Syrien fürchtet drusischen Angriff und beschuldigt Israel

Syrien fürchtet drusischen Angriff und beschuldigt Israel


Damaskus warnt vor einer neuen Offensive in der Provinz Sweida und behauptet, Israel liefere Waffen. Doch hinter den Spannungen steht die Erinnerung an Massaker, die syrische Regierungstruppen und verbündete Milizen an Drusen verübten.

Syrien fürchtet drusischen Angriff und beschuldigt Israel
Bildnachweis: Symbolbild / KI

In Syriens Süden wächst die Gefahr einer erneuten militärischen Eskalation. Die Regierung in Damaskus befürchtet, dass bewaffnete drusische Gruppen in der Provinz Sweida innerhalb der kommenden Tage eine Offensive gegen syrische Regierungstruppen beginnen könnten. Gleichzeitig erhebt sie schwere Vorwürfe gegen IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen. JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen soll die Vorbereitungen unterstützen, militärische Aufklärung betreiben und Waffen an die drusischen Kräfte liefern. Unabhängige Belege für diese Anschuldigungen liegen bislang nicht vor.

Ein hochrangiger syrischer Regierungsvertreter schilderte der Jerusalem Post am Montag, dem 19. Oktober, die wachsende Besorgnis der Führung in Damaskus. Nach seinen Angaben sammeln sich drusische Kämpfer entlang bestehender Konfliktlinien. Führende Vertreter der drusischen Gemeinschaft hätten zudem öffentlich angekündigt, möglicherweise bald eine Operation zur Rückeroberung drusischer Dörfer zu beginnen.

Besonders weitreichend sind die Vorwürfe gegen Israel. Der syrische Regierungsvertreter behauptete, israelische Aufklärungsflüge über Sweida, Damaskus und weiteren Teilen Südsyriens hätten deutlich zugenommen. Außerdem sei ein israelischer Hubschrauber in Sweida gelandet und habe größere Mengen Waffen und Munition geliefert. Eine Bestätigung durch die israelische Armee oder unabhängig überprüfbare Informationen über einen solchen Waffentransport wurden nicht vorgelegt.

Die syrische Darstellung legt nahe, dass Israel eine neue Konfrontation bewusst herbeiführen wolle. Dabei bleibt jedoch ein entscheidender Teil der Vorgeschichte weitgehend ausgespart. Die Spannungen in Sweida entstanden nicht durch israelische Aufklärungsflüge, sondern durch schwere Gewaltexzesse, Massaker und den Zusammenbruch des Vertrauens zwischen der drusischen Bevölkerung und der neuen syrischen Führung.

Gerade deshalb ist die Behauptung, bewaffnete Drusen handelten lediglich als Werkzeug Israels, problematisch. Die Minderheit hat eigene Sicherheitsinteressen, eigene politische Forderungen und vor allem konkrete Erfahrungen mit tödlicher Gewalt durch diejenigen gemacht, die heute wieder die staatliche Kontrolle über ihre Gebiete durchsetzen wollen.

Die Massaker von Sweida sind nicht vergessen

Im Juli 2025 eskalierte ein zunächst örtlicher Konflikt zwischen drusischen und beduinischen Gruppen zu schweren Kämpfen. Syrische Regierungstruppen griffen ein, offiziell um die Ordnung wiederherzustellen. Tatsächlich kam es zu Übergriffen auf die Zivilbevölkerung, Plünderungen, Entführungen und gezielten Tötungen. Bewaffnete Gruppen verschiedener Seiten waren an schweren Verbrechen beteiligt.

Besonders belastend für die syrische Regierung sind die Erkenntnisse von Human Rights Watch. Die Menschenrechtsorganisation dokumentierte im Januar 2026 zahlreiche schwere Rechtsverletzungen während der Kämpfe. Dazu gehörten mindestens 86 offenbar rechtswidrige Tötungen, darunter 67 drusische und 19 beduinische Zivilisten. Bei mehreren der untersuchten Verbrechen waren syrische Regierungskräfte oder mit ihnen verbündete Kämpfer beteiligt.

