Türkischer Minister spricht von Jerusalems „Befreiung“ und eine alte Geschichtslüge taucht wieder auf


Ein türkischer Minister träumt von Jerusalem als künftiger türkischer Herrschaftszone. Parallel kursiert die Behauptung, die Stadt sei nur 400 Jahre jüdisch geprägt gewesen. Die Chronologie widerlegt das klar.

Türkischer Minister spricht von Jerusalems „Befreiung“ und eine alte Geschichtslüge taucht wieder auf
Bildnachweis: Symbolbild

Der türkische Innenminister Mustafa Çiftçi hat am 6. Juni 2026 bei einer Veranstaltung der AKP in Çorum über JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen gesprochen und dabei eine Formulierung gewählt, die in IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen zu Recht scharf aufgenommen wurde. Nach Berichten türkischer und israelischer Medien sagte Çiftçi, man werde eines Tages, so wie man die „Befreiung“ von Damaskus, Aleppo und Karabach gesehen habe, auch die „Befreiung Jerusalems“ erleben. Zudem wird er mit dem Satz zitiert, er bete darum, eines Tages „Gouverneur von Jerusalem“ zu werden. Die israelische Reaktion fiel eindeutig aus: Das Außenministerium in Jerusalem erklärte, das Osmanische Reich sei vorbei, Jerusalem werde die ewige Hauptstadt IsraelsJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen bleiben.

Diese Äußerung steht nicht allein. Recep Tayyip ErdoÄŸan hatte bereits 2020 erklärt, „Jerusalem ist unsere Stadt“, und sich dabei auf die osmanische Herrschaft von 1517 bis 1917 bezogen. Damit beansprucht Ankara eine besondere Bindung an Jerusalem aus rund 400 Jahren osmanischer Herrschaft. Genau hier wird die Debatte entlarvend: Ausgerechnet während türkische Politiker vier Jahrhunderte osmanischer Herrschaft politisch aufladen, behaupten Israels Gegner im Netz, jüdische Herrschaft über Jerusalem habe ebenfalls nur etwa 400 Jahre gedauert und sei deshalb historisch zweitrangig. Diese Rechnung ist nicht nur ungenau. Sie ist methodisch falsch.

Der entscheidende Unterschied liegt in der Zählweise. Bei der jüdischen Geschichte wird extrem eng gerechnet. Gezählt wird fast nur die erste Phase direkter jüdischer Königsherrschaft. Bei der muslimischen Geschichte wird dagegen breit addiert: frühe islamische Kalifate, Ayyubiden, Mamluken und Osmanen werden zu einem Block gemacht. Das ist kein sauberer Vergleich. Es ist eine politische Verkürzung.

Die Chronologie Jerusalems lässt sich nicht auf 400 Jahre zusammenschneiden. Nach der historischen und biblischen Überlieferung machte König David Jerusalem um etwa 1000 vor Christus zur Hauptstadt seines Reiches. Unter Salomo wurde dort der Erste Tempel errichtet. Britannica datiert die Vollendung dieses Tempels auf 957 vor Christus. Die Babylonier zerstörten ihn 587 oder 586 vor Christus. Allein diese erste jüdische Staatsphase umfasst grob vier Jahrhunderte. Aber sie war nicht das Ende der jüdischen Geschichte Jerusalems.

Nach der babylonischen Eroberung und dem ExilDiaspora: Jüdisches Leben außerhalb IsraelsDiaspora bezeichnet die Zerstreuung eines Volkes außerhalb seiner historischen Heimat. In jüdischem Zusammenhang meint der Begriff besonders die jüdischen Gemeinschaften außerhalb Israels. Die jüdische Diaspora entstand durch Exil, Vertreibung, Migration und jahrhundertelanges Leben als Minderheit.Mehr lesen kehrten Juden nach Jerusalem zurück. Der Zweite Tempel wurde 515 vor Christus vollendet. Er bestand bis zur römischen Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 nach Christus. Das sind weitere rund 585 Jahre, in denen Jerusalem das Zentrum jüdischen religiösen Lebens blieb. In diese Zeit fallen persische Oberherrschaft, hellenistische Herrschaft, die Makkabäer, die hasmonäische Staatlichkeit, herodianische Herrschaft und römische Oberherrschaft. Wer diese Jahrhunderte aus der jüdischen Geschichte herausrechnet, zählt nicht Geschichte, sondern nur Machtperioden nach politischem Bedarf.

