Wie die Hisbollah sich als Schutzmacht der Palästinenser verkauft
Viele halten die Hisbollah für eine Kraft der Palästinenser. Tatsächlich entstand sie im Libanon, ist schiitisch geprägt, eng mit Iran verbunden und verfolgt eigene Machtinteressen.

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Wenn die Hisbollah RaketenHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen aus dem Libanon abfeuert oder ihr Generalsekretär Naim Qassem über JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen, GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen oder die Palästinenser spricht, entsteht in sozialen Netzwerken schnell ein falscher Eindruck: Als sei die Hisbollah Teil derselben palästinensischen Bewegung wie HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen, FatahFatah: Von Arafats Kampfbewegung zur erstarrten Machtpartei der PalästinenserFatah ist eine säkular-nationalistische palästinensische Bewegung, die Ende der 1950er Jahre um Jassir Arafat entstand. Sie wurde zur dominierenden Kraft in der PLO und prägt bis heute die Palästinensische Autonomiebehörde.Mehr lesen oder andere Gruppen. Genau diese Verwechslung ist politisch nützlich. Sie verleiht der Hisbollah in manchen Debatten einen moralischen Glanz, den sie als das, was sie tatsächlich ist, viel schwerer bekäme: eine schiitisch-islamistische Machtorganisation aus dem Libanon, aufgebaut mit iranischer Hilfe, bewaffnet außerhalb staatlicher Kontrolle und seit Jahrzehnten ein zentraler Hebel Teherans in der Region.
Die Hisbollah ist keine palästinensische Organisation. Sie entstand nicht in Gaza, nicht in Ramallah, nicht aus der PLOPLO: Die Organisation zwischen Terrorgeschichte, Oslo und MachtverlustDie PLO ist die Palästinensische Befreiungsorganisation. Sie wurde 1964 gegründet, wurde später international als Vertreterin der Palästinenser anerkannt und spielte im Oslo-Prozess eine zentrale Rolle.Mehr lesen und nicht aus dem palästinensischen Nationalismus. Ihre Wurzeln liegen im Libanon der frühen 1980er Jahre, in einem Land, das damals vom Bürgerkrieg zerrissen war. Libanesische Christen, Sunniten, Schiiten, Drusen, palästinensische bewaffnete Gruppen, syrische Kräfte, israelische Interessen und ausländische Mächte waren Teil eines unübersichtlichen Machtkampfes. In dieser Lage gewann die Islamische Republik Iran nach ihrer Revolution von 1979 Einfluss auf schiitische Gruppen im Libanon. Die Revolutionsgarde unterstützte den Aufbau einer neuen schiitisch-islamistischen Kraft. Aus diesem Umfeld formte sich die Hisbollah.
Das ist der erste wichtige Unterschied: Die Hisbollah ist schiitisch geprägt. Ihre religiöse und ideologische Bindung führt nicht zur sunnitischen Muslimbruderschaft, sondern zur iranischen Revolutionsideologie und zur Vorstellung der Herrschaft islamischer Rechtsgelehrter. Die Hamas dagegen ist sunnitisch und palästinensisch. Sie entstand Ende der 1980er Jahre aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft und wurde im Gazastreifen zur stärksten Macht. Beide Organisationen bekämpfen IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen, beide werden von Iran unterstützt, beide nutzen ähnliche Feindbilder. Aber sie sind nicht dasselbe. Ihre Herkunft, ihre religiöse Prägung, ihre Machtbasis und ihre politische Geschichte unterscheiden sich grundlegend.
Warum aber spricht die Hisbollah dann so häufig über die Palästinenser? Weil es ihr politisch nutzt. Die palästinensische Frage besitzt in der arabischen und muslimischen Welt eine hohe symbolische Bedeutung. Wer sich als Verteidiger der Palästinenser darstellt, kann Unterstützung gewinnen, Kritik abwehren und eigene Machtpolitik als angeblich höhere Sache verpacken. Die Hisbollah nutzt genau diese Sprache. Sie redet von Widerstand, von Jerusalem, von Gaza und von Solidarität. Doch ihre Macht liegt im Libanon, ihre Waffen liegen im Libanon, ihre politische Stellung betrifft den Libanon, und ihre wichtigste strategische Bindung führt nach Teheran.
