Jordanien schützt die Frau, die Arnold Roths Tochter nie wieder nach Hause kommen ließ


Ahlam Tamimi war an dem Sbarro Massaker in Jerusalem beteiligt und lebt heute frei in Jordanien. Arnold Roth, Vater der ermordeten Malka, fordert seit Jahren ihre Auslieferung an die USA.

Jordanien schützt die Frau, die Arnold Roths Tochter nie wieder nach Hause kommen ließ
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Es gibt Sätze, die ein Vater niemals sagen müssen sollte. Arnold Roth sagt einen davon seit Jahren, immer wieder, weil die Welt ihn nicht hören will: Die Frau, die den Mord an seiner Tochter möglich machte, lebt frei in Jordanien. Sie versteckt sich nicht in einer Höhle. Sie lebt nicht im Untergrund. Sie ist nicht verschwunden. Sie ist bekannt, gesucht, angeklagt, öffentlich sichtbar und dennoch nicht vor einem amerikanischen Gericht.

Malka Roth war 15 Jahre alt, als sie am 9. August 2001 in JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen ermordet wurde. Sie war eines der Opfer des Anschlags auf die Sbarro Pizzeria im Zentrum der Stadt, einem Ort, an dem Familien, Jugendliche, Kinder und Passanten an einem gewöhnlichen Tag etwas essen wollten. Dann detonierte eine Bombe. Fünfzehn Menschen wurden getötet, darunter sieben Kinder. Unter den Toten waren auch amerikanische Staatsbürger. Mehr als 120 Menschen wurden verletzt. Die HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen bekannte sich zu dem Anschlag.

Ahlam Tamimi spielte bei diesem Verbrechen eine zentrale Rolle. Nach Angaben amerikanischer Behörden transportierte sie den Sprengsatz und den Selbstmordattentäter nach Jerusalem, führte ihn in die Nähe des Ziels und hatte den Ort ausgewählt, weil dort viele Menschen waren. In IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen wurde sie verurteilt, zu 16 lebenslangen Haftstrafen. Doch 2011 kam sie im Zuge des Gilad Schalit Austauschs frei und wurde nach Jordanien gebracht. Dort lebt sie bis heute.

Für Arnold Roth ist das keine diplomatische Randfrage. Es ist eine offene Wunde. Seine Tochter wurde ermordet, ihre Mörderin kam frei, und ein mit den Vereinigten Staaten verbündeter Staat verweigert bis heute ihre Auslieferung. Roth wirft Jordanien vor, Tamimi zu schützen und zu beherbergen. In einem Interview mit der Jerusalem Post sagte er, sie sei seit all diesen Jahren frei, obwohl die Vereinigten Staaten sie bereits 2013 angeklagt hätten und der Haftbefehl 2017 öffentlich gemacht worden sei.

Der Fall ist juristisch und politisch so brisant, weil es zwischen den Vereinigten Staaten und Jordanien seit 1995 ein Auslieferungsabkommen gibt. Jordanien beruft sich jedoch auf rechtliche Einwände und darauf, dass der Vertrag im eigenen System nicht wirksam ratifiziert worden sei. Jordaniens Gerichte lehnten die Auslieferung ab. Für Roth sind diese Erklärungen nicht überzeugend. Er nennt sie verschlungene technische Ausreden, die niemand wirklich glaube. Seine Kernfrage ist einfach: Wie kann ein Staat, der als amerikanischer Partner gilt, eine Frau schützen, die auf der FBI Liste der meistgesuchten Terroristen steht?

Hier geht es nicht um Rache. Es geht um Recht. Und um die bittere Erkenntnis, dass westliche Regierungen Terror oft dann klar verurteilen, wenn die Kameras laufen, aber leiser werden, wenn ein Verbündeter Verantwortung übernehmen müsste. Jordanien erhält seit Jahren internationale Unterstützung, gilt als wichtiger Stabilitätsfaktor in der Region und pflegt enge Beziehungen zu Washington. Genau deshalb wirkt der Fall Tamimi so beschämend. Wenn ein solcher Partner nicht einmal in einem Fall mit amerikanischen Opfern handelt, was ist dann ein Auslieferungsvertrag wert?

Die Vereinigten Staaten haben Tamimi nicht vergessen, zumindest nicht auf dem Papier. Das FBI führt sie auf seiner Liste der meistgesuchten Terroristen. Das Programm „Rewards for Justice“ des US Außenministeriums bietet bis zu 5 Millionen Dollar für Hinweise, die zu ihrer Festnahme oder Verurteilung führen. Das US Justizministerium erklärte 2017, Tamimi sei wegen ihrer Beteiligung an einem Anschlag angeklagt, bei dem amerikanische Staatsbürger getötet und verletzt wurden. Doch Papier bringt keine Gerechtigkeit, solange eine Gesuchte weiter frei lebt.

Arnold Roth sagt deshalb nicht nur Jordanien den Kampf an. Er richtet seinen Vorwurf auch an die Vereinigten Staaten, an jüdische Führung, an Regierungen, an Organisationen, an jene, die von Rechtsstaatlichkeit sprechen und dann schweigen. Er fragt, warum Washington nicht den nötigen Druck ausübt. Seine Überzeugung ist klar: Die Vereinigten Staaten könnten Jordanien bewegen, Tamimi auszuliefern, wenn sie es wirklich wollten.

