Wenn Israel widerspricht, erklärt die Tagesschau es zur „achten Front“
Erst Deutschlandfunk, jetzt tagesschau: Ein ARD-Beitrag macht Israels Öffentlichkeitsarbeit zum Verdachtsfall. Dabei zeigt gerade dieser Text, wie öffentlich-rechtliche Berichterstattung selbst um Deutung kämpft.

Bildnachweis: KI-generiertes Symbolbild / Karikatur
Es ist ein bemerkenswerter Vorgang: Erst lief das Thema bei Deutschlandfunk und ARD Sounds, nun steht es auf tagesschau.de. Wieder geht es um „Hasbara“, wieder um Israels öffentliche Diplomatie, wieder um Geld, Influencer, Lobbyarbeit, Algorithmen und den Vorwurf, IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen betreibe mehr als bloße Erklärung. Der Titel lautet diesmal: „Kampf um Deutungshoheit: Israels Einsatz an der ‚achten Front‘“. Autor ist Jan-Christoph Kitzler, ARD Tel Aviv.
Damit ist das Thema nicht mehr nur ein einzelnes Radiofeature. Es steht nun auf einer zentralen Nachrichtenplattform der ARD. Und genau dadurch wird sichtbar, worum es eigentlich geht: nicht nur um israelische Regierungskommunikation, sondern um ein öffentlich-rechtliches Deutungsmuster.
Das ist keine Unterstellung persönlicher Absicht gegen den Autor. Es ist eine Kritik an Rahmung, Gewichtung und Wirkung eines öffentlich-rechtlichen Beitrags.
Hasbara als Verdachtswort
Schon der Rahmen ist aufschlussreich. Für Israels Regierung, so die Tagesschau, verlaufe in den Medien die „achte Front“. Deshalb gebe Israel immer mehr Geld aus, um Botschaften „in ihrem Sinn“ zu verbreiten. Das klingt nicht wie eine neutrale Beschreibung staatlicher Öffentlichkeitsarbeit. Die Wirkung ist deutlich: Israels Kommunikation erscheint weniger als legitime Gegenrede eines angegriffenen Staates, sondern als Versuch, Wahrnehmung gezielt zu steuern.
Natürlich darf man israelische Regierungskommunikation kritisieren. Natürlich darf man fragen, ob ein Video, eine Kampagne oder ein bezahlter Suchmaschineneintrag zu scharf, zu einseitig oder irreführend ist. Kein demokratischer Staat steht außerhalb journalistischer Kontrolle. Auch Israel nicht.
Aber genau darum geht es hier nicht allein. Es geht um den Maßstab.
Denn dieselbe ARD, die Israels Öffentlichkeitsarbeit als „Kampf um Deutungshoheit“ beschreibt, ist selbst Teil eines öffentlich finanzierten Systems, das täglich Deutung erzeugt. Die Tagesschau informiert nicht nur. Sie setzt Themen, wählt Begriffe, ordnet ein, entscheidet, welche Vorwürfe groß erscheinen und welche Einwände klein bleiben. Das ist Macht. Nicht illegitim, aber Macht.
Wenn Israel diese Macht benennt und ihr etwas entgegensetzt, heißt es „Hasbara“. Wenn öffentlich-rechtliche Redaktionen ihre Sicht auf Israel verbreiten, heißt es Berichterstattung.
Der blinde Fleck heißt HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen
Der Tagesschau-Text beginnt mit Influencern, die 2025 im GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen israelische Botschaften verbreiteten. Er stellt sie in den Zusammenhang der Hungerfrage, der Blockade, der IPC-Einschätzung und israelischer Anzeigenkampagnen. Man muss nicht jedes dieser israelischen Videos verteidigen, um das Problem zu sehen: Der Text baut seine Dramaturgie so, dass israelische Kommunikation von Anfang an unter Manipulationsverdacht steht.
In dieser Dramaturgie rückt Hamas gegenüber Israels Kommunikation deutlich in den Hintergrund. Genau das ist der blinde Fleck.
Seit dem 7. Oktober führt Israel keinen Krieg gegen eine normale Regierung, sondern gegen Terrororganisationen, die Massaker filmten, Geiseln als psychologische Waffen einsetzen, zivile Infrastruktur militärisch nutzen und internationale Öffentlichkeit gezielt bearbeiten. Hamas, HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen und Islamischer DschihadIslamischer Dschihad: Irans Terrorpartner gegen IsraelDer Islamische Dschihad ist eine palästinensische Terrororganisation, die Anfang der 1980er Jahre entstand. Sie lehnt Israel ab, wird stark vom Iran unterstützt und verfügt mit den Al Quds Brigaden über einen bewaffneten Arm.Mehr lesen sowie Iran als staatlicher Unterstützer und strategischer Akteur führen längst nicht nur Krieg mit Raketen, Tunneln und Drohnen. Sie führen Krieg mit Bildern, Zahlen, Begriffen, Schuldzuweisungen und moralischer Erpressung.
Wer Israels Gegenrede so stark ausleuchtet, ohne den Informationskrieg seiner Gegner mit derselben Schärfe zu behandeln, verschiebt den Blick.
