Fast 40 Tote wegen eines Streits: Wie eine Familienfehde Israels arabische Gesellschaft zerreißt


Fast 40 Menschen sollen bei einer Familienfehde im Norden Israels getötet worden sein. Viele Opfer hatten laut Ermittlern keine Verbindung zur Kriminalität.

Fast 40 Tote wegen eines Streits: Wie eine Familienfehde Israels arabische Gesellschaft zerreißt
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Als der 28-jährige Hadi Suwaed sein Haus in Shefa-'Amr verließ, sollte es ein gewöhnlicher Arbeitstag werden. Wenig später lag er erschossen auf der Straße. Der junge Mann hatte laut Berichten besondere Bedürfnisse und galt nicht als Teil krimineller Strukturen. Kurz nach der Tat fanden Ermittler ein ausgebranntes Fahrzeug in der Nähe. Für die Polizei war schnell klar: Der Mord könnte Teil eines viel größeren Konflikts sein, der Israels arabische Gesellschaft seit Jahren erschüttert.

Nach Angaben von Vermittlern, Polizeikreisen und lokalen Akteuren hat die Fehde zwischen den Familien Khalidi und Suwaed seit 2023 fast 40 Menschenleben gefordert. Die Zahl allein wirkt erschütternd. Noch gravierender erscheint, wer stirbt: Nicht selten Menschen ohne erkennbare Verbindung zu Gewalt oder organisierter Kriminalität.

Ein Bruder von Hadi Suwaed wurde bereits 2023 getötet. Sein Vater starb später ebenfalls durch Schüsse. Nun wurde auch Hadi ermordet. Drei Angehörige derselben Familie innerhalb weniger Jahre. Für viele Bewohner im Norden Israels sind solche Geschichten längst keine Ausnahme mehr.

Die Ursprünge der Fehde wirken aus heutiger Sicht fast absurd. Ermittler sprechen von einer Beleidigung, einem Streit oder einer Kränkung zwischen Familien. Was zunächst lokal erschien, entwickelte sich zu einer Spirale aus Schüssen auf Häuser, Anschlägen auf Fahrzeuge und gezielten Tötungen. Aus verletztem Stolz wurde ein Kreislauf aus Vergeltung. Aus Vergeltung entstanden weitere Beerdigungen.

Polizeibeamte beschreiben inzwischen eine Dynamik, die kaum noch klassischen Bandenkonflikten ähnelt. Ein Ermittler schilderte, Verdächtige würden Opferzahlen teilweise wie Spielstände behandeln. Nach jedem Mord entstehe Druck zur Gegenreaktion. Nicht Ideologie treibe viele an, sondern Rache und soziale Erwartungen innerhalb des Umfelds. Wer Angehörige verliert, gerät laut Ermittlern häufig unter Druck, selbst Gewalt auszuüben.

Besonders alarmierend ist die Rolle junger Menschen. Sicherheitskräfte berichten von Jugendlichen, die mit sozialen Netzwerken aufwachsen, in denen Gewaltvideos, Drohungen und Bilder von Tatorten schnell verbreitet werden. Nach Angaben der Polizei erscheinen auf Plattformen wie TikTok oft bereits Fotos der Opfer oder indirekte Drohungen, bevor Ermittler den Tatort vollständig gesichert haben. Ein Beamter sagte sinngemäß, er erfahre teilweise über soziale Medien, wer getötet wurde, noch bevor er am Einsatzort eintreffe.

Die Polizei versucht nach eigenen Angaben, weitere Morde durch verdeckte Operationen zu verhindern. Ermittler berichten von gestoppten Gruppen mit Waffen, geplanten Anschlägen und Fahrzeugen, die angeblich als Polizeiautos getarnt worden seien. In mehreren Fällen seien mutmaßliche Täter unmittelbar vor geplanten Tötungen festgenommen worden. Dennoch bleibt der Eindruck, dass Sicherheitsbehörden oft gegen die Zeit arbeiten. Minuten könnten über Leben oder Tod entscheiden.

Gleichzeitig wächst Kritik an Staat und Polizei. Viele Bewohner arabischer Gemeinden werfen den Behörden vor, Gewaltkriminalität jahrelang nicht entschlossen genug bekämpft zu haben. Die Polizei verweist dagegen auf mangelnde Kooperation, Angst vor Zeugenaussagen und tief verwurzelte Loyalitäten innerhalb betroffener Familien. Beide Seiten beschreiben ein System, in dem Misstrauen die Aufklärung erschwert.

Vermittler innerhalb der arabischen Gesellschaft warnen zudem vor einem weiteren Problem: Die Gewalt dürfe nicht zum Bild einer gesamten Gemeinschaft werden. Vertreter lokaler Initiativen betonen, dass die überwältigende Mehrheit friedlich leben wolle und selbst unter den Folgen leide. Jeder neue Mord schaffe zusätzliche Angst, wirtschaftliche Unsicherheit und zerstöre Vertrauen innerhalb ganzer Orte.

Vielleicht liegt genau dort die bedrückendste Erkenntnis dieser Geschichte. Die Fehde betrifft längst nicht mehr zwei Familien. Sie betrifft Kinder, Nachbarn, Geschäfte, Schulen und ganze Gemeinden. Wenn Menschen getötet werden, weil sie denselben Nachnamen tragen, verschwimmt die Grenze zwischen persönlicher Rache und kollektivem Trauma.

Und während Ermittler versuchen, die nächste Tat zu verhindern, bleibt für viele Bewohner im Norden Israels eine viel einfachere Hoffnung: Dass der nächste Arbeitstag eines jungen Mannes tatsächlich nur ein gewöhnlicher Tag bleibt.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Samstag, 16. Mai 2026

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