Nach Israels Schlag: Erdogans Medienlager schaltet auf Kriegsrhetorik

Kurzfristig benötigt
Bitte helfen Sie jetzt - jeder Beitrag zählt
haOlam-news.de wird privat getragen und verursacht eigene laufende Kosten. Die bisherigen Beiträge reichen nicht, um die nächsten laufenden Verpflichtungen zu decken. Wenn haOlam-news.de so weiterarbeiten soll, brauchen wir jetzt kurzfristig . Bitte geben Sie, was Sie können. Schon 10 Euro helfen sofort; wer mehr geben kann, hilft besonders. Fragen? redaktion@haolam.de
Ohne weitere Hilfe müssen wir den Umfang reduzieren.

Nach Israels Schlag: Erdogans Medienlager schaltet auf Kriegsrhetorik


Israel verhindert eine geplante türkische Truppenstationierung auf einem syrischen Luftwaffenstützpunkt. In Ankara folgt darauf nicht nur diplomatischer Protest, sondern eine Medienkampagne mit „Zionisten“, Kriegsdrohungen und der Erzählung vom verängstigten Israel.

Nach Israels Schlag: Erdogans Medienlager schaltet auf Kriegsrhetorik
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Kaum hatte IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen bestätigt, für die acht Angriffe auf den syrischen Militärflugplatz Abu al-Duhur verantwortlich zu sein, verwandelten Teile der türkischen Medien den Vorgang in etwas erheblich Größeres: nicht mehr Israel gegen eine sicherheitspolitische Veränderung in Syrien, sondern Israel gegen die Türkei. Aus einem Streit über einen Militärstützpunkt wurde eine nationale Herausforderung. Aus israelischen Sicherheitsbedenken wurde angebliche Angst vor türkischen Soldaten. Und aus Ankara kam eine Sprache, die man inzwischen nur zu gut kennt.

„Das Problem der Zionisten ist die Türkei“, titelte die regierungsnahe Zeitung Takvim. Türkiye sprach von einer „schweren Provokation Israels“. In türkischen Fernsehstudios wurde darüber spekuliert, Israel habe zugeschlagen, weil es sich vor türkischen Soldaten fürchte. Der Sicherheitsexperte Mete Yarar ging vor laufender Kamera noch weiter und richtete eine offene Herausforderung an JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen: Wenn Israel den Mut habe, solle es kämpfen. Der israelische Sender N12 hat diese Reaktionen am Mittwoch zusammengetragen.

Das ist mehr als die gewöhnliche Empörung nach einem israelischen Militärschlag. Es passt zu einer politischen Sprache, die in der Türkei seit Monaten immer aggressiver wird und längst nicht nur aus Zeitungsredaktionen kommt.

Der Ausgangspunkt dieses neuen Konflikts ist Abu al-Duhur, ein Militärflugplatz in der Provinz Idlib. Am Dienstag trafen acht israelische Angriffe Startbahn und weitere Anlagen. Tote wurden nicht gemeldet. Zunächst schwieg Jerusalem, später übernahm das Büro von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ausdrücklich die Verantwortung. Nach israelischer Darstellung stand Syrien unmittelbar davor, einen vereinbarten sicherheitspolitischen Status quo zu verletzen und türkischen Truppen die Stationierung auf dem Flugplatz zu erlauben. Israel habe Damaskus wiederholt gewarnt, weil eine solche türkische Präsenz die eigene Sicherheit bedrohen würde. Die Warnungen seien ignoriert worden.

Inzwischen gibt es einen weiteren wichtigen Hinweis darauf, dass Israels Sorge nicht aus der Luft gegriffen war. Syrische Regierungsvertreter bestätigten gegenüber Associated Press, dass bereits am Montag, also nur Stunden vor dem Angriff, eine türkische Delegation Abu al-Duhur besucht hatte. Sie habe sich dort über die laufenden Arbeiten zur Wiederherstellung des Flugplatzes informiert. Es war die erste bestätigte türkische Militärpräsenz an diesem Standort.

Damit bekommt der israelische Angriff eine klare strategische Bedeutung. Abu al-Duhur war kein zufällig ausgewähltes Stück Beton in Nordwestsyrien. Ankara half beim Wiederaufbau einer militärischen Anlage, eine türkische Delegation inspizierte sie, und Jerusalem sah offenbar eine Grenze erreicht. Israel machte deutlich: Eine dauerhafte türkische Militärpräsenz auf einem syrischen Luftwaffenstützpunkt wird nicht einfach als neue Normalität akzeptiert.

Ankara bestreitet die israelische Darstellung. Die türkische Präsidialverwaltung bezeichnete die Begründung aus Jerusalem als unhaltbar und warf Netanjahu vor, mit seinen Aussagen einen rechtswidrigen Angriff legitimieren zu wollen. Die Türkei kündigte zugleich an, ihre Zusammenarbeit mit der neuen syrischen Führung fortzusetzen. Reuters beschreibt eine zunehmend scharfe Auseinandersetzung zwischen zwei Staaten, deren Streit über Syrien längst nicht mehr nur diplomatisch geführt wird.

