Nach Terror und Krieg: Netanjahu verliert Stimmen, doch seine Hochburgen halten

Nach Terror und Krieg: Netanjahu verliert Stimmen, doch seine Hochburgen halten


Sderot, Ofakim und Kirjat Schmona gehören zu den israelischen Städten, die besonders schwer unter Terror und Krieg gelitten haben. Eine Auswertung der Wahlergebnisse zeigt nun: Netanjahus politisches Lager verliert dort an Zustimmung. Seine Likud-Partei bleibt jedoch vielerorts erstaunlich stabil.

Nach Terror und Krieg: Netanjahu verliert Stimmen, doch seine Hochburgen halten
Bildnachweis: Symbolbild / KI

In IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen lässt sich an den Wahlergebnissen jener Städte, die seit dem 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen besonders schwer von Terror und Krieg betroffen waren, eine bemerkenswerte Entwicklung beobachten. Das politische Lager von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu verliert dort gegenüber der Parlamentswahl von 2022 an Stimmenanteilen. Dennoch bleiben zahlreiche dieser Städte Hochburgen des Likud und seiner bisherigen Koalitionspartner. Die Folgen des HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Massakers, die jahrelangen Raketenangriffe und die Evakuierung ganzer Gemeinden haben die politischen Mehrheitsverhältnisse offenbar weniger grundlegend verändert, als angesichts der außergewöhnlichen Belastungen denkbar gewesen wäre.

Das zeigt eine am Mittwoch veröffentlichte Auswertung des israelischen Nachrichtensenders N12. Untersucht wurden die südlichen Städte Aschkelon, Sderot und Ofakim sowie Kirjat Schmona und Safed im Norden. Alle fünf Orte waren in unterschiedlichem Ausmaß von den Kämpfen betroffen. Während Sderot und Ofakim am 7. Oktober unmittelbar von den Terrorangriffen aus dem GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen getroffen wurden, litten Kirjat Schmona und andere nördliche Gemeinden unter den Angriffen der Terrororganisation HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen aus dem Libanon und den anschließenden großflächigen Evakuierungen.

Die Analyse basiert auf einem Auszählungsstand von rund 86 Prozent der Stimmen. Die Ergebnisse sind noch nicht endgültig. Dennoch zeigen sie bereits deutliche Unterschiede zwischen der Entwicklung des gesamten Netanjahu-Lagers und der Zustimmung zu einzelnen Parteien innerhalb seiner bisherigen Koalition.

Besonders ausgeprägt ist der Rückgang in Ofakim. Dort erreichte Netanjahus politisches Lager nach den vorläufigen Zahlen noch 78,6 Prozent, nachdem es bei der Wahl 2022 auf 86,1 Prozent gekommen war. Das entspricht einem Verlust von 7,5 Prozentpunkten. Trotz dieses Rückgangs bleibt das Lager mit großem Abstand die dominierende politische Kraft der Stadt.

In Sderot sank sein Stimmenanteil von 79,2 auf 76,2 Prozent, in Aschkelon von 65,9 auf 61,2 Prozent. Beide Städte zählen damit weiterhin zu den Orten, in denen Netanjahus bisherige Koalition besonders stark unterstützt wird.

In Ofakim gewinnt der Likud, während Schas deutlich verliert

Gerade Ofakim zeigt, weshalb die Entwicklung differenziert betrachtet werden muss. Die Stadt wurde beim Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 besonders schwer getroffen. Terroristen drangen in Wohngebiete ein, ermordeten Einwohner und lieferten sich über Stunden Gefechte mit israelischen Sicherheitskräften. Nach Angaben der Times of Israel wurden bei dem Angriff 25 Menschen in Ofakim getötet.

Die Erfahrungen dieses Tages sind bis heute Teil des gesellschaftlichen und politischen Lebens der Stadt. Dennoch hat sich die Unterstützung für Netanjahus Likud dort nicht verringert. Im Gegenteil: Nach der N12-Auswertung stieg der Stimmenanteil der Partei von 32,1 Prozent im Jahr 2022 auf aktuell 33,1 Prozent.

Der deutliche Rückgang des gesamten Regierungslagers ist vielmehr insbesondere auf die ultraorthodoxe Partei Schas zurückzuführen. Sie fiel in Ofakim von 23,1 auf 14,7 Prozent. Das entspricht einem Verlust von 8,4 Prozentpunkten.