Die römische Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 ist dabei ein zentraler Punkt. Rom zerstörte nicht irgendeinen nebensächlichen Ort, sondern das religiöse Zentrum des jüdischen Volkes. Die Westmauer blieb als Teil der Stützmauer des Tempelareals erhalten und wurde zu einem zentralen Ort jüdischen Gebets und jüdischer Erinnerung. Britannica beschreibt die Westmauer als Überrest des Tempelareals und als heiligen Ort für Juden. Auch das zeigt: Jüdische Bindung an Jerusalem endete nicht mit dem Verlust politischer Souveränität.

Die muslimische Herrschaft über Jerusalem begann erst im 7. Jahrhundert nach Christus, also rund 1600 Jahre nach David und rund 1500 Jahre nach dem Ersten Tempel. Arabische Truppen übernahmen Jerusalem 637 oder 638 von den Byzantinern. Später entstanden auf dem Tempelberg der Felsendom und die al-Aqsa-Moschee. Damit wurde Jerusalem auch im Islam ein bedeutender Ort. Das ist ein historischer Fakt. Aber dieser Fakt macht die frühere jüdische Geschichte nicht kleiner. Er kommt zeitlich später hinzu.

Auch die Behauptung von 1200 Jahren muslimischer Herrschaft ist nur als grobe Addition verständlich, nicht als durchgehende, einheitliche Herrschaft. Von 638 bis 1099 stand Jerusalem unter muslimischer Kontrolle. 1099 eroberten die Kreuzfahrer die Stadt und machten sie zum Zentrum des Königreichs Jerusalem. Saladin eroberte Jerusalem 1187 zurück. Danach folgten weitere Herrschaftswechsel, später Mamluken und ab 1517 die Osmanen. 1917 endete die osmanische Herrschaft mit der britischen Einnahme Jerusalems. Von einer einfachen, ununterbrochenen muslimischen Linie kann daher keine Rede sein.

Damit steht die entscheidende Widerlegung: Die 400 Jahre Behauptung funktioniert nur, wenn man jüdische Geschichte künstlich auf die erste Königsherrschaft reduziert. Sie unterschlägt den Zweiten Tempel, die Rückkehr aus dem Exil, die hasmonäische Staatlichkeit, die jüdische religiöse Kontinuität, die Westmauer, die jahrhundertelange Gebetsbindung und die moderne israelische Souveränität. Gleichzeitig rechnet sie muslimische Herrschaft großzügig zusammen, obwohl diese aus verschiedenen Reichen und unterbrochenen Phasen bestand.

Auch die moderne Geschichte wird dabei meist verschwiegen. Nach dem Krieg von 1948Israelischer Unabhängigkeitskrieg: Israels Überleben 1948Der Israelische Unabhängigkeitskrieg war der Krieg von 1947 bis 1949 um die Gründung und Existenz Israels. Nach der Unabhängigkeitserklärung vom 14. Mai 1948 griffen mehrere arabische Staaten den neuen jüdischen Staat an.Mehr lesen kontrollierte Israel den westlichen Teil Jerusalems, Jordanien kontrollierte den östlichen Teil mit der Altstadt. Diese jordanische Kontrolle dauerte von 1948 bis 1967. Im SechstagekriegSechstagekrieg: Israels Sieg 1967 und die FolgenDer Sechstagekrieg war der Krieg vom 5. bis 10. Juni 1967 zwischen Israel und mehreren arabischen Staaten. Israel besiegte Ägypten, Jordanien und Syrien und übernahm die Kontrolle über Sinai, Gaza, Judäa und Samaria, Ostjerusalem und die Golanhöhen.Mehr lesen 1967 brachte Israel Ostjerusalem und die Altstadt unter seine Kontrolle. Seitdem ist Jerusalem wieder unter israelischer Herrschaft. Wer Herrschaftsjahre zählen will, kann diese Zeit nicht einfach ausblenden.