Das ist die offizielle Ebene.

Interessanter ist fast, was anschließend im türkischen Medienraum daraus gemacht wurde.

Die Sprache kommt nicht aus dem Nichts

Wer nur die Schlagzeilen dieses Mittwochs betrachtet, könnte den Eindruck gewinnen, türkische Kommentatoren hätten sich spontan in Rage geredet. Doch diese Sprache hat eine Vorgeschichte.

haOlam berichtete bereits Anfang Juli über Äußerungen des türkischen Außenministers Hakan Fidan, die weit über gewöhnliche Kritik an einer israelischen Regierung hinausgingen. Fidan bezeichnete Israel damals als Problem für die gesamte Welt und sprach von „diesen Menschen“ als einer Last, welche die Menschheit nicht länger tragen könne. Israels Außenminister Gideon Sa'ar wertete die Äußerungen als gefährliche HetzeVolksverhetzung: Wenn Hass strafbar wirdVolksverhetzung ist eine Straftat nach § 130 StGB. Gemeint sind unter anderem Hassaufrufe, Gewaltforderungen oder menschenwürdeverletzende Hetze gegen nationale, religiöse, ethnische oder andere geschützte Gruppen.Mehr lesen.

Das war kein Ausrutscher eines Fernsehmoderators. Es war der Außenminister der Türkei.

Wenige Wochen später empfing Fidan den neuen HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Führer Khalil al-Hayya und würdigte die Terrororganisation erneut als politischen Akteur. Die türkische Regierung hält bis heute an ihrer Weigerung fest, die Hamas so zu behandeln, wie sie von Israel, der Europäischen Union, den Vereinigten Staaten und weiteren Staaten eingestuft wird: als Terrororganisation. Für Ankara bleibt sie Teil eines angeblichen palästinensischen Widerstands.

Parallel dazu baut die Türkei ihren militärischen Einfluss in Syrien aus. Ankara bildet syrische Kräfte aus, unterstützt den Wiederaufbau staatlicher und militärischer Strukturen und ist zu einem der wichtigsten ausländischen Partner der Regierung von Ahmed al-Sharaa geworden. Genau vor dieser Entwicklung hatte haOlam erst am 11. August gewarnt. Der frühere israelische Sicherheitsberater Meir Ben Shabbat sieht im wachsenden türkischen Einfluss eine strategische Herausforderung und ein mögliches Risiko direkter israelisch-türkischer Zusammenstöße.

Acht Tage später bombardiert Israel einen syrischen Flugplatz, unmittelbar nachdem dort eine türkische Delegation war.

Man muss diese Entwicklung nicht dramatisieren. Sie ist bereits dramatisch genug.

Deshalb ist auch die aggressive türkische Medienreaktion nicht bloß Folklore eines besonders nationalistischen Pressemarktes. Sie fällt auf einen Boden, den die politische Führung seit Langem bereitet. Wenn der Außenminister Israel zur Belastung für die Menschheit erklärt, wenn Präsident Recep Tayyip Erdogan die Hamas politisch verteidigt und wenn der türkische Einfluss in Syrien gleichzeitig militärisch wächst, dann überrascht es kaum, wenn regierungsnahe Medien einen israelischen Schlag gegen diese Expansion als Angriff der „Zionisten“ auf die Türkei erzählen.

Das Wort ist dabei nicht nebensächlich. Wer statt von Israel plötzlich von „den Zionisten“ spricht, verschiebt die Auseinandersetzung bewusst. Es geht nicht mehr um eine konkrete Regierung oder eine einzelne Militärentscheidung. „Der ZionistZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen“ wird zum Feindbild, dem Absichten, Ängste und Verschwörungen zugeschrieben werden können. Genau diese Sprache begleitet die antiisraelische Mobilisierung in der Türkei seit Jahren.

N12 dokumentiert nun, wie offen daraus eine Kriegsrhetorik wird. Türkische Kommentatoren behaupten, Israel habe Angst vor der Ankunft türkischer Soldaten. Gleichzeitig wird auf ein kurz zuvor ausgestrahltes Interview Erdogans bei Al Jazeera verwiesen, in dem der Präsident erklärte, die Türkei spreche zwar über Frieden, werde bei einem Angriff aber nicht vor einem Krieg zurückweichen.

Israel hat die Türkei allerdings nicht angegriffen.

Israel hat einen syrischen Militärflugplatz angegriffen, auf dem nach eigener Darstellung eine türkische Stationierung vorbereitet wurde. Dieser Unterschied ist entscheidend. Wer daraus die Erzählung konstruiert, Israel habe die Türkei herausgefordert und müsse nun beweisen, ob es den Mut zum Krieg habe, verschiebt bewusst die Realität.

