New Yorks Bürgermeister macht aus Erinnerungspolitik ein einseitiges Narrativ und blendet jüdische Vertreibung fast vollständig aus
New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani erinnert an die Nakba und gerät in Kritik. Gegner werfen ihm vor, jüdische Vertreibungsgeschichte auszublenden und historische Zusammenhänge zu verkürzen.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani hat mit einem Beitrag zum sogenannten Nakba-Gedenktag erneut eine Debatte ausgelöst, die weit über Symbolpolitik hinausgeht. In einem veröffentlichten Video schildert eine palästinensischstämmige Frau ihre Fluchtgeschichte, begleitet von der Behauptung, mehr als 700.000 Palästinenser seien zwischen 1947 und 1949 im Zusammenhang mit der Entstehung Israels vertrieben worden. Genau diese Formulierung löst Kritik aus, weil sie einen entscheidenden historischen Kontext kaum erwähnt: den Krieg arabischer Staaten gegen den neu gegründeten Staat Israel und die Tatsache, dass die Ereignisse von 1948 nicht losgelöst von militärischen Auseinandersetzungen betrachtet werden können.
Die Nakba gehört zur palästinensischen Erinnerungskultur. Für viele Palästinenser steht sie für Verlust von Heimat und Flucht. Gleichzeitig existiert eine andere historische Realität, die in westlichen politischen Beiträgen häufig deutlich weniger Beachtung findet: Hunderttausende Juden wurden in den folgenden Jahrzehnten aus arabischen Ländern vertrieben oder flohen unter massivem Druck aus Staaten wie Irak, Jemen, Libyen oder Ägypten. Viele verloren Eigentum, gesellschaftliche Stellung und jahrhundertealte Gemeinschaften. Diese Geschichte taucht in Mamdanis Beitrag nicht sichtbar auf.
Genau hier beginnt der Vorwurf der Einseitigkeit. Erinnerung wird problematisch, wenn ein Trauma öffentlich anerkannt wird, während ein anderes nahezu unsichtbar bleibt. Kritiker werfen Mamdani deshalb vor, nicht auf Ausgleich oder historische Vollständigkeit abzuzielen, sondern ein politisches Narrativ zu verstärken.
Besonders bemerkenswert erscheint die Wahl eines im Video sichtbaren Kunstwerks. Zu sehen ist ein „Visit Palestine“-Poster von Frank Krausz aus dem Jahr 1936. Krausz war Holocaust-Überlebender und Zionist. Das Poster entstand innerhalb zionistischer Strukturen des britischen Mandatsgebiets und war Teil jüdischer Werbung für Reisen und Ansiedlung in Palästina. Dass ein Beitrag, der implizit Kritik an der israelischen Staatsgründung transportiert, ausgerechnet ein Werk eines zionistischen jüdischen Künstlers verwendet, wirkt auf Kritiker widersprüchlich.
Der israelische Aktivist Hen Mazzig reagierte entsprechend scharf. Er erinnerte öffentlich daran, dass seine eigene Familie Vertreibung aus arabischen Staaten erlebt habe und stellte die Frage, weshalb manche politische Akteure palästinensische Geschichte hervorheben, während jüdische Fluchterfahrungen kaum vorkommen. Diese Kritik berührt einen größeren Punkt: Wer Erinnerungspolitik betreibt, trägt Verantwortung für historische Einordnung.
Mamdani steht seit Jahren wegen seiner Positionen zu Israel im Fokus. Bereits vor seiner Wahl galt er als Unterstützer palästinensischer Anliegen und stand Bewegungen nahe, die Israel deutlich kritisieren. Unterstützer sehen darin konsequente Solidarität. Gegner werfen ihm vor, den Konflikt häufig in moralisch eindeutige Rollen zu ordnen und komplexe historische Zusammenhänge zu verkürzen.
Die eigentliche Kritik richtet sich deshalb weniger gegen das Gedenken an palästinensisches Leid. Über Flucht, Vertreibung und Verlust zu sprechen, ist legitim. Problematisch wird es, wenn Politiker einer Millionenstadt historische Ereignisse selektiv darstellen und dabei den Eindruck entsteht, eine Erfahrung verdiene öffentliche Anerkennung, eine andere jedoch nicht.
Gerade in einer Stadt wie New York mit großen jüdischen und arabischen Gemeinschaften erwarten viele von einem Bürgermeister mehr als Aktivismus. Erwartet wird Ausgewogenheit. Oder zumindest die Bereitschaft anzuerkennen, dass die Geschichte von 1948 nicht nur aus einer Perspektive erzählt werden kann.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Samstag, 16. Mai 2026