Juden sollen wieder schuld sein: Der Antisemitismus in deutschen Kommentarspalten


Unter haOlam-Artikeln zeigen Kommentare, wie offen Antisemitismus wieder ausgesprochen wird. Es geht nicht nur um Israelkritik, sondern um Juden, Kollektivschuld und Verachtung.

Juden sollen wieder schuld sein: Der Antisemitismus in deutschen Kommentarspalten
Bildnachweis: Symbolbild

Wer wissen will, wie tief der Hass gegen Juden inzwischen wieder in öffentliche Debatten eingesickert ist, muss keine geheimen Chatgruppen suchen. Es reicht, die Kommentarspalten unter Artikeln über IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen, jüdisches Leben und antisemitische Vorfälle zu lesen. Dort steht, oft unter Klarnamen, was viele später bestreiten würden: Juden werden für Israel haftbar gemacht, Israelis pauschal zu Tätern erklärt, jüdische Gemeinden zu Distanzierungen gedrängt, jüdische Symbole politisch verdächtigt und jüdische Angst verspottet.

Das geschieht nicht nur in einem extremistischen Randmilieu. Natürlich gibt es islamistische, arabisch-nationalistische, pro-palästinensische und linksideologische Feindbilder, die seit dem 7. Oktober besonders aggressiv auftreten. Aber wer genau hinsieht, erkennt auch deutsche Namen, deutsche Ressentiments und einen alten deutschen AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen, der sich heute moderner Wörter bedient. Er spricht von Menschenrechten, Völkerrecht, GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen, UNO oder „ZionismusZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen“, landet aber immer wieder bei derselben Frage: Warum sollen Juden nicht verantwortlich sein für das, was Israel tut?

Unter einem Bericht über Juden in Norwegen, die seit dem 7. Oktober von Angst, Isolation und dem Verbergen ihrer Identität berichten, schrieb Frank: „Geht nach Gaza. Da lernt ihr echte Angst kennen.“ Adodo legte nach: „Ach ne. Sie haben Angst... Das hatten die über 20.000 t9ten Kinder in Gaza wahrscheinlich auch. Aber naja..“ Später fragte er: „Warum haben denn Juden in Norwegen Angst? Also, ich sehe da schon eine Verbindung.“ Mourad kommentierte nur: „Seek and hide.“ Enisa schrieb spöttisch: „Moiiiiii.“ Olaf wurde noch deutlicher: „Haut ab ihr wahren Verbrecher und Massenmörder, geht nach Hause nach Israel, adios.“ Patrick brachte es ohne jede Tarnung auf den Punkt: „Scheiss Juden.“

Mehr muss man über die Ausrede „Das ist doch nur Israelkritik“ kaum wissen. Der Artikel handelte von Juden in Norwegen. Nicht von der israelischen Regierung. Nicht von der IDF. Nicht von Netanyahu. Trotzdem wurde jüdische Angst sofort mit Gaza verrechnet, verspottet oder als nachvollziehbare Folge angeblicher Schuld dargestellt. Wenn Juden in Europa Angst haben, soll diese Angst offenbar nicht einfach gelten. Sie wird geprüft, relativiert und politisch verrechnet.

Ammar nannte diese Angst eine „natürliche Konsequenz“. Als er darauf angesprochen wurde, erklärte er: „Eine natürliche Konsequenz ist dass wegen seiner Taten auch andere Unschuldige dafür zahlen werden. Ungerecht aber es ist eine Tatsache.“ Genau dort liegt der Abgrund. Wenn Unschuldige „dafür zahlen“, weil sie einer Gruppe zugerechnet werden, ist das keine neutrale Feststellung. Es ist Kollektivhaftung. Juden in Norwegen haben keine Verbrechen begangen. Sie müssen sich nicht für Israel rechtfertigen, bevor ihre Sicherheit ernst genommen wird.

