Pezeshkian bietet Washington Rückkehr zum Juni-Abkommen an
Irans Präsident Pezeshkian bietet Washington erneut die Rückkehr zum Juni-Abkommen an. Doch der Vertrag verpflichtete beide Seiten, und gerade bei der freien Schifffahrt begann das Abkommen auseinanderzubrechen.

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Irans Präsident Masoud Pezeshkian präsentiert sich erneut als Mann des Dialogs. Beim Gipfeltreffen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit in Bischkek erklärte er am Dienstag, Iran werde seine Verpflichtungen aus dem im Juni geschlossenen Memorandum mit den Vereinigten Staaten unverzüglich wieder erfüllen, sobald Washington zu seinen Verpflichtungen zurückkehre. Die Botschaft klingt zunächst versöhnlich: Die USA müssten ihren Teil einhalten, dann werde auch Teheran liefern. Doch ein Blick auf den tatsächlichen Text des Abkommens und auf die Wochen nach seiner Unterzeichnung zeigt, dass diese Darstellung nur einen Teil der Geschichte erzählt.
Das sogenannte Islamabad Memorandum of Understanding vom 17. Juni war keineswegs nur eine amerikanische Verpflichtung gegenüber Iran. Das 14 Punkte umfassende Dokument beruhte ausdrücklich auf gegenseitigen Leistungen. Washington verpflichtete sich unter anderem, die Seeblockade gegen Iran schrittweise aufzuheben, bestimmte Beschränkungen für iranische Ölexporte auszusetzen, die Freigabe eingefrorener iranischer Gelder zu ermöglichen und während der Verhandlungen keine neuen Sanktionen zu verhängen. Für ein späteres endgültiges Abkommen stellte die amerikanische Seite außerdem eine schrittweise Aufhebung weiterer Sanktionen und gemeinsam mit regionalen Partnern einen Wiederaufbauplan von mindestens 300 Milliarden Dollar in Aussicht.
Das waren erhebliche Zugeständnisse. Pezeshkian kann sich deshalb durchaus darauf berufen, dass auch Washington Pflichten übernommen hatte. Wer seine jetzige Forderung jedoch vollständig verstehen will, muss ebenso lesen, was Iran unterschrieben hatte.
Teheran verpflichtete sich, für mindestens 60 Tage die sichere und kostenlose Passage kommerzieller Schiffe zwischen dem Persischen Golf und dem Golf von OmanStraße von Hormus: Die gefährlichste Engstelle der WeltwirtschaftDie Straße von Hormus ist eine Meerenge zwischen Iran und Oman. Sie verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und ist eine der wichtigsten Routen für Öl und Flüssigerdgas weltweit.Mehr lesen zu ermöglichen. Iran sollte Minen und andere Hindernisse beseitigen und sich um eine sichere Wiederaufnahme des Verkehrs durch die Straße von HormusStraße von Hormus: Die gefährlichste Engstelle der WeltwirtschaftDie Straße von Hormus ist eine Meerenge zwischen Iran und Oman. Sie verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und ist eine der wichtigsten Routen für Öl und Flüssigerdgas weltweit.Mehr lesen bemühen. Gleichzeitig verpflichteten sich beide Seiten zur Beendigung militärischer Operationen, zur Wahrung des jeweiligen Hoheitsgebietes und zur Aufnahme von Verhandlungen über ein endgültiges Abkommen. Iran bekräftigte zudem, keine Atomwaffen zu entwickeln, und sollte den damaligen Zustand seines Nuklearprogramms während der Verhandlungen nicht verändern.
