Im Supermarkt erkannt, dann mit Hitlers Massenmord bedroht

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Im Supermarkt erkannt, dann mit Hitlers Massenmord bedroht


Ein Mann aus Irland trifft in einem französischen Supermarkt auf jüdische Touristen. Was folgt, ist keine Israelkritik, sondern offener Vernichtungsantisemitismus: Hitler habe seinen „Job“ nicht beendet, dazu kommt nach einem Bericht sogar eine Erschießungsdrohung.

Im Supermarkt erkannt, dann mit Hitlers Massenmord bedroht
Bildnachweis: Pixabay

Ein alltäglicher Einkauf in einem französischen Supermarkt wird für ein jüdisches Paar zu einer Begegnung mit offenem JudenhassAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen. Nach einem Bericht der Jüdischen Allgemeinen geriet ein Mann aus Irland mit jüdischen Touristen aneinander und äußerte dabei antisemitische Beschimpfungen. Der Vorfall wurde gefilmt, das Video anschließend in sozialen Netzwerken verbreitet. Der Mann soll dabei sinngemäß bedauert haben, dass Adolf Hitler die Vernichtung der Juden nicht „vollendet“ habe. Nach Angaben der Zeitung blieb es nicht bei der Verherrlichung des nationalsozialistischen Massenmordes. Der Mann soll dem Paar auch mit Erschießung gedroht haben.

Mehr muss eigentlich nicht gesagt werden, um einzuordnen, womit man es hier zu tun hat. Wer bedauert, dass Hitler nicht alle Juden ermordet hat, kritisiert keine Regierung in JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen. Er protestiert nicht gegen einen Krieg. Er diskutiert nicht über GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen, Siedlungen oder Benjamin Netanjahu. Er bedauert, dass sechs Millionen ermordete Juden dem NationalsozialismusShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen offenbar nicht genug waren.

Das ist Vernichtungsantisemitismus in seiner offensten Form.

Gerade deshalb ist der Vorfall wichtig. Seit dem 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen wird bei antisemitischen Übergriffen in Europa immer wieder versucht, politische Erklärungen nachzuliefern. Dann ist von Gaza die Rede, von Wut über IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen oder davon, dass Emotionen hochgekocht seien. Solche Erklärungen werden spätestens dann absurd, wenn einem jüdischen Menschen entgegengehalten wird, Hitler hätte seine Arbeit zu Ende bringen sollen.

Die Schoah war keine israelische Militäroperation.

Die sechs Millionen ermordeten Juden wurden nicht wegen Benjamin Netanjahu getötet.

Und Hitler ermordete keine Juden wegen des Gazastreifens.

Wer sich auf Hitler beruft, sagt selbst sehr deutlich, worum es ihm geht.

Bemerkenswert ist auch der Ort des Geschehens. Die Betroffenen befanden sich nicht auf einer Demonstration, sie hielten nach dem öffentlich zugänglichen Bericht keine politische Kundgebung ab und standen auch nicht vor einer israelischen Botschaft. Die Begegnung ereignete sich in einem Supermarkt in Frankreich. Dass die Betroffenen jüdische Touristen waren, genügte offenbar, um den Hass auszulösen.

Damit reiht sich der Vorgang in eine Entwicklung ein, bei der jüdische Identität und israelische Politik zunehmend bewusst miteinander vermischt werden. Ein Jude in Paris, Dublin, London oder Berlin wird dabei zum Ersatzadressaten für alles gemacht, was jemand dem Staat Israel vorwirft. In besonders extremen Fällen fällt selbst diese vorgeschobene politische Begründung weg und der alte Judenhass tritt unverhüllt hervor.

Genau das scheint hier geschehen zu sein.

Der Umstand, dass der Mann aus Irland stammt, macht ihn selbstverständlich nicht zum Vertreter der irischen Bevölkerung. Eine solche Verallgemeinerung wäre unseriös. Dennoch fällt der Vorfall in eine Zeit, in der die kleine jüdische Gemeinschaft Irlands selbst vor einer erheblichen Zunahme antisemitischer Erfahrungen warnt.

Der Jewish Representative Council of Ireland dokumentierte zwischen Juli 2025 und Januar 2026 insgesamt 143 gemeldete antisemitische Vorfälle. Darunter waren 52 Fälle mit Beschimpfungen oder antisemitischen Äußerungen, 47 Fälle von Vandalismus oder Graffiti sowie 35 Fälle mit Drohungen oder Einschüchterung. Die Organisation betonte selbst, dass es sich nicht um eine repräsentative nationale Kriminalstatistik handelt und die einzelnen Meldungen nicht sämtlich unabhängig gerichtlich überprüft wurden. Dennoch bezeichnete sie die Ergebnisse als Anlass zu großer Sorge.