Andere formulierten diese Logik noch offener. Peter schrieb, Juden seien „nun mal Stellvertreter eines Staates“. Peer meinte, Juden müssten sich wohl „kollektiv“ hinstellen und rufen: „wir wussten doch gar nichts vom Zionismus“, und sah darin „historische Parallelen“. Frank erklärte, Menschen mit Davidstern leisteten eine Aussage zu ihrer Loyalität zum Staat Israel und müssten sich distanzieren, um nicht als „legitime Kriegsziele“ angesehen zu werden.

Ein Davidstern ist aber kein militärisches Zielzeichen. Er ist kein Schuldbekenntnis. Er ist kein Beweis für Loyalität zu einer Regierung. Er ist ein jüdisches Symbol, lange bevor es den modernen Staat Israel gab. Wer aus jüdischer Sichtbarkeit in Europa eine politische Schuldzuweisung macht, zeigt nicht Kritik an Israel. Er zeigt Antisemitismus in seiner klassischen Form: Juden werden nicht als einzelne Menschen gesehen, sondern als Gruppe, die sich erklären soll.

Dasselbe Muster zeigte sich unter einem Bericht über ein bayerisches Hotel, das eine Buchungsanfrage aus Israel abgelehnt haben soll. Statt über mögliche Diskriminierung zu sprechen, fragte Hamit: „Woher soll der Hotelbesitzer wissen, dass keine Kindermörder ankommen in sein Anwesen?!“ Michaela schrieb: „Man weiß ja mittlerweile, wie sich Israelis im Ausland aufführen.“ Ulrich kommentierte: „Kein Wunder was die im Gaza machen.“ Simon meinte, korrekt wäre wohl: „Absage an IDF-Terrorist.“ Alex fragte: „Wer will Judenfaschisten bei sich haben.“ Michaela setzte an anderer Stelle spöttisch nach: „Meine Güte, was für ein Drama.“

So wird aus einem einzelnen Gast ein Feindbild. Ein Israeli kommt nicht mehr als Mensch vor, sondern als Verdacht. Als möglicher „Kindermörder“. Als „Terrorist“. Als Vertreter eines Staates. Als jemand, bei dem Diskriminierung plötzlich verständlich erscheinen soll. Würde man dieselbe Logik auf andere Gruppen anwenden, wäre der Aufschrei zu Recht groß. Niemand dürfte bei muslimisch klingenden Namen fragen, ob vielleicht ein HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Mitglied anreise. Niemand dürfte Christen kollektiv für christliche Milizen haftbar machen. Niemand dürfte deutsche Gäste für jede außenpolitische Entscheidung der Bundesregierung verantwortlich machen. Genau deshalb ist es falsch, Israelis oder Juden pauschal unter Verdacht zu stellen. Herkunft ist kein Schuldbeweis.

Besonders entlarvend sind nicht immer die lautesten Kommentare, sondern die scheinbar sachlichen. Ralf fragte unter einem Artikel über China, Iran, USA und Israel nach dem Anteil jüdischer Menschen im Bundestag, im Bundesrat, in Ministerien, Rundfunkräten und bei Parteispenden. Der Artikel handelte von chinesischer Technik im Iran-Krieg. Seine Reaktion war die Suche nach jüdischem Einfluss in Politik, Medien und Geldflüssen. Das ist kein normaler Themenbezug. Das ist ein altes Verdachtsmuster.

Unter dem Hotelfall fragte derselbe Ralf, warum sich jüdische Gemeinden in Deutschland nicht von den angeblichen „Gräultaten“ Israels distanzierten und warum der Staat Geld an den Zentralrat der Juden zahle. Auf die Frage, warum deutsche Juden sich für etwas distanzieren sollten, womit sie nichts zu tun haben, antwortete er: „um den Menschen in der Welt zu zeigen dass sie nicht hinter dem Regime des jüdischen Staates stehen.“

Das ist der Loyalitätstest in Reinform. Deutsche Juden sollen der Welt beweisen, dass sie „nicht hinter“ Israel stehen. Jüdische Gemeinden sollen sich öffentlich erklären. Der Zentralrat der Juden wird nicht als Vertretung jüdischen Lebens in Deutschland gesehen, sondern als Ersatzkörper Israels. Früher sprach man vom „jüdischen Einfluss“. Heute fragt man nach Juden in Rundfunkräten, Ministerien und Parteispenden. Früher verlangte man Unterordnung. Heute verlangt man Distanzierung von Israel.