Israel muss nicht deshalb kommunizieren, weil es sich eine „achte Front“ ausgedacht hätte. Israel muss kommunizieren, weil seine Gegner diese Front längst eröffnet haben.
UNRWAUNRWA: Das UN-Hilfswerk, das den Flüchtlingsstatus vererbtUNRWA ist das 1949 gegründete UN-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge. Es betreut heute rund 5,9 Millionen registrierte Personen und steht wegen vererbtem Flüchtlingsstatus, Schulmaterialien, Hamas-Vorwürfen und seiner politischen Dauerrolle in der Kritik.Mehr lesen: Wenn Sicherheitsvorwürfe zur Kampagne erklärt werden
Besonders auffällig ist der Abschnitt über UNRWA. Die Tagesschau schreibt, Israels Regierung betreibe „Delegitimierungskampagnen“ gegen das Palästinenserhilfswerk. Das ist eine starke Formulierung. Denn es ging nicht um irgendeinen beliebigen Vorwurf.
Nach dem 7. Oktober standen konkrete Vorwürfe gegen UNRWA-Mitarbeiter im Raum. Die Vereinten Nationen teilten 2024 selbst mit, dass neun Mitarbeiter möglicherweise an den Hamas-Angriffen beteiligt gewesen seien; ihre Arbeitsverhältnisse wurden beendet. UNRWA bestreitet eine systematische Unterwanderung, und auch das gehört in eine faire Darstellung. Aber wer Israels Kritik daran vor allem als „Delegitimierungskampagne“ beschreibt, macht aus einem Sicherheitsvorwurf schnell ein PR-Problem.
Genau hier liegt die Schieflage. Israel soll sich erklären, aber bitte so, dass es nicht wie Verteidigung aussieht. Israel soll Vorwürfe beantworten, aber nicht zu professionell. Israel soll gegen Begriffe wie „Genozid“, „Apartheid“ und „Hungern als Kriegswaffe“ argumentieren, aber wenn es dafür Geld ausgibt, Delegationen einlädt, Anzeigen schaltet oder Algorithmen bespielt, wird daraus sofort ein Verdachtsfall.
Was wäre denn die Alternative? Dass ein Staat, der nach dem größten Massaker an Juden seit der ShoahShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen angegriffen wurde, schweigt? Dass Israel die internationale Debatte allein jenen überlässt, die Hamas-Verbrechen relativieren, Hisbollah-Raketen als „Widerstand“ verklären oder den jüdischen Staat als koloniales Fremdprojekt delegitimieren?
Es ist leicht, aus einem deutschen Redaktionsraum heraus über „Hasbara“ zu sprechen. Schwieriger ist die ehrliche Frage, warum ausgerechnet Israel seine Sicht auf den Krieg nicht professionell vertreten sollte.
Deutschland nennt es Auftrag, Israel nennt man PropagandaDesinformation: Gezielte Täuschung der ÖffentlichkeitDesinformation bezeichnet bewusst verbreitete falsche oder irreführende Informationen. Ziel ist häufig, Menschen zu täuschen, Vertrauen zu zerstören, Konflikte zu verschärfen oder politische Entscheidungen zu beeinflussen.Mehr lesen
Deutschland tut genau das selbstverständlich auch. Die Deutsche Welle ist der deutsche Auslandssender, finanziert aus Bundesmitteln. Sie soll Deutschland in der Welt erklären, deutsche Perspektiven vermitteln, Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sichtbar machen. Die Bundesregierung beschreibt sie offen als wichtige Stimme Deutschlands im Ausland.
Das ist nicht anrüchig. Es ist staatlich finanzierte Kommunikation. Deutschland nennt es Auftrag.
Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland wird mit Milliarden finanziert. Der Rundfunkbeitrag beträgt 18,36 Euro im Monat. Davon fließen nach offizieller Darstellung Anteile an ARD, ZDF und Deutschlandradio. Deutschlandradio betont, dass seine Programme fast ausschließlich über den Rundfunkbeitrag finanziert werden und Werbung sowie Sponsoring nicht zulässig sind.
Das macht ARD, ZDF oder Deutschlandradio nicht illegitim. Aber es macht die moralisch aufgeladene Kritik problematisch, mit der ausgerechnet öffentlich finanzierte Medien Israels staatliche Kommunikation unter Verdacht stellen. Wer selbst durch öffentliche Finanzierung getragen wird, sollte vorsichtig sein, wenn er die Kommunikationsausgaben eines angegriffenen Staates als besonders verdächtig inszeniert.
Wenn Deutschland der Welt seine Sicht erklärt, heißt es Deutsche Welle.
Wenn Israel der Welt seine Sicht erklärt, heißt es Hasbara.
Dieser Unterschied ist nicht zufällig. Er prägt die Wahrnehmung.
Die Frage, die die ARD nicht stellt
Der Tagesschau-Beitrag fragt, ob Israel bei seiner Öffentlichkeitsarbeit Mittel einsetzt, die zu seinem Anspruch passen, ein liberaler Rechtsstaat und die einzige Demokratie im Nahen Osten zu sein. Das ist eine legitime Frage.
