Netanjahu fehlen jetzt 8 Sitze, Israels Wahlkrimi geht in die nächste Runde
Alle regulären Stimmen sind ausgezählt, doch eine Regierungsmehrheit ist weiterhin nicht in Sicht. Netanjahus Lager fällt auf 53 Mandate zurück, während die arabischen Parteien auf 19 Sitze zulegen. Nun warnt Staatspräsident Isaac Herzog vor weiteren Neuwahlen.

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Die Parlamentswahl in IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen hat nach Abschluss der regulären Stimmenauszählung ein politisch schwieriges Ergebnis hervorgebracht. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kann sich zwar weiterhin auf die stärkste Einzelpartei stützen, doch seinem bisherigen Regierungslager fehlen inzwischen acht Mandate zur notwendigen Mehrheit. Gleichzeitig gewinnen die arabischen Parteien erheblich an parlamentarischem Gewicht und könnten bei der Bildung einer neuen Regierung eine entscheidende Rolle spielen.
Nach den neuesten Zahlen, die der israelische Nachrichtensender N12 am Mittwoch, 28. Oktober, veröffentlicht hat, sind sämtliche regulär abgegebenen Stimmen ausgezählt. Daraus ergibt sich eine vorläufige Mandatsverteilung von 53 Sitzen für das Lager Netanjahus, 48 Sitzen für das Veränderungslager um Gadi Eisenkot und 19 Mandaten für die arabischen Parteien.
Damit hat sich die Ausgangslage gegenüber dem Mittag erneut verändert. Damals wurden Netanjahus Lager noch 54 Mandate, dem Veränderungslager 49 und den arabischen Parteien 17 Sitze zugerechnet. Beide großen politischen Lager haben nun jeweils ein Mandat verloren, während die arabischen Parteien zwei weitere Sitze gewinnen.
Allerdings ist die Auszählung noch nicht vollständig abgeschlossen. Die regulären Stimmzettel entsprechen rund 86 Prozent sämtlicher abgegebener Stimmen. Etwa 650.000 sogenannte doppelte Wahlumschläge müssen noch ausgezählt werden. Darunter befinden sich insbesondere die Stimmen von Soldaten, ReservistenReservisten: Israels Bürger in UniformReservisten sind frühere Soldaten, die nach ihrem aktiven Dienst weiter für Einsätze, Übungen oder Kriegsfälle bereitstehen. In Israel heißen sie im Alltag oft Miluim und sind für die Verteidigungsfähigkeit des Landes besonders wichtig.Mehr lesen und weiteren Wahlberechtigten, die nicht an ihrem regulären Wohnort abstimmen konnten.
Die Zentrale Wahlkommission kündigte an, mit dieser Auszählung in der Nacht zum Donnerstag zu beginnen. Nach bisherigen Planungen sollen die Ergebnisse bis Mitternacht in der darauffolgenden Nacht vorliegen. Erst danach wird sich zuverlässig beurteilen lassen, ob die aktuelle Mandatsverteilung Bestand hat.
Likud bleibt stärkste Partei, doch die bisherige Koalition verliert ihre Mehrheit
Nach dem jüngsten Auszählungsstand erreicht Netanjahus Likud-Partei 26 Mandate. Damit bleibt sie stärkste Einzelpartei vor Yashar, der Partei des früheren Generalstabschefs Gadi Eisenkot, die auf 21 Sitze kommt.
Die Gemeinsame Liste und das Bündnis B'Yachad unter Naftali Bennett erreichen jeweils 12 Mandate. Die Demokraten kommen auf 8 Sitze. Israel Beiteinu, Ra'am, Vereinigtes Tora-Judentum, Otzma Yehudit und Schas erhalten jeweils 7 Mandate. Das Bündnis aus Religiösem ZionismusZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen und Zehut erreicht 6 Sitze.
Für Netanjahu ergibt sich daraus ein erhebliches Problem. Gemeinsam mit seinen bisherigen politischen Partnern verfügt er lediglich über 53 der insgesamt 120 Mandate. Um eine Regierung mit eigener parlamentarischer Mehrheit bilden zu können, müsste er weitere acht Abgeordnete gewinnen.
Der bisherige Ministerpräsident hatte in der Wahlnacht die Bildung einer starken nationalen Rechtsregierung gefordert. Dabei verwies er insbesondere auf die sicherheitspolitischen Herausforderungen Israels und die militärischen Auseinandersetzungen der vergangenen Jahre.
Doch der Ausgang der Wahl zeigt, dass die bisherige Koalition ihre parlamentarische Mehrheit nach dem aktuellen Stand nicht behaupten konnte.
Auch das Veränderungslager um Eisenkot verfügt allerdings über keine eigene Mehrheit. Seine 48 Mandate reichen nicht aus, um ohne zusätzliche Unterstützung eine Regierung zu bilden.
Eine rechnerische Mehrheit wäre mit den arabischen Parteien möglich. Zusammen kämen die beiden Gruppen auf 67 Mandate. Das würde deutlich über der notwendigen Schwelle von 61 Sitzen liegen.
Ob eine solche Zusammenarbeit politisch zustande kommen könnte, ist jedoch weiterhin offen. Zwischen den Parteien des Veränderungslagers und den arabischen Fraktionen bestehen erhebliche Differenzen, insbesondere bei Fragen der nationalen Sicherheit, dem Umgang mit der Terrororganisation HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen und dem Charakter Israels als jüdischem und demokratischem Staat.
