Fast leer geschossen: Iran-Krieg frisst Amerikas Präzisionsarsenal
Die US-Armee soll im Krieg gegen Iran praktisch alle verfügbaren ATACMS und PrSM eingesetzt haben. Auch Patriot, THAAD und Tomahawk werden knapp, während Trump öffentlich behauptet, Amerika besitze mehr Munition als nötig.

Bildnachweis: US Army
Der Krieg gegen Iran hat innerhalb von fünf Monaten große Teile jener amerikanischen Raketenbestände verschlungen, die Washington für Angriffe aus sicherer Entfernung und für die Abwehr feindlicher Geschosse benötigt. Nach Recherchen von Reuters hat die US-Armee „praktisch alle“ verfügbaren Langstreckenraketen der Typen ATACMS und PrSM eingesetzt. Drei mit internen Daten vertraute Personen warnten, dass die Vereinigten Staaten dadurch bei weiteren Angriffen auf Iran und in möglichen Konflikten mit China oder Russland erheblich weniger Spielraum besitzen.
Die genaue Zahl der verbliebenen Raketen ist geheim. Zwei Quellen beschrieben die Bestände gegenüber Reuters jedoch als nahezu aufgebraucht. Eine weitere erklärte, das für den Nahen Osten zuständige Zentralkommando CENTCOM habe fast sämtliche landgestützten Präzisionsraketen verwendet, die ihm vor Beginn des Krieges zur Verfügung standen. Munition aus anderen Teilen der Welt wurde bereits in die Region verlegt, um die Vorräte wieder aufzufüllen.
Damit wird sichtbar, wie falsch die Vorstellung war, ein moderner Krieg gegen Iran könne hauptsächlich mit einigen begrenzten Angriffswellen aus großer Entfernung geführt werden. Präzisionswaffen sind kein unbegrenzter Vorrat. Sie kosten jeweils mehr als eine Million Dollar, benötigen komplexe Bauteile und können nicht innerhalb weniger Wochen in beliebiger Zahl ersetzt werden.
ATACMS und PrSM werden von mobilen HIMARS und MLRS Abschussanlagen gestartet. Sie ermöglichen es amerikanischen Streitkräften, Kommandozentralen, RaketenstellungenTerrorinfrastruktur: Wie Terrorgruppen Krieg in zivile Räume verlagernTerrorinfrastruktur bezeichnet Einrichtungen, Netzwerke und Strukturen, die Terrororganisationen für Angriffe, Waffenlagerung, Kommandoführung, Ausbildung, Raketenbeschuss, Tunnelbau oder Logistik nutzen. Besonders gefährlich wird sie, wenn sie in Wohngebieten, Schulen, Moscheen oder Krankenhäusern versteckt wird.Mehr lesen, Luftabwehranlagen und andere wichtige Ziele tief im feindlichen Gebiet zu treffen, ohne bemannte Flugzeuge unmittelbar in die Reichweite iranischer Abwehrsysteme schicken zu müssen.
Diese Fähigkeit war für die amerikanische Kriegsführung besonders wertvoll. Washington konnte iranische Ziele angreifen und gleichzeitig das Risiko für Piloten begrenzen. Genau dieser Vorteil schwindet nun. Sollte Donald Trump erneut einen großen Angriff anordnen, könnte das Pentagon häufiger auf bemannte Kampfflugzeuge und Bomber zurückgreifen müssen. Das erhöht nicht nur die Gefahr für amerikanische Besatzungen, sondern verlangt zusätzliche Tankflugzeuge, Begleitschutz und die vorherige Bekämpfung der iranischen Luftabwehr.
Nicht nur die Angriffswaffen werden knapp
Der Munitionsverbrauch betrifft längst nicht nur Raketen für Angriffe auf Iran. Auch die amerikanischen Bestände an Abfangraketen sind erheblich geschrumpft. Nach einer Untersuchung des Center for Strategic and International Studies wurden zwischen Februar und Juli schätzungsweise 65 Prozent der verfügbaren Patriot Abfangraketen eingesetzt. Der Bestand an THAAD Raketen soll mindestens 38 Prozent niedriger liegen als zu Beginn des Krieges. Zwei Reuters Quellen erklärten, diese Schätzungen entsprächen den internen amerikanischen Daten.
CSIS schätzt, dass der Patriot Bestand inzwischen auf weniger als 1.000 Abfangraketen gefallen ist. Beim besonders leistungsfähigen THAAD System sollen noch etwa 250 Raketen vorhanden sein. Gute Alternativen für die Abwehr ballistischer Raketen gibt es kaum. Kriegsschiffe können mit bestimmten Standard Missiles ebenfalls solche Ziele bekämpfen, befinden sich aber nicht immer in ausreichender Nähe zu den bedrohten Stützpunkten und Städten.
Diese Raketen schützen amerikanische Soldaten, israelische Städte und die Einrichtungen der GolfstaatenStraße von Hormus: Die gefährlichste Engstelle der WeltwirtschaftDie Straße von Hormus ist eine Meerenge zwischen Iran und Oman. Sie verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und ist eine der wichtigsten Routen für Öl und Flüssigerdgas weltweit.Mehr lesen vor iranischen Angriffen. Jede eingesetzte Abfangrakete verhindert möglicherweise Tote und schwere Zerstörungen. Der hohe Verbrauch ist daher nicht das Ergebnis einer sinnlosen Verschwendung, sondern die Folge einer realen Bedrohung durch iranische ballistische Raketen.
Das Problem liegt an anderer Stelle. Die amerikanische Industrie war nicht darauf vorbereitet, einen monatelangen Krieg gegen Iran zu führen, gleichzeitig IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen und andere Partner zu schützen und ausreichende Reserven für einen möglichen Konflikt im Pazifik bereitzuhalten.