Genau so funktioniert politische PropagandaDesinformation: Gezielte Täuschung der ÖffentlichkeitDesinformation bezeichnet bewusst verbreitete falsche oder irreführende Informationen. Ziel ist häufig, Menschen zu täuschen, Vertrauen zu zerstören, Konflikte zu verschärfen oder politische Entscheidungen zu beeinflussen.Mehr lesen: Ein komplizierter Vorgang wird auf eine emotionale Botschaft reduziert. Die Türkei wird zum bedrohten Helden, Israel zum feigen Aggressor, der angeblich vor türkischer Stärke zittert. Die Frage, warum Ankara überhaupt Streitkräfte auf einem syrischen Luftwaffenstützpunkt stationieren wollte und was eine solche Präsenz für Israels Bewegungsfreiheit und Sicherheit bedeutet hätte, verschwindet hinter nationalem Pathos.

Syrien wird zum gefährlichen Berührungspunkt

Für Israel ist die Entwicklung nicht abstrakt. Über Jahrzehnte bestand die zentrale Bedrohung in Syrien aus Iran, HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen und dem Assad-Regime. Der Sturz Assads hat diese Ordnung zerstört, aber keine ungefährliche Landschaft hinterlassen. Das entstandene Machtvakuum wird neu gefüllt, und die Türkei gehört zu den Staaten, die dabei besonders entschlossen vorgehen.

Israel muss deshalb eine unangenehme Frage beantworten: Wie viel türkische Militärmacht kann unmittelbar nördlich der eigenen Grenze akzeptiert werden?

Die Antwort aus Jerusalem wird zunehmend deutlich.

Netanjahu hat bereits gegenüber den USA vor einer strategischen Aufrüstung Erdogans gewarnt. Israel lehnt eine Lieferung amerikanischer F-35 an Ankara ab und sieht eine wachsende türkische Militärpräsenz in Syrien mit Sorge. Washington hält die Türkei derzeit weiterhin vom F-35-Programm fern, weil Ankara das russische S-400-Flugabwehrsystem besitzt. Für Jerusalem reicht die Sorge aber längst darüber hinaus. Eine Türkei, die Israel politisch immer schärfer angreift, die Hamas hofiert und gleichzeitig ihre Streitkräfte in Syrien näher an israelische Operationsräume bringt, kann nicht so behandelt werden, als hätte sich strategisch nichts verändert.

Washington versucht inzwischen, zwischen Israel, Syrien und der Türkei einen Mechanismus zur Vermeidung unbeabsichtigter Zusammenstöße aufzubauen. Der amerikanische Syrien-Gesandte Tom Barrack kritisierte den israelischen Angriff als unnötige Zuspitzung. Gerade die Notwendigkeit eines solchen Mechanismus zeigt jedoch, wie ernst die Situation geworden ist. Drei Akteure mit eigenen Streitkräften, eigenen Interessen und vollkommen unterschiedlichen Vorstellungen über Syriens Zukunft bewegen sich im selben Raum.

Ein direkter Krieg zwischen Israel und der Türkei ist deshalb weder zwangsläufig noch im Interesse beider Länder. Gerade deshalb ist die Sprache aus Erdogans Medienlager so verantwortungslos.

Wer auf einen begrenzten militärischen Schlag mit Schlagzeilen über „Zionisten“ und öffentlichen Herausforderungen zum Krieg antwortet, beruhigt keinen Konflikt. Er emotionalisiert ihn.

Und er bereitet die eigene Öffentlichkeit darauf vor, Israel nicht mehr als politischen Gegner, sondern als Feind zu betrachten.

Das ist vielleicht die gefährlichste Entwicklung der vergangenen Monate. Ankara baut in Syrien reale militärische Macht auf, während gleichzeitig die politische und mediale Sprache gegenüber Israel immer aggressiver wird. Das eine kann vom anderen nicht getrennt werden.

haOlam hat in den vergangenen Wochen wiederholt über genau diese Entwicklung berichtet: über Fidans Hassrede, Erdogans Nähe zur Hamas, die türkische Aufrüstung, die Expansion in Syrien und Israels Warnung vor einer direkten Konfrontation. Abu al-Duhur ist nun der erste Vorgang, bei dem all diese Linien an einem einzigen Ort zusammenlaufen.

Israel hat eine rote Linie gezogen und einen Flugplatz getroffen, bevor türkische Streitkräfte dort nach israelischer Darstellung dauerhaft Fuß fassen konnten.

Ankara könnte darauf mit Diplomatie reagieren und erklären, welche militärischen Absichten es in Syrien tatsächlich verfolgt.

Stattdessen ertönt aus dem regierungsnahen Medienlager die alte Melodie: Zionisten, Provokation, Angst vor der Türkei, Krieg.

Das mag im türkischen Fernsehen Quote bringen und nationalistische Gefühle bedienen.

Sicherer macht es die Region nicht.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Donnerstag, 20. August 2026

haOlam-News unterstützen

haOlam-News ist auf die Unterstützung seiner Leserinnen und Leser angewiesen. Jeder Beitrag hilft, unabhängige Berichterstattung weiterzuführen.

Sie benötigen nicht zwingend ein PayPal-Konto. Im nächsten Schritt kann je nach PayPal-Anzeige auch eine Zahlung per Karte angeboten werden.

Sie möchten unsere Arbeit unterstützen, nutzen aber kein PayPal? Schreiben Sie uns kurz, wir melden uns mit den passenden Möglichkeiten.

Weitere interessante Artikel

Newsletter