Universität Bath: Palästinenser dürfen reden, britische Studenten sollen schweigen
Am Jahrestag des Hamas-Massakers sollten britische Studenten angewiesen werden, palästinensischen Darstellungen nicht zu widersprechen. Die Partnerhochschule in Gaza war zuvor Schauplatz israelischer Waffenfunde. Erst nach öffentlicher Kritik stoppte Bath das Seminar.

Bildnachweis: Bärbel Miemietz
Am 7. Oktober 2026, exakt drei Jahre nach dem HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Massaker in IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen, erhielten Politikstudenten der britischen Universität Bath eine bemerkenswerte Anweisung: Sie sollten die Darstellungen palästinensischer Kommilitonen zum NahostkonfliktPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen nicht infrage stellen. Abweichende Einschätzungen waren unerwünscht, selbst ein Versuch, die Diskussion durch andere Perspektiven auszugleichen, sollte unterbleiben. Nach Recherchen britischer jüdischer Medien sagte die Hochschule das geplante Onlineseminar mit der Al-Azhar-Universität in GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen schließlich ab.
Die Vorgaben stammten von der Kursleiterin Kateřina Vráblíková. Ihre Studenten sollten akzeptieren, dass die Teilnehmer aus Gaza die Experten für den Konflikt seien, während ihnen selbst diese Kompetenz fehle. Wer eigene Interpretationen vorbringe, könne unbeabsichtigt Verletzungen verursachen. Es sei deshalb besser, unwissend zu erscheinen, als eine abweichende Meinung zu äußern.
Ausgerechnet im Fach Vergleichende Politikwissenschaft wollte eine Dozentin damit verhindern, was wissenschaftliche Lehre ausmacht: vergleichen, widersprechen, überprüfen und hinterfragen. Wer bestimmte politische Darstellungen bereits vor Beginn eines Seminars gegen kritische Nachfragen abschirmt, betreibt keine offene akademische Debatte. Er legt fest, wessen Aussagen gelten dürfen und wer besser schweigt.
Die Vorgaben waren nicht nur ungewöhnlich. Sie widersprachen unmittelbar dem Anspruch einer Universität, Studenten zu eigenständigem Denken zu befähigen.
Waffenfunde auf dem Campus, Schweigegebot im Seminar
Besonders schwer wiegt die Wahl der Partnerhochschule. Auf dem Gelände der Al-Azhar-Universität in Gaza-Stadt entdeckten israelische Soldaten im Dezember 2023 nach Angaben der Streitkräfte Raketenbestandteile, Abschussvorrichtungen, Sprengstoff und weitere militärische Ausrüstung. Zudem fanden sie einen unterirdischen Gang, der den Universitätshof mit einer nahe gelegenen Schule verband.
Die israelische Armee erklärte, die Hamas habe diese Infrastruktur für militärische Operationen genutzt.
Diese Angaben waren lange vor der geplanten Zusammenarbeit öffentlich bekannt. Dennoch sollte ausgerechnet mit dieser Universität ein Seminar über politische Fragen stattfinden, bei dem die britischen Teilnehmer palästinensische Darstellungen nicht kritisch hinterfragen durften.
Der entscheidende Vorwurf richtet sich nicht gegen die Studenten in Gaza. Aus den israelischen Waffenfunden folgt keine persönliche Verantwortung der dortigen Studierenden. Aber die militärischen Entdeckungen auf dem Campus hätten Anlass für besonders sorgfältige Fragen sein müssen.
Stattdessen sollten britische Studenten auf Widerspruch verzichten.
Das ist der eigentliche Skandal. Eine Hochschule, die politische Bildung ernst nimmt, müsste gerade bei einem solchen Kooperationspartner auf kritische QuellenprüfungQuellenkritik: Informationen richtig prüfenQuellenkritik bedeutet, Herkunft, Zuverlässigkeit, Interessenlage und Aussagekraft einer Quelle zu prüfen. Sie ist wichtig, um Fakten von Gerüchten, Propaganda und Desinformation zu unterscheiden.Mehr lesen, unabhängige Einordnung und offene Diskussion bestehen. Die Hinweise auf eine mögliche militärische Nutzung des Universitätsgeländes durch eine Terrororganisation machen dieses Erfordernis dringlicher, nicht überflüssig.
