Xi in Kairo: China baut seinen Einfluss am Suezkanal und im Nahen Osten massiv aus
Xi Jinping besucht Ägypten erstmals seit zehn Jahren. Hinter Jubiläumsrhetorik steht handfeste Geopolitik: China investiert Milliarden, nutzt den Suezkanal als Tor zu drei Kontinenten und baut seinen Einfluss im Nahen Osten weiter aus.

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Chinas Staatschef Xi Jinping ist zu einem dreitägigen Staatsbesuch in Ägypten eingetroffen. Präsident Abdel Fattah al-Sisi empfing ihn am Montagabend persönlich am Flughafen von Kairo. Offizieller Anlass ist das 70-jährige Bestehen der diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern. Tatsächlich geht es jedoch um erheblich mehr: Ägypten entwickelt sich für Peking zu einem der strategisch wichtigsten Standorte zwischen Afrika, dem Nahen Osten und Europa – und Kairo wiederum setzt immer stärker auf chinesisches Kapital, Technologie und Industrie, um seine Wirtschaft auszubauen.
Für Xi ist es der erste Besuch in Ägypten seit 2016. Dass er nach zehn Jahren gerade jetzt zurückkehrt, ist kein Zufall. China sucht seit Jahren nach wirtschaftlichen und politischen Ankerpunkten im Nahen Osten, ohne sich dabei vollständig in die Konflikte der Region hineinziehen zu lassen. Ägypten bietet dafür nahezu ideale Voraussetzungen: mehr als 100 Millionen Einwohner, eine bedeutende Armee, politisches Gewicht in der arabischen Welt und vor allem den Suezkanal – eine der wichtigsten Handelsadern der Welt.
Ägypten war 1956 das erste arabische und zugleich das erste afrikanische Land, das diplomatische Beziehungen zur Volksrepublik China aufnahm. 2014 erhoben beide Staaten ihre Beziehungen zu einer umfassenden strategischen Partnerschaft. Xi bezeichnet das Verhältnis inzwischen als Modell für die Zusammenarbeit Chinas mit arabischen und afrikanischen Staaten. In einem anlässlich seines Besuchs veröffentlichten Beitrag betonte er ausdrücklich die Bedeutung Ägyptens als Handels- und Investitionspartner und hob die chinesische Beteiligung an großen Infrastrukturprojekten hervor.
Für China ist Ägypten weit mehr als ein Absatzmarkt
Der entscheidende Vorteil Ägyptens liegt auf der Landkarte. Wer am Suezkanal produziert, besitzt über Häfen und Verkehrswege einen kurzen Zugang zu Europa, Afrika und den arabischen Staaten. Genau deshalb konzentriert sich ein erheblicher Teil der chinesischen Investitionen auf Industrie, Logistik und Infrastruktur rund um den Kanal.
Ein Zentrum dieser Strategie ist die chinesisch-ägyptische TEDA-Wirtschaftszone bei Ain Sokhna am Roten Meer. Sie liegt unmittelbar an der Suezkanal-Wirtschaftszone und soll chinesischen Unternehmen ermöglichen, nicht lediglich nach Ägypten zu exportieren, sondern dort selbst zu produzieren. Nach ägyptischen Angaben waren dort beim Besuch des chinesischen Ministerpräsidenten Li Qiang im Juli 2025 bereits 185 Unternehmen angesiedelt. Die Zone wurde von rund sieben auf etwa zehn Quadratkilometer erweitert.
Weitere Investitionen folgen. Chinesische Unternehmen sind unter anderem in der Elektronik-, Textil-, Energie-, Transport- und verarbeitenden Industrie aktiv. Allein in der Wirtschaftszone von Sokhna wurden zuletzt weitere Projekte für Haushaltsgeräte, Elektronik und industrielle Produktion begonnen.
