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„Wannsee wieder sauber“: Judenhass gegen die MS Goldberg


Ein Mann umkreist die MS Goldberg mit seinem Motorboot, beschimpft Gäste wegen Israel und setzt Netanjahu mit Hitler gleich. Nach der Abfahrt erklärt er den Wannsee für „sauber“.

„Wannsee wieder sauber“: Judenhass gegen die MS Goldberg
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Ein Mann sieht ein jüdisches Kulturschiff am Berliner Wannsee und erklärt die Menschen an Bord kurzerhand zu Verantwortlichen für den Krieg im GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen. Er fährt mehrfach mit seinem Motorboot an der MS Goldberg vorbei, schreit antisemitische Beschimpfungen über das Wasser und setzt seine Angriffe später per E-Mail und Facebook fort. Als das Schiff seinen Liegeplatz verlässt, schreibt er dem Team, es sei gut, dass der Wannsee wieder „sauber“ sei.

Dieser Satz lässt keine Ausrede zu. Für den Absender war nicht eine politische Veranstaltung verschwunden, sondern ein jüdisches Kulturschiff. Seine Mitarbeiter, Künstler und Besucher hatten den Ort in seinen Augen verunreinigt. Erst ihre Abreise machte ihn angeblich wieder sauber.

Der Vorfall ereignete sich am 23. Juli, kurz vor einer Filmvorführung auf der MS Goldberg. Das Schiff lag zu diesem Zeitpunkt seit mehreren Wochen am Anleger beim Bahnhof Wannsee. An Bord wurden Konzerte, Filme und weitere Kulturveranstaltungen angeboten. An jenem Abend sollte „A Serious Man“ der Brüder Joel und Ethan Coen gezeigt werden.

Noch bevor die Vorführung begann, fuhr der Mann nach Angaben der Besatzung wiederholt mit seinem Motorboot an der MS Goldberg vorbei. Er rief, das Schiff solle in diesem Jahr zum letzten Mal dort liegen. Die Menschen an Bord sollten zum Gazastreifen fahren und sich dort ihre angebliche „Morderei“ ansehen. Außerdem erklärte er, sie seien dort alle unbeliebt.

Er kannte die Gäste nicht. Er wusste nichts über ihre politischen Ansichten, ihre Herkunft oder ihre persönliche Haltung zum Krieg. Für seine Schuldzuweisung genügte die Verbindung zu einem jüdischen Kulturschiff. Damit behandelte er Juden und Besucher jüdischer Veranstaltungen als Vertreter Israels, die sich für Entscheidungen einer fremden Regierung rechtfertigen müssten.

Das ist der Kern des antisemitischen Angriffs. Jüdische Menschen werden nicht als Einzelne wahrgenommen, sondern kollektiv für IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen verantwortlich gemacht. Ihre bloße Anwesenheit wird politisiert, ihr kulturelles Leben mit einem Krieg gleichgesetzt und ihre Zugehörigkeit zum öffentlichen Raum infrage gestellt.

Der Kapitän konnte einen Teil der Beschimpfungen aufnehmen und das Kennzeichen des Motorbootes notieren. Nach dem Bericht liegen außerdem Fotos, eine E-Mail-Adresse und ein Facebook-Konto des Mannes vor. Es handelt sich damit nicht um eine anonyme Beleidigung, deren Urheber sich nicht mehr feststellen lässt.

Die Hetze ging nach der Abfahrt weiter

Noch am selben Abend erhielt das Team des Kulturschiffs eine E-Mail. Darin wurde es aufgefordert, am Strand des Gazastreifens Theater für hungernde Kinder zu spielen. Als Schauspieler schlug der Absender Benjamin Netanjahu vor, der Adolf Hitler darstellen solle.

Die Gleichsetzung des israelischen Ministerpräsidenten mit Hitler ist keine zugespitzte Kritik an einer Regierung. Sie verharmlost die nationalsozialistische Vernichtung der europäischen Juden und kehrt Täter und Opfer um. Ausgerechnet jüdische Künstler und Besucher werden mit dem Regime gleichgesetzt, das Millionen Juden entrechtete, deportierte und ermordete.

Auch damit war der Angriff nicht beendet. Als die MS Goldberg den Wannsee verließ und nach Spandau weiterfuhr, schrieb der Mann dem Team über Facebook: „Gut, dass der Wannsee wieder sauber ist.“

Diese Nachricht zeigt deutlicher als jede nachträgliche Erklärung, dass es nicht um eine sachliche Auseinandersetzung mit Israel ging. Der Absender betrachtete jüdische Kultur als etwas Schmutziges, das aus seiner Umgebung verschwinden sollte. Der Hass richtete sich nicht gegen eine einzelne Entscheidung in JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen, sondern gegen jüdische Sichtbarkeit in Berlin.

Der Ort verschärft die Wirkung dieser Worte. Am Wannsee fand am 20. Januar 1942 jene Konferenz statt, bei der führende Vertreter des nationalsozialistischen Staates die bereits laufende Ermordung der europäischen Juden verwaltungstechnisch abstimmten. Ob der Mann bewusst auf diese Geschichte anspielte, ist bislang nicht bekannt. Seine Formulierung bleibt dennoch erschreckend: Ein jüdisches Schiff fährt ab, und der Wannsee wird anschließend als „sauber“ bezeichnet.

Die Crew meldete die Vorfälle der Recherche- und Informationsstelle AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen. Ob Polizei und Staatsanwaltschaft bereits Ermittlungen eingeleitet haben, ist bislang nicht bekannt. Angesichts der vorhandenen Aufnahmen und Kontaktdaten darf es jedoch nicht bei einer statistischen Erfassung bleiben. Der Mann muss identifiziert und sein Verhalten rechtlich geprüft werden.

Die MS Goldberg steht für genau das, was Antisemiten verhindern wollen: sichtbares jüdisches Leben, das sich nicht versteckt und nicht auf Gedenkveranstaltungen reduzieren lässt. Auf dem Schiff wird musiziert, diskutiert, gelacht und gestritten. Es bringt jüdische Geschichte und Gegenwart mitten in den öffentlichen Raum.

Der Angriff zeigt, wie schnell dieser Raum Juden erneut streitig gemacht wird. Ein Kulturabend genügt, um Menschen wegen Gaza anzuschreien. Ein jüdischer Name reicht, um sie kollektiv für Israel verantwortlich zu machen. Eine Abfahrt wird zum Anlass, einen Berliner Ort für gereinigt zu erklären.

Deutschland verzeichnet gemessen an der jüdischen Bevölkerung mehr antisemitische Vorfälle als jedes andere der sieben großen Diasporaländer. Hinter diesen Zahlen stehen genau solche Situationen. Juden werden nicht erst dann bedroht, wenn körperliche Gewalt beginnt. Der Angriff setzt bereits dort ein, wo ihnen vermittelt wird, ihre Anwesenheit sei unerwünscht und ihre Kultur habe in der Öffentlichkeit keinen Platz.

Die Botschaft an die MS Goldberg war eindeutig: Verschwindet vom Wannsee, rechtfertigt euch für Israel und nehmt eure jüdische Kultur mit.

Die Antwort Berlins muss ebenso eindeutig sein: Der Wannsee gehört nicht dem Antisemiten im Motorboot. Jüdisches Leben gehört dorthin, sichtbar und ohne Rechtfertigung.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Freitag, 31. Juli 2026

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