Nach Hamas-Anschlag in Hebron: Israels Armee beendet umstrittenen Großeinsatz
Zwei israelische Soldaten wurden ermordet, anschließend räumte die Armee ganze Wohngebiete. Nun zieht sie sich zurück. Brisant ist der Streit zwischen Militärführung und Regierung über die Dauer der Sicherheitsmaßnahmen.

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Die israelischen Streitkräfte haben am Montag, dem 2. November 2026, den Rückzug aus einem Wohngebiet in Hebron in Judäa und SamariaJudäa und Samaria: Israels historisches Kernland im politischen StreitJudäa und Samaria bezeichnen historische Landschaften zwischen Jerusalem, dem Jordantal und den zentralen Höhenzügen des Landes Israel. In Israel ist der Begriff gebräuchlich. International wird das Gebiet oft anders bezeichnet und politisch als umstritten eingeordnet.Mehr lesen angekündigt. Dort hatten Soldaten seit dem 23. Oktober eine großangelegte Anti-Terror-Operation durchgeführt, nachdem zwei HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Terroristen bei einem bewaffneten Angriff an der Juda-Kreuzung zwei israelische Soldaten ermordet und drei weitere verletzt hatten. Während die Armee den Einsatz zunächst mit der Suche nach TerrorinfrastrukturTerrorinfrastruktur: Wie Terrorgruppen Krieg in zivile Räume verlagernTerrorinfrastruktur bezeichnet Einrichtungen, Netzwerke und Strukturen, die Terrororganisationen für Angriffe, Waffenlagerung, Kommandoführung, Ausbildung, Raketenbeschuss, Tunnelbau oder Logistik nutzen. Besonders gefährlich wird sie, wenn sie in Wohngebieten, Schulen, Moscheen oder Krankenhäusern versteckt wird.Mehr lesen und Waffen begründete, entwickelte sich daraus zunehmend ein Streit über die Verhältnismäßigkeit der umfangreichen Räumungen und Gebäudezerstörungen.
Besonders bemerkenswert ist, dass die israelische Militärführung den Rückzug offenbar schon deutlich früher empfohlen hatte. Nach Recherchen der JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen Post sprach sich Generalstabschef Eyal Zamir bereits wenige Tage nach Beginn der Operation dafür aus, den Einsatz zu beenden und die evakuierten Bewohner zurückkehren zu lassen. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu soll diese Empfehlung zunächst abgelehnt haben.
Die Entwicklung ist damit nicht nur eine Nachricht über das Ende eines Militäreinsatzes. Sie zeigt auch, dass es innerhalb der israelischen Sicherheitsführung unterschiedliche Bewertungen über die Notwendigkeit und Dauer der Maßnahmen gab.
Zwei ermordete Soldaten und eine großangelegte Fahndung
Auslöser war der schwere Terroranschlag vom 23. Oktober am Verkehrsknotenpunkt Yehuda Junction nahe Hebron. Zwei bewaffnete PalästinenserPalästinenser: Herkunft, Begriffswandel und politische IdentitätPalästinenser bezeichnet heute meist palästinensische Araber mit eigener nationaler Identität. In der Mandatszeit konnte der Begriff jedoch allgemein Bewohner des britischen Mandatsgebiets Palästina meinen, auch Juden.Mehr lesen eröffneten das Feuer auf israelische Soldaten. Der 23-jährige Ron Yonatan Roytman aus Aschkelon und der 20-jährige Yuval Shai Svilem aus Hod Hascharon wurden getötet. Drei weitere Soldaten erlitten Verletzungen. Die beiden Terroristen starben im anschließenden Feuergefecht.
Nach Erkenntnissen der israelischen Armee hatten die Angreifer ursprünglich einen größeren Anschlag auf Verkehrsteilnehmer der stark befahrenen Straße 35 geplant. Die Soldaten hätten durch ihren Einsatz verhindert, dass die Terroristen dieses Ziel erreichten.
Die Bedrohung war damit keineswegs hypothetisch. Zwei israelische Soldaten verloren ihr Leben, während weitere Menschen möglicherweise nur deshalb verschont blieben, weil die Angreifer bereits am Kontrollpunkt aufgehalten wurden.
Netanjahu reagierte unmittelbar mit der Anordnung weitreichender Sicherheitsmaßnahmen. Die Streitkräfte sollten das Herkunftsgebiet der Terroristen abriegeln, Häuser durchsuchen, Verdächtige festnehmen und terroristische Infrastruktur zerstören. Auch Verteidigungsminister IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen Katz unterstützte ein entschlossenes Vorgehen.
