70.000 Israelis kehren zur Wahl zurück: Ihre Stimmen könnten die Machtverhältnisse verändern

70.000 Israelis kehren zur Wahl zurück: Ihre Stimmen könnten die Machtverhältnisse verändern


Aus den USA, Europa und Australien reisen Zehntausende Israelis zur Parlamentswahl in ihre Heimat. Viele nehmen hohe Kosten auf sich. Der Likud versuchte zuvor, eine Organisation zur Unterstützung der Rückkehrer einzuschränken.

70.000 Israelis kehren zur Wahl zurück: Ihre Stimmen könnten die Machtverhältnisse verändern
Bildnachweis: MoserB

Einen Tag vor der israelischen Parlamentswahl zeichnet sich eine ungewöhnliche Mobilisierung ab: Schätzungsweise 67.000 bis 70.000 im Ausland lebende Israelis wollen eigens zur Abstimmung am 27. Oktober in ihre Heimat zurückkehren. Manche reisen Tausende Kilometer, nehmen Urlaub und bezahlen teure Flugtickets, um ihre Stimme abzugeben. Bei einem knappen Wahlausgang könnten diese zusätzlichen Wähler für die Zusammensetzung der nächsten Knesset bedeutsam werden.

Die Schätzung stammt unter anderem von der Initiative Fly&Vote, die im Ausland lebende Israelis über ihre Wahlmöglichkeiten informiert und bei der Organisation ihrer Rückreise unterstützt.

IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen unterscheidet sich dabei von zahlreichen anderen Demokratien. Die meisten israelischen Staatsbürger können nicht einfach in einer Botschaft oder per Briefwahl abstimmen. Wer dauerhaft im Ausland lebt, muss gewöhnlich persönlich nach Israel reisen, um an der Wahl teilnehmen zu können.

Nach Angaben der israelischen Statistikbehörde leben rund 810.000 wahlberechtigte Israelis außerhalb des Landes. Die große Mehrheit von ihnen wird auch dieses Mal nicht persönlich an der Abstimmung teilnehmen.

Doch die Zahl der Rückkehrwilligen ist nach den Erhebungen der Initiative in den vergangenen Wochen deutlich gestiegen.

Anfang Oktober rechnete Fly&Vote noch mit etwa 53.000 Wählern. Eine zwischen dem 12. und 21. Oktober durchgeführte Befragung unter rund 23.000 im Ausland lebenden Israelis ergab anschließend eine wesentlich höhere Reisebereitschaft.

Die Initiative beziffert die erwartete Zahl inzwischen auf rund 67.000.

Diese Angaben beruhen allerdings auf freiwilligen Befragungen und Registrierungen. Sie sind weder eine repräsentative Messung aller Auslandsisraelis noch eine amtliche Erfassung tatsächlich eingereister Wähler.

Selbst eine kleine Verschiebung kann entscheidend sein

Die besondere Bedeutung der Rückkehrer ergibt sich aus dem israelischen Wahlsystem.

Die Knesset besteht aus 120 Abgeordneten. Zur Regierungsbildung wird gewöhnlich die Unterstützung von mindestens 61 Parlamentariern benötigt.

Bei der Wahl 2022 entsprachen rund 36.000 Stimmen rechnerisch einem Mandat. Aufgrund des Bevölkerungswachstums und einer möglicherweise höheren Wahlbeteiligung könnte dieser Wert diesmal auf etwa 38.000 bis 39.000 Stimmen steigen.

Damit entspräche die geschätzte Zahl von 67.000 Rückkehrern rechnerisch ungefähr 1,7 Mandaten.

Daraus folgt nicht, dass eine bestimmte Partei automatisch zusätzliche Sitze erhält. Die tatsächliche Wirkung hängt davon ab, welche Parteien die Rückkehrer wählen, wie viele von ihnen tatsächlich abstimmen und wie sich die Stimmen landesweit verteilen.

Auch die Sperrklausel von 3,25 Prozent spielt eine Rolle. Bei Parteien, die knapp an dieser Grenze liegen, können bereits vergleichsweise kleine Veränderungen der Wahlbeteiligung erhebliche Auswirkungen haben.

Besonders interessant ist deshalb die Frage, welche politischen Vorstellungen die im Ausland lebenden Israelis mitbringen.

Die Antwort fällt keineswegs einheitlich aus.

Einige Rückkehrer wollen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ablösen. Andere unterstützen ausdrücklich seinen Likud. Wieder andere verbinden die Stimmabgabe vor allem mit einem Familienbesuch und sehen ihre Reise als persönliche demokratische Verpflichtung.

Eine belastbare Erhebung, die eine klare parteipolitische Zuordnung sämtlicher Rückkehrer erlaubt, liegt nicht vor.