Damit zeigt sich ein wichtiger Unterschied: Ein Verlust des Netanjahu-Lagers bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Wähler Netanjahu persönlich oder seine Likud-Partei verlassen. Innerhalb des bisherigen Regierungslagers können sich politische Präferenzen ebenfalls verändern. Ob frühere Schas-Wähler tatsächlich zum Likud, zu anderen Parteien oder überhaupt nicht mehr zur Wahl gegangen sind, lässt sich allein aus diesen Ergebnissen allerdings nicht feststellen.

Ein ähnliches Bild ergibt sich in Sderot. Die unmittelbar an den Gazastreifen angrenzende Stadt gehört zu den Orten, die über viele Jahre regelmäßig von palästinensischem Raketenbeschuss betroffen waren. Am 7. Oktober 2023 drangen Hamas-Terroristen in die Stadt ein und ermordeten zahlreiche Menschen. Insgesamt wurden nach Angaben der Times of Israel 53 Menschen in Sderot getötet.

Trotz dieser Erfahrungen bleibt der Likud dort stärkste politische Kraft. Sein Stimmenanteil liegt nach den aktuellen Teilergebnissen bei knapp 39 Prozent. Die Partei Schas dagegen verlor deutlich und fiel von 12,1 auf 7,2 Prozent.

Auch in Aschkelon, das während der Kriege wiederholt Ziel von Raketenangriffen aus dem Gazastreifen war, zeigt sich eine bemerkenswerte Beständigkeit. Der Likud erreichte dort erneut ungefähr 39 Prozent und blieb damit gegenüber 2022 nahezu unverändert. Das gesamte bisherige Regierungslager verzeichnete dagegen einen Rückgang um 4,7 Prozentpunkte.

Die Zahlen widersprechen damit einer einfachen politischen Erklärung, wonach die besonders stark vom Krieg betroffenen Städte geschlossen gegen Netanjahu gestimmt hätten. Ebenso wenig lässt sich daraus ableiten, dass die Sicherheitsversäumnisse vor dem 7. Oktober für die dortige Bevölkerung bedeutungslos wären.

Ein Wahlergebnis zeigt, welche Partei ein Bürger unterstützt. Es erklärt jedoch nicht automatisch, aus welchen Gründen er sich dafür entschieden hat. Sicherheitspolitik, religiöse Bindungen, wirtschaftliche Interessen, persönliche Parteitreue und die Bewertung politischer Alternativen können gleichzeitig eine Rolle spielen.

Auch im Norden bleiben die bisherigen Mehrheiten bestehen

Ein vergleichbares Muster zeigt sich im Norden Israels. Dort waren die Menschen nach dem 7. Oktober 2023 über lange Zeit den Angriffen der Terrororganisation Hisbollah ausgesetzt. Raketen, Drohnen und Panzerabwehrwaffen bedrohten zahlreiche grenznahe Gemeinden. Viele Einwohner mussten ihre Häuser verlassen und konnten teilweise erst nach langen Monaten zurückkehren.

Besonders schwer traf dies Kirjat Schmona. Die Stadt nahe der libanesischen Grenze erlitt erhebliche Schäden, zahlreiche Gebäude wurden bei Angriffen getroffen. Die Evakuierung und die schwierige Rückkehr der Bewohner führten wiederholt zu Kritik an der Regierung und dem staatlichen Krisenmanagement.

Dennoch bleibt Netanjahus Lager dort deutlich führend. Nach der N12-Auswertung erreicht es derzeit 68,7 Prozent der Stimmen, gegenüber 74,8 Prozent im Jahr 2022. Der Rückgang beträgt 6,1 Prozentpunkte.

Der Likud selbst verliert wesentlich weniger. Sein Stimmenanteil sinkt um rund 1,5 Prozentpunkte auf 48 Prozent. Damit erhält die Partei weiterhin fast jede zweite gültige Stimme in der Stadt.

Erheblich stärker betroffen ist erneut Schas. Ihr Anteil fällt um 4,1 Prozentpunkte auf 5,9 Prozent.

Bereits am Wahltag hatte sich gezeigt, dass die Erfahrungen des Krieges in Kirjat Schmona keineswegs zu einer einheitlichen politischen Bewertung führten. Bewohner, die unter Evakuierung und Zerstörung gelitten hatten, äußerten sowohl Unterstützung für Netanjahu als auch scharfe Kritik an seiner Regierung. Hinzu kamen Schwierigkeiten, die sich aus der langwierigen Vertreibung zahlreicher Einwohner ergaben.

In Safed fällt die Veränderung geringer aus. Dort sinkt der gemeinsame Stimmenanteil von Netanjahus Lager von 86,3 auf 83,5 Prozent. Die Stadt bleibt damit eine seiner stärksten Hochburgen.

