Aus Krankenhaus-Trümmern gezogen: Iranischer Insider liefert neue Version von Mojtaba Khameneis Verschwinden
Monatelang hielt Teheran die Umstände seiner Verletzung im Dunkeln. Nun sagt ein Mitglied der iranischen Expertenversammlung: Mojtaba Khamenei wurde nach den Angriffen vom 28. Februar aus den Trümmern eines Krankenhauses geborgen.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Seit Monaten versucht das iranische Regime, jede Frage nach Mojtaba Khameneis tatsächlichem Zustand mit knappen Erklärungen, schriftlichen Botschaften und kaum überprüfbaren Aufnahmen abzuräumen. Jetzt kommt ausgerechnet aus dem inneren Machtapparat eine wesentlich dramatischere Schilderung.
Ayatollah Mohsen Heidari, Mitglied jener Expertenversammlung, die Irans Obersten Führer bestimmt, erklärte dem katarischen Sender Al Araby, Mojtaba Khamenei sei bei den Angriffen vom 28. Februar auf das Führungszentrum in Teheran verletzt und anschließend in ein Krankenhaus gebracht worden. Danach seien nach seiner Darstellung drei Krankenhäuser in der Hauptstadt bombardiert worden. Khamenei habe sich im dritten befunden und sei schließlichaus den Trümmern geborgen worden.
Das ist zunächst eine Aussage eines iranischen Funktionärs. Eine unabhängige Bestätigung für den von Heidari beschriebenen Ablauf liegt bislang nicht vor. Auch welche Kliniken er meint und unter welchen Umständen sie getroffen wurden, bleibt offen. Gerade deshalb ist seine Aussage bemerkenswert: Sie unterscheidet sich deutlich von dem Bild, das iranische Behörden noch im Frühjahr zeichneten.
Aus „ein paar Stichen“ werden Krankenhaus-Trümmer
Im Mai hatte Hossein Kermanpour vom iranischen Gesundheitsministerium erklärt, Mojtaba Khamenei habe am 28. Februar lediglich oberflächliche Verletzungen an Gesicht, Kopf und Beinen erlitten. Nach seiner Darstellung seien außer ein oder zwei Stichen keine besonderen medizinischen Maßnahmen erforderlich gewesen. Khamenei habe sogar sein Fasten fortgesetzt und das Krankenhaus bereits in der Nacht zum 1. März wieder verlassen.
Nun beschreibt Heidari einen Ablauf, der erheblich dramatischer klingt. Khamenei sei nicht nur verletzt worden, sondern später in einem getroffenen Krankenhaus unter Trümmern gelegen. Heidari erklärte zugleich, die Expertenversammlung habe anschließend Informationen erhalten, wonach Khamenei gesund und zur Übernahme der Führung in der Lage sei. Das ist die Einschätzung der iranischen Institution, nicht eine unabhängig überprüfte medizinische Feststellung.
Diese unterschiedlichen Erzählungen passen zu einem Muster, das Teheran seit Monaten begleitet. Über den Mann an der Spitze des Staates werden regelmäßig Entscheidungen, Ernennungen und Anweisungen veröffentlicht, während seine persönliche Öffentlichkeit äußerst begrenzt bleibt.
Mojtaba Khamenei folgte seinem am 28. Februar getöteten Vater Ali Khamenei als Oberster Führer nach. Heidari weist dabei ausdrücklich die Darstellung zurück, Ali Khamenei habe seinen Sohn als Nachfolger empfohlen. Mojtaba habe unter seinem Vater kein klar definiertes offizielles politisches Amt bekleidet. Heidari bezeichnete ihn vielmehr als einen „Mann des Schattens“, einen Berater, dem Angelegenheiten vorgelegt worden seien, wenn sein Vater selbst keine Zeit gehabt habe.
Auch das ist politisch bedeutsam. Eine dynastische Übergabe vom Vater auf den Sohn wäre für eine Islamische Republik, deren Führung ihre Legitimation gerade nicht aus einer Monarchie ableitet, hochproblematisch. Dass ein Mitglied der Expertenversammlung diesen Eindruck nun ausdrücklich zurückweist, zeigt, wie sensibel das Thema innerhalb des Regimes offenbar behandelt wird.
Ein Oberster Führer, den kaum jemand sieht
haOlam berichtete bereits im August über eine kaum 15 Sekunden lange Aufnahme, mit der Teheran Zweifel an Mojtaba Khameneis Zustand zerstreuen wollte. Weder Aufnahmeort noch Datum wurden angegeben. Damit blieb genau das Problem bestehen, das das Regime eigentlich beseitigen wollte: Der Oberste Führer existiert politisch überall, persönlich aber fast nirgends öffentlich.
Iranische Stellen begründen diese Abschirmung mit Sicherheitsgefahren. Heidari erklärte nun ebenfalls, öffentliche Treffen Khameneis mit der Expertenversammlung seien angesichts der Bedrohung unnötig riskant. Solange Kontakte einzeln oder geheim stattfinden könnten, liege es im Interesse aller Beteiligten, keine große Versammlung abzuhalten.
Dass diese Gefahr real ist, liegt nach der Tötung Ali Khameneis und weiterer Spitzenfunktionäre auf der Hand. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, wie Mojtaba Khameneis Gesundheitszustand heute tatsächlich aussieht. Darüber kursieren weiterhin widersprüchliche Aussagen.
US-Präsident Donald Trump erklärte im August, Khamenei sei seiner Information nach am Leben, aber schwer verletzt worden. Teheran wies solche Darstellungen zurück. Iranische Regierungsvertreter beschrieben ihn dagegen als gesund und arbeitsfähig. Reuters berichtete bereits im Mai unter Berufung auf die iranische Nachrichtenagentur Fars über ein Treffen Khameneis mit dem militärischen Oberkommando, allerdings ohne veröffentlichten Zeitpunkt des Treffens.
Die neue Aussage Heidaris beantwortet deshalb nicht alle Fragen. Sie schafft sogar neue.
Wenn die bisherige Darstellung einer vergleichsweise unkomplizierten Behandlung vollständig war, warum spricht nun ein Mitglied der Expertenversammlung davon, Khamenei sei aus Krankenhaus-Trümmern gezogen worden Wurde er nach seiner zunächst gemeldeten Entlassung erneut verlegt Auf welche drei Krankenhäuser bezieht sich Heidari Und warum werden diese Einzelheiten erst sieben Monate später öffentlich
Darauf gibt es bislang keine belastbaren Antworten.
Fest steht nur: Teheran hat erstmals aus dem eigenen Machtapparat eine wesentlich dramatischere Version jener Stunden geliefert, in denen die alte iranische Führung getroffen und ihr späterer Nachfolger verletzt wurde.
Monatelang zeigte das Regime der Öffentlichkeit vor allem Porträts Mojtaba Khameneis.
Jetzt erfahren die Iraner, dass ihr neuer Oberster Führer nach Aussage eines Mannes aus der Expertenversammlung zeitweise unter den Trümmern eines Krankenhauses gelegen haben soll.
Das erklärt möglicherweise etwas von der Geheimhaltung.
Es beendet sie nicht.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Montag, 28. September 2026