90 Jahre Cable Street: Wie jüdischer Widerstand aus der Erinnerung gedrängt wird

90 Jahre Cable Street: Wie jüdischer Widerstand aus der Erinnerung gedrängt wird


90 Jahre nach der Battle of Cable Street wird um die Erinnerung gerungen. Aus einem jüdischen Abwehrkampf gegen Mosleys Antisemiten wird dabei zunehmend eine allgemeine Antifaschismus-Erzählung, in der die bedrohte jüdische Gemeinschaft selbst verblasst.

90 Jahre Cable Street: Wie jüdischer Widerstand aus der Erinnerung gedrängt wird
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Am 4. Oktober 1936 sollte Londons East End zur Bühne einer faschistischen Machtdemonstration werden. Oswald Mosley, Gründer und Führer der British Union of Fascists, wollte mit mehreren Tausend uniformierten Anhängern durch Stadtteile ziehen, in denen ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung Londons lebte. Mosleys Bewegung orientierte sich offen am italienischen Faschismus und zunehmend auch an Hitlerdeutschland. Ihre Anhänger trugen schwarze Uniformen, organisierten sich militärisch und verbreiteten antisemitische PropagandaDesinformation: Gezielte Täuschung der ÖffentlichkeitDesinformation bezeichnet bewusst verbreitete falsche oder irreführende Informationen. Ziel ist häufig, Menschen zu täuschen, Vertrauen zu zerstören, Konflikte zu verschärfen oder politische Entscheidungen zu beeinflussen.Mehr lesen. Straßenangriffe auf Juden und politische Gegner gehörten nach den Unterlagen der britischen National Archives bereits vor 1936 zum Alltag. Mosley hatte den AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen immer stärker zum politischen Werkzeug gemacht und versuchte, Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot und Armut im East End gegen die jüdische Bevölkerung zu wenden. Dass sein Aufmarsch ausgerechnet durch jüdisch geprägte Viertel führen sollte, war deshalb keine zufällige Routenplanung, sondern Teil der Provokation.

Damals lebten rund 183.000 Juden in Großbritannien, ein erheblicher Teil davon im Londoner East End. Viele Familien waren in den Jahrzehnten zuvor vor Pogromen, Diskriminierung und Armut in Osteuropa geflohen. Stepney, Whitechapel und angrenzende Viertel waren geprägt von Synagogen, jüdischen Geschäften, Gewerkschaften, politischen Vereinigungen und jiddischem Leben. Genau dort wollte Mosley seine Bewegung demonstrativ präsentieren. Die Reaktion kam zunächst aus der bedrohten Gemeinschaft selbst. Der Jewish People’s Council Against Fascism and Antisemitism sammelte innerhalb von nur zwei Tagen rund 100.000 Unterschriften gegen den Marsch. Die Petition wurde Innenminister John Simon übergeben, doch die Regierung lehnte ein Verbot ab und mobilisierte stattdessen Tausende Polizisten, um Mosleys Aufzug zu ermöglichen. Selbst innerhalb der jüdischen Gemeinschaft war der weitere Umgang umstritten. Der Jewish Chronicle und etablierte Vertreter warnten davor, sich an möglichen Straßenschlachten zu beteiligen. Viele Juden des East End ignorierten diese Empfehlung und organisierten gemeinsam mit Kommunisten, Sozialisten, Gewerkschaftern, irischen Arbeitern, Dockarbeitern, Anarchisten und anderen Nachbarn den Widerstand.