Das Abkommen zerbrach nicht im luftleeren Raum
Genau dieser Teil fehlt in Pezeshkians heutiger Darstellung weitgehend. Anfang Juli wurden mehrere Handelsschiffe in der Straße von Hormus angegriffen. Am 7. Juli erklärte das US Central Command, iranische Kräfte hätten drei kommerzielle Schiffe attackiert, darunter die unter der Flagge der Marshallinseln fahrende Al Rekayyat, den saudischen Tanker Wedyan und die unter liberianischer Flagge fahrende Cyprus Prosperity. Washington bezeichnete dies ausdrücklich als Verletzung der im Juni vereinbarten Feuerpause und der Verpflichtung zur freien Schifffahrt. Die Vereinigten Staaten reagierten mit massiven Angriffen auf iranische militärische Ziele.
Reuters berichtete damals ebenfalls über die Angriffe und die schweren Folgen für den Schiffsverkehr. Der Sicherheitsstatus für die Passage wurde auf die höchste Warnstufe seit Mitte Juni angehoben. Ein Tanker wurde schwer beschädigt, ein weiterer ebenfalls getroffen. Iran wies eine direkte Verantwortung teilweise zurück, gleichzeitig warnten iranische Stellen Schiffe davor, die Meerenge ohne Abstimmung zu passieren. Für Washington war damit der Kern des Juni-Abkommens verletzt: Iran hatte sich gerade zur sicheren Passage kommerzieller Schiffe verpflichtet.
Am 13. Juli kündigte das US Central Command deshalb die Wiederaufnahme der Blockade iranischer Häfen an. Sie trat am folgenden Tag in Kraft. Auch diese Entscheidung erfolgte also nicht vor dem Zusammenbruch der Vereinbarung, sondern nach den Angriffen auf die Handelsschifffahrt und mehreren amerikanischen Vergeltungsschlägen.
Damit wird Pezeshkians Satz vom Dienstag zumindest unvollständig. Er formuliert die Situation so, als müsse Washington lediglich zu seinen Pflichten zurückkehren und Iran werde darauf reagieren. Tatsächlich behaupten die Vereinigten Staaten genau das Gegenteil: Teheran habe zuerst zentrale Bestimmungen des Abkommens verletzt und damit die amerikanischen Gegenmaßnahmen ausgelöst.
Wer von beiden Seiten welche einzelne Klausel zuerst oder vollständig verletzt hat, ist politisch umstritten. Dass aber das Juni-Memorandum gegenseitige Verpflichtungen enthielt, ist anhand des veröffentlichten Textes eindeutig. Ebenso eindeutig ist, dass die freie Handelsschifffahrt durch die Straße von Hormus eine der wichtigsten iranischen Zusagen war.
Friedensangebot unter wachsendem Druck
Auch der Zeitpunkt von Pezeshkians neuer Gesprächsbereitschaft ist bemerkenswert. Iran steht wirtschaftlich unter erheblichem Druck. Nach Reuters-Angaben erklärte der Präsident selbst zuletzt, der Außenhandel des Landes sei um etwa 35 Prozent eingebrochen. Die Inflation erreichte im Juli rund 66 Prozent. Der Rial geriet massiv unter Druck, während Washington seine Sanktionen und Maßnahmen gegen internationale Finanzkanäle des Regimes weiter verschärfte.
Hinzu kommt die militärische Lage. Erst am Wochenende griffen amerikanische Streitkräfte erneut iranische RaketenstellungenTerrorinfrastruktur: Wie Terrorgruppen Krieg in zivile Räume verlagernTerrorinfrastruktur bezeichnet Einrichtungen, Netzwerke und Strukturen, die Terrororganisationen für Angriffe, Waffenlagerung, Kommandoführung, Ausbildung, Raketenbeschuss, Tunnelbau oder Logistik nutzen. Besonders gefährlich wird sie, wenn sie in Wohngebieten, Schulen, Moscheen oder Krankenhäusern versteckt wird.Mehr lesen auf der strategisch wichtigen Insel Larak an. Nach amerikanischer Darstellung bereiteten Einheiten der RevolutionsgardenIslamische Revolutionsgarden: Machtzentrum des iranischen RegimesDie Islamischen Revolutionsgarden sind eine mächtige militärische, politische und wirtschaftliche Organisation der Islamischen Republik Iran. Sie wurden nach der Revolution von 1979 gegründet, unterstehen dem Obersten Führer und steuern über die Quds-Einheit Irans regionales Terrornetzwerk.Mehr lesen dort Systeme vor, mit denen erneut Seeminen in die Straße von Hormus gebracht werden sollten. Iran antwortete mit Raketenangriffen auf amerikanische Einrichtungen in Jordanien. Es waren die ersten direkten gegenseitigen Angriffe seit mehreren Wochen.
