Sicherheitsabkommen statt Friedensvertrag: Syrien und Libanon tasten sich an Israel heran
Syriens Präsident Sharaa spricht von einem Sicherheitsabkommen mit Israel und einem möglichen späteren Frieden. Doch der Streit um den Golan und fehlende Sicherheitsgarantien verhindern einen schnellen Durchbruch.

Bildnachweis: Ambassador Tom Barrack
Syriens Präsident Ahmed al-Sharaa spricht erstmals offen davon, dass ein Sicherheitsabkommen mit IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen später zu einem umfassenden Frieden führen könnte. Doch seine Forderung nach den Golanhöhen zeigt zugleich, wie weit beide Seiten noch voneinander entfernt sind. Entscheidend ist dennoch der politische Wandel: Damaskus und Beirut behandeln Israel zunehmend nicht mehr als ideologischen Dauerfeind, sondern als unvermeidlichen Partner bei der Stabilisierung ihrer Staaten.
Ahmed al-Sharaa hat in einem Interview mit Al Jazeera erklärt, Syrien arbeite gemeinsam mit mehreren Staaten an einem Sicherheitsabkommen mit Israel. Eine erfolgreiche Vereinbarung könne nach seinen Worten den Weg zu einem umfassenden Frieden öffnen. Zugleich betonte der syrische Präsident, Damaskus werde seinen Anspruch auf die Golanhöhen nicht aufgeben.
Das klingt zunächst widersprüchlich. Sharaa spricht von Frieden, erklärt aber gleichzeitig eine Forderung zur Voraussetzung, die für Israel auf absehbare Zeit nicht verhandelbar sein dürfte. Keine verantwortliche israelische Regierung wird die strategisch entscheidenden Golanhöhen an einen syrischen Staat übergeben, dessen politische Ordnung noch nicht gefestigt ist und in dessen Territorium weiterhin bewaffnete Gruppen, islamistische Kräfte und ausländische Akteure um Einfluss ringen.
Gerade nach dem Massaker vom 7. Oktober7. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen 2023 wäre es politisch kaum vorstellbar, dass Israel eine beherrschende Höhenposition an seiner Grenze aufgibt und darauf vertraut, dass ein schwacher Nachbarstaat dauerhaft jeden Terroristen, jede Miliz und jeden ausländischen Waffenlieferanten fernhalten kann. Die Golanhöhen sind für Israel keine nostalgische Besitzfrage, sondern ein elementarer Sicherheitsraum.
Damit ist ein klassischer Friedensvertrag derzeit kaum erreichbar. Trotzdem sollte Sharaas Erklärung nicht als bedeutungsloses Gerede abgetan werden. Ihre eigentliche Bedeutung liegt nicht in einem unmittelbar bevorstehenden Frieden, sondern in dem, was offenbar bereits davor möglich werden könnte: ein belastbares Sicherheitsabkommen, das die Grenze stabilisiert, militärische Zwischenfälle reduziert und verhindert, dass der Süden Syriens erneut als Ausgangsgebiet für Angriffe gegen Israel genutzt wird.
Das ist weniger spektakulär als eine feierliche Unterzeichnung vor Fernsehkameras. Es könnte für die Sicherheit IsraelsStaatsräson: Bedeutung und Israels SicherheitStaatsräson meint ein grundlegendes Staatsinteresse, das als besonders wichtig für Bestand, Sicherheit oder Verantwortung eines Staates gilt. In Deutschland wird der Begriff häufig mit der Sicherheit Israels verbunden.Mehr lesen jedoch erheblich wichtiger sein.
Sharaa spricht nicht mehr davon, den Krieg mit Israel als ideologische Pflicht fortzusetzen. Er beschreibt die Beziehungen zu Israel zunehmend als praktische Sicherheitsfrage. Für einen syrischen Präsidenten, dessen politische Herkunft in einer dschihadistischen Bewegung liegt und der sich zugleich vor einem arabischen Publikum auf Al Jazeera äußert, ist bereits diese Wortwahl bemerkenswert.
Al Jazeera ist seit Jahren eine zentrale Plattform für islamistische und israelfeindliche Stimmen. Dass Sharaa dort nicht zum bewaffneten Kampf gegen Israel aufruft, sondern über internationale Vermittlung, Sicherheitsvereinbarungen und einen späteren Frieden spricht, zeigt eine Verschiebung. Der syrische Präsident scheint verstanden zu haben, dass sein Land seine regionalen und wirtschaftlichen Ziele nicht erreichen kann, solange es in dauerhafter Konfrontation mit Israel bleibt.
Syrien braucht Stabilität, internationale Anerkennung, Investitionen und den Wiederaufbau staatlicher Strukturen. Sharaa muss seine Herrschaft festigen, konkurrierende Machtzentren zurückdrängen und verhindern, dass ausländische Milizen oder Terrororganisationen erneut Teile des Landes kontrollieren. Solange Israel den Süden Syriens als unmittelbare Gefahr betrachtet, wird Damaskus all diese Ziele nur schwer erreichen.