Keine Legende, sondern ein komplizierter jüdischer Abwehrkampf

Wie viele Menschen am Ende auf den Straßen standen, lässt sich nicht exakt bestimmen. Seriöse Schätzungen reichen von mindestens 50.000 bis zu 100.000 Gegendemonstranten, manche zeitgenössischen Angaben liegen noch wesentlich höher. Ihnen standen etwa 3.000 bis 5.000 Faschisten und rund 6.000 bis 7.000 Polizisten gegenüber. Auch das verbreitete Bild einer großen direkten Straßenschlacht zwischen Faschisten und Antifaschisten ist historisch verkürzt. Die schwersten Zusammenstöße fanden vor allem zwischen Demonstranten und der Polizei statt, die Mosley den Weg freimachen sollte. Barrikaden aus Möbeln, Baumaterial und Fahrzeugen blockierten die Straßen. Berittene Einheiten versuchten, die Menge zurückzudrängen. Gegenstände flogen aus Fenstern, Pflastersteine wurden geworfen, zahlreiche Menschen wurden verletzt. Die National Archives dokumentieren 85 Festnahmen, von denen nur sechs Faschisten betrafen. Schließlich kam Polizeikommissar Sir Philip Game zu dem Schluss, dass Mosleys Marsch nicht sicher durchgeführt werden konnte. Die Schwarzhemden mussten abziehen. Der Ruf „They shall not pass“ wurde zum Symbol des Tages.


Der Erfolg war real, aber er beendete den britischen Faschismus nicht. Die British Union of Fascists gewann nach Cable Street sogar noch neue Mitglieder, und nur eine Woche später kam es auf der Mile End Road erneut zu schweren antisemitischen Ausschreitungen. Jüdische Geschäfte wurden angegriffen und Menschen bedroht. Gleichzeitig hatte Cable Street politische Folgen. Noch im selben Jahr verabschiedete das Parlament den Public Order Act, der politische Uniformen verbot und der Polizei größere Befugnisse gab, Märsche einzuschränken oder ihre Routen zu verändern. Für die jüdische Bevölkerung des East End war jedoch etwas anderes mindestens ebenso wichtig: Sie hatte erlebt, dass sie sich selbst organisieren, Widerstand leisten und Verbündete mobilisieren konnte. Cable Street war deshalb niemals nur die Geschichte einer Arbeiterbewegung, die einer bedrohten Minderheit zu Hilfe kam. Juden waren nicht Statisten dieses Ereignisses. Sie gehörten zu seinen Organisatoren, seinen Aktivisten und den Menschen an den Barrikaden.

Gerade deshalb fällt auf, wie leicht der jüdische Kern heute aus der Erinnerung verschwinden kann. Anfang 2026 berichtete BBC London über ein Musical zur Battle of Cable Street und sprach über die belagerte Gemeinschaft, über Iren und Dockarbeiter, ohne die jüdische Bevölkerung zu erwähnen. Wenige Monate später geriet die Gewerkschaft Unite in die Kritik, weil ihre ursprüngliche Ankündigung zum 90. Jahrestag Cable Street vor allem als Triumph einer organisierten Arbeiterklasse darstellte und die jüdische Gemeinschaft kaum sichtbar machte. Eine zentrale Veranstaltung sollte zunächst sogar an einem Samstag stattfinden. Nach Protesten wurde sowohl der Termin als auch die historische Darstellung überarbeitet. Auch politische Reden können diese Verschiebung zeigen. Jeremy Corbyn würdigte im September im Unterhaus den Widerstand der Menschen des East End, ohne in seiner eigenen Wortmeldung hervorzuheben, dass Mosleys Aufmarsch gerade gegen jüdische Viertel gerichtet war. Das macht seine Rede nicht automatisch antisemitisch. Es zeigt aber, wie schnell aus einer konkret jüdischen Abwehrgeschichte eine allgemeine Erzählung über „Menschen gegen Faschismus“ werden kann.

