Kampf um Hormus, Angst vor dem Aufstand: Irans Regime rüstet nach innen und außen
Während das Regime um die Kontrolle der Straße von Hormus kämpft, wächst im Innern der Druck. Mit Hossein Taeb steht nun ausgerechnet ein Mann an der Spitze der Basij, der für die Niederschlagung früherer Proteste steht.

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Das iranische Regime bereitet sich offenbar auf zwei Auseinandersetzungen gleichzeitig vor. Nach außen droht Teheran den Vereinigten Staaten mit einer offensiveren militärischen Strategie und weigert sich, die Kontrolle über die Straße von HormusStraße von Hormus: Die gefährlichste Engstelle der WeltwirtschaftDie Straße von Hormus ist eine Meerenge zwischen Iran und Oman. Sie verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und ist eine der wichtigsten Routen für Öl und Flüssigerdgas weltweit.Mehr lesen aufzugeben. Im eigenen Land wächst währenddessen die Sorge, dass Inflation, Arbeitslosigkeit, Versorgungsprobleme und die Folgen der amerikanischen Seeblockade erneut Menschen auf die Straßen treiben könnten.
Beides gehört zusammen.
Für die Führung der Islamischen Republik ist die Straße von Hormus längst mehr als eine Wasserstraße. Sie ist zu einem der wichtigsten verbliebenen Machtmittel des Regimes geworden. Iran hat gezeigt, dass es bereit ist, erhebliche wirtschaftliche Schäden im eigenen Land in Kauf zu nehmen, solange es damit Einfluss auf eine Route behält, über die vor dem Krieg rund ein Fünftel der weltweiten Öl- und Flüssiggaslieferungen transportiert wurde.
Ein am 17. Juni vereinbartes Memorandum zwischen Washington und Teheran sollte eigentlich den Weg zu einer dauerhaften Vereinbarung öffnen. Die dafür vorgesehene Frist von 60 Tagen lief am Montag ab. Der entscheidende Streitpunkt blieb ungelöst: Wer bestimmt künftig über die Passage durch Hormus?
Iran interpretiert die Vereinbarung so, dass Schiffe die Meerenge zwar sicher passieren dürfen, Teheran aber die Kontrolle über den Verkehr behält. Washington lehnt genau diese Auslegung ab.
Am Montag erklärte ein ranghoher iranischer Vertreter gegenüber Reuters, Iran werde wegen der festgefahrenen Verhandlungen von einer defensiven zu einer „vollständig offensiven“ Haltung wechseln. Sollte die Diplomatie scheitern, werde Teheran einen gezielten militärischen Angriff unternehmen, um die amerikanische Seeblockade zu durchbrechen.
Das ist keine beiläufige Drohung. Sie zeigt, wie hoch das Regime die Kontrolle über Hormus inzwischen bewertet.
Das Institute for the Study of War kommt in einer aktuellen Analyse zu dem Schluss, dass auch die Hardliner um RevolutionsgardenIslamische Revolutionsgarden: Machtzentrum des iranischen RegimesDie Islamischen Revolutionsgarden sind eine mächtige militärische, politische und wirtschaftliche Organisation der Islamischen Republik Iran. Sie wurden nach der Revolution von 1979 gegründet, unterstehen dem Obersten Führer und steuern über die Quds-Einheit Irans regionales Terrornetzwerk.Mehr lesen-Kommandeur Ahmad Vahidi grundsätzlich zu einer Vereinbarung mit Washington bereit sein könnten. Voraussetzung wäre jedoch, dass zentrale iranische Forderungen erfüllt werden. Dazu gehört nach Einschätzung des Instituts insbesondere, dass Teheran seine Kontrolle über die Straße von Hormus nicht aufgeben muss.