Nach Angaben einer Reuters Quelle haben die Vereinigten Staaten seit Kriegsbeginn außerdem etwas weniger als die Hälfte ihres weltweiten Bestandes an Tomahawk Marschflugkörpern verbraucht. Reuters konnte diese Angabe nicht unabhängig überprüfen. Tomahawk Raketen werden von Schiffen und U-Booten gestartet und gehören zu den wichtigsten amerikanischen Waffen gegen stark geschützte Ziele, weil sie große Entfernungen überwinden können, ohne Piloten zu gefährden.
Diese Entwicklung betrifft auch die Ukraine. Von den Vereinigten Staaten gelieferte ATACMS ermöglichten ukrainischen Streitkräften Angriffe auf weit entfernte russische Ziele. Die US-Armee stellt die Produktion des älteren Systems jedoch schrittweise ein und wechselt zum moderneren PrSM. Gerade dessen Bestand war bereits vor dem Iran-Krieg niedrig, weil sich die Rakete erst im Aufbau der Serienproduktion befand. Größere neue Lieferungen sind vor allem für 2027 bestellt.
Amerika steckt damit zwischen zwei Generationen seiner Raketenbewaffnung. Das alte System wird ausgemustert, das neue ist noch nicht in ausreichender Zahl vorhanden. Der Krieg begann genau in dieser gefährlichen Übergangsphase.
Trumps Behauptungen ändern nichts an der Produktionszeit
Trump weist Berichte über knappe Vorräte zurück. Die Vereinigten Staaten hätten mehr Munition als jedes andere Land und weit mehr, als sie benötigten. Amerikanische Rüstungskonzerne produzierten derzeit so viel wie nie zuvor und bauten ihre Werke in Rekordgeschwindigkeit aus, erklärte der Präsident. Auch das Pentagon versichert, die Streitkräfte verfügten über alle notwendigen Fähigkeiten, um amerikanische Interessen zu schützen.
Diese Aussagen beantworten jedoch nicht, wie viele sofort einsetzbare Raketen tatsächlich vorhanden sind. Produktionskapazität ist nicht dasselbe wie ein gefülltes Lager. Neue Fabrikhallen müssen gebaut, Fachkräfte ausgebildet und Lieferketten erweitert werden. Suchköpfe, Triebwerke, Elektronik und spezielle Sprengköpfe lassen sich nicht wie gewöhnliche Verbrauchsgüter bestellen.
Selbst eine Rekordproduktion kann zu langsam sein, wenn in wenigen Monaten Bestände verbraucht werden, deren Aufbau Jahre gedauert hat. CSIS spricht deshalb von einem Risiko für die amerikanische Einsatzbereitschaft im westlichen Pazifik. Gerade dort wären Langstreckenraketen und moderne Abwehrsysteme entscheidend, falls China militärisch gegen Taiwan oder amerikanische Stützpunkte vorginge.
Der Krieg gegen Iran hat nicht bewiesen, dass die amerikanischen Streitkräfte schwach sind. Er hat gezeigt, dass selbst die mächtigste Armee der Welt an die Grenzen ihrer Vorräte stoßen kann, wenn ein Konflikt länger dauert als politisch versprochen.
Trump begann den gemeinsamen Krieg mit Israel im Februar und stellte eine kurze Auseinandersetzung in Aussicht. Fünf Monate später sind iranische Angriffe, amerikanische Gegenschläge und die Bedrohung der Straße von Hormus nicht beendet. Gleichzeitig diskutiert die Regierung darüber, wie lange sie den Einsatz fortsetzen kann, ohne ihre Fähigkeit zu beschädigen, auf eine zweite große Krise zu reagieren.
Für Israel ist diese Erkenntnis von großer Bedeutung. Die amerikanische Unterstützung hängt nicht nur vom politischen Willen eines Präsidenten ab. Sie hängt auch davon ab, ob genügend Abfangraketen, Marschflugkörper und Präzisionswaffen vorhanden sind. Ein amerikanisches Arsenal, das gleichzeitig den Iran-Krieg führen, Israel schützen, die Golfstaaten verteidigen, Russland abschrecken und China entgegentreten soll, wird zwangsläufig überlastet.
Iran hat den militärischen Konflikt nicht gewonnen. Seine Führung, seine Streitkräfte und seine Infrastruktur wurden schwer getroffen. Doch das Regime erkennt, dass Zeit auch eine Waffe ist. Jeder weitere Monat zwingt die Vereinigten Staaten, teure Raketen einzusetzen, Reserven aus anderen Weltregionen abzuziehen und politische Entscheidungen unter wachsendem Munitionsdruck zu treffen.
Genau deshalb darf Washington nicht zwischen wirkungslosen Pausen und immer neuen begrenzten Angriffswellen pendeln. Wer einen Krieg beginnt, muss ein klares Ziel, ausreichende Vorräte und eine Industrie besitzen, die den Verbrauch ersetzen kann. Andernfalls führt selbst militärische Überlegenheit zu einer schleichenden strategischen Schwächung.
Die Vereinigten Staaten verfügen weiterhin über Bomber, Kampfflugzeuge, Schiffe, U-Boote und zahlreiche weitere Waffensysteme. Sie sind keineswegs wehrlos. Aber die besonders wertvollen Raketen, mit denen Ziele aus großer Entfernung getroffen und iranische Geschosse abgefangen werden können, sind nicht unbegrenzt vorhanden.
Die entscheidende Nachricht lautet deshalb nicht, dass Amerika keine Raketen mehr besitzt. Sie lautet, dass der Iran-Krieg einen erheblichen Teil jener Waffen aufgezehrt hat, die Washington für den nächsten großen Konflikt zurücklegen wollte.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Mittwoch, 5. August 2026