Juden kontrollieren die Welt: Offenes antisemitisches Gift im palästinensischen Staatsfernsehen
Ein Autor der offiziellen Zeitung von Mahmud Abbas verbreitet im Fernsehen die ältesten antisemitischen Verschwörungsmythen. Juden seien geldgierig, kontrollierten die Medien und durchdrängen die Gesellschaft. Es ist nicht sein erster derartiger Auftritt.

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Juden kontrollieren angeblich die Wirtschaft, die Medien und große Teile der Gesellschaft. Sie seien selbstsüchtig, beherrschten den internationalen Geldverkehr und nutzten ihre Macht, um andere Menschen zu beeinflussen. Was nach den klassischen Verschwörungserzählungen europäischer AntisemitenAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen klingt, wurde am 29. September 2026 im offiziellen Fernsehen der Palästinensischen Autonomiebehörde verbreitet. Der syrische Schriftsteller Hassan Hmeid, regelmäßiger Kolumnist der offiziellen palästinensischen Tageszeitung Al-Hayat Al-Jadida, durfte dort ausführlich über vermeintliche Eigenschaften der Juden sprechen.
Die israelische Organisation Palestinian Media Watch (PMW), die palästinensische Medien systematisch beobachtet und dokumentiert, veröffentlichte am 11. Oktober entsprechende Ausschnitte aus der Sendung „From the Capitals“. Die darin verbreiteten Aussagen richten sich ausdrücklich gegen Juden als religiöse und ethnische Gemeinschaft. Es geht nicht um eine bestimmte israelische Regierung, den Krieg im GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen oder einzelne politische Entscheidungen. Hmeid spricht über Juden als Kollektiv und unterstellt ihnen Eigenschaften, die seit Jahrhunderten zum Kernbestand antisemitischer HetzeVolksverhetzung: Wenn Hass strafbar wirdVolksverhetzung ist eine Straftat nach § 130 StGB. Gemeint sind unter anderem Hassaufrufe, Gewaltforderungen oder menschenwürdeverletzende Hetze gegen nationale, religiöse, ethnische oder andere geschützte Gruppen.Mehr lesen gehören.
Er behauptete, Juden seien von einer besonderen Selbstsucht geprägt und glaubten, die gesamte Welt kontrollieren zu können. Als Beispiel nannte er New York, wo sie seiner Darstellung zufolge nahezu alles beherrschten, vom kleinsten Geschäft bis zu Verlagen und der Filmindustrie. Sie würden tief in gesellschaftliche Strukturen eindringen und ihren Einfluss überall ausweiten.
Besonders aufschlussreich ist der Versuch, diese Behauptungen durch Verweise auf europäische Schriftsteller zu legitimieren. Hmeid nannte Johann Wolfgang von Goethe, Charles Dickens und William Shakespeare. Die Europäer sollten deren Werke aufmerksam lesen, erklärte er, denn die großen Autoren hätten angeblich bereits erkannt, wie Juden wirklich seien. Shakespeare habe insbesondere den Wucher als charakteristische Eigenschaft der Juden beschrieben.
Der Verweis auf Shakespeare spielt offenkundig auf die Figur des jüdischen Geldverleihers Shylock in „Der Kaufmann von Venedig“ an. Aus einer literarischen Figur und ihrer jahrhundertelangen Rezeptionsgeschichte macht Hmeid jedoch eine angeblich allgemeingültige Aussage über das jüdische Volk. Dass solche Darstellungen selbst Teil einer europäischen Geschichte antijüdischer Vorurteile sind, bleibt bei ihm ausgeblendet.
Der Vorgang ist deshalb besonders schwerwiegend, weil Hmeid seine Aussagen nicht in einem privaten Gespräch oder auf einer unbekannten Internetseite verbreitete. Er erhielt eine Plattform im offiziellen Fernsehen einer politischen Verwaltung, deren Führung international als Gesprächspartner für einen künftigen palästinensischen Staat anerkannt werden möchte.
Ausgerechnet die alten europäischen Judenfeindbilder dienen als Beweis
Die aktuelle Sendung ist kein Einzelfall. Bereits am 11. August 2026 trat Hassan Hmeid in demselben Fernsehformat auf und erklärte, Werke bedeutender Schriftsteller enthielten Belege für negative Eigenschaften der Juden. Damals verwies er unter anderem auf den amerikanischen Schriftsteller Henry Miller und den russischen Autor Iwan Turgenjew.
Hmeid behauptete, in Millers Roman „Wendekreis des Steinbocks“ werde die Bezeichnung „Jude“ als Beschimpfung verwendet. Auch Turgenjew habe Verrat und jüdische Identität miteinander verbunden. Daraus leitete der Kolumnist die Vorstellung ab, dass die negative Darstellung von Juden in der Literatur auf tatsächlichem jüdischem Verhalten beruhe.
Diese Argumentation ist nicht nur historisch und logisch unhaltbar. Sie reproduziert einen zentralen Mechanismus des Antisemitismus: Ein überliefertes Vorurteil wird als Beweis für sich selbst benutzt. Weil frühere Autoren Juden negativ beschrieben hätten, müssten Juden tatsächlich jene Eigenschaften besitzen, die ihnen zugeschrieben wurden.