Gerade darin liegt die Verschiebung, die viele übersehen. Die Hisbollah benutzt die palästinensische Sache als Bühne, aber sie ist selbst ein libanesisch-schiitisches und iranisch geprägtes Machtprojekt. Sie tritt als Schutzmacht der Palästinenser auf, obwohl sie vor allem eigene Interessen verfolgt: den Erhalt ihrer Waffen, ihre Stellung im libanesischen Staat, ihre Rolle als militärischer Arm der iranischen Regionalpolitik und ihren Anspruch, über Krieg und Frieden im Libanon mitzuentscheiden. Für den Libanon ist das bis heute ein zentrales Problem. Die Hisbollah ist Partei, Miliz, Sozialapparat, Medienmacht und Sicherheitsstruktur zugleich. Sie sitzt im politischen System, untersteht aber nicht vollständig dem Staat. Deshalb sprechen viele Beobachter von einem Staat im Staate.
Diese Stellung unterscheidet sie auch von palästinensischen Organisationen. Die PLO entstand als Dachorganisation palästinensischer Gruppen. Die Fatah entwickelte sich aus einem palästinensisch-nationalistischen Umfeld. Hamas wurde zur islamistischen Herrschaftsmacht in Gaza. Die Hisbollah dagegen entstand aus libanesischen Verhältnissen und iranischer Förderung. Sie hat zwar Kontakte zu palästinensischen Gruppen, unterstützt deren Kampf gegen Israel und stellt sich rhetorisch an ihre Seite. Aber Kontakt, Unterstützung und gemeinsame Gegner machen sie nicht palästinensisch.
Die Verwechslung hat Folgen. Wenn die Hisbollah als Teil einer palästinensischen Bewegung dargestellt wird, verschwinden der Libanon und seine eigene Krise aus dem Bild. Dann wirkt es so, als gehe es nur um Israel und die Palästinenser. Tatsächlich geht es auch um die Frage, ob ein bewaffneter Akteur innerhalb des Libanon stärker sein darf als der Staat. Es geht um iranischen Einfluss am Mittelmeer. Es geht um schiitische Machtpolitik. Es geht um die Schwäche libanesischer Institutionen. Und es geht um eine Organisation, die den Libanon immer wieder in Konflikte hineinzieht, deren Preis die gesamte Bevölkerung zahlen kann.
Auch für die Palästinenser ist diese Vermischung problematisch. Nicht jede Organisation, die sich auf sie beruft, spricht für sie. Nicht jede bewaffnete Gruppe, die ihren Namen nutzt, handelt in ihrem Interesse. Die Hisbollah kann sich als Verteidigerin der Palästinenser inszenieren, ohne den Alltag von Palästinensern zu verbessern. Sie kann Raketenpolitik als Solidarität verkaufen, während sie damit vor allem ihre eigene Rolle als Teil der iranischen Achse stärkt. Wer das nicht unterscheidet, macht aus einer nationalen Frage ein Werkzeug fremder Machtpolitik.
Dass Iran dabei eine Schlüsselrolle spielt, ist kein Nebenaspekt. Teheran unterstützt die Hisbollah nicht aus Wohltätigkeit. Die Organisation ist für Iran ein strategischer Vorposten. Sie bietet Einfluss im Libanon, Druckmittel gegen Israel, Zugang zum Mittelmeer und eine bewaffnete Struktur außerhalb der iranischen Grenzen. Der Bezug auf die Palästinenser hilft dabei, diese Machtpolitik moralisch aufzuladen. Aus einer iranisch gestützten Miliz wird in der öffentlichen Darstellung eine angebliche Schutzmacht. Das ist rhetorisch wirksam, aber historisch und politisch ungenau.
Wer die Hisbollah verstehen will, sollte deshalb weniger auf ihre Parolen schauen und mehr auf ihre Herkunft, ihre Geldgeber, ihre Ideologie und ihre Machtstellung. Sie spricht über die Palästinenser, aber sie ist nicht palästinensisch. Sie spricht von Widerstand, aber sie ist eine bewaffnete Parallelmacht im Libanon. Sie beruft sich auf Solidarität, aber sie folgt einer regionalen Strategie, in der Iran eine entscheidende Rolle spielt.
Genau diese Unterscheidung fehlt oft. Nicht aus bösem Willen, sondern häufig aus Unwissen. Viele Menschen hören „Hisbollah“, „Hamas“, „Gaza“, „Libanon“, „Iran“ und „Palästinenser“ und werfen alles in einen Topf. Doch wer das tut, versteht am Ende weniger. Die Hisbollah ist nicht die Hamas. Sie ist keine palästinensische Bewegung. Sie ist eine libanesisch-schiitische, von Iran geprägte Organisation mit eigener Geschichte und eigener Machtagenda.
Das zu wissen verändert den Blick. Plötzlich wird klar, warum die Hisbollah so oft über die Palästinenser spricht: nicht, weil sie aus ihrer Mitte kommt, sondern weil dieser Bezug ihr hilft, Macht zu legitimieren. Genau darin liegt der Unterschied zwischen einer Parole und einer Analyse.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Mittwoch, 10. Juni 2026