Erdogan greift Israel an und spielt wieder Sultan des östlichen Mittelmeers
Der türkische Präsident verschärft seine Angriffe auf Israel, Griechenland und Zypern. Hinter der Rhetorik steht ein alter Machttraum: Ankara will wieder bestimmen, wer in der Region Gewicht hat.

Bildnachweis: Orhan Erkılıç VOA
Recep Tayyip Erdogan will nicht das Osmanische Reich in alter Form zurückholen. Er wird nicht morgen historische Karten auf den Tisch legen und Wien, Damaskus oder JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen zu türkischen Verwaltungsbezirken erklären. Doch seine Politik lebt von einer anderen, gefährlicheren Vorstellung: Die Türkei soll wieder dort den Ton angeben, wo das Osmanische Reich einst Macht, Einfluss oder symbolische Bedeutung hatte. Syrien, Zypern, GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen, Jerusalem, der Libanon und das östliche Mittelmeer werden dabei zu Bausteinen einer Machtpolitik, die mit Geschichte spielt, aber sehr gegenwärtige Ziele verfolgt.
Die jüngsten Angriffe Erdogans auf IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen passen genau in dieses Muster. Der türkische Präsident warf Israel vor, seine Operationen in Syrien und im Libanon bedrohten nicht nur diese beiden Länder, sondern auch die Türkei. Damit verschiebt Ankara den Rahmen. Aus israelischer Selbstverteidigung gegen iranische Verbündete, HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Strukturen und Bedrohungen an den eigenen Grenzen macht Erdogan eine angebliche Gefahr für die Türkei. Das ist keine spontane Empörung. Es ist der Versuch, sich in Konfliktfelder hineinzuschieben, in denen Ankara bislang nicht automatisch als bestimmende Macht galt.
Besonders auffällig ist Erdogans neuer Blick auf den Libanon. Die Türkei war dort in den vergangenen Jahren kein zentraler Akteur. Nun aber stellt Erdogan den Libanon in eine Linie mit Syrien und türkischen Sicherheitsinteressen. Das ist politisch kein Zufall. In Syrien hat Ankara nach den Umbrüchen der letzten Monate erheblich an Einfluss gewonnen. Erdogan sieht, dass alte Machtstrukturen zerfallen, Iran unter Druck steht, Russland gebunden ist und arabische Staaten vorsichtig agieren. In solchen Lücken sucht die Türkei ihren Platz. Der Libanon wird nun offenbar rhetorisch in diesen erweiterten türkischen Einflussraum hineingezogen.
Dabei wirkt Erdogans Auftreten zunehmend wie eine politische Kostümprobe mit osmanischem Hintergrundbild. Mal gibt er den Schutzpatron Gazas, mal den Anwalt der türkischen Zyprer, mal den Mahner im Libanon, mal den großen Gegenspieler Israels. Nur: Zwischen imperialer Pose und realer Ordnungsmacht liegt ein weiter Weg. Erdogan kann Reden halten, drohen, historische Erinnerungen beschwören und sich als Erbe einer untergegangenen Weltmacht inszenieren. Aber er regiert kein Osmanisches Reich, sondern eine Türkei mit wirtschaftlichen Problemen, innenpolitischer Härte und einer Außenpolitik, die oft mehr Theaterdonner als tragfähige Strategie ist.
Gerade deshalb ist seine Rhetorik nicht harmlos. Erdogan tritt auf, als müsse das östliche Mittelmeer erst in Ankara um Erlaubnis bitten, bevor sich irgendwo ein Schiff bewegt, eine Pipeline geplant oder ein Bündnis geschlossen wird. Das wäre fast komisch, wenn es nicht so gefährlich wäre. Denn hinter dem neo-osmanischen Kostüm steckt keine Folklore, sondern Machtpolitik: Druck auf Griechenland, Drohungen gegen Zypern, Angriffe auf Israel und der Versuch, sich auch im Libanon als unverzichtbarer Akteur aufzudrängen.
Parallel dazu attackiert Erdogan Griechenland und Zypern. Er warnt Athen vor angeblichen Abenteuern, stellt Griechenland als kleinen Akteur dar, der sich an Israel anhänge, und droht mit einer harten Antwort, falls türkische Interessen im östlichen Mittelmeer verletzt würden. Auch das gehört zum Gesamtbild. Die Türkei betrachtet das östliche Mittelmeer nicht nur als geografischen Raum, sondern als Machtfeld. Es geht um Energie, Seegrenzen, Zypern, Luftwege, Militärpräsenz und politische Vorherrschaft.