Auch bei Artikeln über Terroranschläge, Hamas, HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen oder Iran verschiebt sich die Debatte immer wieder weg von den Tätern. Unter einem Bericht über zwei verletzte Mädchen bei einem mutmaßlichen Terroranschlag bei Gusch Etzion schrieb Joaquin nur: „Pech.“ Unter einem Artikel über die Jagd auf Täter des 7. Oktober erklärte Ayhan, die „Masche mit 7 Oktober“ wirke nicht mehr. Thomas berief sich auf einen Al-Jazeera-Film und schrieb, ja, der Zaun sei durchbrochen worden, ja, es seien Geiseln genommen worden, ja, Palästinenser hätten gemordet, aber dann folgte sofort die Verschiebung: Warnungen, Sicherheitsversagen, Hannibal-Direktive, israelische Verantwortung.

Natürlich kann und muss man Sicherheitsversagen Israels untersuchen. Natürlich gehören offene Fragen zum 7. Oktober aufgearbeitet. Aber Sicherheitsversagen macht Täter nicht weniger zu Tätern. Der Zaun wurde von Hamas-Terroristen durchbrochen. Geiseln wurden von Hamas-Terroristen verschleppt. Familien wurden von Hamas-Terroristen angegriffen. Wer jedes Gespräch am Ende wieder so dreht, dass Israel selbst auf der Anklagebank sitzt, verschiebt Verantwortung.

Noch roher wird es dort, wo Gewaltfantasien offen ausgesprochen werden. Unter einem Bericht über erhängte Figuren von Netanyahu und Trump schrieb Cevdet: „Hoffentlich wird es auch mal Wirklichkeit.“ Melih kommentierte zu solchen Gewaltbildern: „Perfekt...Kriegsverbrecher verdienen genau das!!!“ und fand das Sprengen einer Netanyahu-Puppe „schön anzusehen“. Janna schrieb, jeder IDF-Angehörige solle „vor den Haag am Galgen hängen“. Rico beschimpfte Menschen als „widerliches Zionisten Pack“. Hans Joachim nannte die israelische Armee eine „nazi armee“. Franz schrieb unter einem Artikel über Iran und die USA nur: „Solche Juden.“

Das ist kein politischer Streit mehr. Das ist ein sprachlicher Raum, in dem Gewaltwünsche, NS-VergleicheHolocaust-Relativierung: Die Verharmlosung der ShoahHolocaust-Relativierung bezeichnet die Verharmlosung, Verzerrung oder Entwertung der Shoah. Sie leugnet den Holocaust nicht zwingend offen, stellt ihn aber durch falsche Vergleiche, Verkleinerung, Umdeutung oder Täter-Opfer-Umkehr in ein verzerrtes Licht.Mehr lesen, Kollektivschuld und Judenhass ineinanderlaufen. Wer „Scheiss Juden“ schreibt, ist kein Israelkritiker. Wer Juden in Norwegen nach Gaza schicken will, verhöhnt jüdische Angst. Wer jüdische Gemeinden zur Distanzierung zwingt, verlangt Kollektivrechtfertigung. Wer jüdische Symbole zu militärischen Loyalitätszeichen erklärt, macht jüdische Sichtbarkeit gefährlich.

Die bequemste Ausrede lautet fast immer Gaza. Natürlich darf man über Gaza sprechen. Natürlich darf man über zivile Opfer, Kriegsrecht, humanitäre Not, militärische Fehler und mögliche Verbrechen sprechen. Kein Staat steht über Kritik. Keine Armee steht über Prüfung. Aber Gaza wird in vielen Kommentarspalten nicht als ernstes Thema behandelt, sondern als Freifahrtschein. Sobald Antisemitismus benannt wird, kommt „aber Gaza“. Sobald Juden Angst haben, kommt „aber Gaza“. Sobald ein Israeli diskriminiert worden sein könnte, kommt „aber Gaza“.