Diese Frage ist unbequem, aber notwendig. Würde Deutschland akzeptieren, dass die Mörderin eines deutschen Kindes in einem verbündeten Staat frei lebt, obwohl ein Auslieferungsabkommen besteht? Würde Frankreich schweigen, wenn eine Frau, die an einem Anschlag auf französische Jugendliche beteiligt war, öffentlich geschützt würde? Würden die Vereinigten Staaten es hinnehmen, wenn ein anderer Staat einen Terrorverdächtigen mit amerikanischem Blut an den Händen dauerhaft beherbergt? In keinem dieser Fälle würde man den Angehörigen sagen: Habt Geduld, es gibt technische Probleme. Nur bei israelischen und jüdischen Opfern wird viel zu oft erwartet, dass Schmerz politisch verwaltet wird.

Genau darin liegt der tiefere Skandal. Der Anschlag von Sbarro war nicht nur ein Angriff auf Israel. Er war ein Angriff auf Kinder, Familien, Zivilisten und auf das einfachste Recht, in einer Stadt ein Restaurant zu betreten, ohne ermordet zu werden. Er war Teil jener Terrorwelle, die während der zweiten IntifadaIntifada: Ein Wort für Terror gegen IsraelIntifada bedeutet wörtlich etwa „Abschütteln“. Politisch bezeichnet der Begriff vor allem zwei palästinensische Gewaltwellen gegen Israel. Besonders die Zweite Intifada wurde durch Selbstmordanschläge, Schussangriffe und Terror gegen israelische Zivilisten geprägt. Heute wird der Begriff oft leichtfertig als Parole benutzt.Mehr lesen israelische Cafés, Busse, Einkaufsstraßen und Pizzerien zu Zielscheiben machte. Wer heute über Frieden spricht, darf solche Taten nicht als vergangene Tragödien ablegen. Frieden ohne Gerechtigkeit wird zur Beleidigung der Opfer.

Besonders schwer wiegt, dass Tamimi ihre Rolle nicht als tragischen Irrtum beschrieben hat. In früheren Interviews zeigte sie keine echte Reue. Gerade das macht ihre Freiheit für die Angehörigen unerträglich. Es geht nicht um eine Person, die sich von ihrer Tat losgesagt, Verantwortung übernommen und der Welt eine Warnung hinterlassen hätte. Es geht um eine verurteilte Beteiligte an einem Massaker, die in Jordanien nicht vor der amerikanischen Justiz steht.

Roth vergleicht Jordaniens Haltung mit der palästinensischen Praxis, Terroristen und deren Familien finanziell zu unterstützen. Dieser Vergleich ist hart, aber er berührt einen wunden Punkt: Wer Terror belohnt, schützt oder politisch deckt, sendet ein Signal. Nicht nur an Opferfamilien. Auch an künftige Täter. Die Botschaft lautet: Selbst schwerste Verbrechen gegen Juden und Israelis können am Ende politisch überleben.

Natürlich ist Jordanien ein schwieriger Partner in einer schwierigen Region. Das Haschemitische Königreich steht innenpolitisch unter Druck, grenzt an Krisenräume und spielt für Israel und die Vereinigten Staaten eine strategische Rolle. Aber strategische Bedeutung darf nicht bedeuten, dass Recht zur Verhandlungsmasse wird. Gerade ein enger Partner muss sich an klare Abkommen halten. Gerade ein Staat, der Stabilität beansprucht, darf einer verurteilten Terroristin keinen dauerhaften Schutzraum bieten.

Für Israel ist der Fall auch eine bittere Erinnerung an den Preis des Gilad Schalit Austauschs. Israel brachte damals einen entführten Soldaten nach Hause, zahlte dafür aber mit der Freilassung hunderter Gefangener, darunter Menschen mit schwerster Terrorvergangenheit. Solche Entscheidungen entstehen unter unerträglichem moralischem Druck. Doch für die Familien der Opfer endete der Anschlag nicht mit der Freilassung. Er begann neu. Jeden Tag, an dem Tamimi frei bleibt.

Arnold Roths Satz, sie sei länger frei in Jordanien, als seine Tochter gelebt habe, trifft deshalb so hart. Malka Roth wurde 15 Jahre alt. Tamimi lebt seit 2011 frei. In dieser einfachen Gegenüberstellung liegt mehr Anklage als in jeder diplomatischen Erklärung. Ein Kind hatte keine Zukunft. Eine an dem Anschlag beteiligte Frau hat Alltag, Öffentlichkeit, Schutz und Zeit.

Der Westen muss sich fragen, was seine Worte wert sind. Nach jedem Anschlag heißt es, die Opfer würden nicht vergessen. Nach jedem Terrorakt wird versprochen, die Verantwortlichen würden zur Rechenschaft gezogen. Doch im Fall Ahlam Tamimi ist seit Jahren klar, wer gesucht wird, wo sie lebt und welcher Staat handeln müsste. Es fehlt nicht an Wissen. Es fehlt an Druck.

Die Forderung ist deshalb schlicht: Jordanien muss Ahlam Tamimi ausliefern. Die Vereinigten Staaten müssen diese Forderung auf höchster Ebene stellen. Nicht höflich in einem Nebensatz, nicht als Randthema in diplomatischen Gesprächen, sondern als Frage von Recht, Glaubwürdigkeit und Bündnistreue. Wer amerikanische Staatsbürger ermordet oder an ihrer Ermordung beteiligt war, darf nicht durch politische Bequemlichkeit dem Gericht entzogen werden.

Für Arnold Roth geht es um Malka. Für Israel geht es um die Erinnerung an ein Massaker. Für die Vereinigten Staaten geht es um die Glaubwürdigkeit ihres eigenen Rechts. Und für Jordanien geht es um die Frage, ob ein Partner des Westens einen Auslieferungsvertrag achtet oder eine verurteilte Terroristin weiter schützt.

Es gibt Fälle, in denen Diplomatie nicht länger als Ausrede dienen darf. Der Fall Ahlam Tamimi ist einer davon.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Sonntag, 21. Juni 2026

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