An dem Einsatz beteiligten sich unter anderem die israelische Armee, der Inlandsgeheimdienst Schin Bet und die Grenzpolizei. Nach offiziellen Militärangaben wurden im Verlauf der Operation zahlreiche Waffen sichergestellt, darunter M16-Gewehre, improvisierte Maschinenpistolen und vier Sprengsätze. In Judäa und Samaria wurden zudem rund 40 Verdächtige festgenommen, darunter mutmaßliche Mitglieder oder Unterstützer der Hamas und des Islamischen Dschihad.
Diese Funde unterstreichen, dass die Sicherheitskräfte nicht lediglich auf einen bereits abgeschlossenen Anschlag reagierten, sondern nach weiteren Gefahren suchten.
Gleichzeitig betonte die Armee, der Einsatz konzentriere sich auf das Gebiet, aus dem die beiden Terroristen gekommen seien. Dort vermuteten die Sicherheitsbehörden Verbindungen zu einem größeren, der Hamas nahestehenden Familienverband.
Im Verlauf der Operation mussten jedoch Tausende Menschen ihre Wohnungen verlassen oder konnten wegen der Abriegelung ihre Häuser nicht mehr erreichen. Nach ersten israelischen Angaben waren etwa 2.000 Bewohner betroffen. Die Stadtverwaltung von Hebron bezifferte die Zahl später auf bis zu 780 Familien mit insgesamt rund 5.000 Menschen. Diese höhere Zahl schließt auch Bewohner ein, die durch Straßensperren und andere Einschränkungen betroffen waren, ohne zwangsläufig selbst evakuiert worden zu sein.
Warum die Militärführung den Abzug empfahl
Der entscheidende Streit entstand, als die unmittelbaren Durchsuchungen weitgehend abgeschlossen waren.
Nach Angaben der Jerusalem Post kam die Militärführung bereits am Sonntag beziehungsweise Montag nach Beginn des Einsatzes zu dem Ergebnis, dass die untersuchten Gebiete ausreichend kontrolliert worden seien. Ein klarer militärischer Grund für eine weitere umfangreiche Präsenz habe nicht mehr bestanden.
Generalstabschef Zamir soll deshalb empfohlen haben, den betroffenen Bewohnern die Rückkehr zu ermöglichen. Netanjahu hielt nach dem Bericht zunächst an den bestehenden Maßnahmen fest.
Die Streitkräfte erklärten zwar, bei der Operation illegale Bauwerke beseitigt zu haben, die militärische Einsätze behindern könnten. Unklar blieb nach den Recherchen der Jerusalem Post jedoch, weshalb die Zerstörung ganzer Gebäude notwendig gewesen sein sollte und welche unmittelbare Verbindung die meisten betroffenen Bewohner zu den Terroristen hatten.
Auch auf Nachfragen, wie viele Angehörige des betroffenen Familienverbands konkret mit terroristischen Aktivitäten oder anderen Gewalttaten in Verbindung gebracht werden konnten, lieferten Militärvertreter dem Bericht zufolge keine präzisen Angaben.
Diese Unterscheidung ist wesentlich. Israel besitzt das Recht und die Pflicht, seine Bevölkerung vor Terroranschlägen zu schützen und bewaffnete Netzwerke aufzudecken. Die Ermordung der beiden Soldaten zeigt, wie real diese Bedrohung ist.
Aus der Herkunft zweier Terroristen aus einem Wohngebiet folgt jedoch nicht automatisch, dass sämtliche dort lebenden Familien an ihren Verbrechen beteiligt waren.
Für umfangreiche Evakuierungen und Gebäudezerstörungen müssen deshalb konkrete militärische beziehungsweise rechtliche Gründe bestehen. Ob diese im gesamten Umfang der Operation vorlagen, ist Gegenstand der Auseinandersetzung.
Oberstes Gericht wurde eingeschaltet
Der Streit erreichte inzwischen auch Israels Oberstes Gericht.
Die israelische Menschenrechtsorganisation Adalah reichte am 29. Oktober im Namen der Stadtverwaltung von Hebron und sieben betroffener Bewohner eine Petition ein. Darin wurde gefordert, weitere Räumungen und Gebäudezerstörungen zu verhindern und die sichere Rückkehr der Bewohner zu ermöglichen.
Nach Darstellung der Antragsteller wurden Familien in den Stadtteilen Ein Deir Baha und al-Jalda in der Nacht vom 23. auf den 24. Oktober aufgefordert, ihre Wohnungen kurzfristig zu verlassen. Einige hätten nur wenig Zeit gehabt, persönliche Gegenstände mitzunehmen. Teilweise seien Wohnungen von Soldaten als militärische Stellungen genutzt worden.
Die Petition richtet sich außerdem gegen Einschränkungen des Zugangs für Rettungsdienste, medizinische Versorgung und kommunale Dienstleistungen.
Auch die israelische Bürgerrechtsorganisation ACRI kritisierte die Maßnahmen. Sie verwies insbesondere auf Aussagen von Regierungsmitgliedern, die den Abriss von Gebäuden ausdrücklich als Reaktion auf den Terroranschlag und als Abschreckungsmaßnahme bezeichnet hatten.