Ein Sicherheitsabkommen könnte deshalb beiden Seiten dienen. Israel könnte klare Garantien für eine entmilitarisierte Grenzregion erhalten. Syrien könnte schrittweise die Kontrolle über sein Staatsgebiet zurückgewinnen und zugleich weitere israelische Militäroperationen verhindern. Eine solche Vereinbarung müsste nicht sämtliche historischen und territorialen Streitfragen lösen. Sie müsste zunächst nur dafür sorgen, dass aus syrischem Gebiet kein neuer Krieg beginnt.
Genau darin liegt der Unterschied zwischen einem Friedensvertrag und einem Sicherheitsabkommen. Ein Friedensvertrag verlangt politische Anerkennung, diplomatische Beziehungen, offene Grenzen und eine abschließende Regelung territorialer Fragen. Eine Sicherheitsvereinbarung kann weit früher ansetzen. Sie kann Truppenabstände, entmilitarisierte Gebiete, Überwachungsmechanismen, Kommunikationskanäle und klare Regeln für den Umgang mit bewaffneten Gruppen festlegen.
Israel und Syrien hatten bereits 2025 und Anfang 2026 mit amerikanischer Unterstützung über neue Sicherheitsregelungen gesprochen. Israel verlangte unter anderem eine weitgehend entmilitarisierte Zone im Süden Syriens sowie wirksame Garantien, dass keine feindlichen Kräfte bis an die israelische Grenze vorrücken können. Damaskus bestand seinerseits auf einem israelischen Rückzug aus Gebieten, die die IDF nach dem Zusammenbruch des Assad-Regimes Ende 2024 eingenommen hatte.
Diese Gegensätze bestehen weiter. Sharaa dürfte unter einem Sicherheitsabkommen vor allem die Rückkehr zu den früheren Linien des Truppenentflechtungsabkommens von 1974 verstehen. Israel sieht die damaligen Regelungen dagegen nicht mehr automatisch als ausreichend an. Nach dem Zusammenbruch der syrischen Armee und dem entstandenen Machtvakuum rückte die IDF in zusätzliche Sicherheitspositionen vor, darunter strategisch wichtige Gebiete am Hermon.
Israel wird diese Positionen nicht allein aufgrund syrischer Versprechen räumen. Sharaa muss zunächst beweisen, dass seine Regierung tatsächlich die Kontrolle über den Süden Syriens besitzt und bewaffnete Gruppen dauerhaft von der Grenze fernhalten kann. Vertrauen entsteht nicht durch ein Interview, sondern durch überprüfbare Handlungen über einen längeren Zeitraum.
Der syrische Präsident weiß zugleich, dass er einen offenen Verzicht auf den Golan innenpolitisch kaum überleben würde. Seine Betonung der syrischen Ansprüche dürfte deshalb mindestens ebenso stark an die eigene Bevölkerung gerichtet sein wie an Israel. Sharaa will Verhandlungen ermöglichen, ohne den Eindruck zu erwecken, er gebe eine jahrzehntelange nationale Forderung auf.
Er versucht damit einen schwierigen politischen Spagat. Gegenüber Israel und den Vereinigten Staaten präsentiert er sich als pragmatischer Staatsmann, der Stabilität und langfristigen Frieden sucht. Gegenüber der syrischen Öffentlichkeit versichert er, dass eine Annäherung nicht das Ende der territorialen Ansprüche bedeutet.
Ein ähnliches Muster zeigt sich inzwischen im Libanon. Präsident Joseph Aoun erklärte bei seinem Treffen mit Donald Trump im Weißen Haus, das Ziel der jüngsten Vereinbarung mit Israel sei es, den Zustand der Feindseligkeit zwischen beiden Ländern dauerhaft zu beenden. Auch Aoun spricht zunächst nicht von einem vollständigen Friedensvertrag, sondern von einem schrittweisen Sicherheitsprozess.
Aoun braucht diesen Prozess, um die Souveränität des libanesischen Staates wiederherzustellen und die HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen zu entwaffnen. Sharaa braucht ihn, um Syrien zu stabilisieren und die Herrschaft der Zentralregierung auszubauen. Beide Staatschefs können ihre Ziele kaum erreichen, solange bewaffnete Organisationen ihre Länder als Aufmarschgebiet gegen Israel benutzen und dadurch immer neue israelische Militäroperationen auslösen.
Die Parallele ist deutlich. Sowohl Syrien als auch der Libanon wollen israelische Truppen aus zusätzlichen Sicherheitszonen zurückdrängen. Israel verlangt im Gegenzug, dass beide Regierungen die Bedrohungen beseitigen, die überhaupt erst zur Einrichtung dieser Zonen geführt haben.