Vertreter der Gemeinsamen Liste haben inzwischen ihre Bereitschaft erklärt, einen Regierungswechsel zu unterstützen. Ihr Vorsitzender Yusuf Jabareen bezeichnete eine jüdisch-arabische politische Partnerschaft als entscheidenden Weg für einen Machtwechsel.
Das bedeutet allerdings noch keine Einigung über eine gemeinsame Regierungsbildung. Insbesondere Politiker wie Naftali Bennett und Avigdor Lieberman vertreten sicherheitspolitische Positionen, die von denen der Gemeinsamen Liste deutlich abweichen.
Staatspräsident Herzog warnt vor erneuten Wahlen
Angesichts der schwierigen Mehrheitsverhältnisse hat sich inzwischen auch Israels Staatspräsident Isaac Herzog zu Wort gemeldet.
Nach Angaben von N12 forderte Herzog die politischen Parteien auf, alles zu unternehmen, um weitere Neuwahlen zu verhindern. Er erwarte von den Vertretern der Parteien, die zu den anstehenden Konsultationen erscheinen werden, eine offene Haltung.
Zugleich würdigte der Staatspräsident die außergewöhnlich hohe Wahlbeteiligung. Mit 77,7 Prozent erreichte sie den höchsten Stand seit 1999.
Herzog bezeichnete die Beteiligung als bemerkenswerten Ausdruck des demokratischen Engagements der israelischen Gesellschaft. Sie zeige, welche Bedeutung die Bürger der politischen Zukunft ihres Landes beimessen.
Nach seinen Angaben wird er die offiziellen Wahlergebnisse in der kommenden Woche vom zuständigen Richter Noam Sohlberg entgegennehmen. Anschließend beginnen die Konsultationen mit den neu gewählten Fraktionen.
Der Staatspräsident muss danach entscheiden, welchem Abgeordneten er den Auftrag zur Regierungsbildung erteilt. Ausschlaggebend ist dabei nicht allein, welche Partei die meisten Stimmen erhalten hat, sondern wer die besten Aussichten besitzt, eine parlamentarisch tragfähige Regierung zusammenzustellen.
Die gegenwärtige Situation ist deshalb besonders kompliziert. Netanjahu steht weiterhin an der Spitze der stärksten Partei, besitzt aber keine Mehrheit. Eisenkot könnte theoretisch eine Mehrheit gegen den bisherigen Regierungschef organisieren, müsste dafür jedoch politische Partner zusammenführen, deren Vorstellungen in wichtigen Fragen erheblich auseinandergehen.
Bereits jetzt wird innerhalb des Veränderungslagers über erste mögliche parlamentarische Schritte beraten. Nach einem Bericht von N12 gibt es Überlegungen, den bisherigen Knessetpräsidenten Amir Ohana bei der konstituierenden Sitzung abzulösen. Als mögliche Nachfolger werden Oded Forer von Israel Beiteinu und Elazar Stern von Yashar genannt. Eine Einigung besteht bislang nicht.
Eine solche Abstimmung könnte frühzeitig zeigen, ob sich tatsächlich eine parlamentarische Mehrheit gegen die bisherige Regierungskoalition organisieren lässt.
Entscheidende Stimmen stehen weiterhin aus
Trotz der vollständigen Auszählung der regulären Stimmzettel bleibt das Ergebnis vorläufig. Die noch ausstehenden Sonderstimmen könnten die Mandatsverteilung verändern. Besonders relevant ist dies bei Parteien, deren Stimmenanteil nahe an der israelischen Sperrklausel von 3,25 Prozent liegt.
Schon geringe Veränderungen können Auswirkungen auf die Sitzverteilung haben, insbesondere wenn eine bislang ausgeschlossene Partei doch noch die Sperrklausel überwinden sollte.
Für Netanjahu und Eisenkot bedeutet das, dass sie ihre politischen Möglichkeiten noch nicht abschließend beurteilen können. Beide Lager müssen zunächst die vollständige Auszählung abwarten.
Unabhängig vom endgültigen Ergebnis zeigt sich jedoch bereits, wie stark die arabischen Parteien an parlamentarischem Gewicht gewonnen haben. Mit derzeit 19 Mandaten könnten sie bei der Frage, wer Israel künftig regiert, eine wichtige Rolle spielen.
Ob daraus eine direkte Regierungsbeteiligung, eine parlamentarische Unterstützung von außen oder letztlich keine Zusammenarbeit entsteht, wird von den politischen Verhandlungen abhängen.
Die kommenden Tage werden deshalb nicht nur über die endgültige Verteilung der 120 Knessetmandate entscheiden. Sie werden auch zeigen, welche Parteien bereit sind, ihre bisherigen politischen Positionen zugunsten einer Regierungsbildung zu verändern.
Nach dem jüngsten Auszählungsstand steht Israel jedenfalls vor einer schwierigen Regierungsbildung: Netanjahus Lager erreicht 53 Sitze, das Veränderungslager 48 und die arabischen Parteien 19 Mandate. Eine sichere Regierungsmehrheit hat bislang keines der beiden großen politischen Lager.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Mittwoch, 28. Oktober 2026