Bei „NAZA“-Vorführung: Angehörige eines Hamas-Opfers erinnert an den 7. Oktober und wird beschimpft
Der Film „NAZA“ erhebt schwere und von der IDF in zentralen Punkten zurückgewiesene Vorwürfe gegen Israels Kriegsführung. Bei einer Vorführung in den Niederlanden wollte Sabine Taasa an jene erinnern, mit deren Ermordung dieser Krieg begann. Teile des Publikums reagierten mit „Das ist uns egal“, „Schäm dich“ und „Wir wollen das nicht hören“.

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Sabine Taasa kam nicht nach Delft, um über eine abstrakte politische Theorie zu sprechen. Sie kam mit der Geschichte ihrer Familie.
Ihr Mann Gil und ihr 17-jähriger Sohn Or wurden am 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen von HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Terroristen ermordet. Weitere Kinder der Familie wurden verletzt. Als Taasa am Donnerstag bei einer Vorführung von „NAZA“ in den Niederlanden nach vorne ging und die Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor mit dieser Realität konfrontierte, wollte sie wissen, warum die Opfer des Hamas-Massakers in der Erzählung des Films praktisch keinen Platz haben.
„Mein Mann und mein Sohn wurden von Hamas ermordet. Wo erscheint das in eurem Film?“, fragte sie.
Die Reaktion einiger Zuschauer sagt mehr über die Atmosphäre dieser Debatte aus als viele politische Erklärungen.
Aus dem Saal kamen Rufe wie „Das ist uns egal“, „Schäm dich“ und „Wir wollen das nicht hören“. Andere forderten Taasa auf zu gehen. Auf veröffentlichten Videoaufnahmen ist die feindselige Reaktion deutlich zu hören. Es gab nach niederländischen Berichten allerdings auch Zuschauer, die ihr Beifall spendeten.
Dass nicht der gesamte Saal an den Beschimpfungen beteiligt war, muss festgehalten werden. Ebenso deutlich muss aber festgehalten werden, was dort tatsächlich geschah: Eine Frau erzählte, dass Terroristen ihren Mann und ihren Sohn ermordeten, und Teile des Publikums erklärten ihr sinngemäß, dass sie diese Geschichte nicht hören wollten.
Genau diese Vorgeschichte fehlt Taasa in „NAZA“
Der Vorfall erhält seine eigentliche Bedeutung erst durch den Film, bei dessen Vorführung er geschah.
haOlam berichtete bereits ausführlich über „NAZA“. Der Film stützt schwere Vorwürfe gegen Israels Kriegsführung auf Aussagen von 24 anonymisierten Personen, die nach Angaben der Filmemacher in israelischen Militär- oder Nachrichtendiensteinheiten tätig waren. Er behauptet nicht lediglich einzelne Fehler oder mögliche Rechtsverstöße, sondern zeichnet das Bild eines Systems, in dem die massenhafte Tötung palästinensischer Zivilisten bewusst in Kauf genommen worden sei.
Die IDF hatte die Vorwürfe zunächst grundsätzlich zurückgewiesen und veröffentlichte am 1. Oktober nach Sichtung des vollständigen Films eine detaillierte Antwort. Darin spricht die Armee von einer verzerrten und irreführenden Darstellung und widerspricht mehreren zentralen Behauptungen ausdrücklich.
So weist die IDF die Darstellung zurück, künstliche Intelligenz habe eigenständig Ziele zum Angriff ausgewählt. Nach Angaben der Armee werden Ziele von Nachrichtendienstoffizieren identifiziert, anschließend von Fachstellen geprüft und schließlich von menschlichen Kommandeuren freigegeben.
Auch die Behauptung, ein Angriff mit einer erwarteten Zahl von etwa 500 zivilen Toten sei genehmigt worden, bezeichnet die IDF als falsch. Ebenso kritisiert sie, dass Aussagen einzelner anonymer Gesprächspartner über militärische und politische Entscheidungsprozesse als Beleg für ein gesamtes System präsentiert würden, obwohl deren tatsächliche Funktionen und ihr Zugang zu entsprechenden Informationen von außen nicht überprüfbar seien.
