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Juden melden, Hotels markieren: Italiens digitale Menschenjagd


Ein Onlineformular forderte dazu auf, Israelis und italienische Juden in Hotels, Ferienunterkünften und Geschäften zu melden. Die Urheber sind noch unbekannt, doch ihr Ziel war eindeutig: Menschen erfassen, Orte markieren und spätere Aktionen vorbereiten.

Juden melden, Hotels markieren: Italiens digitale Menschenjagd
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Ein Link, ein anonymes Formular und wenige Klicks genügten, um in Italien eine Grenze zu überschreiten, die nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts nie wieder hätte berührt werden dürfen. Nutzer wurden aufgefordert, Aufenthaltsorte israelischer Bürger und italienischer Juden zu melden. Erfasst werden sollten Hotels, andere touristische Unterkünfte, Geschäfte, Immobilienkäufe und angebliche Formen einer „zionistischen Kolonisierung“ Italiens. Was als politische Beobachtung ausgegeben wurde, war in Wirklichkeit eine Anleitung zur Erfassung von Menschen.

Das über Internetseiten, soziale Netzwerke und private Nachrichten verbreitete Google-Formular bezeichnete sein Ziel als „Kartierung des zionistischen Tourismus“. Die gesammelten Angaben sollten nach dem eingeblendeten Text vertraulich behandelt, geprüft und zur „Koordinierung möglicher Initiativen“ verwendet werden. Spätere Seiten fragten Berichten zufolge nach konkreten Orten, an denen jüdische oder israelische Gäste gesehen worden waren, sowie danach, ob örtliche Gruppen das angebliche „Phänomen“ bereits bearbeiteten.

Welche „Initiativen“ gemeint waren, blieb offen. Gerade diese Unbestimmtheit macht das Formular so bedrohlich. Wer Aufenthaltsorte, Unterkünfte und wirtschaftliche Aktivitäten einer bestimmten Gruppe zusammenträgt, schafft eine Grundlage für Einschüchterung, Boykott, Belästigung oder Schlimmeres. Nicht jeder Nutzer einer solchen Liste muss gewalttätig sein. Es genügt, wenn die Daten einen Menschen erreichen, der aus Hass tatsächlich handelt.

Der Präsident der Jüdischen Gemeinde Mailand, Walker Meghnagi, fand dafür deutliche Worte. Italien kehre zu den 1930er Jahren und zur Jagd auf Juden zurück. Damals seien es Listen und amtliche Karteien gewesen, heute genüge ein leicht teilbares Onlineformular. Die technische Form ist moderner geworden. Das Prinzip bleibt erschreckend vertraut: Menschen werden nicht nach einer Straftat erfasst, sondern nach ihrer Herkunft, ihrer Religion oder einer vermuteten Verbindung zu IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen.

Aus „Zionisten“ werden wieder Juden

Die Urheber versuchten, ihr Vorgehen mit dem Begriff „ZionismusZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen“ politisch zu verkleiden. Doch bereits die Auswahl der gesuchten Personen entlarvt diese Behauptung. Gemeldet werden sollten nicht nur israelische Staatsbürger oder Unternehmen, sondern ausdrücklich auch italienische Juden. Ein italienischer Jude, der in seinem eigenen Land Urlaub macht, sollte demnach als Teil eines angeblichen fremden Vorgangs registriert werden.

Damit verschwindet die behauptete Trennung zwischen Antizionismus und AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen vollständig. Der Jude wird zum Verdächtigen, weil er Jude sein könnte. Der Israeli wird zum Ziel, weil er Israeli ist. Hotels und Geschäfte geraten unter Beobachtung, weil sie solchen Menschen Unterkunft oder Dienstleistungen anbieten. Aus einer politischen Parole entsteht eine soziale Kennzeichnung.

Livia Ottolenghi, Präsidentin des Verbandes der Jüdischen Gemeinden Italiens, sprach deshalb von einem neuen Ausmaß des Antisemitismus. Das Formular schaffe neue „gelbe Sterne“, indem vermeintliche zionistische Kolonien gemeldet, Juden markiert und erfundene Verschwörungen verbreitet würden. Sie erinnerte an das Klima vor den italienischen Rassengesetzen von 1938.

Diese historische Erinnerung ist keine Gleichsetzung der heutigen italienischen Republik mit dem faschistischen Staat. Sie ist eine Warnung vor einer Methode. Verfolgung beginnt selten mit dem letzten Schritt. Sie beginnt mit Begriffen, Listen und der Vorstellung, bestimmte Menschen seien keine gewöhnlichen Bürger oder Besucher mehr, sondern ein Problem, das kartiert und „bearbeitet“ werden müsse.

