Netanjahu sagt Nein, gibt Trumps Gaza-Plan aber eine Chance
Öffentlich lehnt Israels Regierungschef den 15-Punkte-Plan ab. Hinter den Kulissen soll er Jared Kushner jedoch zugesagt haben, ihn zu erproben. Die Armee zieht bereits schrittweise zur Gelben Linie zurück.

Bildnachweis: The White House
Nur wenige Stunden nachdem Benjamin Netanjahu den neuen GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen-Plan des amerikanischen Präsidenten Donald Trump öffentlich zurückgewiesen hatte, zeigt sich ein wesentlich komplizierteres Bild. Nach einem Bericht von Axios hat der israelische Ministerpräsident Jared Kushner bereits in der vergangenen Woche zugesagt, dem amerikanischen Konzept eine Chance zu geben. Gleichzeitig soll die israelische Armee damit begonnen haben, sich schrittweise wieder auf die Gelbe Linie zurückzubewegen und ihre Angriffe im GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen weitgehend eingestellt haben.
Damit stehen Netanjahus öffentliche Worte und das tatsächliche Vorgehen Israels zumindest auf den ersten Blick in deutlichem Gegensatz.
Am Sonntag hatte der Ministerpräsident vor seinem Kabinett noch unmissverständlich erklärt, IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen akzeptiere das 15-Punkte-Dokument des Friedensrates nicht. Einen weiteren Rückzug der israelischen Armee werde es erst geben, wenn HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen tatsächlich entwaffnet sei. Netanjahu betonte ausdrücklich, damit seien sämtliche Waffen gemeint, schwere wie leichte. Eine symbolische Entwaffnung komme für Israel nicht infrage.
Nach dem nun bekannt gewordenen Bericht betrachtet Washington diese öffentliche Zurückweisung allerdings erstaunlich gelassen.
Ein hochrangiger amerikanischer Regierungsvertreter sagte laut Axios, die US-Regierung verstehe Netanjahus innenpolitische Bedürfnisse. Solange Israel praktisch das tue, was Washington verlange, insbesondere die Angriffe in Gaza begrenze, habe man mit seinen öffentlichen Erklärungen kein größeres Problem. Der britische Times-Bericht bestätigt diese Darstellung und verweist ausdrücklich auf die Axios-Recherche von Barak Ravid.
Das ist politisch bemerkenswert.
Washington unterscheidet offenbar sehr genau zwischen Netanjahus Botschaft an die israelische Öffentlichkeit und seinen Zusagen gegenüber der amerikanischen Regierung.
Israel bewegt sich, während Hamas liefern soll
Nach dem Axios-Bericht sprach Netanjahu vergangene Woche mit Jared Kushner, einem der wichtigsten Architekten der amerikanischen Gaza-Politik. Dabei soll der israelische Regierungschef zugesagt haben, Trumps 15-Punkte-Konzept eine Chance zu geben.
Die praktische Folge ist bereits auf dem Boden sichtbar.
Die israelische Armee habe einen schrittweisen Rückzug in Richtung der Gelben Linie begonnen. Gleichzeitig seien die israelischen Angriffe im Gazastreifen gestoppt beziehungsweise erheblich eingeschränkt worden. Washington und die Vermittler verlangen nun im Gegenzug von Hamas, mit dem Entwaffnungsprozess zu beginnen.
Damit beginnt möglicherweise genau jene Phase, vor der israelische Sicherheitsvertreter seit Tagen warnen.
Der amerikanische Plan beruht nicht auf einem sofortigen israelischen Abzug gegen ein bloßes Versprechen der Hamas. Vielmehr sollen Entwaffnung, Übergabe von Gebieten, Aufbau neuer Sicherheitsstrukturen und israelische Rückzüge schrittweise miteinander verbunden werden. Axios hatte bereits bei der Vorstellung des Konzeptes Ende Juli berichtet, dass dieser Prozess rund 200 bis 250 Tage dauern könnte. Die Entmilitarisierung soll Gebiet für Gebiet erfolgen.