Pezeshkians Auftritt in Bischkek ist deshalb mehr als eine diplomatische Floskel. Teheran braucht einen Ausweg. Die wirtschaftlichen Kosten des Krieges steigen, der internationale Handel ist eingebrochen, die Vereinigten Staaten verschärfen den finanziellen Druck und Irans Möglichkeit, die Straße von Hormus als Druckmittel einzusetzen, führt zugleich zu neuen amerikanischen Militäraktionen.
Das bedeutet nicht, dass Washington von Verantwortung für das Scheitern der Vereinbarung freizusprechen wäre. Auch die amerikanische Regierung hat sich inzwischen ausdrücklich von einer einfachen Rückkehr zum Juni-Modell entfernt. Präsident Donald Trump ließ Ende August erkennen, dass er die damaligen Bedingungen nicht einfach wieder in Kraft setzen will. Washington setzt inzwischen stärker auf wirtschaftlichen Druck und verlangt offenbar neue Zugeständnisse Teherans.
Gerade deshalb lohnt der Blick auf Pezeshkians Wortwahl. Er sagt nicht, Iran werde unabhängig von Washington wieder freie Schifffahrt gewährleisten. Er sagt nicht, die Revolutionsgarden würden auf Angriffe gegen Handelsschiffe verzichten oder alle militärischen Drohungen an der Straße von Hormus einstellen. Er stellt die iranische Vertragstreue ausdrücklich unter die Bedingung vorheriger amerikanischer Vertragstreue.
Das ist diplomatisch geschickt. Teheran kann sich damit international als verhandlungsbereit darstellen und gleichzeitig die Verantwortung für den Stillstand Washington zuschieben.
Für IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen ist entscheidend, dass ein neues Abkommen nicht wieder auf Formulierungen beruhen darf, deren Umsetzung wenige Wochen später militärisch ausgehandelt werden muss. Irans Nuklearprogramm, sein Raketenarsenal, die Revolutionsgarden und die Bedrohung internationaler Schifffahrt verschwinden nicht dadurch, dass Pezeshkian in Bischkek von Diplomatie spricht.
Das Juni-Abkommen zeigt vielmehr, wie schnell politische Erklärungen wertlos werden können, wenn ihre Einhaltung nicht überprüfbar und Verstöße nicht eindeutig sanktioniert werden. Iran erhielt damals Aussicht auf weitreichende wirtschaftliche Erleichterungen. Im Gegenzug sollte unter anderem die freie Passage durch eine der wichtigsten Wasserstraßen der Welt gewährleistet werden.
Nur wenige Wochen später wurde dort wieder auf Handelsschiffe geschossen.
Pezeshkian darf deshalb selbstverständlich eine Rückkehr zu Verhandlungen fordern. Doch die entscheidende Frage lautet nicht, ob Teheran wieder unterschreiben möchte. Sie lautet, ob das iranische Regime diesmal bereit wäre, ein Abkommen auch dann einzuhalten, wenn ihm dessen Verpflichtungen politisch und militärisch unbequem werden.
Washington sollte diese Frage beantworten lassen, bevor erneut Sanktionen aufgehoben, Milliarden freigegeben oder iranische Versprechen als diplomatischer Durchbruch verkauft werden.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Dienstag, 1. September 2026