Gleichzeitig gibt es Hinweise auf indirekte Kontakte zwischen Washington und Vahidi. Reuters bestätigte Berichte über einen amerikanischen Kommunikationskanal über kurdische Vermittler. Das bedeutet allerdings nicht, dass der Konflikt vor einer Lösung steht. Es zeigt vielmehr, dass selbst innerhalb der härtesten Teile des iranischen Machtapparates über eine Vereinbarung gesprochen wird, solange sie nicht als iranische Niederlage verstanden werden kann.
Hormus soll Macht sichern, auch wenn die Bevölkerung dafür bezahlt
Der Preis dieser Strategie wird zunehmend von der iranischen Bevölkerung getragen.
Reuters berichtet unter Berufung auf das iranische Statistikzentrum, dass die Verbraucherpreise im Juli 87,9 Prozent höher lagen als ein Jahr zuvor. Die auf zwölf Monate berechnete Inflationsrate lag bei 66 Prozent. Besonders dramatisch ist die Entwicklung bei Lebensmitteln: Hier betrug die Preissteigerung im Jahresvergleich 128 Prozent.
Für Millionen Iraner sind solche Zahlen keine abstrakte Wirtschaftsmeldung. Sie bedeuten weniger Fleisch auf dem Tisch, höhere Mieten, unsichere Arbeitsplätze und immer größere Schwierigkeiten, grundlegende Ausgaben zu bezahlen.
Hinzu kommen die Folgen des Krieges. Produktionsanlagen wurden beschädigt, Handelswege unterbrochen, Unternehmen verloren Aufträge und die amerikanische Blockade erschwert den Import und Export. Waren, die früher auf dem Seeweg ins Land kamen, müssen teilweise über erheblich teurere Alternativen transportiert werden.
Wie ernst die Lage inzwischen ist, zeigt selbst der Medikamentenmarkt. Der Leiter der iranischen Lebensmittel- und Arzneimittelbehörde, Mehdi Pirsalehi, erklärte am Sonntag, dass die Preise von ungefähr zwei Dritteln der Medikamente seit März bereits in zwei Runden erhöht worden seien. Für manche eingeführten Arzneimittel seien die Transportkosten von ungefähr 3.000 Dollar auf dem Seeweg auf rund 30.000 Dollar per Luftfracht gestiegen.
Das Regime kennt die politische Sprengkraft dieser Entwicklung.
Die Proteste, die Ende Dezember 2025 zunächst wegen der wirtschaftlichen Lage begannen, entwickelten sich im Januar zu einer landesweiten Erhebung gegen das Herrschaftssystem. Die Sicherheitskräfte reagierten mit einer Gewalt, deren vollständiges Ausmaß bis heute nicht zweifelsfrei ermittelt werden kann.
Amnesty International spricht von massenhaften rechtswidrigen Tötungen und bezeichnet den Januar 2026 als die tödlichste Phase staatlicher Unterdrückung in Iran seit Jahrzehnten. Das Regime selbst gab 3.117 Tote an. Die damalige UN-Sonderberichterstatterin für Iran erklärte, mindestens 5.000 Menschen seien getötet worden; Informationen aus medizinischen Kreisen deuteten bereits damals auf möglicherweise bis zu 20.000 Tote hin.
Noch höhere Angaben müssen vorsichtig behandelt werden. TIME berichtete unter Berufung auf zwei ranghohe Mitarbeiter des iranischen Gesundheitsministeriums, allein am 8. und 9. Januar könnten bis zu 30.000 Menschen getötet worden sein. Ein von Ärzten und medizinischen Helfern zusammengestellter Datensatz kam in eine ähnliche Größenordnung. Eine unabhängige vollständige Überprüfung war wegen der massiven Internetsperre und der staatlichen Abschottung jedoch nicht möglich.
Gerade deshalb wäre es falsch, die Zahl von 30.000 Toten als abschließend gesichert darzustellen.
Gesichert ist jedoch etwas anderes: Tausende Menschen wurden getötet, Zehntausende festgenommen, das Internet wurde weitgehend abgeschaltet und Sicherheitskräfte setzten scharfe Munition gegen Demonstranten ein.
