch die Grundlage seiner Analyse hat Grenzen. Die genannten vier Antworten stammen nach seiner Darstellung aus einer Befragung eines einzelnen Meinungsforschers. Weder der vollständige Fragebogen noch die Größe der befragten Gruppe oder die genauen Antwortanteile wurden veröffentlicht. Daraus lässt sich deshalb nicht ableiten, dass eine Mehrheit aller amerikanischen Wähler eine grundsätzlich andere Israel-Politik verlangt.
Die politische Bedeutung der Erklärung ist dennoch erheblich. Entscheidend ist, dass Vance diese Forderungen öffentlich aufgreift und zu seiner eigenen Erklärung der Wahlniederlage macht.
Die amerikanischen Beziehungen zu Israel standen bisher auf einer breiten überparteilichen Grundlage. Unterschiede zwischen Republikanern und Demokraten betrafen häufig einzelne Regierungen, diplomatische Entscheidungen oder die Bedingungen militärischer Unterstützung. Das strategische Bündnis selbst wurde über Jahrzehnte von maßgeblichen Politikern beider Parteien getragen.
Diese Gewissheit gerät zunehmend unter Druck.
Vance hat seine Distanz zu Israel bereits früher gezeigt
Die jüngste Erklärung kommt nicht überraschend.
Bereits im Juni wurde deutlich, dass Vance die Beziehungen zu Israel stärker unter dem Gesichtspunkt unmittelbarer amerikanischer Interessen betrachtet. Er kritisierte israelische Regierungsvertreter, denen er vorwarf, amerikanische Bemühungen um eine diplomatische Lösung mit Iran zu behindern.
Im Juli ging er noch weiter. Bei einem Auftritt im Podcast von Joe Rogan behauptete Vance, bestimmte Kräfte innerhalb des israelischen Systems versuchten, die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten zu beeinflussen, um den Krieg gegen Iran zu verlängern.
Solche Anschuldigungen sind schwerwiegend. Sie verlangen konkrete Belege, weil sie die Vorstellung fördern können, Israel dränge die Vereinigten Staaten gegen deren eigene Interessen in militärische Konflikte.
Im Oktober verweigerte Vance zudem eine ausdrückliche Unterstützung Benjamin Netanjahus bei der israelischen Parlamentswahl. Während Trump den israelischen Ministerpräsidenten öffentlich unterstützte, erklärte sein Vizepräsident, er wolle sich nicht in die Wahl eines anderen Landes einmischen.
Diese Haltung war für sich genommen legitim. Ihre Bedeutung ergibt sich jedoch aus dem politischen Zusammenhang und den wiederholten Meinungsverschiedenheiten über die amerikanische Israel-Politik.
Gleichzeitig hat Vance gegenüber jüdischen Republikanern die strategische Bedeutung Israels betont und AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen ausdrücklich verurteilt. Es wäre deshalb falsch, ihm allein aufgrund seiner Forderung nach einer veränderten Außenpolitik eine antisemitische Gesinnung zu unterstellen.
Die politische Richtung seiner Aussagen ist dennoch erkennbar: Das Bündnis mit Israel soll stärker danach beurteilt werden, welchen unmittelbaren Nutzen es für die Vereinigten Staaten hat und welche wirtschaftlichen oder militärischen Verpflichtungen daraus entstehen.
Genau dieser Wandel war bereits im Juni Gegenstand unserer Berichterstattung. Damals stand die Frage im Mittelpunkt, ob ausgerechnet der mögliche politische Nachfolger Trumps eine größere Distanz zum jüdischen Staat aufbauen könnte.
Die neue Erklärung nach den Kongresswahlen verleiht dieser Frage zusätzliche Bedeutung.
Irans Bedrohung verschwindet nicht mit dem Wahlergebnis
Besonders problematisch ist der Zeitpunkt.
Das iranische Regime hat seine feindliche Haltung gegenüber Israel nicht aufgegeben. Trotz schwerer militärischer Verluste verfügt es weiterhin über militärische Fähigkeiten und versucht, seine strategische Position wiederherzustellen.
