Zehn Tage vor dem 7. Oktober: VAE Präsident soll Netanyahu vor Sinwars Großangriff gewarnt haben
Haaretz berichtet von einer persönlichen Warnung Mohammed bin Zayeds. Netanyahus Büro nennt die Geschichte eine „absolute Lüge“, Bennett erklärt sie für wahr.

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Fast drei Jahre nach dem Massaker vom 7. Oktober7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen steht IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen vor einer neuen, möglicherweise entscheidenden Frage: Wurde Ministerpräsident Benjamin Netanyahu bereits rund zehn Tage vor dem Angriff persönlich von einem der wichtigsten Staatschefs der Region gewarnt, dass Yahya Sinwar einen großen Angriff vorbereitet
Eine am Dienstag veröffentlichte Haaretz Recherche behauptet genau das. Nach Angaben von drei hochrangigen ausländischen Quellen, die mit dem Inhalt des Gesprächs vertraut sein sollen, habe der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate, Mohammed bin Zayed, Netanyahu Ende September 2023 angerufen. Das Gespräch soll rund 45 Minuten gedauert haben. Bin Zayed habe ausdrücklich davor gewarnt, dass HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen Führer Yahya Sinwar eine große Operation gegen Israel vorbereite. Er habe Blutvergießen, eine Destabilisierung der Region und Schäden für die Abraham Abkommen befürchtet.
Netanyahu soll nach dieser Darstellung geantwortet haben, nach seiner Einschätzung konzentriere sich Hamas vor allem auf Judäa und SamariaJudäa und Samaria: Israels historisches Kernland im politischen StreitJudäa und Samaria bezeichnen historische Landschaften zwischen Jerusalem, dem Jordantal und den zentralen Höhenzügen des Landes Israel. In Israel ist der Begriff gebräuchlich. International wird das Gebiet oft anders bezeichnet und politisch als umstritten eingeordnet.Mehr lesen und Israel sei auf jedes Szenario vorbereitet.
Das Büro des Ministerpräsidenten weist die Geschichte kategorisch zurück.
„Eine absolute Lüge“, lautet die Reaktion. Netanyahu habe in dem betreffenden Zeitraum überhaupt nicht mit Mohammed bin Zayed gesprochen und von ihm auch keine Warnung erhalten.
Damit stehen sich zwei Versionen gegenüber, die kaum weiter auseinanderliegen könnten.
Entweder fand ein 45 Minuten dauerndes Gespräch zwischen zwei der wichtigsten Regierungschefs des Nahen Ostens statt, in dem vor Sinwars bevorstehender Operation gewarnt wurde.
Oder dieses Gespräch hat nie existiert.
Dazwischen gibt es wenig Raum.
Die Warnung soll nicht aus dem Nichts gekommen sein
Besonders brisant wird die Recherche durch die Vorgeschichte.
Nach dem Bericht soll Sinwar bereits Anfang September 2023 über einen palästinensischen Vermittler Signale geschickt haben, dass er einen „Zilzal“, also ein Erdbeben, vorbereite. Später soll von der „Mutter aller Überraschungen“ und einer „schrecklichen Operation“ die Rede gewesen sein.
Diese Informationen gelangten demnach nicht erst über die Emirate nach Israel. Am 15. September soll die Warnung auch beim Schin Bet eingegangen sein. Der damalige Geheimdienstchef Ronen Bar habe Netanyahu darüber informiert. Zwei Tage später fand nach Darstellung der Recherche eine Sicherheitsberatung statt. Bar soll dort gewarnt haben, Israel befinde sich auf einem Kollisionskurs und müsse entweder offensiv reagieren oder seine Verteidigung in GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen und Judäa und Samaria vor den jüdischen Feiertagen deutlich verstärken. Eine grundlegende Entscheidung fiel demnach nicht.
Dieser Punkt ist entscheidend.
Die neue Geschichte lautet also nicht, der gesamte israelische Sicherheitsapparat habe bis zum 7. Oktober überhaupt nichts von möglichen Hamas Plänen gewusst und einzig Netanyahu habe ein geheimes Warnsignal besessen.
Warnzeichen gab es bereits.
Die eigentliche Brisanz der behaupteten VAE Warnung liegt darin, dass ein ausländischer Staatschef die Gefahr offenbar noch einmal persönlich auf höchster Ebene verstärkte und dass Netanyahu diese zusätzliche Warnung nach Darstellung der Recherche nicht an Generalstabschef Herzi Halevi, Schin Bet Chef Ronen Bar oder die übrige Sicherheitsführung weitergab.
Halevi und Bar erklärten Haaretz laut JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen Post, sie seien über eine solche Warnung Mohammed bin Zayeds nicht informiert worden.
Noch bemerkenswerter ist, warum Bin Zayed angeblich überhaupt selbst zum Telefon griff. Nach der Recherche war die Führung der Emirate zu dem Eindruck gelangt, Israel habe auf die vorausgegangenen Informationen nicht ausreichend reagiert. Deshalb habe der Präsident Netanyahu persönlich warnen wollen.
Auch Ägypten spielt erneut eine Rolle.
Der damalige ägyptische Geheimdienstchef Abbas Kamel soll Netanyahu ungefähr zur selben Zeit vor „etwas Ungewöhnlichem“ und einer „schrecklichen Operation“ gewarnt haben. Netanyahu soll geantwortet haben, Israel habe Gaza unter Kontrolle und konzentriere Aufmerksamkeit und Truppen auf Judäa und Samaria.