Genau vor diesem Hintergrund stellte Taasa ihre Frage.
Nicht: Darf über zivile Opfer in GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen gesprochen werden?
Natürlich darf und muss darüber gesprochen werden.
Ihre Frage war eine andere: Wie lässt sich die israelische Kriegsführung moralisch beurteilen, wenn der Ausgangspunkt dieses Krieges, das Hamas-Massaker vom 7. Oktober, aus der Erzählung herausgedrängt wird?
Taasa kennt diesen Ausgangspunkt nicht aus Nachrichtenbildern.
Ihr Sohn Or wurde am Strand von Zikim ermordet. Ihr Mann Gil starb in Netiv HaAsara, als er versuchte, seine Familie vor den Terroristen zu schützen. Weitere Kinder wurden verletzt.
Das ist der KontextKontextualisierung: Fakten verständlich einordnenKontextualisierung bedeutet, Informationen in einen Zusammenhang zu stellen. Sie hilft, Ereignisse nicht isoliert zu betrachten, sondern mit Vorgeschichte, Ursachen, Folgen und beteiligten Akteuren zu verstehen.Mehr lesen, den sie in Delft einforderte.
Wenn die Opfer stören
Niederländische Medien beschreiben Taasas Auftritt teilweise als „Störung“ der Filmvorführung. Formal ist das korrekt. Sie ging während der Veranstaltung nach vorne und unterbrach den Ablauf.
Doch wer nur diese Perspektive übernimmt, verpasst die eigentliche Geschichte.
Der bemerkenswerte Vorgang ist nicht, dass eine Frau eine Filmvorführung unterbrochen hat.
Der bemerkenswerte Vorgang ist, warum sie es tat und was ihr entgegengerufen wurde.
Taasa wollte daran erinnern, dass der Krieg nicht am 8. Oktober aus dem Nichts begann. Am 7. Oktober drangen Hamas-Terroristen nach IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen ein, ermordeten Menschen in ihren Häusern, auf Straßen und bei einem Musikfestival, verschleppten Geiseln nach Gaza und griffen ganze Ortschaften an.
Ihr eigener Mann und ihr eigener Sohn gehören zu den Ermordeten.
Wer einen Film über die israelische Reaktion auf diesen Krieg zeigt, darf selbstverständlich zu harten Schlussfolgerungen gelangen. Die Vorwürfe müssen sich dann aber einer ebenso harten Prüfung stellen. Genau deshalb ist die ausführliche Antwort der IDF relevant. Und genau deshalb ist auch die Perspektive derjenigen relevant, die den Angriff überlebt und Angehörige verloren haben.
Bei „NAZA“ scheint genau diese Perspektive für einige Zuschauer unerwünscht gewesen zu sein.
„Das ist uns egal.“
Dieser Satz richtet sich nicht gegen eine Regierungserklärung. Nicht gegen einen Armeesprecher. Nicht gegen Benjamin Netanyahu.
Er fiel, während eine Frau über ihren ermordeten Mann und ihren ermordeten Sohn sprach.
Man kann Israels Regierung kritisieren. Man kann Entscheidungen der IDF untersuchen. Man kann jedes einzelne militärische Vorgehen hinterfragen.
Aber sobald die Ermordung israelischer Zivilisten als störender Kontext behandelt wird, weil sie nicht in die gewünschte Erzählung passt, ist die Grenze einer ernsthaften Debatte überschritten.
Sabine Taasa wollte in Delft nicht verlangen, dass palästinensische Opfer vergessen werden.
Sie verlangte, dass auch ihre Toten nicht vergessen werden.
Für einige Menschen im Saal war offenbar schon das zu viel.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Samstag, 3. Oktober 2026