China war darüber hinaus am Bau des neuen Geschäftsviertels in Ägyptens neuer Verwaltungshauptstadt und an der elektrischen Stadtbahn beteiligt. Hinzu kommen Projekte bei Stromnetzen, erneuerbaren Energien, Telekommunikation und Raumfahrt. Xi stellt diese Infrastrukturprojekte ausdrücklich als sichtbaren Erfolg der chinesischen „Belt and Road“-Initiative dar.
Die wirtschaftlichen Zahlen zeigen, dass dies längst keine symbolische Partnerschaft mehr ist. Das bilaterale Handelsvolumen erreichte nach Angaben des ägyptischen Ministeriums für Investitionen und Außenhandel 2025 rund 19,52 Milliarden US-Dollar. Chinesische Investitionen in Ägypten werden inzwischen auf mehr als zehn Milliarden Dollar beziffert. Allein im August wurden zudem 17 Verträge über ägyptische Exporte nach China im Gesamtwert von etwa 168 Millionen Dollar geschlossen.
Für Kairo liegt darin eine große Chance. Ägypten will weg von der Rolle eines Marktes für chinesische Waren und stärker selbst Produktionsstandort werden. Die Regierung versucht, chinesische Unternehmen dazu zu bewegen, Waren in Ägypten herzustellen, Arbeitsplätze zu schaffen und von dort aus andere Märkte zu beliefern. Das entspricht Sisis Strategie, Ägypten als regionales Industrie- und Logistikzentrum auszubauen.
Kairo setzt nicht mehr ausschließlich auf den Westen
Politisch ist die Entwicklung mindestens ebenso interessant. Ägypten gehört seit Anfang 2024 zu BRICS und baut damit seine Beziehungen zu China, Indien, Russland und anderen Staaten dieses Zusammenschlusses aus. Kairo betrachtet diese Mitgliedschaft ausdrücklich als Möglichkeit, seinen außenwirtschaftlichen Spielraum zu vergrößern und den Einfluss der Entwicklungsländer in internationalen Institutionen zu stärken.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Ägypten einfach vom Westen ins chinesische Lager wechselt. Eine solche Interpretation wäre zu simpel. Kairo versucht vielmehr, möglichst viele Machtzentren gleichzeitig zu nutzen. Die Beziehungen zu Washington bleiben sicherheitspolitisch wichtig, Europa ist ein entscheidender Handelspartner, die GolfstaatenStraße von Hormus: Die gefährlichste Engstelle der WeltwirtschaftDie Straße von Hormus ist eine Meerenge zwischen Iran und Oman. Sie verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und ist eine der wichtigsten Routen für Öl und Flüssigerdgas weltweit.Mehr lesen gehören zu den wichtigsten Investoren – und China bietet Kapital, Infrastruktur und einen riesigen Absatzmarkt, ohne politische Reformforderungen westlicher Prägung zu stellen.
Gerade das macht Peking für Sisi attraktiv.
China wiederum erhält Zugang zu einem Land, dessen Bedeutung kaum zu überschätzen ist. Der Suezkanal verbindet Asien mit Europa. Ägypten grenzt an Libyen, Sudan, den GazastreifenPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen und IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen und spielt bei praktisch jeder größeren politischen Krise in seiner Nachbarschaft eine Rolle. Für Peking ist eine enge Partnerschaft mit Kairo deshalb zugleich Wirtschaftspolitik und geopolitische Vorsorge.
Beide Präsidenten sprechen inzwischen offen von einer stärkeren „multipolaren“ Weltordnung. Sisi erklärte zum 70. Jahrestag der Beziehungen, er wolle gemeinsam mit Xi an einer stabileren multipolaren Welt arbeiten. Hinter der diplomatischen Formulierung steckt ein bekanntes Ziel Pekings: eine internationale Ordnung, in der die Vereinigten Staaten und ihre westlichen Verbündeten weniger dominieren und China selbst größeren Einfluss besitzt.