Die iranischen RevolutionsgardenIslamische Revolutionsgarden: Machtzentrum des iranischen RegimesDie Islamischen Revolutionsgarden sind eine mächtige militärische, politische und wirtschaftliche Organisation der Islamischen Republik Iran. Sie wurden nach der Revolution von 1979 gegründet, unterstehen dem Obersten Führer und steuern über die Quds-Einheit Irans regionales Terrornetzwerk.Mehr lesen bedrohen zudem die zivile Schifffahrt in der Straße von HormusStraße von Hormus: Die gefährlichste Engstelle der WeltwirtschaftDie Straße von Hormus ist eine Meerenge zwischen Iran und Oman. Sie verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und ist eine der wichtigsten Routen für Öl und Flüssigerdgas weltweit.Mehr lesen. Auch Anfang November kam es zu neuen militärischen Auseinandersetzungen mit amerikanischen Streitkräften.
Der Krieg hat für die Vereinigten Staaten erhebliche Kosten verursacht. Das gilt sowohl wirtschaftlich als auch militärisch. Dass amerikanische Wähler darüber diskutieren und die Politik ihrer Regierung kritisieren, gehört zu einer Demokratie.
Doch die Sicherheitslage Israels verändert sich nicht dadurch, dass in Washington eine Partei ihre Mehrheit verliert.
Das iranische Atomprogramm, die ballistischen Raketen und die Unterstützung bewaffneter Organisationen stellen weiterhin strategische Herausforderungen dar. Eine amerikanische Neuorientierung müsste deshalb berücksichtigen, welche Folgen sie für die Abschreckung gegenüber Teheran und den Schutz regionaler Partner hätte.
Hinzu kommt eine weitere Entwicklung: Trump hat nach Berichten vom 3. November angekündigt, die bisherige jährliche Militärhilfe für Israel ab 2027 beenden zu wollen. Waffenverkäufe und andere Formen der militärischen Zusammenarbeit sollen grundsätzlich fortgesetzt werden.
Die bisherige Vereinbarung über die Militärhilfe läuft allerdings bis 2028. Eine vorzeitige Beendigung wirft deshalb rechtliche, haushaltspolitische und parlamentarische Fragen auf. Der Kongress spielt bei der Bewilligung entsprechender Mittel eine entscheidende Rolle.
Vances Erklärung fällt damit in eine Phase, in der die amerikanisch-israelischen Beziehungen ohnehin neu verhandelt werden.
Für Jerusalem geht es nicht allein um Geld. Die Zusammenarbeit umfasst Waffenlieferungen, Luftverteidigung, gemeinsame militärische Entwicklungen, Geheimdienstinformationen und strategische Abstimmung.
Eine grundlegende Veränderung könnte deshalb weitreichendere Auswirkungen haben als die Kürzung eines einzelnen Haushaltspostens.
Eine neue Unsicherheit für Jerusalem
Die Republikaner haben bei den Zwischenwahlen beide Kongresskammern verloren. Die Demokraten werden ab Januar 2027 größere Möglichkeiten besitzen, die Regierung zu kontrollieren und ihre Haushalts- und Außenpolitik zu beeinflussen.
Damit wird Israels Position in Washington von mehreren Seiten herausgefordert.
Innerhalb der Demokratischen Partei gewinnen Politiker an Bedeutung, die amerikanische Militärhilfe für Israel teilweise grundsätzlich ablehnen. Zugleich wächst innerhalb der Republikaner ein politisches Lager, das die bisherigen Verpflichtungen der Vereinigten Staaten zunehmend infrage stellt.
Diese beiden Strömungen sind nicht identisch. Ihre Beweggründe, außenpolitischen Vorstellungen und Forderungen unterscheiden sich erheblich. Dennoch können beide dazu führen, dass die traditionelle Unterstützung Israels im amerikanischen Kongress schwieriger wird.
Vances Erklärung zeigt, dass die Debatte inzwischen das Zentrum der republikanischen Führung erreicht hat.
Der Vizepräsident macht Israel nicht ausdrücklich für die Niederlage verantwortlich. Er nennt aber die Beziehungen zum jüdischen Staat als einen der Punkte, an denen frühere Trump-Wähler eine Veränderung verlangen.
Darin liegt die eigentliche Tragweite seiner Aussage.
Israel steht vor einer neuen politischen Unsicherheit in Washington. Die Unterstützung des jüdischen Staates wird zunehmend mit amerikanischen Kriegskosten, wirtschaftlichen Belastungen und innenpolitischen Niederlagen verknüpft.
Für die israelische Regierung wird es deshalb wichtiger, die Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten auf eine Grundlage zu stellen, die auch bei wechselnden Mehrheiten Bestand hat.
Denn die Bedrohung durch das iranische Regime bleibt bestehen, unabhängig davon, welche Schlüsse amerikanische Politiker aus ihrer Wahlniederlage ziehen.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Donnerstag, 5. November 2026