Das Ergebnis ist eindeutig. Jerusalem war jüdisches Zentrum, lange bevor es islamische Herrschaft gab. Der Erste Tempel stand dort Jahrhunderte vor der Entstehung des Islam. Der Zweite Tempel bestand bis zum Jahr 70 nach Christus. Die jüdische Bindung an Jerusalem überdauerte Exil, Fremdherrschaft und Zerstörung. Muslimische Herrschaft gehört zur Geschichte der Stadt, aber sie beginnt später und war nicht die einzige historische Schicht. Osmanische Herrschaft dauerte rund 400 Jahre und endete 1917. Daraus entsteht kein Anspruch Ankaras auf Jerusalem.

Wenn türkische Politiker heute von der „Befreiung Jerusalems“ sprechen, dann ist das keine historische Korrektur, sondern politische Rhetorik. Wenn im Netz gleichzeitig behauptet wird, Jerusalem sei nur 400 Jahre jüdisch gewesen, dann ist das keine Aufklärung, sondern eine Verkürzung mit Zielrichtung: Die jüdische Geschichte der Stadt soll kleiner erscheinen, als sie ist.

Die Fakten lassen diesen Trick nicht zu. Jerusalem war Hauptstadt Davids, Ort des Ersten Tempels, Ort des Zweiten Tempels, Zentrum jüdischen Gebets, Ziel jüdischer Erinnerung und ist heute die Hauptstadt Israels. Wer diese Geschichte auf 400 Jahre zusammenschneidet, widerlegt nicht Israel. Er zeigt nur, wie viel Geschichte er ausblenden muss, um seine Behauptung halten zu können.

Quellen:

Daily Sabah: Bericht über Mustafa Çiftçis Rede in Çorum und seine Aussage zum „Gouverneur von Jerusalem“
https://www.dailysabah.com/politics/turkish-interior-minister-hopes-for-liberation-of-jerusalem/news

Times of Israel: Bericht über Çiftçis Aussage zur „Befreiung Jerusalems“ und die israelische Reaktion
https://www.timesofisrael.com/turkeys-interior-minister-vows-to-liberate-jerusalem-return-it-to-turkish-hands/

Jerusalem Post: Bericht über Çiftçis Jerusalem Äußerungen
https://www.jpost.com/middle-east/article-898624

Ynetnews: Bericht über Çiftçis Aussage, die Türkei werde eines Tages Jerusalem kontrollieren
https://www.ynetnews.com/article/r1xap11qzmg

Britannica: Tempel von Jerusalem, Erster Tempel, Zweiter Tempel, Zerstörung 587/586 vor Christus und 70 nach Christus
https://www.britannica.com/topic/Temple-of-Jerusalem

Britannica: Kurzfassung zum Tempel von Jerusalem, Vollendung des Ersten Tempels 957 vor Christus und des Zweiten Tempels 515 vor Christus
https://www.britannica.com/summary/Temple-of-Jerusalem

Britannica: Tempelberg, Zweiter Tempel, Zerstörung durch die Römer im Jahr 70
https://www.britannica.com/place/Temple-Mount

Britannica: Belagerung Jerusalems im Jahr 70 und Zerstörung des Zweiten Tempels
https://www.britannica.com/event/Siege-of-Jerusalem-70

Britannica: Westmauer als Überrest des Tempelareals und heiliger Ort jüdischen Gebets
https://www.britannica.com/topic/Western-Wall

Britannica: Königreich Jerusalem und Kreuzfahrerherrschaft ab 1099
https://www.britannica.com/place/kingdom-of-Jerusalem

JSTOR: Ottoman Jerusalem, 1517 bis 1917
https://www.jstor.org/stable/jj.21570566

JSTOR: Jerusalem zwischen osmanischer und britischer Herrschaft, britische Eroberung 1917
https://www.jstor.org/stable/j.ctt1j1nt4x



Autor: Samuel Benning

Artikel veröffentlicht am: Montag, 8. Juni 2026

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