Für Israel ist diese Entwicklung besonders wichtig, weil Jerusalem in den vergangenen Jahren seine Beziehungen zu Griechenland und Zypern ausgebaut hat. Diese Zusammenarbeit ist für Ankara ein Ärgernis. Sie zeigt, dass im östlichen Mittelmeer eine Ordnung entstehen kann, die nicht von der Türkei dominiert wird. Israel, Griechenland und Zypern verbindet das Interesse an Sicherheit, Energiekooperation und strategischer Abstimmung. Genau deshalb greift Erdogan dieses Dreieck politisch an und versucht, Griechenland und Zypern als angebliche Helfer Israels darzustellen.
Erdogans Sprache gegen Israel ist dabei längst mehr als Kritik an einzelnen Entscheidungen. Sie bewegt sich zunehmend in Richtung Delegitimierung. Israel wird nicht als Staat beschrieben, der sich gegen Terrororganisationen, iranische Verbündete und Angriffe an mehreren Fronten verteidigt, sondern als angebliche Gefahr für die Region und sogar für die Menschheit. Diese Zuspitzung dient innenpolitisch der Mobilisierung, außenpolitisch der Profilierung und ideologisch der Rolle, die Erdogan sich selbst zuschreibt: Sprecher der muslimischen Welt, Gegenspieler Israels, Anwalt angeblich unterdrückter Muslime und Machtzentrum einer neuen regionalen Ordnung.
Hinzu kommt der Blick auf Washington. Der erwartete Besuch von US-Präsident Donald Trump bei einem NATO-Gipfel in Ankara wird in der Türkei als Aufwertung Erdogans verstanden. Wenn Ankara zugleich Spannungen zwischen Trump und Netanjahu wahrnimmt, sieht Erdogan eine Gelegenheit. Er kann sich gegenüber Washington als unverzichtbarer Partner präsentieren und gleichzeitig gegenüber seiner eigenen Anhängerschaft den harten Gegner Israels geben. Das ist typisch Erdogan: außenpolitische Beweglichkeit, innenpolitische Inszenierung und aggressive Rhetorik laufen gleichzeitig.
Auch innenpolitisch kommt ihm dieser Kurs entgegen. Die türkische Opposition steht unter Druck, Erdogan hat seine Macht im Inneren erneut gefestigt, und außenpolitische Härte lenkt von wirtschaftlichen Problemen und demokratischen Defiziten ab. Israel, Griechenland und Zypern eignen sich dabei als Projektionsflächen. Gegen sie kann Erdogan nationale Stärke, religiöse Empörung und historische Größe zugleich beschwören. Dass die Wirklichkeit komplizierter ist, stört diese Inszenierung nicht.
Die eigentliche Gefahr liegt daher nicht darin, dass Erdogan morgen ein neues Osmanisches Reich ausruft. Die Gefahr liegt darin, dass er ehemalige osmanische Einflussräume Schritt für Schritt als natürliche Interessenzonen der Türkei behandelt. Syrien ist dafür ein Beispiel. Nordzypern ist seit Jahrzehnten ein Beispiel. Das östliche Mittelmeer ist ein weiteres. Nun versucht Erdogan, auch den Libanon stärker in diese Logik hineinzuziehen. Gaza und Jerusalem dienen als emotionale Bühnen, um diese Politik religiös und moralisch aufzuladen.
Für Israel sollte die Antwort nüchtern sein. Erdogan lebt von Übertreibung, aber seine Übertreibung folgt einer Strategie. Jerusalem darf sich nicht von jeder Rede treiben lassen, sollte aber genau registrieren, wo Ankara politische Ansprüche ausweitet. Besonders wichtig bleibt die enge Zusammenarbeit mit Griechenland und Zypern. Sie ist keine Nebensache, sondern ein strategischer Gegenpol zu türkischem Druck im östlichen Mittelmeer.
Erdogan will keine osmanischen Heere vor Wien. Aber er will eine Türkei, die sich wie die Erbin einer früheren Großmacht aufführt: als Schutzmacht, Drohmacht und Ordnungsmacht von Syrien bis Zypern, von Gaza bis in den Libanon. Genau darin liegt die politische Bedeutung seiner jüngsten Angriffe. Hinter der lauten Pose steht ein echter Machtanspruch. Und je mehr Erdogan sich als Sultan ohne Reich inszeniert, desto wichtiger wird es, seine Ansprüche klar zu begrenzen.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Donnerstag, 11. Juni 2026