Scheich Hamad ist tot: Der Emir, der Katar zur Gasmacht machte und Hamas politisch aufwertete
Katars früherer Herrscher ist im Alter von 74 Jahren gestorben. Unter ihm wurde das kleine Emirat reich und weltweit einflussreich, zugleich entstand jene Doppelpolitik zwischen Washington, Iran und Islamisten, die bis heute Misstrauen weckt.

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Katars früherer Emir Scheich Hamad bin Khalifa Al Thani ist am Sonntagmorgen im Alter von 74 Jahren gestorben. Das Emirbüro in Doha bestätigte seinen Tod, nannte jedoch keine Ursache. Für den als „Vateremir“ bezeichneten früheren Herrscher wurde eine viertägige Staatstrauer angeordnet. Die Flaggen sollen auf halbmast wehen, Ministerien und staatliche Einrichtungen stellen ihre Arbeit vorübergehend ein.
Mit Hamad stirbt der Mann, der Katar innerhalb von weniger als zwei Jahrzehnten von einem kleinen, wenig beachteten Golfstaat zu einem der reichsten und politisch einflussreichsten Länder der Welt machte. Sein Vermächtnis besteht aus gewaltigem wirtschaftlichem Aufstieg, internationaler Vermittlung, Al Jazeera, der Fußballweltmeisterschaft und einer Außenpolitik, die bewusst widersprüchliche Beziehungen pflegte.
Katar wurde unter ihm enger Partner der Vereinigten Staaten und Standort eines bedeutenden amerikanischen Militärstützpunktes. Zugleich vertiefte Doha seine Beziehungen zum iranischen Regime, unterstützte islamistische Bewegungen und bot Vertretern der HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen politische Nähe und internationale Aufmerksamkeit. Hamad schuf damit kein gewöhnliches Bündnissystem. Er machte aus Katar einen Staat, der mit fast allen Seiten sprechen konnte, weil er sich kaum einer Seite vollständig verpflichtete.
Vom Palastputsch zum reichsten Gasstaat
Hamad kam 1995 durch einen unblutigen Palastputsch an die Macht. Während sein Vater Scheich Khalifa bin Hamad Al Thani im Ausland weilte, übernahm der damals 43-Jährige die Herrschaft. Ein Jahr später überstand er den Versuch einer Gegenbewegung. Damit begann eine Regierungszeit, in der das Emirat seine wirtschaftlichen Möglichkeiten mit ungewöhnlicher Geschwindigkeit nutzte.
Entscheidend war die Erschließung des riesigen Erdgasfeldes North Field. Unter Hamads Führung begann Katar 1996 mit dem Export von Flüssigerdgas. Zehn Jahre später war das Land nach eigenen Angaben der größte Flüssigerdgasexporteur der Welt. Bis 2010 erreichte die jährliche Produktionskapazität 77 Millionen Tonnen. Der staatliche Palast gibt an, dass sich das Bruttoinlandsprodukt während Hamads Herrschaft mehr als vervierundzwanzigfachte.
Der neue Reichtum wurde nicht nur für den Ausbau des Landes verwendet. Katar kaufte sich weltweit politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Einfluss. Staatsfonds investierten in Unternehmen, Immobilien, Banken und Sportvereine. Qatar Airways wurde zu einer international bedeutenden Fluggesellschaft ausgebaut. Doha erhielt moderne Hochschulen, Museen, Sportstätten und einen neuen Flughafen. Der Zuschlag für die Fußballweltmeisterschaft 2022 wurde zu einem Symbol für den Aufstieg eines Staates, der seine geringe Größe durch Geld, Medienmacht und diplomatische Beweglichkeit ausglich.
Auch die Gründung von Al Jazeera im Jahr 1996 gehörte zu Hamads wichtigsten Entscheidungen. Der Sender brach mit der unterwürfigen Berichterstattung vieler staatlich kontrollierter arabischer Medien und gab oppositionellen Stimmen Raum. Damit veränderte er die arabische Öffentlichkeit. Gleichzeitig wurde Al Jazeera zum wichtigsten Werkzeug der katarischen Einflussnahme. Seine Berichterstattung brachte Doha Anerkennung, führte aber auch zu dem Vorwurf, Gegner Katars hart anzugreifen und mit den Interessen des Herrscherhauses verbundene Kräfte günstiger darzustellen.
Hamad präsentierte Katar als modern, bildungsorientiert und offen. Pressezensur wurde teilweise gelockert, ein Verfassungsprozess begonnen und Frauen erhielten bei Kommunalwahlen das aktive und passive Wahlrecht. Eine parlamentarische Demokratie entstand jedoch nicht. Die entscheidende Macht blieb bei der Herrscherfamilie. Der wirtschaftliche Fortschritt und die glänzende internationale Selbstdarstellung änderten nichts daran, dass politische Parteien und ein echter Machtwechsel durch Wahlen nicht vorgesehen waren.