Zunächst sollen Waffen der Hamas-Polizei an neue palästinensische Polizeikräfte übergeben werden. Schwere Waffen sollen außer Betrieb genommen und gesichert werden. Tunnel und Produktionsstätten für Waffen sollen zerstört werden. Auch leichte Waffen sollen schließlich eingesammelt werden. Erst wenn unabhängige Kontrolleure die Umsetzung in einem bestimmten Gebiet bestätigen, soll dort die neue technokratische Verwaltung vollständig die Kontrolle übernehmen.
Das klingt auf dem Papier nachvollziehbar.
Die entscheidende Frage lautet jedoch, was geschieht, wenn Hamas den Prozess verzögert oder nur einen Teil ihrer Waffen offenlegt.
Genau hier liegt Israels Misstrauen.
Netanjahu hat deshalb öffentlich eine Bedingung formuliert, die aus israelischer Sicht kaum missverstanden werden kann: Entwaffnung darf nicht bedeuten, einige Raketen und einige hundert Gewehre vor Kameras abzugeben, während WaffenlagerTerrorinfrastruktur: Wie Terrorgruppen Krieg in zivile Räume verlagernTerrorinfrastruktur bezeichnet Einrichtungen, Netzwerke und Strukturen, die Terrororganisationen für Angriffe, Waffenlagerung, Kommandoführung, Ausbildung, Raketenbeschuss, Tunnelbau oder Logistik nutzen. Besonders gefährlich wird sie, wenn sie in Wohngebieten, Schulen, Moscheen oder Krankenhäusern versteckt wird.Mehr lesen, Tunnel und bewaffnete Einheiten im Verborgenen bestehen bleiben.
Diese Sorge wird durch Berichte aus Gaza zusätzlich verstärkt.
Erst am Wochenende berichtete N12 unter Berufung auf israelische Sicherheitskreise, Hamas nutze die verringerte israelische Militäraktivität bereits für den Wiederaufbau ihrer Strukturen. Genannt wurden die Reparatur von Tunneln, die Produktion von Waffen, der Schmuggel von Drohnen und erneute Bewegungen bewaffneter Terroristen. Einen Tag später schilderten Bewohner des Gazastreifens gegenüber N12, dass Hamas junge Männer gegen Bezahlung rekrutiere, bewaffnete Kräfte wieder auf die Straßen bringe und Gegner einschüchtere.
Dass Hamas schon früher wirtschaftliche Not zur Rekrutierung junger Männer genutzt hat, ist dokumentiert. Bereits 2024 berichtete Mako unter Berufung auf israelische Militärquellen, dass die Terrororganisation neue und häufig sehr junge Kämpfer anwarb, nachdem große Teile ihrer ursprünglichen Verbände zerschlagen worden waren.
Die israelische Armee selbst erklärt bis heute, dass eine vollständige Entwaffnung der Hamas und die Entmilitarisierung Gazas unveränderte Kriegsziele sind. Generalstabschef Eyal Zamir sagte im Februar, Hamas sei zwar militärisch schwer geschlagen worden, Israel werde aber weder auf die Entwaffnung noch auf die Beseitigung terroristischer Infrastruktur verzichten.
Die Gelbe Linie soll dabei Israels Sicherheitsgarantie bleiben.
Bereits Ende 2025 bezeichnete Zamir sie als neue Sicherheitsgrenze. Von dort aus könne die Armee bei Bedrohungen schnell reagieren. Zugleich erklärte er, Israel werde nicht zulassen, dass Hamas ihre Fähigkeiten wieder aufbaut.
Ein Rückzug zur Gelben Linie bedeutet deshalb nicht den vollständigen Rückzug Israels aus Gaza.
Israel behält dort weiterhin militärische Präsenz und operative Möglichkeiten.
Washington verlangt Ruhe von Israel und Waffen von Hamas
Der neue Axios-Bericht macht gleichzeitig deutlich, wie groß der amerikanische Einfluss auf die gegenwärtige Entwicklung ist.
Trump will seinen Gaza-Plan voranbringen. Seine Regierung verlangt deshalb von Israel vor allem militärische Zurückhaltung, damit der Entwaffnungsprozess überhaupt beginnen kann. Von Hamas wird im Gegenzug erwartet, dass sie nun sichtbar liefert.