Die Berichte schildern eine Gewalt, die weit über gewöhnliche Gefechte zwischen bewaffneten Gegnern hinausging. Drusische Familien wurden in ihren Häusern ermordet, unbewaffnete Männer erschossen und Menschen wegen ihrer religiösen Zugehörigkeit gedemütigt. Human Rights Watch dokumentierte auch Fälle, in denen drusischen Männern gewaltsam ihre traditionell bedeutsamen Schnurrbärte abgeschnitten wurden.

Allerdings begingen auch drusische bewaffnete Gruppen schwere Verbrechen an beduinischen Zivilisten. Dazu gehörten Tötungen, Geiselnahmen und Misshandlungen. Diese Tatsachen dürfen nicht ausgeblendet werden. Sie ändern jedoch nichts daran, dass syrische Regierungseinheiten, die eigentlich die Bevölkerung schützen sollten, selbst an schweren Übergriffen beteiligt waren.

Das Ausmaß der damaligen Gewalt war enorm. Nach Angaben von UN-Experten kamen bei den Kämpfen etwa 1.000 Menschen ums Leben, darunter mindestens 539 drusische Zivilisten. Zehntausende Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Human Rights Watch kritisierte noch im Januar 2026, dass die syrischen Behörden keine ausreichenden Schritte unternommen hätten, um die Verantwortlichen auf allen Seiten zur Rechenschaft zu ziehen.

Vor diesem Hintergrund besitzt die Sorge der drusischen Bevölkerung vor einer Rückkehr der syrischen Armee eine nachvollziehbare Grundlage. Eine Regierung, deren Sicherheitskräfte an solchen Verbrechen beteiligt waren, kann nicht erwarten, dass die betroffenen Gemeinden ihre Waffen abgeben und ohne glaubwürdige Garantien auf staatlichen Schutz vertrauen.

Israel griff während der Kämpfe im Juli 2025 militärisch ein. Die israelische Luftwaffe attackierte syrische Militärstellungen und Ziele in Damaskus, darunter das Umfeld des militärischen Hauptquartiers. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu begründete das Eingreifen mit dem Schutz der drusischen Bevölkerung und der Forderung, Südsyriens Grenzregion zu entmilitarisieren.

Unter amerikanischer Vermittlung kam schließlich eine Waffenruhe zustande. Syrische Regierungstruppen zogen sich aus Sweida zurück, während drusische Kräfte ihre Angriffe einstellten. Die grundlegenden politischen Probleme wurden dadurch jedoch nicht gelöst.

Wie haOlam.de bereits im Juli 2025 berichtete, setzte Israel seinen militärischen Einfluss damals gezielt ein, um den Rückzug syrischer Einheiten durchzusetzen. Die israelische Regierung machte deutlich, dass sie Massaker an Drusen in unmittelbarer Nähe ihrer Grenze nicht hinnehmen wolle.

Im September berichtete haOlam.de zudem über eine bemerkenswerte Veränderung innerhalb der drusischen Gemeinschaft. Gerade unter den Drusen auf den Golanhöhen, die historisch häufig enge Bindungen an Syrien pflegten, wächst die Identifikation mit Israel. Die Gewalt gegen Drusen in Sweida hat dazu erheblich beigetragen.

Der einflussreiche drusische Geistliche Hikmat al-Hijri sprach sich im August ausdrücklich für eine engere Verbindung mit Israel aus und stellte das Selbstbestimmungsrecht Sweidas in den Vordergrund. Allerdings repräsentiert diese Haltung nicht sämtliche Drusen Syriens. Auch innerhalb der Gemeinschaft bestehen unterschiedliche Vorstellungen über Autonomie, Unabhängigkeit und das Verhältnis zu Damaskus.