Warum die Erinnerung heute wieder wichtig ist

Es wäre ebenso falsch, daraus eine koordinierte Kampagne zur Auslöschung jüdischer Geschichte zu konstruieren. Viele Institutionen erinnern sehr bewusst an die jüdische Dimension. In der aktuellen Parlamentsdebatte zum 90. Jahrestag wurde ausdrücklich festgehalten, dass Mosleys Ziel jüdische GemeindenGlobale Intifada: Die Parole, die Gewalt gegen Israel exportiert„Globale Intifada“ oder „Globalize the Intifada“ ist eine antiisraelische Parole, die den Kampf gegen Israel weltweit ausweiten soll. Aktuelle Kampagnen nutzen Karten, Zielorte und Lieferkettenlisten gegen Firmen, Häfen und Schiffe.Mehr lesen waren und dass jüdische Bewohner den Widerstand wesentlich mittrugen. Auch Veranstaltungen im London Muslim Centre würdigten Juden, irische Dockarbeiter, Gewerkschafter und andere Nachbarn gemeinsam. Das Board of Deputies of British Jews stellt mit seinem Programm „Cable Street 90“ jüdisches Leben, jüdischen Widerstand und die Geschichte des East End ausdrücklich in den Mittelpunkt. Gerade weil es diese sorgfältige Erinnerung gibt, fallen Auslassungen an anderer Stelle besonders deutlich auf.

Die Debatte ist im Jahr 2026 mehr als eine historische Fußnote. Der Community Security Trust registrierte allein im ersten Halbjahr 1.926 antisemitische Vorfälle in Großbritannien. Das war der zweithöchste jemals für die ersten sechs Monate eines Jahres gemessene Wert und 21 Prozent mehr als im entsprechenden Zeitraum 2025. Fast 1.000 Fälle ereigneten sich allein in Greater London. Besonders bemerkenswert ist, dass der CST in hunderten Fällen antizionistische Motivation zusammen mit antijüdischer Sprache oder gezieltem Vorgehen gegen Juden feststellte. Gleichzeitig wurden mehr als 2.200 andere gemeldete Vorfälle ausdrücklich nicht als antisemitisch eingestuft, weil die Kriterien nicht erfüllt waren. Das zeigt, dass die Organisation keineswegs jede Kritik an IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen oder jede Verwendung des Begriffs ZionismusZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen automatisch als Judenhass wertet.

Vor diesem Hintergrund erhält Cable Street seine Aktualität zurück. Die Geschichte zeigt nicht, dass Juden allein standen. Im Gegenteil. Ihre Stärke lag gerade darin, dass sich andere neben sie stellten. Aber Solidarität beginnt damit, klar zu benennen, wer bedroht wird. Jüdische Selbstorganisation war damals kein Gegensatz zu einem breiteren antifaschistischen Bündnis, sondern dessen Ausgangspunkt. Ein jüdischer Kommunist hörte nicht auf, Jude zu sein, ein jüdischer Gewerkschafter ebenfalls nicht. Wer 90 Jahre später nur noch von Arbeitern, Nachbarn, Antifaschisten und Vielfalt spricht, aber die jüdische Bevölkerung aus dem Mittelpunkt entfernt, macht die Geschichte nicht universeller. Er macht sie ungenauer.

Mosley wollte nicht zufällig durch irgendeinen armen Londoner Stadtteil marschieren. Er wählte das jüdische East End. Jüdische Organisationen sammelten 100.000 Unterschriften. Jüdische Bewohner organisierten Widerstand. Andere kamen hinzu und stellten sich an ihre Seite. Genau darin liegt die historische Größe von Cable Street. Nicht darin, dass Juden aus der Geschichte verschwinden, sobald aus ihrem Kampf ein allgemeines Symbol geworden ist.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Sonntag, 4. Oktober 2026

haOlam-News unterstützen

haOlam-News ist auf die Unterstützung seiner Leserinnen und Leser angewiesen. Jeder Beitrag hilft, unabhängige Berichterstattung weiterzuführen.

Sie benötigen nicht zwingend ein PayPal-Konto. Im nächsten Schritt kann je nach PayPal-Anzeige auch eine Zahlung per Karte angeboten werden.

Sie möchten unsere Arbeit unterstützen, nutzen aber kein PayPal? Schreiben Sie uns kurz, wir melden uns mit den passenden Möglichkeiten.

Weitere interessante Artikel

Newsletter