Gundi antwortete auf den Hinweis, die Kommentare seien „abartig“, mit: „was in Gaza passiert ist abartig!!!!!“ Bernd schrieb über Deutsche, die Juden verteidigen, sie würden „diesen Verbrechern in den Arsch kriechen“ und seien „Bücklinge“. Olivia fragte nach Kriegsverbrechen, Völkerrecht, Genfer Konventionen und dem Römischen Statut. Diese Fragen können wichtig sein. Aber sie beantworten nicht, warum Juden in Europa wieder Angst haben, warum jüdische Gemeinden in Deutschland Distanzierungserklärungen abgeben sollen und warum einzelne Israelis in Hotels unter Generalverdacht gestellt werden.

Wer Menschenrechte ernst nimmt, kann zugleich ziviles Leid in Gaza beklagen und Antisemitismus in Europa zurückweisen. Das eine verlangt nicht das Schweigen über das andere. Aber wer jüdische Angst erst dann anerkennt, wenn Juden sich von Israel distanziert haben, verteidigt nicht Menschenrechte. Er verlangt von Juden eine Sonderprüfung.

Gerade deshalb muss Deutschland ehrlich bleiben. Es wäre bequem, nur auf Islamisten, Migranten oder radikale linke Milieus zu zeigen. Dieser Teil des Problems existiert. Aber er erklärt nicht alles. In den Kommentarspalten steht auch deutscher Antisemitismus. Er trägt bürgerliche Namen, schreibt in scheinbar nüchternen Fragen, beruft sich auf Geschichte, Völkerrecht, MedienkritikQuellenkritik: Informationen richtig prüfenQuellenkritik bedeutet, Herkunft, Zuverlässigkeit, Interessenlage und Aussagekraft einer Quelle zu prüfen. Sie ist wichtig, um Fakten von Gerüchten, Propaganda und Desinformation zu unterscheiden.Mehr lesen oder angebliche Fakten und landet doch immer wieder beim alten Verdacht: Juden hätten Macht, Juden müssten sich erklären, Juden seien nicht einfach Bürger, sondern Stellvertreter.

Ali schrieb: „Hört auf, alles mit dem scheissdreck Antisemitismus zu verdecken!“ Doch Antisemitismus wird hier nicht vorgeschoben. Er schreibt sich selbst hin. Er braucht keine geheime Analyse. Er steht öffentlich da, in Kommentaren, die Juden beschimpfen, Israelis pauschal zu Verbrechern machen, jüdische Gemeinden unter Rechtfertigungsdruck setzen oder Angst von Juden in Europa als „Jammern“ abtun.

Wer wirklich aus Geschichte gelernt hat, erkennt den gefährlichen Moment nicht erst, wenn Gewalt beginnt. Er erkennt ihn dort, wo Menschen anfangen, Juden wieder als Gruppe zu behandeln, die sich erklären, entschuldigen, distanzieren oder verschwinden soll. Genau dort beginnt das alte Gift zu wirken.

Und dieses Gift steht heute nicht versteckt. Es kommentiert öffentlich.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Donnerstag, 4. Juni 2026

haOlam-News unterstützen

haOlam-News ist auf die Unterstützung seiner Leserinnen und Leser angewiesen. Jeder Beitrag hilft, unabhängige Berichterstattung weiterzuführen.

Sie benötigen nicht zwingend ein PayPal-Konto. Im nächsten Schritt kann je nach PayPal-Anzeige auch eine Zahlung per Karte angeboten werden.

Sie möchten unsere Arbeit unterstützen, nutzen aber kein PayPal? Schreiben Sie uns kurz, wir melden uns mit den passenden Möglichkeiten.

Weitere interessante Artikel

Newsletter