Israel nach der Wahl: Netanjahu fehlen 8 Mandate, doch auch die Opposition hat keine Mehrheit
Nach Auszählung von rund 91 Prozent der Stimmen bleibt Israel politisch gespalten. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erreicht mit seinem bisherigen Lager nur 53 der 120 Knessetsitze. Die Opposition verfügt zwar rechnerisch über eine Mehrheit gegen ihn, doch zwischen den Parteien bestehen erhebliche politische Gegensätze.

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Zwei Tage nach der israelischen Parlamentswahl vom 27. Oktober zeichnet sich eine schwierige Regierungsbildung ab. Nach Auszählung von rund 91 Prozent der Stimmen erreicht das Lager von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu 53 Mandate. Das oppositionelle Veränderungslager kommt auf 48 Sitze, die arabischen Parteien zusammen auf 19. Für eine parlamentarische Mehrheit werden mindestens 61 Mandate benötigt.
Der Likud bleibt mit voraussichtlich 26 Sitzen stärkste Einzelpartei. Auf Platz 2 folgt die neue Partei Yashar des früheren Generalstabschefs Gadi Eisenkot mit 21 Mandaten. Das gemeinsame Bündnis von Naftali Bennett und Yair Lapid erreicht 12 Sitze. Die Demokraten erhalten nach dem bisherigen Ergebnis 8 Mandate, IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen Beitenu von Avigdor Lieberman 7.
Die Wahl hat damit weder Netanjahu noch seinen politischen Gegnern einen eindeutigen Regierungsauftrag durch eine eigene parlamentarische Mehrheit verschafft. Während der Ministerpräsident auf den Fortbestand seines bisherigen Bündnisses setzt, versuchen Oppositionspolitiker, aus den Mehrheitsverhältnissen eine Alternative zu entwickeln.
Arabische Parteien werden zum entscheidenden Faktor
Besonders bemerkenswert ist das Ergebnis der arabischen Parteien. Zusammen kommen die Vereinigte Liste und die islamisch geprägte Ra'am-Partei auf 19 Mandate. Damit verfügen sie über eine parlamentarische Stärke, die für die Regierungsbildung entscheidend sein könnte.
Am Donnerstagmorgen verschob sich innerhalb dieses Lagers ein Mandat: Ra'am stieg nach Angaben des israelischen Senders N12 auf 8 Sitze, während die Vereinigte Liste auf 11 zurückfiel. Die Gesamtzahl von 19 Mandaten blieb unverändert.
Rechnerisch verfügen das Veränderungslager und die arabischen Parteien damit gemeinsam über 67 Sitze. Doch aus dieser Zahl lässt sich keine bestehende Regierungskoalition ableiten.
Lieberman hat eine Minderheitsregierung, die auf die Unterstützung arabischer Parteien angewiesen wäre, bislang ausdrücklich abgelehnt. Gleichzeitig erklärte die Vereinigte Liste ihre Bereitschaft, an einer politischen Zusammenarbeit mitzuwirken, die Netanjahus Regierung ablösen würde.
Auch Ra'am unter Mansour Abbas könnte bei entsprechenden Verhandlungen eine wichtige Rolle spielen. Dass eine solche Zusammenarbeit möglich ist, zeigte bereits die israelische Regierungsbildung von 2021, als Ra'am Teil der Koalition unter Naftali Bennett und Yair Lapid wurde.
Ob sich ein vergleichbares Bündnis erneut bilden lässt, hängt jedoch von politischen Entscheidungen ab, die bislang nicht getroffen wurden.
Eisenkot fordert Regierungswechsel, Netanjahu hält an seinem Lager fest
Eisenkot erklärte nach der Wahl, seine Partei konzentriere sich darauf, einen politischen Wechsel herbeizuführen und eine Regierung zu bilden, die sich unter anderem für eine veränderte Wehrpflichtregelung einsetzt.
Die Wehrpflicht ist dabei ein zentraler Streitpunkt. Insbesondere die Sonderregelungen für ultraorthodoxe Männer haben in Israel über Jahre erhebliche politische und gesellschaftliche Spannungen ausgelöst. Nach den Belastungen durch den Krieg und die langen Einsätze von Soldaten und ReservistenReservisten: Israels Bürger in UniformReservisten sind frühere Soldaten, die nach ihrem aktiven Dienst weiter für Einsätze, Übungen oder Kriegsfälle bereitstehen. In Israel heißen sie im Alltag oft Miluim und sind für die Verteidigungsfähigkeit des Landes besonders wichtig.Mehr lesen ist die Frage einer gerechteren Verteilung des Wehrdienstes noch bedeutsamer geworden.
Netanjahu wiederum will nach Angaben aus seinem politischen Umfeld die Parteien seines bisherigen Regierungslagers zusammenhalten. Der Likud kann darauf verweisen, erneut mit deutlichem Abstand zur stärksten Einzelpartei gewählt worden zu sein. Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass Netanjahu auch eine Mehrheit für eine neue Regierung besitzt.
Präsident Isaac Herzog hat die Parteien bereits aufgefordert, mit Offenheit in die bevorstehenden Gespräche zu gehen. Er appellierte an die politischen Verantwortlichen, eine weitere Parlamentswahl möglichst zu verhindern.
Endgültiges Wahlergebnis steht noch aus
Die Auszählung ist weiterhin nicht abgeschlossen. In der Nacht zum Donnerstag begann die Bearbeitung der sogenannten doppelten Umschläge. Darunter befinden sich insbesondere Stimmen von Soldaten, Reservisten und anderen Wahlberechtigten, die außerhalb ihres regulären Wahllokals abgestimmt haben.
Diese Stimmen können noch einzelne Mandate zwischen Parteien verschieben. Das bisherige Ergebnis ist deshalb eine Momentaufnahme und darf nicht als endgültige Sitzverteilung verstanden werden.
Nach Vorlage der offiziellen Wahlergebnisse wird Herzog Gespräche mit den gewählten Fraktionen führen. Anschließend muss er entscheiden, welchem Abgeordneten er die Regierungsbildung zutraut.
Für Israel ist das Ergebnis auch deshalb bedeutsam, weil die neue Regierung weitreichende Entscheidungen über die nationale Sicherheit, den Iran, den GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen, die Wehrpflicht und die wirtschaftliche Entwicklung treffen muss.
Der Ausgang der Wahl zeigt vor allem, wie unterschiedlich die politischen Vorstellungen innerhalb der israelischen Gesellschaft sind. Netanjahu verfügt weiterhin über eine starke Wählerbasis. Gleichzeitig haben Parteien, die seine Ablösung anstreben, zusammen mit den arabischen Fraktionen rechnerisch mehr als die Hälfte der Knessetsitze erreicht.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht mehr allein, wer die meisten Stimmen gewonnen hat, sondern welche Parteien bereit sind, ihre politischen Gegensätze für eine tragfähige Regierung zu überwinden.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Donnerstag, 29. Oktober 2026