Das Regime weiß also genau, was geschehen kann, wenn wirtschaftliche Not erneut in politischen Widerstand umschlägt.
Ein alter Unterdrücker bekommt einen neuen Auftrag
Vor diesem Hintergrund ist die Ernennung Hossein Taebs zum Kommandeur der Basij besonders bemerkenswert.
Die Basij ist eine paramilitärische Organisation innerhalb der Revolutionsgarden und gehört seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Instrumenten des Regimes zur Kontrolle der eigenen Bevölkerung. Bei Protesten werden ihre Mitglieder eingesetzt, um Demonstrationen aufzulösen, Menschen festzunehmen und Widerstand in Städten und Universitäten zu brechen.
Taeb ist dabei kein unbeschriebenes Blatt. Er leitete früher den Geheimdienstapparat der Revolutionsgarden und spielte bereits bei der Unterdrückung der Protestbewegung nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl von 2009 eine zentrale Rolle.
Reuters bezeichnet seine Ernennung ausdrücklich als eines der deutlichsten Zeichen dafür, dass die iranische Führung eine neue Protestwelle fürchtet.
Das ist vermutlich der entscheidende Punkt der gegenwärtigen iranischen Strategie.
Teheran scheint nicht darauf zu setzen, die wirtschaftlichen Ursachen möglicher Unruhen kurzfristig beseitigen zu können. Stattdessen baut das Regime parallel seine Fähigkeit aus, auf neue Proteste mit Kontrolle und Gewalt zu reagieren.
Damit entsteht eine erschreckende Logik: Die Führung kann wirtschaftlichen Druck länger aushalten als viele ihrer Bürger, solange sie überzeugt ist, eine daraus entstehende Protestbewegung niederschlagen zu können.
Genau deshalb ist die Auseinandersetzung um Hormus auch eine innenpolitische Frage.
Eine dauerhafte amerikanische Blockade trifft Iran hart. Sie verteuert Waren, behindert den Ölhandel, schwächt Unternehmen und verschärft die ohnehin dramatische Inflation. Trotzdem scheint zumindest ein Teil der Führung bereit zu sein, diese Belastungen hinzunehmen, wenn Teheran dafür seine politische Kontrolle über die Straße von Hormus behaupten kann.
Das Risiko trägt die Bevölkerung.
Und wenn diese Bevölkerung erneut protestiert, steht der Sicherheitsapparat bereit.
Darin liegt die eigentliche Schwäche des Regimes. Eine Regierung, die sich sicher fühlt, muss nicht gleichzeitig ihre paramilitärischen Einheiten aufrüsten, Restaurants und gesellschaftliche Freiräume stärker überwachen und vor neuen Unruhen warnen.
Die Islamische Republik präsentiert sich nach außen als widerstandsfähige Regionalmacht. Im Innern zeigt sie jedoch, wie groß ihre Angst vor den eigenen Bürgern geworden ist.
Iran kann versuchen, amerikanische Schiffe unter Druck zu setzen. Es kann die Straße von Hormus als strategisches Faustpfand benutzen und mit neuen Angriffen drohen. Doch es kann die wirtschaftlichen Folgen dieses Kurses nicht dauerhaft aus den Wohnungen, Geschäften und Kühlschränken der Menschen fernhalten.
Die entscheidende Frage der kommenden Wochen ist deshalb nicht nur, ob Washington und Teheran doch noch über Hormus verhandeln.
Ebenso entscheidend ist, wie lange das iranische Regime seiner eigenen Bevölkerung erklären kann, sie müsse Verarmung, Mangel und Krieg hinnehmen, damit die Führung eine Meerenge kontrollieren kann.
Die Antwort darauf scheint Teheran bereits vorzubereiten.
Nicht mit wirtschaftlichen Reformen.
Sondern mit der Basij.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Dienstag, 18. August 2026