Netanjahus neue Offensive in Gaza: „Gideon"s Chariots“ und das letzte Wort über die Geiseln


Erstmals seit Monaten spricht Israels Premier öffentlich – und erklärt seine neue Strategie in Gaza sowie die Realität der verbliebenen Geiseln

Netanjahus neue Offensive in Gaza: „Gideon"s Chariots“ und das letzte Wort über die Geiseln

Fast fünf Monate war es still um ihn in der Öffentlichkeit, doch jetzt trat Israels Premierminister Benjamin Netanjahu mit einem Knall zurück auf die Bühne. In einer viel beachteten Pressekonferenz kündigte er nicht nur eine neue, mehrstufige Militäroperation in GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen an, sondern sprach auch erstmals öffentlich über die Zahl der noch lebenden israelischen Geiseln – und ließ damit Hoffnungen platzen.

Laut Netanjahu befinden sich aktuell noch 20 Geiseln lebend in den Händen der HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen. Zuvor war von bis zu 24 Überlebenden die Rede gewesen, doch der Premier machte mit kühler Klarheit deutlich: „IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen hat 148 Geiseln lebend zurückgebracht – 20 leben noch in Gaza.“ Eine Zahl, die im Land tiefe Erschütterung auslöste. Insbesondere die ungewisse Lage von drei Personen – ein israelischer und zwei ausländische Staatsbürger – sorgt in Regierungskreisen für akute Sorge. Ihre Schicksale sind unklar, die Verhandlungen stagnieren.

Gleichzeitig legte Netanjahu einen neuen militärischen Masterplan für den Gazastreifen vor, der in drei Phasen ablaufen soll und den Titel „Gideon's Chariots“ trägt – eine symbolträchtige Anspielung auf einen biblischen Kriegsherrn, aber auch eine Kampfansage an die Hamas und ihre Unterstützer.

Phase 1: Die israelische Armee soll die kontrollierte Einfuhr humanitärer Hilfsgüter nach Gaza ermöglichen, um internationale Kritik an einer möglichen humanitären Katastrophe zu dämpfen. Netanjahu betonte: „Wir stellen sicher, dass keine humanitäre Krise eintritt.“

Phase 2: Amerikanische Firmen sollen logistische Knotenpunkte für die Verteilung der Hilfe einrichten. Diese Internationalisierung der Versorgung dient nicht nur der Effizienz – sie gibt Israel auch diplomatische Rückendeckung.

Phase 3: Die IDF wird die Bevölkerung Gazas systematisch in den Süden verlagern. Der Grund: Man will die Hamas isolieren und verhindern, dass sie sich inmitten von Zivilisten neu formiert. Die Idee ist brisant – denn sie bedeutet de facto eine neue innerpalästinensische Grenzziehung.

Doch Netanjahu sprach nicht nur über Gaza. Auch der Libanon war Thema – und hier wurde der Ton noch schärfer. „Wir erzwingen die Waffenruhe im Norden mit eiserner Faust“, sagte er. Die Operationen der IDF hätten laut seiner Aussage „zum Sturz des Assad-Regimes in Syrien beigetragen“ – eine Formulierung, die Beobachter aufhorchen ließ, denn sie markiert eine neue rhetorische Eskalation gegenüber Damaskus und Teheran.

Inmitten dieser Worte steht das Schicksal der Geiseln wie ein Schatten über allem. Die Familien der Vermissten kämpfen seit Monaten für mehr Transparenz, mehr Engagement, mehr Resultate. Die Zahlen, die Netanjahu nun vorlegte, wirken wie ein Offenbarungseid – das Eingeständnis, dass viele Hoffnungen sich nicht erfüllen werden.

Parallel dazu bleibt der Druck aus der internationalen Gemeinschaft groß. In den Lagern von Jabalia, im Norden Gazas, warten Tausende auf Lebensmittel von UNRWAUNRWA: Das UN-Hilfswerk, das den Flüchtlingsstatus vererbtUNRWA ist das 1949 gegründete UN-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge. Es betreut heute rund 5,9 Millionen registrierte Personen und steht wegen vererbtem Flüchtlingsstatus, Schulmaterialien, Hamas-Vorwürfen und seiner politischen Dauerrolle in der Kritik.Mehr lesen. Bilder von Kindern vor leeren Verteilzentren werden weltweit verbreitet – und sollen Israels Ansehen beschädigen. Doch die Regierung in JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen kalkuliert das offenbar bewusst mit ein.

Währenddessen wird in Beirut taktiert: Der Besuch von Palästinenserpräsident Mahmud AbbasPLO: Die Organisation zwischen Terrorgeschichte, Oslo und MachtverlustDie PLO ist die Palästinensische Befreiungsorganisation. Sie wurde 1964 gegründet, wurde später international als Vertreterin der Palästinenser anerkannt und spielte im Oslo-Prozess eine zentrale Rolle.Mehr lesen beim libanesischen Präsidenten Joseph Aoun ist mehr als nur ein diplomatischer Höflichkeitsakt. Die gemeinsame Erklärung der beiden, wonach „Waffen ausschließlich in den Händen der libanesischen Armee“ sein sollen, zeigt: Auch in den palästinensischen Flüchtlingslagern des Libanon brodelt es – und Abbas versucht offenbar, einer neuen Front zuvorzukommen.

Der Versuch, die Bewaffnung der FatahFatah: Von Arafats Kampfbewegung zur erstarrten Machtpartei der PalästinenserFatah ist eine säkular-nationalistische palästinensische Bewegung, die Ende der 1950er Jahre um Jassir Arafat entstand. Sie wurde zur dominierenden Kraft in der PLO und prägt bis heute die Palästinensische Autonomiebehörde.Mehr lesen-Milizen zu regulieren, ist ein Signal an die HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen, aber auch an Israel. Doch in Jerusalem dürfte man sich keine Illusionen machen: Weder Abbas noch Aoun haben die Macht, in den Lagern von Sidon oder Tyros tatsächliche Kontrolle auszuüben.

Zurück in Israel fragt sich die Öffentlichkeit derweil, ob „Gideon's Chariots“ mehr ist als ein martialischer Name. Die Ziele – militärisch wie humanitär – sind ehrgeizig. Doch das Vertrauen in Netanjahu ist angeschlagen. Der Premier mag die Richtung vorgeben, aber die Realität vor Ort entscheidet darüber, ob Israel das Steuer in Gaza und im Norden tatsächlich in der Hand hält.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Donnerstag, 22. Mai 2025

haOlam-News unterstützen

haOlam-News ist auf die Unterstützung seiner Leserinnen und Leser angewiesen. Jeder Beitrag hilft, unabhängige Berichterstattung weiterzuführen.

Sie benötigen nicht zwingend ein PayPal-Konto. Im nächsten Schritt kann je nach PayPal-Anzeige auch eine Zahlung per Karte angeboten werden.

Sie möchten unsere Arbeit unterstützen, nutzen aber kein PayPal? Schreiben Sie uns kurz, wir melden uns mit den passenden Möglichkeiten.

Weitere interessante Artikel

Newsletter