Dabei blendet Hmeid aus, dass europäische Literatur über Jahrhunderte in Gesellschaften entstand, in denen Juden gesellschaftlich ausgegrenzt, wirtschaftlich eingeschränkt, entrechtet und verfolgt wurden. Antijüdische Figuren und Stereotype waren Teil dieser Geschichte. Sie können deshalb nicht als wissenschaftliche oder historische Belege für angebliche Charaktereigenschaften eines ganzen Volkes dienen.
Noch bedrohlicher wurden Hmeids Aussagen, als er im August über vermeintliche jüdische Attentate sprach. Menschen, die sich international für die palästinensische Sache engagierten oder IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen schwere Verbrechen vorwarfen, seien nach seiner Darstellung der Gefahr ausgesetzt, von Juden ermordet zu werden. Damit unterstellte er Juden nicht nur wirtschaftliche und gesellschaftliche Kontrolle, sondern auch die Bereitschaft zu gezielten politischen Morden.
Der Vorwurf einer geheimen jüdischen Macht, die Gegner beseitigt, gehört zum klassischen Repertoire antisemitischer Verschwörungsideologien. Er findet sich in unterschiedlichen Varianten seit dem 19. Jahrhundert und wurde durch die gefälschten „Protokolle der Weisen von ZionProtokolle der Weisen von Zion: Die tödlichste Fälschung des modernen AntisemitismusDie „Protokolle der Weisen von Zion“ sind eine antisemitische Fälschung aus dem frühen 20. Jahrhundert. Sie behaupten wahrheitswidrig, Juden planten die Weltherrschaft, und wurden weltweit zur Rechtfertigung von Judenhass benutzt.Mehr lesen“ weltweit verbreitet. Diese Fälschung behauptet einen jüdischen Plan zur Weltherrschaft und spielte eine bedeutende Rolle bei der Verbreitung moderner antisemitischer Verschwörungsmythen.
Dass ähnliche Vorstellungen heute im Fernsehen der Palästinensischen Autonomiebehörde verbreitet werden, zeigt, wie gegenwärtig diese Ideologie geblieben ist.
Bereits im August 2025 hatte Hmeid in einer weiteren Sendung behauptet, Israelis verfügten über eine gewaltige Macht durch die Kontrolle des Geldes. Diese Kontrolle ermögliche ihnen wiederum, Einfluss auf die Medien zu gewinnen. Mit Geld könnten sie nach seinen Worten Gewissen, Intellekt und Freiheit kaufen.
Auch damals verband er die Vorstellung jüdischer beziehungsweise israelischer Finanzmacht mit dem Vorwurf gesellschaftlicher Manipulation. Die wiederholten Auftritte zeigen, dass es sich nicht lediglich um eine missverständliche Formulierung in einer einzelnen Sendung handelt. Hmeid verbreitet über einen längeren Zeitraum hinweg ein geschlossenes Weltbild, in dem Juden und Israelis als mächtige, manipulative und gefährliche Gruppe erscheinen.
Hinzu kommt, dass PMW bereits andere Veröffentlichungen des Kolumnisten dokumentierte, in denen Israelis kollektiv als grausam, blutrünstig und rassistisch dargestellt wurden. Solche pauschalen Zuschreibungen richten sich nicht gegen überprüfbare Handlungen einzelner Verantwortlicher, sondern schreiben einer ganzen Bevölkerungsgruppe eine angeblich unmenschliche Natur zu.
Die politische Wirkung dieser Rhetorik darf nicht unterschätzt werden. Wer einem Publikum wiederholt erklärt, Juden seien von Natur aus betrügerisch, kontrollierten Geld und Medien und bedrohten andere Menschen, vermittelt keine sachliche Kritik an israelischer Politik. Er verbreitet ein Feindbild, das Misstrauen, Hass und Ausgrenzung begünstigen kann.
Mahmud Abbas und die Verantwortung seiner offiziellen Medien
Die politische Verantwortung für die Verbreitung solcher Inhalte lässt sich nicht allein auf Hassan Hmeid beschränken. Seine Äußerungen wurden nach der Dokumentation von Palestinian Media Watch in einem offiziellen Fernsehsender der Palästinensischen Autonomiebehörde ausgestrahlt. Zugleich schreibt er regelmäßig für Al-Hayat Al-Jadida, die offizielle Tageszeitung der Autonomiebehörde.
Damit erreicht seine Hetze ein Publikum über Medien, die Teil des institutionellen Umfelds der palästinensischen Führung sind. Das unterscheidet diese Fälle grundlegend von den Äußerungen einzelner anonymer Extremisten in sozialen Netzwerken.
An der Spitze dieser politischen Ordnung steht Mahmud AbbasPLO: Die Organisation zwischen Terrorgeschichte, Oslo und MachtverlustDie PLO ist die Palästinensische Befreiungsorganisation. Sie wurde 1964 gegründet, wurde später international als Vertreterin der Palästinenser anerkannt und spielte im Oslo-Prozess eine zentrale Rolle.Mehr lesen, Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde und Vorsitzender der Palästinensischen Befreiungsorganisation. Abbas und seine Vertreter betonen gegenüber westlichen Regierungen seit Jahren ihre diplomatischen Ziele und verlangen internationale Unterstützung für die Anerkennung eines palästinensischen Staates.