Dieser Vorwurf ist allerdings nicht neu. Bereits unmittelbar nach dem Massaker berichteten ägyptische Quellen von einer Warnung Kamels. Netanyahu wies das schon am 9. Oktober 2023 als „Fake NewsDesinformation: Gezielte Täuschung der ÖffentlichkeitDesinformation bezeichnet bewusst verbreitete falsche oder irreführende Informationen. Ziel ist häufig, Menschen zu täuschen, Vertrauen zu zerstören, Konflikte zu verschärfen oder politische Entscheidungen zu beeinflussen.Mehr lesen“ zurück. Sein Büro erklärte damals, Netanyahu habe seit Bildung seiner Regierung weder direkt noch über Hinterkanäle mit Kamel gesprochen.
Spätere Recherchen bestätigten zumindest, dass Warnungen aus Ägypten vor einer gefährlichen Eskalation nach Israel gelangt waren. Israel Hayom berichtete Ende 2025 unter Berufung auf mehrere israelische Quellen über entsprechende Botschaften an Außenministerium und Nationalen Sicherheitsrat. Ob Netanyahu persönlich davon Kenntnis erhielt, blieb dabei offen.
Genau deshalb muss auch der neue Bericht sauber getrennt werden zwischen belegten Warnzeichen, Zeugenaussagen und bislang bestrittenen persönlichen Gesprächen.
Bennett sagt: Ich weiß, dass es stimmt
Die politische Explosion folgte dennoch innerhalb weniger Stunden.
Der frühere Ministerpräsident Naftali Bennett erklärte, er wisse „mit Sicherheit“, dass die Darstellung zutreffe. Mohammed bin Zayed habe Netanyahu vor Sinwars Operation gewarnt, ebenso Abbas Kamel.
Bennett erklärte allerdings nicht öffentlich, auf welcher Grundlage er dies mit solcher Sicherheit behauptet.
Auch Gadi Eisenkot griff Netanyahu scharf an. Der frühere Generalstabschef und heutige Vorsitzende der Partei Yashar erklärte, immer mehr Hinweise führten zu derselben Frage: Welche Warnungen erhielt der Ministerpräsident vor dem 7. Oktober, und wie reagierte er darauf Eisenkot kündigte erneut an, nach einem Regierungswechsel eine staatliche Untersuchungskommission einzusetzen.
Für Netanyahu kommt die Veröffentlichung zu einem denkbar schwierigen Zeitpunkt.
Erst vor wenigen Tagen behauptete er, die Sicherheitsführung habe ihn in den Stunden vor dem Angriff bewusst nicht geweckt, weil sie davon ausgegangen sei, er werde sofort eine großangelegte Alarmierung und militärische Reaktion anordnen.
haOlam berichtete bereits über die inzwischen veröffentlichte Chronologie seiner ersten Stunden am 7. Oktober.
Diese Chronologie zeigte ein wesentlich komplizierteres Bild als die einfache Behauptung völliger Untätigkeit. Netanyahu wurde am Morgen um 06:29 Uhr informiert, verlangte früh eine Prüfung einer umfassenden Reservistenmobilisierung und stellte Fragen nach einem Schlag gegen die Hamas Führung. Gleichzeitig dauerte es Stunden, bis die gesamte politische und militärische Führung gemeinsam beriet.
Die neue Recherche verschiebt die entscheidende Frage nun noch weiter zurück.
Nicht mehr nur: Was geschah zwischen 06:29 Uhr und 09:55 Uhr am 7. Oktober
Sondern: Was wusste Israels Führung bereits Mitte und Ende September
Wenn die VAE Warnung tatsächlich existierte, warum wurde sie nicht weitergegeben
Wenn sie nicht existierte, wie erklärt sich dann eine Haaretz Recherche, die sich auf mehrere hochrangige ausländische Quellen stützt und die Bennett öffentlich für wahr erklärt
Und vor allem: Warum führten die Warnzeichen, die nachweislich bereits innerhalb des israelischen Sicherheitssystems bekannt waren, nicht zu einer massiven Verstärkung der Gaza Grenze
Das ist keine Frage von links gegen rechts.
Und es ist auch keine Frage, wer für das Massaker verantwortlich ist.
Verantwortlich für die Planung, Durchführung, Morde, Vergewaltigungen und Entführungen des 7. Oktober waren Hamas und die Terroristen, die nach Israel eindrangen.
Doch genau deshalb muss Israel wissen, wie diese Terroristen einen hoch entwickelten Sicherheitsstaat derart vollständig überraschen konnten.
haOlam hat bereits im Juli darauf hingewiesen, dass Israel zahlreiche militärische und geheimdienstliche Untersuchungen durchgeführt hat, eine zentrale Untersuchung aller politischen und sicherheitspolitischen Ebenen aber weiterhin fehlt.
Die neue Recherche liefert keinen endgültigen Beweis gegen Netanyahu. Das Dementi seines Büros ist eindeutig, Mohammed bin Zayed selbst hat sich bislang nicht zu den Behauptungen geäußert und Bennett hat nicht erklärt, woher seine Gewissheit stammt.
Aber die Vorwürfe sind zu konkret, um sie mit einem politischen Schlagabtausch zu erledigen.
Ein angebliches Gespräch von 45 Minuten zwischen zwei Staatschefs hinterlässt Spuren.
Telefonprotokolle, Sicherheitsaufzeichnungen, diplomatische Dokumente und beteiligte Mitarbeiter können klären, ob es stattgefunden hat.
Israel braucht diese Antwort.
Nicht damit Gegner Netanyahus einen Wahlslogan bekommen.
Sondern damit sich ein 7. Oktober niemals wiederholen kann.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Dienstag, 8. September 2026