Der britische Jewish Chronicle fragte die Universität Bath ausdrücklich, ob sie angesichts der bekannten Waffenfunde zuvor eine Risikobewertung vorgenommen habe. Eine konkrete Antwort auf diese Frage wurde in der veröffentlichten Stellungnahme nicht gegeben.
Damit bleibt offen, nach welchen Maßstäben die Zusammenarbeit vorbereitet wurde und welche Prüfung der Partnerhochschule tatsächlich stattfand.
Ausgerechnet am 7. Oktober
Der Zeitpunkt der E-Mail verschärft den Vorgang zusätzlich. Am dritten Jahrestag des Hamas-Massakers, bei dem rund 1.200 Menschen in Israel ermordet und 251 als Geiseln verschleppt wurden, erhielten britische Studenten die Aufforderung, palästinensischen Darstellungen des Konflikts nicht zu widersprechen.
Gerade dieser Tag hätte Anlass sein müssen, die historischen und politischen Zusammenhänge besonders sorgfältig zu behandeln. Dazu gehören die Hamas-Terrorverbrechen, die Lage der israelischen Opfer und Geiseln, die Verantwortung der Terrororganisation sowie die Folgen des Krieges für die Menschen im Gazastreifen.
Stattdessen stand die Forderung im Raum, eine Seite von kritischen Nachfragen weitgehend auszunehmen.
Dass Menschen in Gaza Krieg, Verlust und Vertreibung erlebt haben, macht ihre Erfahrungen bedeutsam. Es macht ihre politischen Aussagen aber nicht automatisch unfehlbar. Persönliche Betroffenheit ersetzt keine überprüfbaren Fakten. Wer das Gegenteil vermittelt, verwechselt Empathie mit einem Verzicht auf wissenschaftliche Standards.
Die Universität Bath reagierte erst nach öffentlicher Kritik mit der Absage der gemeinsamen Lehrveranstaltung. Gegenüber jüdischen Medien bestätigte sie, dass die Onlineveranstaltungen nicht stattfinden würden. Vráblíková habe sich vorbehaltlos für den Zeitpunkt und den unangemessenen Inhalt ihrer Nachricht entschuldigt.
Die Hochschule bekannte sich anschließend zur Meinungsfreiheit und akademischen Freiheit.
Doch genau diese Grundsätze hätten gelten müssen, bevor eine Dozentin ihren Studenten erklärte, welche Positionen sie nicht hinterfragen sollen.
Die Entschuldigung beantwortet auch nicht, weshalb solche Vorgaben überhaupt als angemessene Vorbereitung einer universitären Lehrveranstaltung angesehen wurden. Ebenso bleibt ungeklärt, welche Konsequenzen Bath aus dem Umgang mit der Partnerhochschule zieht.
Für Universitäten sollte eine einfache Regel gelten: Keine politische Darstellung steht über kritischer Prüfung. Nicht die israelische, nicht die palästinensische und erst recht nicht die PropagandaDesinformation: Gezielte Täuschung der ÖffentlichkeitDesinformation bezeichnet bewusst verbreitete falsche oder irreführende Informationen. Ziel ist häufig, Menschen zu täuschen, Vertrauen zu zerstören, Konflikte zu verschärfen oder politische Entscheidungen zu beeinflussen.Mehr lesen einer Terrororganisation.
Wer Studenten das Widersprechen abgewöhnen will, unterrichtet keine Politikwissenschaft. Er verlangt Zustimmung.
Dass die Universität Bath dieses Seminar absagen musste, ist deshalb mehr als eine peinliche Episode. Der Vorgang zeigt, wie akademische Freiheit unter Druck gerät, wenn politische Rücksichtnahme wichtiger genommen wird als die Prüfung von Tatsachen.
Eine Universität ist kein Ort, an dem politische Aussagen durch Herkunft oder persönliche Betroffenheit unangreifbar werden. Sie ist der Ort, an dem auch unbequeme Fragen gestellt werden müssen.
Gerade beim Nahostkonflikt. Gerade gegenüber jeder beteiligten Seite. Und gerade am 7. Oktober.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Samstag, 17. Oktober 2026