Das wirft eine rechtlich entscheidende Frage auf: Dienten die Maßnahmen der Abwehr konkreter Gefahren oder sollten sie darüber hinaus Druck auf eine größere Bevölkerungsgruppe ausüben?
Kollektivstrafen gegen Menschen, die für eine Straftat nicht persönlich verantwortlich sind, sind nach dem humanitären Völkerrecht verboten. Militärisch notwendige Evakuierungen können dagegen unter bestimmten Voraussetzungen zulässig sein.
Die israelischen Gerichte müssen deshalb nicht beurteilen, ob der ursprüngliche Terroranschlag eine entschlossene Sicherheitsreaktion rechtfertigte. Dass dies der Fall war, steht angesichts der ermordeten Soldaten außer Frage. Entscheidend ist vielmehr, ob jede der anschließend ergriffenen Maßnahmen eine ausreichende rechtliche Grundlage besaß.
Richterin Gila Canfy Steinitz forderte den Staat bereits am Freitag zu einer Stellungnahme auf und äußerte die Erwartung, dass bis zu einer weiteren Entscheidung keine zusätzlichen Abrisse vorgenommen würden.
Ein abschließendes Gerichtsurteil über die Rechtmäßigkeit der gesamten Operation lag zum Zeitpunkt des angekündigten Rückzugs nicht vor.
Israels Sicherheitsinteressen und die Grenzen militärischer Maßnahmen
Der Fall Hebron unterscheidet sich von anderen israelischen Anti-Terror-Operationen in Judäa und Samaria. In Städten wie Dschenin und Tulkarem waren Sicherheitskräfte zuvor gegen teilweise seit Jahren bestehende bewaffnete Netzwerke vorgegangen, denen zahlreiche Anschläge zugeschrieben wurden.
Hebron war zwar bereits in früheren Jahren ein Brennpunkt terroristischer Gewalt. Der aktuelle Einsatz richtete sich aber nach den veröffentlichten Informationen hauptsächlich gegen ein bestimmtes Wohngebiet und dessen mutmaßliche Verbindungen zu den beiden Attentätern.
Dass die Armee dort Waffen und Sprengsätze fand, bestätigt die Bedeutung von Sicherheitskontrollen. Daraus ergibt sich allerdings nicht automatisch eine Rechtfertigung für die dauerhafte Räumung ganzer Straßenzüge.
Gerade der offenbar frühzeitig empfohlene Rückzug zeigt, dass die israelische Militärführung zwischen der notwendigen Terrorbekämpfung und einer möglicherweise unverhältnismäßigen Fortsetzung des Einsatzes unterschied.
Politisch fällt die Entscheidung in eine bemerkenswerte Phase. Nach den Knessetwahlen vom 27. Oktober befindet sich Israel in schwierigen Koalitionsverhandlungen. Die Jerusalem Post berichtet, innerhalb des Sicherheitsapparats habe die Erwartung bestanden, Netanjahu könne nach der Wahl eher bereit sein, Empfehlungen der Militärführung zu folgen.
Ob diese politische Überlegung tatsächlich für die jetzige Entscheidung ausschlaggebend war, ist nicht bestätigt. Die zeitliche Abfolge allein beweist keinen Zusammenhang.
Für die Bewohner des betroffenen Gebiets ist der Rückzug vor allem die Voraussetzung für eine mögliche Rückkehr in ihre Häuser. Ob sämtliche Einschränkungen aufgehoben werden und welche Gebäude nach den Abrissen weiterhin nutzbar sind, muss sich erst zeigen.
Für Israel bleibt die grundlegende Sicherheitsaufgabe bestehen: Terrorzellen müssen aufgedeckt, Waffen beschlagnahmt und weitere Anschläge verhindert werden.
Der Mord an Ron Yonatan Roytman und Yuval Shai Svilem darf dabei nicht in den Hintergrund geraten. Beide Soldaten wurden bei der Verteidigung eines Kontrollpunkts von Terroristen getötet, die nach israelischer Einschätzung einen noch schwereren Angriff vorbereitet hatten.
Der Rückzug aus Hebron bedeutet deshalb keine Entwarnung vor der Hamas und ihren Unterstützern. Er zeigt vielmehr, dass selbst bei einer notwendigen Terrorbekämpfung die Dauer und Reichweite militärischer Maßnahmen überprüft werden müssen.
Dass diese Debatte innerhalb der israelischen Armee, vor dem Obersten Gericht und in israelischen Medien geführt wird, gehört ebenfalls zur politischen Realität des Landes. Der Schutz der Bevölkerung und die rechtsstaatliche Kontrolle staatlicher Gewalt müssen dabei keine Gegensätze sein.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Montag, 2. November 2026