Die Tatsache, dass jemand Israel verlassen hat, verrät schließlich noch nicht, welche Regierung er sich für das Land wünscht.

Likud ging gegen Fly&Vote vor

Die Mobilisierung aus dem Ausland hat bereits einen politischen und juristischen Streit ausgelöst.

Netanjahus Likud beantragte bei der Zentralen Wahlkommission Einschränkungen gegen Fly&Vote. Die Partei argumentierte, die Unterstützung bei Flügen und weiteren Reiseleistungen könne eine unzulässige Begünstigung von Wählern darstellen.

Hintergrund ist das israelische Wahlrecht, das bestimmte materielle Anreize für die Stimmabgabe untersagt.

Am 6. Oktober endete das Verfahren mit einer Vereinbarung vor dem Vorsitzenden der Zentralen Wahlkommission, Richter Noam Sohlberg.

Die Initiative verpflichtete sich, keine neuen subventionierten Flüge zu organisieren und keine zusätzlichen Flugpreisnachlässe anzubieten. Auch bestimmte Unterstützungsleistungen bei Transport und Unterbringung wurden eingeschränkt.

Der Likud stellte die Einigung als Erfolg dar. Fly&Vote betonte dagegen, seine Arbeit sei nicht grundsätzlich verboten worden.

Der Streit verdeutlicht die Spannung zwischen zwei Anliegen: Einerseits sollen möglichst viele Wahlberechtigte ihr demokratisches Recht ausüben können. Andererseits müssen Wahlkampfhilfen den gesetzlichen Regeln entsprechen und dürfen keine unzulässigen Vorteile schaffen.

Die Rückkehrer verlieren durch diese Vereinbarung jedenfalls nicht ihr Wahlrecht.

Tausende Kilometer für eine Stimme

Wie ernst viele Auslandsisraelis die Wahl nehmen, zeigen Berichte aus mehreren Ländern.

Aus Portugal landete am Sonntag eine eigens organisierte Maschine mit israelischen Wählern auf dem Flughafen Ben-Gurion. Die Reise war unter anderem notwendig geworden, nachdem reguläre Flugverbindungen gestrichen worden waren.

Auch aus den Vereinigten Staaten, Kanada und Australien reisen Israelis an.

Nach Angaben von Fly&Vote stammen etwa 48 Prozent der Teilnehmer seiner jüngsten Befragung aus den USA und 37 Prozent aus europäischen Ländern. Weitere kommen aus Kanada, Australien, Neuseeland und anderen Weltregionen.

Nicht jeder von ihnen reist ausschließlich wegen der Wahl. Viele verbinden die Abstimmung mit Besuchen bei Angehörigen oder einem Urlaub.

Die israelische Hotelbranche spürt die zusätzliche Nachfrage bereits. Africa Israel Hotels meldete während der Wahlwoche eine um etwa 23 Prozent höhere Auslastung als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Allerdings war die damalige Sicherheitslage anders. Aus dem Anstieg lässt sich deshalb nicht exakt ermitteln, welcher Anteil unmittelbar durch die Wahl verursacht wurde.

Auch bei den Flugbewegungen zeigt sich eine Veränderung: Nach israelischen Medienberichten verlassen vor dem Wahltermin weniger Menschen das Land als in vergleichbaren Zeiträumen. Zugleich übersteigt die Zahl der Einreisenden die der Ausreisenden.

Nicht alle Einreisenden sind allerdings wahlberechtigt oder kommen ausdrücklich zur Abstimmung.

Für die politische Bedeutung der Rückkehrer wird deshalb erst das tatsächliche Wahlergebnis Aufschluss geben.

Unabhängig davon zeigt die Mobilisierung eine bemerkenswerte Verbindung vieler Israelis zu ihrem Herkunftsland.

Menschen, die seit Jahren oder Jahrzehnten in anderen Staaten leben, investieren Geld und Zeit, um an einer Wahl teilzunehmen, deren Folgen sie häufig nicht unmittelbar im israelischen Alltag erleben werden.

Man kann darüber diskutieren, welche Rolle dauerhaft im Ausland lebende Staatsbürger bei nationalen Wahlen spielen sollten. Nach geltendem israelischem Recht besitzen sie jedoch grundsätzlich dasselbe Wahlrecht wie andere israelische Staatsbürger.

Am Dienstag werden sie ihre Stimmen gemeinsam mit Millionen Menschen abgeben, die in Israel leben.

Ob die Rückkehrer am Ende eine Regierungsmehrheit verändern, ist offen. Dass Zehntausende dafür um die halbe Welt reisen, macht deutlich, welche Bedeutung sie dieser Wahl beimessen.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Montag, 26. Oktober 2026

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