Amerikas Partner und Freund seiner Gegner
Die außenpolitische Konstruktion Hamads war ebenso erfolgreich wie widersprüchlich. Katar beherbergte amerikanische Streitkräfte und wurde zu einem wichtigen Partner Washingtons. Gleichzeitig hielt Doha enge Verbindungen nach Teheran aufrecht. Die geografische Nähe und das gemeinsam mit Iran genutzte Gasfeld machten eine Zusammenarbeit notwendig. Hamad machte daraus jedoch mehr als eine wirtschaftliche Zweckbeziehung. Katar suchte bewusst die Rolle eines Staates, der zwischen Gegnern vermittelt und dadurch für alle Beteiligten unverzichtbar wird.
Diese Strategie umfasste auch Organisationen, die IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen und andere arabische Staaten als Bedrohung betrachteten. Katar pflegte Kontakte zur Muslimbruderschaft und unterstützte während des sogenannten Arabischen Frühlings islamistische Bewegungen in mehreren Ländern. Besonders in Ägypten, Libyen und Syrien förderte Doha Kräfte, die es als Träger eines politischen Wandels betrachtete. Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Ägypten sahen darin dagegen eine gezielte Stärkung der Muslimbruderschaft und eine Gefahr für die regionale Ordnung.
Für Israel bleibt vor allem Hamads Verhältnis zur Hamas von Bedeutung. Im Oktober 2012 reiste er in den von der Terrororganisation kontrollierten GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen. Er war der erste Staatschef, der GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen nach der gewaltsamen Machtübernahme der Hamas im Jahr 2007 besuchte. Dort sagte er Projekte und Investitionen im Umfang von rund 400 Millionen Dollar zu. Die Mittel wurden offiziell für Wiederaufbau und Infrastruktur bereitgestellt. Politisch war der Besuch dennoch ein großer Erfolg für die Hamas. Hamad behandelte ihre Herrschaft nicht als internationale Isolation, sondern verlieh ihr mit seiner Anwesenheit Anerkennung und Würde.
Dabei war seine Haltung zu Israel nicht völlig einseitig. Katar unterhielt zeitweise ein israelisches Handelsbüro in Doha. Hamad traf 2007 Israels damalige Außenministerin Zipi Livni am Rande der Generalversammlung der Vereinten Nationen. Das Büro wurde während des Gaza-Krieges 2008 und 2009 geschlossen. Diese widersprüchliche Linie war typisch für ihn: Kontakt zu Israel, politische Nähe zur Hamas, militärische Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten und zugleich gute Beziehungen zu Iran.
Für Katar schuf diese Politik Einfluss. Für Israel entstand ein schwieriger Gesprächspartner. Doha konnte bei Geiselverhandlungen oder Waffenstillstandsgesprächen vermitteln, weil es Zugänge zur Hamas besaß, die westlichen Regierungen fehlten. Doch dieselben Beziehungen halfen der Terrororganisation auch, sich politisch zu behaupten. Vermittlung und Förderung ließen sich nicht immer sauber voneinander trennen.
Im Juni 2013 übergab Hamad die Macht freiwillig an seinen Sohn Tamim. Ein solcher Schritt war in den arabischen Monarchien ungewöhnlich. Hamad erklärte, eine jüngere Generation solle Verantwortung übernehmen und neue Ideen einbringen. Die Übergabe war sorgfältig vorbereitet und verhinderte einen weiteren offenen Machtkampf innerhalb der Familie.
Sein Sohn setzte die Grundzüge dieser Politik fort. Katar blieb Partner der Vereinigten Staaten, Gesprächskanal zu Iran, Gastgeber umstrittener Organisationen und Vermittler in internationalen Konflikten. Die spätere Blockade durch Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain und Ägypten richtete sich auch gegen Strukturen und Beziehungen, die unter Hamad aufgebaut worden waren.
Ausgerechnet am Tag seines Todes wurde sichtbar, wie gefährlich diese Balance geworden ist. Katar meldete den Abschuss iranischer ballistischer Raketen, die auf das Land gerichtet waren. Drei Menschen, darunter ein Kind, wurden durch herabfallende Trümmer verletzt. Das Regime in Teheran, zu dem Doha über Jahrzehnte Beziehungen gepflegt hatte, behandelte Katar erneut als Schlachtfeld seines Konflikts mit den Vereinigten Staaten.
Hamad hinterlässt deshalb kein einfaches Vermächtnis. Er machte Katar wohlhabend, selbstbewusst und international bedeutsam. Er erkannte früh, dass ein kleines Land nicht durch militärische Größe, sondern durch Energie, Geld, Medien und diplomatische Zugänge Einfluss gewinnen kann.
Doch dieser Aufstieg hatte einen Preis. Unter seiner Herrschaft wurde die Nähe zu Hamas und Muslimbruderschaft zu einem Teil staatlicher Strategie. Al Jazeera verband journalistische Wirkung mit katarischer Machtpolitik. Doha bot den Vereinigten Staaten militärische Sicherheit und unterhielt gleichzeitig Beziehungen zu deren Gegnern.
Hamad machte Katar zu einem Staat, an dem kaum jemand vorbeikam. Er machte es aber auch zu einem Staat, dessen wahre Seite sich nie eindeutig bestimmen ließ. Gerade darin lag seine Stärke. Darin liegt bis heute ebenso das Problem.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Sonntag, 12. Juli 2026