Der Likud legt nach den vorläufigen Zahlen sogar um einen Prozentpunkt auf 28,8 Prozent zu. Schas verliert dagegen 5,3 Prozentpunkte und erreicht noch 16,1 Prozent.

Betrachtet man die fünf untersuchten Städte gemeinsam, ergibt sich ein auffälliges Muster. Überall verliert das bisherige Regierungslager an Stimmenanteilen. In keiner dieser Städte reicht der Rückgang jedoch aus, um seine bisherige politische Dominanz zu brechen.

Noch deutlicher wird der Unterschied zwischen den einzelnen Koalitionsparteien. Der Likud behauptet in mehreren Städten seine Stellung oder gewinnt sogar leicht hinzu, während Schas überall dort, wo N12 entsprechende Einzelwerte veröffentlicht hat, deutlich verliert.

Warum die Ergebnisse politisch wichtig sind

Die Wahlergebnisse dieser Städte besitzen eine besondere Bedeutung, weil ihre Bewohner die Folgen des Krieges unmittelbar erlebt haben. In Sderot und Ofakim wurde die Sicherheit israelischer Familien am 7. Oktober auf brutalste Weise erschüttert. In Kirjat Schmona mussten große Teile der Bevölkerung wegen der Angriffe aus dem Libanon über lange Zeit ihre Heimat verlassen.

Diese Erfahrungen waren auch Gegenstand des Wahlkampfes. Netanjahus politische Gegner machten die Regierung für Sicherheitsversäumnisse und den Umgang mit den betroffenen Gemeinden verantwortlich. Der Ministerpräsident wiederum verwies auf die militärischen Operationen gegen Hamas, Hisbollah und Iran sowie auf die aus seiner Sicht erreichten sicherheitspolitischen Veränderungen.

Die nun veröffentlichten Zahlen zeigen, dass die Bewohner dieser Städte keineswegs geschlossen eine politische Konsequenz aus den vergangenen drei Jahren gezogen haben. Vielmehr bleiben die bisherigen parteipolitischen Bindungen in erheblichem Umfang bestehen.

Dabei sollte die Entwicklung von Schas besondere Aufmerksamkeit erhalten. Die Partei gehört seit Jahren zu den wichtigen Partnern Netanjahus. Ihr Rückgang in mehreren traditionellen Hochburgen fällt teilweise deutlich stärker aus als die Verluste des Likud.

Ob dabei Unzufriedenheit mit der ultraorthodoxen Politik, die Auseinandersetzung um die Wehrpflicht oder örtliche Faktoren ausschlaggebend waren, lässt sich aus den Wahlergebnissen allein nicht bestimmen. Dafür wären zusätzliche Untersuchungen über die tatsächlichen Wahlmotive erforderlich.

Für die Regierungsbildung haben die örtlichen Ergebnisse dennoch eine erkennbare Bedeutung. Netanjahus bisheriges Bündnis erreicht nach dem am Mittwochnachmittag veröffentlichten landesweiten Zwischenstand lediglich 53 der 120 Knessetmandate. Ihm fehlen damit acht Sitze zur parlamentarischen Mehrheit.

Die Verluste seines Lagers in bisher besonders starken Städten tragen zu diesem Ergebnis bei. Gleichzeitig macht die weiterhin hohe Unterstützung für den Likud deutlich, dass Netanjahu in Teilen der israelischen Bevölkerung auch nach Jahren schwerer militärischer Auseinandersetzungen über eine stabile Wählerbasis verfügt.

Das zeigt sich besonders in jenen Städten, deren Bewohner selbst Opfer von Terrorangriffen wurden oder über lange Zeit unter dem Krieg gelitten haben. Die Sicherheitslage hat dort das tägliche Leben verändert. Die bisherigen politischen Mehrheiten hat sie nach den vorläufigen Ergebnissen jedoch nicht grundsätzlich aufgelöst.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Mittwoch, 28. Oktober 2026

haOlam-News unterstützen

haOlam-News ist auf die Unterstützung seiner Leserinnen und Leser angewiesen. Jeder Beitrag hilft, unabhängige Berichterstattung weiterzuführen.

Sie benötigen nicht zwingend ein PayPal-Konto. Im nächsten Schritt kann je nach PayPal-Anzeige auch eine Zahlung per Karte angeboten werden.

Sie möchten unsere Arbeit unterstützen, nutzen aber kein PayPal? Schreiben Sie uns kurz, wir melden uns mit den passenden Möglichkeiten.

Weitere interessante Artikel

Newsletter