Warum Israel eine Rückkehr syrischer Truppen verhindern will

Israels Haltung gegenüber Südsyriens neuer Führung wird wesentlich von Sicherheitsfragen bestimmt. Seit dem Sturz Baschar al-Assads im Dezember 2024 wird Syrien von Ahmed al-Sharaa regiert, dessen politischer und militärischer Aufstieg eng mit islamistischen bewaffneten Gruppen verbunden ist. Seine frühere Organisation Hayat Tahrir al-Sham ging aus dem syrischen Ableger von Al-Qaida hervor, bevor sie sich später von dem Terrornetzwerk lossagte.

Dass al-Sharaa heute als Staatspräsident auftritt und internationale Gespräche führt, beseitigt diese Vorgeschichte nicht. Ebenso wenig beweist sie allerdings, dass sämtliche Entscheidungen seiner Regierung unverändert denselben ideologischen Zielen folgen. Entscheidend für die Bewertung sind die tatsächlichen Handlungen der neuen syrischen Führung, insbesondere der Umgang mit religiösen und ethnischen Minderheiten.

Die dokumentierten Massaker an Drusen und zuvor an Angehörigen der alawitischen Minderheit haben erhebliche Zweifel geweckt, ob die neue Regierung ihre Sicherheitskräfte kontrollieren und die Bevölkerung unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit schützen kann.

Für Israel kommt die geografische Nähe hinzu. Die südlichen Teile Syriens grenzen unmittelbar an die Golanhöhen. Eine militärische Präsenz feindlich gesinnter Kräfte in diesem Gebiet könnte schnell zu einer unmittelbaren Bedrohung israelischer Gemeinden werden. Jerusalem will deshalb verhindern, dass dort schwer bewaffnete syrische Einheiten oder islamistische Milizen dauerhaft Fuß fassen.

Die Unterstützung bedrohter Drusen ist somit nicht nur eine humanitäre Angelegenheit. Israel besitzt eine große drusische Gemeinschaft, deren Angehörige unter anderem in den Streitkräften, bei der Polizei und in staatlichen Institutionen dienen. Zahlreiche Familien unterhalten enge Verbindungen zu Verwandten in Syrien. Gewalt gegen Drusen jenseits der Grenze hat deshalb unmittelbare gesellschaftliche und politische Auswirkungen innerhalb Israels.

Damaskus betrachtet die israelischen Militäraktionen dagegen als Verletzung seiner staatlichen Souveränität. Dieser Einwand ist völkerrechtlich relevant, beantwortet aber nicht die Frage, wie die syrische Regierung die Sicherheit jener Menschen gewährleisten will, die bereits Opfer schwerer Übergriffe ihrer eigenen Streitkräfte und verbündeter Gruppen geworden sind.

Die nun behauptete israelische Waffenlieferung nach Sweida wäre, sollte sie bestätigt werden, eine weitere Eskalation. Zwischen der militärischen Überwachung eines gefährdeten Grenzgebiets, der Unterstützung einer bedrohten Minderheit und der direkten Bewaffnung von Gruppen für eine Offensive gegen syrische Regierungstruppen bestehen jedoch erhebliche Unterschiede. Diese dürfen nicht durch unbestätigte Aussagen eines anonymen Regierungsvertreters verwischt werden.

Gleichzeitig wäre es falsch, die gegenwärtigen Entwicklungen allein als Ergebnis einer israelischen Initiative darzustellen. Die bewaffneten drusischen Gruppen verfolgen eigene Ziele und reagieren auf einen Konflikt, dessen Ursachen tief innerhalb Syriens liegen.

Zuletzt zeigte sich die festgefahrene Lage auch abseits des Militärischen. Anfang Oktober berichtete Reuters, dass Tausende drusische Schüler und Studenten aufgrund der politischen und militärischen Spannungen ihre Ausbildung nicht regulär fortsetzen konnten. Von etwa 13.700 betroffenen Studenten konnten dem Bericht zufolge im Jahr 2026 lediglich 150 ihre Prüfungen abschließen. Die Sorge vor einer erneuten militärischen Besetzung und das Misstrauen gegenüber staatlichen Einrichtungen reichen damit inzwischen tief in das zivile Leben hinein.

