Die erfundene Kontinuität: Wie aus den antiken Philistern ein jahrtausendealtes palästinensisches Volk gemacht wird

Die erfundene Kontinuität: Wie aus den antiken Philistern ein jahrtausendealtes palästinensisches Volk gemacht wird


Ein antiker Volksname wird zum Beweis heutiger nationaler Ansprüche umgedeutet. Doch die Philister waren nicht die modernen Palästinenser, und ein geografischer Name ist kein Nachweis für 3.000 Jahre ununterbrochene nationale Identität

Die erfundene Kontinuität: Wie aus den antiken Philistern ein jahrtausendealtes palästinensisches Volk gemacht wird
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Die Philister lebten vor rund 3.000 Jahren an der südlichen Mittelmeerküste der Levante. Der Name PalästinaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen steht sprachgeschichtlich mit ihnen in Verbindung. Daraus wird in politischen Geschichtserzählungen mitunter eine weitreichende Behauptung konstruiert: Die heutigen PalästinenserPalästinenser: Herkunft, Begriffswandel und politische IdentitätPalästinenser bezeichnet heute meist palästinensische Araber mit eigener nationaler Identität. In der Mandatszeit konnte der Begriff jedoch allgemein Bewohner des britischen Mandatsgebiets Palästina meinen, auch Juden.Mehr lesen seien ein seit der Antike unverändert bestehendes Volk, das schon immer unter diesem Namen in dem Gebiet gelebt habe.

Historisch ist dieser Schluss nicht haltbar.

Auch eine derzeit verbreitete Grafik über die Herkunft des Begriffs „Palästina“ greift die antiken Philister auf. Sie bezeichnet sie zutreffend als Seefahrervolk und verweist auf die spätere Verwendung des Namens durch Griechen und Römer. Problematisch wird eine solche Darstellung dort, wo sie als Beleg für eine direkte nationale Kontinuität zwischen der Antike und der Gegenwart verwendet wird.

Denn zwischen einem antiken Volk, einer geografischen Bezeichnung und einer modernen nationalen Identität liegen grundlegende Unterschiede.

Was die Archäologie tatsächlich belegt

Die Philister siedelten sich im 12. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung an der südlichen Mittelmeerküste an. Bedeutende Städte waren Gaza, Aschkelon, Aschdod, Ekron und Gat.

Archäologische Befunde weisen auf kulturelle Verbindungen zum östlichen Mittelmeerraum, insbesondere zur Ägäis, hin. Eine 2019 veröffentlichte genetische Untersuchung unter Beteiligung des Max-Planck-Instituts bestätigte, dass mit dem Beginn der Eisenzeit Menschen mit südeuropäischer Abstammungskomponente nach Aschkelon gelangten.

Die Zuwanderer vermischten sich anschließend mit der bereits ansässigen Bevölkerung. Die zunächst nachweisbare zusätzliche genetische Komponente war wenige Jahrhunderte später nicht mehr als eigenständiges Signal feststellbar.

Die Philister waren somit keine seit unvordenklichen Zeiten unverändert ansässige Bevölkerungsgruppe. Auch ihre eigene Geschichte war von Migration, kulturellem Wandel und Vermischung geprägt.

Das ist keine politische Wertung, sondern das Ergebnis archäologischer und genetischer Forschung.

Ebenso wenig gibt es einen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass die heutigen Palästinenser als einheitliches Volk unmittelbar aus den Philistern hervorgegangen seien und ihre nationale Identität seit der Eisenzeit bewahrt hätten.

Eine mögliche biologische Abstammung einzelner Bevölkerungsgruppen von antiken Bewohnern der Region ist davon zu unterscheiden. Menschen können über viele Generationen Nachfahren früherer Bevölkerungen sein, ohne deren damalige Sprache, Kultur oder nationale Identität fortzuführen.

Ein geografischer Name ist keine nationale Geburtsurkunde

Der griechische Geschichtsschreiber Herodot verwendete im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung eine Bezeichnung, die als Palästina wiedergegeben wird. Sie bezog sich auf eine geografische Region und nicht auf einen modernen Nationalstaat.

Die Römer griffen später ebenfalls auf den Namen zurück. Unter Kaiser Hadrian wurde im 2. Jahrhundert nach Christus die Provinzbezeichnung Syria Palaestina eingeführt.

Der Name existierte also bereits vor dieser römischen Entscheidung. Die verbreitete Behauptung, die Römer hätten ihn vollständig neu erfunden, ist ebenso unzutreffend wie die Vorstellung, mit der Provinzbezeichnung sei ein moderner palästinensischer Nationalstaat begründet worden.

Über Jahrhunderte hinweg veränderten sich Herrschaftsverhältnisse, Bevölkerungen, Sprachen und politische Zugehörigkeiten.

Auf römische und byzantinische Herrschaft folgten unter anderem arabisch-islamische Dynastien, Kreuzfahrerstaaten, Mamluken und das Osmanische Reich.