Auch Victor Fadlun, Präsident der Jüdischen Gemeinde Roms, bezeichnete die Erfassung als Angriff auf elementare Rechte und die Grundsätze der italienischen Verfassung. Menschen würden allein wegen ihrer jüdischen Identität oder einer vermuteten Beziehung zu Israel ausgewählt, öffentlich kenntlich gemacht und stigmatisiert.

Nach dem Eingreifen des italienischen Koordinators gegen Antisemitismus, General Pasquale Angelosanto, wurde das Formular entfernt. Die Jüdische Gemeinde Mailand leitete das Material an die zuständigen Behörden weiter und forderte staatliche Ermittlungen. Staatssekretär Alessandro Morelli bezeichnete die Aktion als abscheulich und kündigte eine Anzeige gegen Unbekannt an. Die Verantwortlichen dürften nicht den Eindruck gewinnen, eine solche Erfassung bleibe ohne Folgen.

Der Name einer Bewegung, aber keine geklärte Urheberschaft

Im Formular wurde behauptet, die Daten gingen an das Global SumudGlobal Sumud: Politische Gaza-Flottille gegen IsraelGlobal Sumud bezeichnet eine internationale Gaza-Flottille, die sich als humanitäre Mission darstellt, aber ausdrücklich die israelische Seeblockade brechen will. Aus israelischer Sicht ist sie eine politische Kampagne, die Hamas-Kontext, Terrorgefahr und Sicherheitsfragen ausblendetMehr lesen Movement. Die italienischen Vertreter der Bewegung bestritten jedoch gegenüber „La Repubblica“, das Formular erstellt, bestellt oder verbreitet zu haben. Sie hätten erst durch die Medien davon erfahren und die Seite vor ihrer Entfernung nicht gesehen. Wer hinter der Aktion steht, ist damit weiterhin nicht geklärt.

Diese Zurückweisung muss ernst genommen werden. Der bloße Abdruck eines Namens beweist keine Urheberschaft. Es wäre ebenso denkbar, dass Unbekannte die Bezeichnung verwendeten, um dem Formular Glaubwürdigkeit zu verleihen oder die Bewegung zu belasten. Aufgabe der Ermittler ist es nun, Konten, technische Spuren, Verbreitungswege und mögliche Verantwortliche festzustellen.

Der ungeklärte Ursprung darf jedoch nicht vom Inhalt ablenken. Das Formular existierte, wurde verbreitet und forderte konkrete Meldungen über Juden, Israelis, Unterkünfte und Geschäfte. Dass es entfernt wurde, beseitigt weder bereits übermittelte Informationen noch die Denkweise, aus der es hervorging.

Italien muss deshalb klären, ob personenbezogene Daten gesammelt wurden, wer Zugriff darauf hatte und ob Kopien weitergegeben wurden. Auch mögliche Verstöße gegen Datenschutz-, Diskriminierungs- oder Strafvorschriften gehören geprüft. Vor allem muss verhindert werden, dass aus der digitalen Erfassung reale Bedrohung entsteht.

Denn eine Hotelliste ist nicht harmlos, wenn sie Menschen nach Nationalität oder jüdischer Identität sortiert. Eine Karte ist nicht neutral, wenn sie mögliche Ziele sichtbar macht. Und ein Formular ist nicht bloß ein Formular, wenn es Fremde dazu ermuntert, ihre Nachbarn, Gäste und Kunden zu beobachten.

Die italienische Öffentlichkeit sollte sich deshalb nicht mit der Entfernung des Links zufriedengeben. Entscheidend ist, ob die Urheber ermittelt und die möglicherweise gesammelten Daten gesichert oder gelöscht werden können. Ebenso wichtig ist eine eindeutige gesellschaftliche Antwort: Israelis sind keine Freiwildtouristen, jüdische Italiener keine fremden Kolonisten und Hotels keine Orte, die für die Aufnahme jüdischer Gäste angeprangert werden dürfen.

Wer Menschen melden lässt, bereitet ihre Ausgrenzung vor. Wer ihre Aufenthaltsorte sammelt, nimmt mögliche Gewalt billigend in Kauf. Das ist keine Solidarität mit Palästinensern und keine legitime Kritik an einer Regierung. Es ist die Rückkehr einer alten Methode in neuer technischer Gestalt.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Dienstag, 21. Juli 2026

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