Aber sie müsste dann auch in die andere Richtung gestellt werden: Passt es zum Anspruch öffentlich-rechtlicher Ausgewogenheit, Israels Gegenrede ausführlich als Kampagne zu vermessen, während die Propagandastrukturen seiner Gegner nur am Rand erscheinen?
Passt es zur gebotenen Distanz, wenn israelische Sicherheitsargumente so schnell in die Nähe von Manipulation geraten, während der Informationskrieg der Hamas eher als KontextKontextualisierung: Fakten verständlich einordnenKontextualisierung bedeutet, Informationen in einen Zusammenhang zu stellen. Sie hilft, Ereignisse nicht isoliert zu betrachten, sondern mit Vorgeschichte, Ursachen, Folgen und beteiligten Akteuren zu verstehen.Mehr lesen vorkommt? Passt es zur journalistischen Fairness, wenn Israels Kritik an UNRWA als Delegitimierung erscheint, aber die Gründe für diese Kritik nicht mit derselben Wucht stehen bleiben?
Genau das ist der Punkt. Israel ist nicht nur ein Staat, der seine Politik schönreden will. Israel ist ein Land, das in einem globalen Informationskrieg steht. Nach dem 7. Oktober, nach Geiselnahmen, Massakervideos, Raketenfronten, Hisbollah-Angriffen, iranischer Eskalation und weltweiten Kampagnen gegen seine Existenz muss Israel erklären, widersprechen, belegen, korrigieren und mobilisieren.
Das ist nicht immer elegant. Es ist nicht immer fehlerfrei. Aber es ist notwendig.
Diese Front wurde Israel aufgezwungen
Die Tagesschau nennt das eine „achte Front“. Vielleicht ist dieser Begriff sogar treffend. Nur sollte man dann ehrlich sagen: Diese Front wurde Israel nicht von Netanyahu erfunden. Sie wurde Israel aufgezwungen.
Wer Israel in sozialen Medien, vor Gerichten, in Universitäten, in internationalen Organisationen und in europäischen Redaktionen ständig mit Maximalvorwürfen konfrontiert, kann nicht anschließend empört sein, wenn Israel versucht, die Deutung nicht kampflos abzugeben.
Der Krieg gegen Israel findet nicht nur an den Grenzen statt. Er findet auch in Begriffen statt. „Genozid“, „Apartheid“, „Kolonialstaat“, „Besatzungsregime“, „Hungern als Waffe“ – das sind nicht nur Wörter. Es sind politische Kampfmittel. Sie sollen Israel moralisch isolieren, seine Selbstverteidigung delegitimieren und seine Unterstützer unter Druck setzen.
Wer diese Sprache verbreitet oder übernimmt, beteiligt sich an Deutung. Wer sie kritisch prüft, ebenfalls. Nur Israel soll offenbar schon verdächtig sein, wenn es überhaupt widerspricht.
Das ist der doppelte Maßstab.
Der doppelte Maßstab bleibt
Der entscheidende Satz bleibt deshalb:
Wenn Deutschland der Welt seine Sicht erklärt, heißt es Deutsche Welle.
Wenn der Deutschlandfunk Israel erklärt, heißt es Hintergrund.
Wenn die Tagesschau Israel erklärt, heißt es Einordnung.
Wenn Israel sich selbst erklärt, heißt es Hasbara.
Diese Ungleichheit ist kein Sprachproblem. Sie ist ein Problem der deutschen Israelberichterstattung.
Israelische Kommunikation darf kritisiert werden. Sie muss sogar kritisiert werden, wenn sie falsch, irreführend oder politisch überzogen ist. Aber wer Israel kritisiert, muss auch die eigene Rolle offenlegen. Öffentlich-rechtliche Medien stehen nicht außerhalb des Kampfes um Deutung. Sie sind mittendrin.
Und genau deshalb ist dieser Tagesschau-Beitrag so aufschlussreich. Er beschreibt Israels Kampf um Öffentlichkeit und demonstriert zugleich, wie öffentlich-rechtliche Deutung funktioniert.
Nicht heimlich. Nicht verschwörerisch. Sondern sichtbar. Jeden Tag. Mit Themenwahl, Begriffen, Gewichtung und Ton.
Transparenzhinweis der Redaktion:
Und nein: Israel bezahlt uns dafür nicht. Keine Regierung, keine Botschaft, kein Ministerium und kein israelisches Programm finanziert diese Berichterstattung. Wir wissen, dass dieser Vorwurf gern erhoben wird, sobald ein Medium Israel nicht reflexhaft verurteilt. Aber er bleibt eine Unterstellung. Unsere Haltung entsteht nicht aus einem Auftrag, sondern aus Überzeugung, Erfahrung und der Weigerung, den jüdischen Staat im Krieg gegen Terror, Lügen und Delegitimierung allein nach den Begriffen seiner Gegner zu beurteilen.
Autor: Samuel Benning
Artikel veröffentlicht am: Sonntag, 28. Juni 2026