Hamas-Gewalt im Schifa-Krankenhaus: Frauen geschlagen, bedroht und eingesperrt
Eine Frau aus Gaza erhebt schwere Vorwürfe gegen Hamas-Sicherheitskräfte. Sie berichtet von Schlägen, Schüssen zur Einschüchterung und festgenommenen Müttern. Besonders erschütternd ist, was die Bewaffneten anschließend von einer Betroffenen verlangt haben sollen.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Mit Knüppeln geschlagen, vor ihren Kindern festgenommen und durch Schüsse unmittelbar vor ihren Füßen terrorisiert: Eine Palästinenserin erhebt schwere Vorwürfe gegen Sicherheitskräfte der HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen im Schifa-Krankenhaus in GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen. Nach ihrer Schilderung wurden Frauen aus der Familie Ahl misshandelt, ihre Mobiltelefone beschlagnahmt und mehrere Betroffene in Polizeigewahrsam gebracht. Eine Frau soll anschließend sogar aufgefordert worden sein, die Kosten jener Munition zu bezahlen, mit der die Bewaffneten sie zuvor eingeschüchtert hatten.
Die Aussagen wurden bereits am 8. September 2026 vom FatahFatah: Von Arafats Kampfbewegung zur erstarrten Machtpartei der PalästinenserFatah ist eine säkular-nationalistische palästinensische Bewegung, die Ende der 1950er Jahre um Jassir Arafat entstand. Sie wurde zur dominierenden Kraft in der PLO und prägt bis heute die Palästinensische Autonomiebehörde.Mehr lesen-Sprecher Jamal Nazzal über Facebook verbreitet. Palestinian Media Watch dokumentierte die Zeugenaussage und veröffentlichte am 18. Oktober eine ausführlichere Auswertung.
Die Frau berichtet, Angehörige ihrer Familie hätten das Schifa-Krankenhaus aufgesucht, um einen Verletzten zu besuchen. Dort seien drei Frauen zusammen mit ihren kleinen Kindern von Hamas-Sicherheitskräften festgenommen worden. Als weitere Angehörige bei den Sicherheitskräften nachfragen wollten, sei die Situation eskaliert.
Die Bewaffneten hätten die Frauen mit Knüppeln geschlagen, ihre Kopfbedeckungen heruntergerissen und gezielt in den Boden vor beziehungsweise zwischen ihre Beine geschossen. Einer Betroffenen sei ihre Abaya, ein langes Kleidungsstück, heruntergezogen worden, weil sie den Vorfall mit ihrem Mobiltelefon gefilmt habe.
Die Schilderung geht noch weiter. Eine andere Frau sei geschlagen und zur Herausgabe ihres Telefons gezwungen worden. Nachdem sie aufgefordert worden sei, die Aufnahmen zu löschen, habe man ihr das Gerät zunächst vorenthalten.
Als sie es am folgenden Tag zurückholen wollte, sei sie zur Staatsanwaltschaft gebracht, festgesetzt und anschließend an die Polizei in Deir al-Balah überstellt worden.
Dort habe man von ihr verlangt, die Kosten für die abgefeuerten Kugeln zu bezahlen.
Dieser Vorwurf ist besonders erschütternd. Sollten sich die Angaben bestätigen, hätten bewaffnete Sicherheitskräfte nicht nur Frauen misshandelt und eingeschüchtert, sondern eine Betroffene anschließend auch noch finanziell für die gegen sie eingesetzte Gewalt verantwortlich machen wollen.
Ein Krankenhaus als Ort der Einschüchterung
Die geschilderten Vorgänge sollen sich ausgerechnet im Schifa-Krankenhaus ereignet haben, einer der bekanntesten medizinischen Einrichtungen des Gazastreifens.
Ein Krankenhaus müsste für Verletzte, Patienten und deren Angehörige ein Ort medizinischer Versorgung und persönlicher Sicherheit sein. Nach der Aussage der betroffenen Frau wurde es stattdessen zum Schauplatz von Festnahmen, Gewalt und bewaffneter Einschüchterung.
Die Vorwürfe fügen sich in weitere Berichte über die Nutzung medizinischer Einrichtungen durch die Hamas ein.
Bereits im Juni 2026 hatte Palestinian Media Watch eine Aussage des politischen Aktivisten Amin Abed aus Gaza dokumentiert. Abed erklärte gegenüber dem Fatah-nahen Sender Awdah TV, bewaffnete Hamas-Mitglieder seien in Hilfszentren präsent und würden Menschen bedrohen.
Er behauptete außerdem, junge PalästinenserPalästinenser: Herkunft, Begriffswandel und politische IdentitätPalästinenser bezeichnet heute meist palästinensische Araber mit eigener nationaler Identität. In der Mandatszeit konnte der Begriff jedoch allgemein Bewohner des britischen Mandatsgebiets Palästina meinen, auch Juden.Mehr lesen würden zu Verhören in Krankenhäuser bestellt. Dabei nannte er ausdrücklich das Schifa-Krankenhaus, das Nasser-Krankenhaus, das Al-Aqsa-Krankenhaus und das Al-Maamdani-Krankenhaus.