China bleibt trotz aller Expansion vorsichtig
Bemerkenswert ist jedoch, dass Peking seine Nahostpolitik bislang vorsichtiger betreibt, als seine wirtschaftliche Expansion vermuten lässt. China möchte Geschäfte, Infrastruktur und politischen Einfluss – aber möglichst ohne die militärischen und sicherheitspolitischen Kosten zu übernehmen, die jahrzehntelang vor allem die Vereinigten Staaten getragen haben.
Die Erfahrungen mit Iran zeigen die Grenzen. Peking und Teheran hatten 2021 eine auf 25 Jahre angelegte umfassende Kooperation vereinbart, die große Erwartungen an Investitionen und strategische Zusammenarbeit auslöste. Der tatsächliche Ausbau blieb jedoch deutlich hinter den damaligen Hoffnungen zurück. Die wiederkehrenden regionalen Konflikte und der Krieg mit Iran demonstrieren China, wie schnell wirtschaftliche Investitionen im Nahen Osten geopolitischen Risiken ausgesetzt werden können.
Ägypten erscheint dagegen vergleichsweise berechenbar. Trotz erheblicher wirtschaftlicher Probleme ist das Land politisch stabiler als zahlreiche andere Staaten der Region, kontrolliert den Suezkanal und verfügt über funktionierende staatliche Institutionen und Sicherheitskräfte. Für China ist das erheblich attraktiver als ein Partner, der ständig unmittelbar vor einer militärischen Eskalation steht.
Auch für Israel ist diese Entwicklung relevant. Ägypten ist seit 1979 Friedenspartner Israels, besitzt eine Schlüsselrolle an der Grenze zu Gaza und bleibt einer der wichtigsten arabischen Vermittler in israelisch-palästinensischen Fragen. Ein wachsender chinesischer wirtschaftlicher und technologischer Fußabdruck in Ägypten berührt damit zwangsläufig auch das strategische Umfeld Israels.
Daraus folgt noch keine chinesisch-ägyptische Front gegen JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen. Ägypten verfolgt eigene Interessen und wird seine Beziehungen zu Israel oder den Vereinigten Staaten nicht allein wegen chinesischer Investitionen aufgeben. Aber je größer Pekings wirtschaftliches Gewicht in Kairo wird, desto größer wird zwangsläufig auch Chinas politischer Einfluss in einem Land, das für Israels SicherheitStaatsräson: Bedeutung und Israels SicherheitStaatsräson meint ein grundlegendes Staatsinteresse, das als besonders wichtig für Bestand, Sicherheit oder Verantwortung eines Staates gilt. In Deutschland wird der Begriff häufig mit der Sicherheit Israels verbunden.Mehr lesen von erheblicher Bedeutung ist.
Der Suezkanal macht Ägypten für Peking unverzichtbar
Das erklärt letztlich, warum Xi nach zehn Jahren persönlich nach Kairo zurückkehrt. Die Feier von 70 Jahren diplomatischer Beziehungen liefert den feierlichen Rahmen. Dahinter steht eine wesentlich nüchternere Rechnung.
Ägypten benötigt Investitionen, Industrie, Technologie und neue Exportmärkte. China benötigt stabile Produktions- und Logistikstandorte entlang seiner wichtigsten Handelswege. Beide Interessen treffen am Suezkanal nahezu perfekt aufeinander.
Die Partnerschaft wird deshalb weiter wachsen.
Für Kairo bedeutet das zusätzlichen wirtschaftlichen Handlungsspielraum gegenüber Washington und Europa. Für Peking entsteht ein weiterer strategischer Stützpunkt seiner wirtschaftlichen Expansion – nicht militärisch, sondern durch Fabriken, Verkehrswege, Industrieparks, Handel und langfristige Abhängigkeiten.
China muss den Nahen Osten nicht militärisch beherrschen, um dort an Macht zu gewinnen. Es reicht, wenn immer mehr Staaten einen wichtigen Teil ihrer wirtschaftlichen Zukunft mit Peking verbinden.
Ägypten ist dafür eines der wichtigsten Beispiele.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Mittwoch, 2. September 2026