Das ist der entscheidende Test.
Die Vereinigten Staaten hatten schon bei der Vorstellung des Plans erklärt, dass ein Wiederaufbau Gazas erst nach Fortschritten bei Entmilitarisierung und Entwaffnung erfolgen solle. Axios berichtete bereits im Januar, Washington gehe davon aus, dass Israel seine eigenen Rückzugsschritte parallel zu überprüften Fortschritten bei der Entwaffnung umsetzen werde.
Netanjahus öffentliches Nein richtet sich deshalb offenbar weniger gegen jedes Element von Trumps Konzept als gegen eine bestimmte Reihenfolge und gegen die Gefahr, dass Israel vorleistet, während Hamas ihre militärische Macht behält.
Genau das hatte der Ministerpräsident auch schon bei früheren Vorstellungen für die Nachkriegsordnung formuliert. Israel verlangt eine entwaffnete Hamas, einen entmilitarisierten Gazastreifen, eine friedliche zivile Verwaltung und eine dauerhafte israelische Sicherheitsverantwortung. Eine Rückkehr zur Lage vor dem 7. Oktober soll ausgeschlossen werden.
Das erklärt auch, warum Washington Netanjahus öffentliche Ablehnung offenbar nicht als Bruch mit Trump betrachtet.
Für die amerikanische Regierung zählt momentan weniger, was der Ministerpräsident vor seinem Kabinett sagt, als das, was die israelische Armee tatsächlich tut.
Und dort bewegt sich etwas.
Wenn die Berichte stimmen, fährt Israel seine Angriffe zurück und bewegt Truppen in Richtung der Gelben Linie. Gleichzeitig erhöht Washington den Druck auf Hamas, nun mit der Waffenabgabe zu beginnen.
Damit liegt der Ball zunehmend bei der Terrororganisation.
Hamas kann nicht einerseits behaupten, sie habe dem amerikanischen Fahrplan zugestimmt, und andererseits ihre bewaffneten Strukturen erhalten. Spätestens jetzt muss sich zeigen, ob die öffentlich erklärte Bereitschaft zu einer neuen Ordnung tatsächlich bedeutet, dass Hamas bereit ist, ihre militärische Macht aufzugeben.
Genau daran zweifelt Israel.
Und die Zweifel sind nicht theoretisch.
Hamas hat über Jahre bewiesen, dass sie Waffenstillstände zur Vorbereitung auf spätere Kämpfe nutzen kann. Die israelische SicherheitsdoktrinSicherheitsdoktrin Israels: Abschreckung, Frühwarnung und ÜberlebenDie Sicherheitsdoktrin Israels beschreibt die Grundsätze, mit denen der Staat seine Existenz schützt. Klassisch beruht sie auf Abschreckung, Frühwarnung und schneller militärischer Entscheidung, später ergänzt durch Verteidigungssysteme.Mehr lesen nach dem 7. Oktober kann deshalb nicht darauf beruhen, dass die Organisation vielleicht irgendwann freiwillig ihre Waffen abgibt.
Trump verlangt nun von beiden Seiten einen ersten Schritt.
Israel scheint seinen bereits zu machen.
Wenn Hamas darauf nicht mit echter, überprüfbarer Entwaffnung antwortet, dürfte auch Netanjahus Bereitschaft, dem amerikanischen Plan eine Chance zu geben, schnell an ihr Ende gelangen.
Damit wird aus dem scheinbaren Widerspruch zwischen seinem öffentlichen Nein und der Bewegung der israelischen Armee eine durchaus nachvollziehbare Strategie: Israel testet Trumps Konzept, ohne seine wichtigste Sicherheitsforderung aufzugeben.
Die kommenden Tage werden zeigen, ob daraus tatsächlich ein Weg zu einem Gaza ohne Hamas-Waffen entsteht.
Oder ob die Terrororganisation die neue Ruhe lediglich erneut nutzt, um Zeit zu gewinnen.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Montag, 10. August 2026