Der geografische Begriff überdauerte zahlreiche dieser Veränderungen.

Genau darin liegt der Denkfehler der nationalen Rückprojektion: Dass ein Ortsname jahrhundertelang verwendet wurde, bedeutet nicht, dass über denselben Zeitraum ein einziges Volk mit unveränderter nationaler Identität existierte.

Niemand würde aus der fortdauernden Verwendung des Namens Gallien ableiten, dass das heutige Frankreich seit der Antike ein unveränderter Nationalstaat sei.

Warum sollte bei Palästina ein anderer historischer Maßstab gelten?

Die moderne palästinensische Identität entstand wesentlich später

Die Entstehung eines modernen palästinensischen Nationalbewusstseins wird von Historikern insbesondere mit der späten osmanischen Zeit und den politischen Entwicklungen des frühen 20. Jahrhunderts verbunden.

Der palästinensisch-amerikanische Historiker Rashid Khalidi untersuchte diese Entwicklung ausführlich in seinem WerkPalestinian Identity: The Construction of Modern National Consciousness.

Er beschreibt, wie sich lokale Zugehörigkeiten, arabische Identität, religiöse Bindungen und politische Entwicklungen zu einem eigenständigen Nationalbewusstsein verbanden.

Diese Entstehungsgeschichte ist komplexer als die Behauptung, die palästinensische Identität sei ausschließlich eine Reaktion auf den ZionismusZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen gewesen. Ihre modernen politischen Ausdrucksformen entwickelten sich jedoch besonders um die Wende zum 20. Jahrhundert.

Die Palästinenser als heutige nationale Gemeinschaft mit den antiken Philistern gleichzusetzen, ignoriert diese historische Entwicklung.

Dazu gehört auch, dass die Bewohner der Region über viele Jahrhunderte unterschiedliche Selbstbezeichnungen verwendeten und verschiedene religiöse, sprachliche und politische Gemeinschaften bildeten.

Die moderne palästinensische Identität ist real. Sie wird aber nicht dadurch historisch glaubwürdiger, dass ihre Entstehung um drei Jahrtausende zurückdatiert wird.

Die jüdische Geschichte verschwindet nicht durch eine Umbenennung

Besonders problematisch wird die Umdeutung, wenn sie dazu benutzt wird, die jüdische Geschichte der Region als nachträgliche oder fremde Erscheinung darzustellen.

Die Existenz der antiken Königreiche IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen und Juda ist historisch und archäologisch dokumentiert. JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen war lange vor der römischen Provinzbezeichnung Syria Palaestina ein Zentrum jüdischen religiösen und politischen Lebens.

Auch nach der römischen Eroberung, der Zerstörung des Zweiten Tempels und den späteren Umbrüchen verschwanden jüdische GemeindenGlobale Intifada: Die Parole, die Gewalt gegen Israel exportiert„Globale Intifada“ oder „Globalize the Intifada“ ist eine antiisraelische Parole, die den Kampf gegen Israel weltweit ausweiten soll. Aktuelle Kampagnen nutzen Karten, Zielorte und Lieferkettenlisten gegen Firmen, Häfen und Schiffe.Mehr lesen nicht vollständig aus der Region.

Die jahrtausendealte jüdische Verbindung zum Land hängt nicht davon ab, welchen geografischen Namen griechische, römische oder spätere Herrscher verwendeten.

Aus dem Namen Palästina lässt sich daher kein Argument ableiten, das jüdische Geschichte auslöscht oder Juden grundsätzlich zu Fremden in ihrer historischen Heimat erklärt.

Umgekehrt folgt aus der jüdischen Geschichte nicht, dass die heutigen Palästinenser keine eigene Identität oder keine Rechte besitzen.

Historische Herkunft und gegenwärtige politische Rechte sind unterschiedliche Fragen.

Gerade deshalb ist es problematisch, antike Geschichte in einen Wettbewerb um die vermeintlich ältere nationale Abstammung zu verwandeln.

Die entscheidende Manipulation liegt in der Behauptung, ein moderner politischer Anspruch werde durch einen antiken Namen automatisch legitimiert.

Die Philister waren ein reales antikes Volk. Palästina ist ein historisch überlieferter geografischer Name. Die heutigen Palästinenser sind eine moderne nationale Gemeinschaft.

Diese drei Tatsachen gehören zur Geschichte derselben Region, sind aber nicht identisch.

Wer sie gleichsetzt, ersetzt historische Forschung durch eine politische Abstammungserzählung.

Ein Name kann Jahrtausende überdauern. Daraus folgt nicht, dass das Volk, das ihn heute verwendet, seit Jahrtausenden unverändert existiert.

Geschichte wird nicht glaubwürdiger, indem man ihre verschiedenen Epochen zu einer einzigen nationalen Erzählung zusammenschiebt.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Sonntag, 25. Oktober 2026

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