Auch die irische Regierung nahm den Bericht ernst. Außenministerin Helen McEntee bezeichnete die 143 gemeldeten Vorfälle als alarmierend und verurteilte Antisemitismus ausdrücklich. Die Regierung verwies dabei auch auf Fälle von HolocaustleugnungHolocaustleugnung: Antisemitische GeschichtsfälschungHolocaustleugnung bezeichnet die vollständige oder teilweise Leugnung der Shoah. Sie bestreitet, verharmlost oder verfälscht die nationalsozialistische Ermordung von rund sechs Millionen Juden und gilt als zentrale Form antisemitischer Geschichtsfälschung.Mehr lesen und HolocaustverzerrungHolocaust-Relativierung: Die Verharmlosung der ShoahHolocaust-Relativierung bezeichnet die Verharmlosung, Verzerrung oder Entwertung der Shoah. Sie leugnet den Holocaust nicht zwingend offen, stellt ihn aber durch falsche Vergleiche, Verkleinerung, Umdeutung oder Täter-Opfer-Umkehr in ein verzerrtes Licht.Mehr lesen innerhalb der dokumentierten Vorfälle.

Das ist eine wichtige Differenzierung. Es wäre falsch, aus der Herkunft eines antisemitisch pöbelnden Mannes einen Vorwurf gegen alle Iren zu konstruieren. Ebenso falsch wäre es jedoch, den dokumentierten Judenhass kleinzureden, nur weil er nicht in das Bild eines modernen und toleranten Europas passt.

Judenfeindschaft muss nicht subtil sein.

Manchmal trägt sie keine komplizierte politische Theorie vor sich her. Manchmal verzichtet sie sogar auf das inzwischen gebräuchliche Versteckspiel mit Begriffen wie „Zionisten“.

Manchmal sagt sie einfach: Hitler hätte mehr Juden ermorden sollen.

Wer anschließend noch darüber diskutieren möchte, ob solche Äußerungen vielleicht lediglich besonders scharfe Israelkritik seien, verweigert sich der Realität.

Der Satz über Hitler ist auch deshalb besonders widerwärtig, weil er die Opfer der Schoah ein zweites Mal entmenschlicht. Hinter der scheinbar beiläufigen Formulierung vom nicht „vollendeten Job“ stehen Kinder, Frauen und Männer, die erschossen, vergast, zu Tode geprügelt, ausgehungert oder durch Zwangsarbeit ermordet wurden. Die Nationalsozialisten und ihre Helfer vernichteten ganze Familien und Gemeinden. Das United States Holocaust Memorial Museum beschreibt die systematische Ermordung der europäischen Juden als staatlich organisierten Genozid, bei dem etwa sechs Millionen Juden ermordet wurden.

Das als nicht erledigte „Arbeit“ zu bezeichnen, ist keine Provokation am Rand einer politischen Diskussion. Es ist eine Billigung des Völkermordes und zugleich die Vorstellung, dieser hätte noch umfassender sein sollen.

Kommt dazu eine Drohung, die betroffenen Juden zu erschießen, erhält die Situation eine weitere Dimension. Dann geht es nicht mehr ausschließlich um widerwärtige Worte über historische Verbrechen. Dann richtet sich die Gewaltfantasie gegen Menschen, die unmittelbar vor dem Sprecher stehen. Nach dem Bericht der Jüdischen Allgemeinen soll genau eine solche Drohung gefallen sein.

Ob und welche strafrechtlichen Ermittlungen wegen des Vorfalls eingeleitet wurden, lässt sich aus den derzeit öffentlich zugänglichen Informationen nicht sicher feststellen. Deshalb wäre es falsch, eine Festnahme oder ein Verfahren zu behaupten. Entscheidend ist zunächst das dokumentierte Verhalten selbst.

Der Vorgang zeigt auf erschreckend einfache Weise, warum die ständige Trennung zwischen angeblich bloßem IsraelhassAnti-Zionismus: Wenn Israelhass als Politik getarnt wirdAnti-Zionismus bezeichnet die Ablehnung des Zionismus und damit häufig die Ablehnung jüdischer Selbstbestimmung im Staat Israel. Nicht jede Kritik an israelischer Politik ist antisemitisch. Anti-Zionismus wird jedoch dort antisemitisch, wo Israel delegitimiert, dämonisiert oder mit doppelten Maßstäben behandelt wird.Mehr lesen und Antisemitismus in der Realität immer wieder zusammenbricht. Natürlich ist nicht jede Kritik an Israel antisemitisch. Natürlich darf jeder die israelische Regierung ablehnen.

Aber sobald jüdische Touristen in einem Supermarkt mit Hitler konfrontiert werden, endet diese Diskussion.

Dann steht nicht Israel vor dem Täter.

Dann stehen dort Juden.

Und genau sie werden zum Ziel.

Europa hat Jahrzehnte lang versprochen, aus seiner Geschichte gelernt zu haben. Dieses Versprechen misst sich nicht an Gedenkreden im Januar. Es misst sich daran, ob ein jüdisches Paar im August einen Supermarkt betreten kann, ohne hören zu müssen, dass Hitler es besser hätte ebenfalls ermorden sollen.

Dass solche Sätze 2026 wieder ausgesprochen werden, ist schlimm genug.

Dass Juden sie inzwischen an ganz gewöhnlichen Orten hören müssen, ist noch beunruhigender.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Donnerstag, 13. August 2026

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