Die Palästinensische Autonomiebehörde erhält zudem internationale finanzielle Unterstützung. Europäische Staaten und die Europäische Union fördern palästinensische Institutionen, Verwaltungsstrukturen und gesellschaftliche Projekte. Diese Mittel dienen unterschiedlichen Zwecken und dürfen nicht ohne Beleg mit der konkreten Finanzierung einer einzelnen Fernsehsendung gleichgesetzt werden. Dennoch begründet die internationale Unterstützung ein legitimes Interesse daran, welche Inhalte von offiziellen palästinensischen Medien verbreitet werden.
Die zentrale Frage lautet deshalb, welche Verantwortung die politische Führung übernimmt, wenn in ihrem institutionellen Medienumfeld offen antisemitische Verschwörungserzählungen verbreitet werden.
Aus der Ausstrahlung einer Sendung lässt sich nicht ohne Weiteres ableiten, dass Abbas persönlich jede Aussage kannte oder billigte. Ebenso wenig ist damit bewiesen, dass sämtliche Beschäftigten der Autonomiebehörde solche Ansichten teilen. Die politische Verantwortung für die Standards offizieller Medien bleibt jedoch bestehen.
Besonders widersprüchlich erscheint die Situation vor dem Hintergrund der internationalen Forderungen nach einer erneuerten palästinensischen Staatlichkeit. Westliche Regierungen sprechen regelmäßig über Verwaltungsreformen, demokratische Institutionen, wirtschaftliche Entwicklung und eine friedliche Lösung des Konflikts mit Israel. Eine solche Perspektive setzt auch voraus, dass die Bevölkerung nicht systematisch mit Vorstellungen über angebliche jüdische Weltherrschaft konfrontiert wird.
Es genügt nicht, gegenüber europäischen Diplomaten von friedlicher Koexistenz zu sprechen, während in offiziellen Medien einem ganzen Volk negative und gefährliche Eigenschaften zugeschrieben werden. Wer Frieden mit Israel anstrebt, muss auch die gesellschaftlichen Voraussetzungen dafür schaffen, dass Israelis und Juden nicht als grundsätzlich verachtenswerte Menschen dargestellt werden.
Der Unterschied zwischen legitimer Kritik und Antisemitismus ist in diesem Fall eindeutig. Man kann israelische Militäreinsätze kritisieren, über die Zukunft Judäas und Samarias streiten oder politische Entscheidungen der Regierung in JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen ablehnen. All das ist Gegenstand öffentlicher Debatten, auch innerhalb Israels.
Wer jedoch behauptet, Juden kontrollierten die Welt, seien von Natur aus geldgierig und würden ihre Gegner heimlich ermorden, kritisiert keine konkrete staatliche Handlung. Er greift Juden aufgrund ihrer jüdischen Identität an.
Gerade darin liegt die besondere Bedeutung der aktuellen PMW-Dokumentation. Die antisemitischen Aussagen werden nicht durch komplizierte Interpretationen oder politische Vermutungen erkennbar. Sie stehen offen in den veröffentlichten Äußerungen eines Mannes, der im offiziellen palästinensischen Fernsehen zu Wort kam.
Die Verweise auf Shakespeare, Goethe oder Dickens ändern daran nichts. Im Gegenteil: Hmeid versucht, überlieferte europäische Judenfeindbilder mit dem Anschein kultureller und historischer Autorität auszustatten. Aus Vorurteilen, die Europa über Jahrhunderte vergifteten, sollen vermeintliche Erkenntnisse werden, die ein heutiges Publikum übernehmen kann.
Das ist besonders bemerkenswert, weil die Palästinensische Autonomiebehörde selbst immer wieder internationale Solidarität gegen Rassismus und Diskriminierung einfordert. Dieser Anspruch muss auch für ihre eigenen Medien gelten.
Die dokumentierten Äußerungen sind deshalb nicht nur ein weiterer antisemitischer Vorfall. Sie werfen grundsätzliche Fragen nach der politischen Kultur auf, die von offiziellen Institutionen gefördert oder zumindest geduldet wird.
Wer von Israel verlangt, Vertrauen in einen künftigen Frieden zu setzen, muss auch erklären können, weshalb im Fernsehen eines möglichen palästinensischen Verhandlungspartners weiterhin die ältesten antisemitischen Verschwörungsmythen verbreitet werden.
Frieden zwischen Israelis und Palästinensern erfordert politische Vereinbarungen und verlässliche Sicherheitsgarantien. Er setzt aber ebenso voraus, dass Juden nicht länger als verschwörerische, gefährliche und moralisch minderwertige Menschen dargestellt werden. Solange solche Botschaften in offiziellen Medien erscheinen, bleibt die Glaubwürdigkeit entsprechender Friedensbekundungen einer ernsthaften Prüfung ausgesetzt.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Mittwoch, 14. Oktober 2026