Im Libanon bedeutet das vor allem die vollständige Entwaffnung der Hisbollah und die dauerhafte Kontrolle des Südens durch die libanesische Armee. Im Juni unterzeichneten Israel und der Libanon unter amerikanischer Vermittlung ein Rahmenabkommen, das zunächst sogenannte Pilotzonen vorsieht. Die libanesische Armee soll dort die Kontrolle übernehmen und verhindern, dass die Hisbollah zurückkehrt. Israel will sich schrittweise zurückziehen, besteht jedoch darauf, dass die Terrororganisation tatsächlich entwaffnet wird.
Auch hier liegt der entscheidende Punkt nicht in den Erklärungen, sondern in der Umsetzung. Aoun kann in Washington von einem dauerhaften Ende der Feindseligkeiten sprechen. Solange die Hisbollah jedoch Raketen, Kämpfer und unterirdische Infrastruktur besitzt, bleibt Israel bedroht. Die libanesische Regierung muss beweisen, dass sie bereit und fähig ist, das staatliche Gewaltmonopol durchzusetzen.
Israel kann weder in Syrien noch im Libanon auf Hoffnungen bauen. Es braucht überprüfbare Sicherheitsgarantien, klare Entmilitarisierungszonen, dauerhafte Kontrollen und das Recht, bei einer unmittelbaren Bedrohung zu handeln. Internationale Beobachter können diese Maßnahmen unterstützen. Sie können jedoch keine Regierung ersetzen, die ihr eigenes Territorium nicht kontrolliert.
Der neue Ansatz ist deshalb zugleich bescheidener und realistischer als frühere Friedensinitiativen. Niemand erwartet, dass Israel, Syrien und der Libanon innerhalb weniger Monate Botschaften eröffnen, Grenzen für Touristen freigeben und sämtliche territorialen Streitfragen lösen. Stattdessen könnten zunächst Vereinbarungen entstehen, die einen neuen Krieg verhindern und die Macht bewaffneter nichtstaatlicher Akteure zurückdrängen.
Das wäre kein Frieden im Sinne der Abraham-AbkommenAbraham-Abkommen: Israels Durchbruch in der arabischen WeltDie Abraham-Abkommen sind Normalisierungsvereinbarungen zwischen Israel und mehreren arabischen beziehungsweise muslimisch geprägten Staaten. Sie begannen 2020 mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain.Mehr lesen. Aber es wäre ein erheblicher Fortschritt gegenüber jahrzehntelanger Feindschaft.
Israel sollte diese Möglichkeit ernsthaft prüfen, ohne sich von großen Worten blenden zu lassen. Ein stabiles Syrien, das iranische Kräfte, Hisbollah-Einheiten und andere Terrororganisationen von der Grenze fernhält, liegt im israelischen Interesse. Ein souveräner Libanon, dessen Armee und Regierung und nicht die Hisbollah über Krieg und Frieden entscheiden, ebenfalls.
Dafür darf Israel jedoch nicht im Voraus seine Sicherheitspositionen aufgeben. Erst müssen Damaskus und Beirut zeigen, dass sie ihre Verpflichtungen erfüllen können. Danach kann über schrittweise Rückzüge, wirtschaftliche Zusammenarbeit und weitergehende politische Beziehungen gesprochen werden.
Die Reihenfolge ist entscheidend: zuerst Kontrolle, Entwaffnung und Sicherheit, danach territoriale Veränderungen und politische Anerkennung.
Sharaas Erklärung markiert deshalb keinen bevorstehenden Frieden. Sie markiert möglicherweise den Beginn einer neuen regionalen Methode. Jahrzehntelange Konflikte sollen nicht mit einem einzigen großen Vertrag beendet werden, sondern durch kleinere, überprüfbare Schritte, die das Kriegsrisiko reduzieren und staatliche Strukturen gegenüber Terrororganisationen stärken.
Das ist weniger eindrucksvoll als die historischen Bilder früherer Friedensverträge. Angesichts der Realität in Syrien und im Libanon könnte es jedoch der einzige Weg sein, der tatsächlich funktioniert.
Israel muss dafür offen bleiben. Es darf aber nie vergessen, weshalb seine Soldaten heute auf dem Hermon und in Sicherheitszonen im Norden stehen. Diese Positionen wurden nicht aus territorialer Abenteuerlust geschaffen, sondern weil die Staaten jenseits der Grenze über Jahre nicht verhindern konnten oder nicht verhindern wollten, dass ihre Gebiete für Angriffe auf Israel genutzt wurden.
Syrien und der Libanon wollen den israelischen Rückzug. Dann müssen sie zuerst beweisen, dass nach diesem Rückzug keine Terrorarmee nachrückt.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Dienstag, 28. Juli 2026