Abed warf der Hamas vor, medizinische Einrichtungen als Orte der Verhöre und Folter gegen die eigene Bevölkerung zu missbrauchen.
Diese Aussagen sind unabhängig von den seit Jahren erhobenen Vorwürfen zu betrachten, die Hamas nutze zivile und medizinische Einrichtungen auch für militärische Zwecke.
Im aktuellen Fall geht es nicht um einen israelischen Angriff auf ein Krankenhaus oder um die Frage, welche militärische Infrastruktur sich dort befindet.
Es geht um die mutmaßliche Gewalt der Hamas gegen palästinensische Frauen, die Angehörige besuchen wollten.
Gerade diese Unterscheidung macht die Zeugenaussage so schwerwiegend. Die Frauen schildern keine Gefährdung durch Kampfhandlungen zwischen IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen und Hamas. Sie beschuldigen die eigenen örtlichen Machthaber, sie bewusst eingeschüchtert, geschlagen und festgenommen zu haben.
Wer schützt die Menschen in Gaza vor der Hamas?
Der Bericht legt ein Problem offen, das in der internationalen Diskussion über den Gazastreifen häufig zu wenig Aufmerksamkeit erhält: Palästinensische Zivilisten sind nicht ausschließlich durch den Krieg gefährdet. Sie können auch Opfer von Gewalt und Unterdrückung durch die Hamas werden.
Die Terrororganisation verfügt über bewaffnete Sicherheitsstrukturen und hat ihre Macht wiederholt mit Gewalt gegen politische Gegner und Kritiker abgesichert.
Wenn Angehörige verletzter Menschen damit rechnen müssen, bei einem Krankenhausbesuch festgenommen oder misshandelt zu werden, wird selbst der Zugang zu medizinischer Versorgung von der Willkür bewaffneter Kräfte überschattet.
Besonders schwer wiegen die Vorwürfe, dass Frauen vor ihren Kindern festgenommen und gezielt erniedrigt worden seien. Das gewaltsame Entfernen von Kopfbedeckungen und Kleidung ist in diesem Zusammenhang nicht bloß eine körperliche Misshandlung. Es dient nach der Schilderung der Betroffenen auch dazu, sie persönlich herabzuwürdigen und ihre Gegenwehr zu brechen.
Dass die Aussagen ausgerechnet von einem Fatah-Sprecher verbreitet wurden, ist ebenfalls bemerkenswert. Fatah und Hamas sind seit Jahren politische Rivalen. Nazzals Veröffentlichung ist deshalb kein unabhängiger Ermittlungsbericht. Sie dokumentiert aber eine konkrete Zeugenaussage, deren Vorwürfe angesichts ihrer Schwere überprüft werden müssen.
Die Namen der beteiligten Hamas-Sicherheitskräfte, mögliche medizinische Nachweise der Verletzungen und Ergebnisse einer unabhängigen Untersuchung liegen bislang nicht öffentlich vor. Auch eine Stellungnahme der Hamas zu den konkreten Anschuldigungen ist in der vorliegenden Dokumentation nicht enthalten.
Das ändert nichts daran, dass die geschilderten Vorfälle ernst genommen werden müssen.
Wer die Menschenrechte der Bevölkerung im Gazastreifen verteidigen will, darf die Verantwortung ihrer eigenen bewaffneten Machthaber nicht ausklammern.
Der Schutz palästinensischer Frauen endet nicht dort, wo ihre mutmaßlichen Peiniger der Hamas angehören. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit, medizinische Versorgung und Schutz vor willkürlicher Haft gilt auch gegenüber den Sicherheitskräften der Organisation, die im Gazastreifen ihre Macht ausübt.
Die Zeugenaussage über die Frauen aus der Familie Ahl verlangt deshalb mehr als eine beiläufige Erwähnung. Sie wirft Fragen nach den Betroffenen, den Verantwortlichen und nach weiteren Menschen auf, die innerhalb medizinischer Einrichtungen möglicherweise ähnlicher Gewalt ausgesetzt waren.
Besonders die Behauptung, eine misshandelte Frau habe anschließend die Munition ihrer Peiniger bezahlen sollen, zeigt die Brutalität und Willkür, die den Sicherheitskräften vorgeworfen wird.
Solange die Vorwürfe nicht unabhängig untersucht sind, bleiben sie Anschuldigungen. Doch sie richten den Blick auf eine Frage, die für die Zukunft Gazas entscheidend ist: Wie sollen die Menschen dort in Sicherheit leben können, wenn bewaffnete Kräfte der Hamas selbst Krankenhäuser zur Einschüchterung und Unterdrückung der Bevölkerung nutzen?
Ein Krankenhaus darf kein Ort sein, an dem Menschen Angst vor denjenigen haben müssen, die dort mit Waffen die Kontrolle ausüben.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Mittwoch, 21. Oktober 2026