Pro-palästinensisches Camp auf Deportationsplatz löst Empörung in Hamburg aus
Ausgerechnet auf einer historischen Fläche, von der im Nationalsozialismus Juden sowie Sinti und Roma deportiert wurden, entsteht in Hamburg ein pro-palästinensisches Protestcamp. Für viele jüdische Hamburger ist das nicht bloß eine politische Provokation, sondern ein erschütterndes Zeichen dafür, wie weit die gesellschaftliche Verrohung inzwischen reicht.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Die Bilder von der Moorweide in Hamburg sorgen weit über die Hansestadt hinaus für Entsetzen. Seit Samstagmorgen werden dort Zelte und Infrastruktur für das pro-palästinensische Camp „Bridges of Resistance“ aufgebaut. Der Ort ist historisch hochsensibel: Von der Grünfläche am Dammtor-Bahnhof wurden während der Zeit des Nationalsozialismus tausende Juden sowie Sinti und Roma gesammelt und später deportiert und ermordet.
Dass ausgerechnet dort nun ein Camp entsteht, das von israelfeindlichen und teils extremistischen Gruppen unterstützt wird, empfinden viele Menschen als moralischen Tiefpunkt.
Die Polizei war bereits am Morgen mit mehreren Einsatzkräften vor Ort. Nach bisherigen Angaben rechnen die Veranstalter mit bis zu 200 Teilnehmern. Die Hamburger Polizei hatte ursprünglich versucht, das Camp in den Sternschanzenpark zu verlegen. Doch die Veranstalter setzten sich vor Gericht durch. Das Oberlandesgericht entschied im Eilverfahren, dass die Versammlung auf der Moorweide stattfinden darf.
Juristisch mag diese Entscheidung auf dem Grundrecht der Versammlungsfreiheit beruhen. Politisch und gesellschaftlich ist sie dennoch verheerend. Denn unter den Unterstützern befindet sich unter anderem die Gruppe Thawra Hamburg, die laut Berichten seit 2025 vom Verfassungsschutz beobachtet wird und als extremistisch sowie offen antisemitisch gilt.
Genau dieser Zusammenhang macht das Camp so brisant. Es geht längst nicht mehr nur um Kritik an israelischer Politik. Viele der Gruppen, die seit Monaten unter dem Deckmantel „pro-palästinensischer Solidarität“ auftreten, verbreiten Narrative, die offen gegen Israel gerichtet sind und häufig direkt in antisemitische Hetze übergehen.
Die israelische Botschaft in Berlin fand dafür ungewöhnlich klare Worte. Wer Hamas-Terror verherrliche, zum „Widerstand mit allen Mitteln“ aufrufe oder das Töten sogenannter „Kolonialisten“ legitimiere, vertrete keine Menschenrechte, sondern extremistisches Denken.
Gerade vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte wirkt die Wahl des Ortes besonders verstörend. Die Moorweide ist kein beliebiger Park. Sie ist ein Ort historischer Erinnerung. Dass dort nun Gruppen auftreten dürfen, die mit israelfeindlicher und antisemitischer Rhetorik in Verbindung gebracht werden, sendet ein fatales Signal an jüdische Menschen in Deutschland.
Hamburgs Landesrabbiner Shlomo Bistritzky erklärte öffentlich, die jüdische Gemeinschaft sei über die Situation „zutiefst besorgt“. Diese Formulierung wirkt beinahe zurückhaltend angesichts dessen, was viele jüdische Familien seit Monaten erleben. Denn seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober hat sich das gesellschaftliche Klima in Deutschland spürbar verändert.
Juden berichten von wachsender Angst, von Aggressionen auf der Straße, von antisemitischen Parolen bei Demonstrationen und von einem immer feindseligeren öffentlichen Klima. Viele erleben inzwischen, dass israelbezogener Antisemitismus zunehmend offen ausgesprochen wird, oft verborgen hinter politischen Schlagworten und angeblichem Aktivismus.
Das Camp auf der Moorweide wirkt deshalb auf viele wie eine bewusste Grenzüberschreitung. Nicht nur wegen der politischen Inhalte, sondern wegen der Symbolik des Ortes selbst. Wer an einem ehemaligen Deportationsplatz ein israelfeindliches Protestlager errichtet, kann die historische Dimension nicht ernsthaft übersehen.
Besonders problematisch ist dabei die zunehmende Gewöhnung an solche Bilder. Was noch vor wenigen Jahren einen politischen Skandal ausgelöst hätte, wird heute oft lediglich als kontroverse Demonstration behandelt. Genau diese Normalisierung ist es, die viele jüdische Organisationen alarmiert.
Denn Antisemitismus beginnt selten mit Gewalt. Er beginnt dort, wo Empathie verloren geht und historische Sensibilität verdrängt wird. Wenn Orte jüdischen Leidens zur Bühne für israelfeindliche Mobilisierung werden, zeigt das, wie sehr sich gesellschaftliche Grenzen verschoben haben.
Hinzu kommt ein weiterer gefährlicher Aspekt: Die Veranstalter und Unterstützer präsentieren sich häufig als Menschenrechtsaktivisten, während gleichzeitig Gruppen beteiligt sind, die Hamas relativieren oder extremistisches Denken verbreiten. Diese Vermischung macht es vielen Außenstehenden schwer, die ideologische Radikalisierung klar zu erkennen.
Gerade deshalb wächst in Deutschland zunehmend Kritik daran, dass Behörden und Politik oft nur auf konkrete Straftaten schauen, während die gesellschaftliche Wirkung solcher Veranstaltungen unterschätzt wird. Rechtlich zulässig bedeutet eben nicht automatisch gesellschaftlich verantwortbar.
Für viele jüdische Hamburger bleibt deshalb vor allem ein bitterer Eindruck zurück: Dass ausgerechnet in Deutschland, an einem historischen Ort der Deportation, ein Camp aufgebaut werden kann, das von Gruppen aus dem extremistischen antiisraelischen Spektrum unterstützt wird, ohne dass dies einen breiten politischen Aufschrei auslöst.
Genau das macht die Situation für viele Betroffene so erschütternd.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Samstag, 9. Mai 2026