Hitlers Judenhass auf Arabisch: Londoner Buchladen verkauft „Mein Kampf“
Ein erst Anfang August eröffneter Buchladen in London bietet mehrere arabischsprachige Exemplare von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ an. Der Betreiber weist jede Nähe zum Nationalsozialismus zurück. Doch bei einem der zentralen Propagandawerke des Judenhasses reicht der Hinweis auf historische Literatur nicht aus.

In einem neu eröffneten Buchladen im Londoner Stadtteil Edgware sind mehrere arabischsprachige Ausgaben von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ zum Verkauf angeboten worden. Entdeckt wurden die Bücher nach einem Bericht von Ynet durch den konservativen Gemeinderat Elliot Keck, der die Exemplare fotografierte und den Fall öffentlich machte.
Der Buchladen Aafaq wurde erst am 1. August eröffnet. Nach Angaben des Geschäfts befanden sich drei Exemplare von „Mein Kampf“ im Sortiment. Die Betreiber behaupten, die Bücher hätten im hinteren Bereich gemeinsam mit historischen Werken gelegen. Keck widerspricht und erklärt, das Buch sei nach der Eröffnung auf einem zentralen Präsentationstisch angeboten worden.
Aafaq wirft Keck zudem vor, die Bücher für seine Fotos umgestellt zu haben. Keck bestreitet nicht, sie bewegt zu haben, sagt jedoch, er habe die Exemplare lediglich voneinander getrennt, damit erkennbar sei, wie viele davon angeboten würden.
Wo die Bücher ursprünglich lagen, ist damit umstritten. Dass mehrere arabischsprachige Exemplare von Hitlers antisemitischem Propagandawerk verkauft wurden, steht nach dem vorliegenden Bericht dagegen fest.
Und genau darin liegt das Problem.
„Mein Kampf“ ist keine gewöhnliche kontroverse Literatur. Hitler verbreitet darin zentrale Bestandteile seiner antisemitischen und rassistischen Ideologie. Juden werden dämonisiert und als angeblich zerstörerische Gruppe dargestellt. Wenige Jahre später wurde diese Weltanschauung Bestandteil einer staatlichen Politik, die in der systematischen Ermordung von sechs Millionen Juden endete.
Natürlich muss ein solches Werk für historische Forschung zugänglich bleiben. Wissenschaftlich kommentierte Ausgaben können erklären, einordnen und Hitlers PropagandaDesinformation: Gezielte Täuschung der ÖffentlichkeitDesinformation bezeichnet bewusst verbreitete falsche oder irreführende Informationen. Ziel ist häufig, Menschen zu täuschen, Vertrauen zu zerstören, Konflikte zu verschärfen oder politische Entscheidungen zu beeinflussen.Mehr lesen widerlegen. Eine bloße Übersetzung ohne kritischen Rahmen erfüllt diese Funktion jedoch nicht. Sie macht Hitlers antisemitischen Text zunächst lediglich für ein weiteres Publikum zugänglich.
Genau deshalb ist entscheidend, welche arabische Ausgabe Aafaq verkauft. Ynet macht keine abschließenden Angaben dazu, ob sie wissenschaftlich kommentiert ist. Dem Laden kann deshalb nicht ohne Belege unterstellt werden, bewusst nationalsozialistische Propaganda verbreiten zu wollen.
Die Betreiber erklären ausdrücklich, NationalsozialismusShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen, AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen, Rassismus und Islamfeindlichkeit abzulehnen. Die Anwesenheit eines kontroversen historischen Buches bedeute nicht, dessen Ideen zu unterstützen.
Das ist grundsätzlich richtig. Bei „Mein Kampf“ reicht diese Erklärung jedoch nicht aus.
Warum nimmt ein gerade eröffneter kleiner Buchladen gleich mehrere Exemplare dieses Werkes ins Sortiment? Warum eine arabische Ausgabe? Und vor allem: Erhalten Käufer irgendeine kritische historische EinordnungKontextualisierung: Fakten verständlich einordnenKontextualisierung bedeutet, Informationen in einen Zusammenhang zu stellen. Sie hilft, Ereignisse nicht isoliert zu betrachten, sondern mit Vorgeschichte, Ursachen, Folgen und beteiligten Akteuren zu verstehen.Mehr lesen?
Auch britische jüdische Organisationen stellen diese Fragen. Der Community Security Trust kritisierte den Verkauf scharf. Die Campaign Against Antisemitism betonte den entscheidenden Unterschied zwischen einer wissenschaftlich eingeordneten Ausgabe und der Verbreitung des Textes ohne kritischen Kontext. Das Jewish Leadership Council bezeichnete den Vorgang als schockierend.
Diese Reaktionen sind nachvollziehbar. Großbritanniens jüdische Gemeinschaft erlebt seit dem 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen eine massive Zunahme antisemitischer Vorfälle. In diesem Klima ist es nicht bedeutungslos, wenn Hitlers bekanntestes antisemitisches Propagandawerk in mehreren Exemplaren in einem neu eröffneten Londoner Geschäft angeboten wird.
Es geht dabei nicht um ein Verbot von Geschichte.
Es geht darum, wie mit einem Text umgegangen wird, der Menschen nicht informieren, sondern Juden entmenschlichen und Hass verbreiten sollte.
Ein historisch-kritisches Werk erklärt diesen Hass.
Eine unkommentierte Übersetzung verbreitet zunächst Hitlers Worte.
Sollte Aafaq eine wissenschaftlich kommentierte Ausgabe angeboten haben, sollte der Laden das transparent machen. Sollte es dagegen lediglich eine unkommentierte arabische Übersetzung sein, ist die Empörung der jüdischen Organisationen mehr als verständlich.
Hitlers Judenhass wird nicht harmloser, weil das Buch fast hundert Jahre alt ist.
Und er wird auch nicht harmloser, wenn er auf Arabisch gedruckt wird.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Sonntag, 16. August 2026