Trotz dieser Entwicklung gab es diplomatische Bemühungen zwischen Israel und Syrien. Nach Angaben der Jerusalem Post fanden seit al-Sharaas Machtübernahme mehrere Gesprächsrunden über mögliche Sicherheitsvereinbarungen statt. Im August sollen sich Mossad-Direktor Roman Gofman und Syriens Außenminister Asaad Hassan al-Shaibani getroffen haben.

Ein amerikanischer Regierungsvertreter erklärte nun gegenüber der Zeitung, dass vor der israelischen Parlamentswahl am 27. Oktober nicht mit einer Wiederaufnahme der Gespräche zu rechnen sei. Dadurch bleibt ein entscheidender diplomatischer Kanal vorerst eingeschränkt, während die militärischen Spannungen in Sweida wachsen.

Besonders auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass Damaskus Israel eine Destabilisierung Syriens vorwirft, während die Regierung selbst bis heute keine überzeugende politische Lösung für das Misstrauen der drusischen Bevölkerung gefunden hat. Militärische Kontrolle lässt sich möglicherweise erzwingen. Vertrauen nach Massakern und systematischen Übergriffen jedoch nicht.

Ob tatsächlich eine neue drusische Offensive bevorsteht, bleibt offen. Ebenso ungeklärt ist, ob Israel eine solche Operation militärisch unterstützen würde. Die Aussagen aus Damaskus sind ernst zu nehmen, aber sie bleiben zunächst Behauptungen einer Konfliktpartei.

Fest steht dagegen, dass die Gewalt von 2025 nicht überwunden ist. Die Opfer, die Vertreibungen und die ausgebliebene umfassende Aufarbeitung prägen das Verhältnis zwischen Sweida und der syrischen Regierung weiterhin. Solange Damaskus keine glaubwürdigen Sicherheitsgarantien bietet und die Verantwortlichen der damaligen Verbrechen nicht konsequent zur Rechenschaft zieht, wird die Angst vor einer erneuten Unterwerfung der drusischen Gebiete bestehen bleiben.

Für Israel bleibt Südsyriens Zukunft damit eine doppelte Herausforderung: Der Schutz der drusischen Bevölkerung und die Verhinderung neuer militärischer Bedrohungen an der eigenen Grenze müssen mit dem Risiko einer weiteren regionalen Eskalation abgewogen werden.

Die gegenwärtige Krise zeigt vor allem eines: Der Machtwechsel in Damaskus hat Syrien noch keinen dauerhaften inneren Frieden gebracht. Wer die Spannungen in Sweida ausschließlich als Ergebnis israelischer Einflussnahme darstellt, blendet die wichtigste Ursache aus. Die drusische Bevölkerung hat erlebt, welche Gefahr von bewaffneten Kräften ausgehen kann, die im Namen des syrischen Staates auftreten. Diese Erfahrung lässt sich weder durch diplomatische Erklärungen noch durch neue Schuldzuweisungen an Israel beseitigen.




Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Mittwoch, 21. Oktober 2026

haOlam-News unterstützen

haOlam-News ist auf die Unterstützung seiner Leserinnen und Leser angewiesen. Jeder Beitrag hilft, unabhängige Berichterstattung weiterzuführen.

Sie benötigen nicht zwingend ein PayPal-Konto. Im nächsten Schritt kann je nach PayPal-Anzeige auch eine Zahlung per Karte angeboten werden.

Sie möchten unsere Arbeit unterstützen, nutzen aber kein PayPal? Schreiben Sie uns kurz, wir melden uns mit den passenden Möglichkeiten.

Weitere interessante Artikel

Newsletter