Europas nächste Falle führt über Ankara und Damaskus
Neue Handelswege sollen Europa unabhängiger von Hormus, Suez und dem Roten Meer machen. Doch ein Korridor über Erdogans Türkei und ein fragiles Syrien könnte genau die Erpressbarkeit schaffen, der Europa entkommen will.

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Europa sucht sichere Handelswege. Nach den Angriffen der HuthiHuthi: Terrororganisation des Iran-Netzwerks im JemenDie Huthi, auch Ansar Allah genannt, sind eine schiitisch-islamistische Terrororganisation aus dem Jemen. Sie kontrollieren große Teile des Nordwestens, werden vom Iran unterstützt und bedrohen Israel sowie die internationale Schifffahrt im Roten Meer.Mehr lesen im Roten Meer, den Drohungen rund um die Straße von HormusStraße von Hormus: Die gefährlichste Engstelle der WeltwirtschaftDie Straße von Hormus ist eine Meerenge zwischen Iran und Oman. Sie verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und ist eine der wichtigsten Routen für Öl und Flüssigerdgas weltweit.Mehr lesen und den Störungen globaler Lieferketten ist das verständlich. Niemand in Brüssel, Berlin, Paris oder Rom kann so tun, als seien die alten Seewege dauerhaft verlässlich. Wenn eine Meerenge blockiert wird, wenn Schiffe um Afrika fahren müssen oder wenn Versicherungen für Transporte plötzlich explodieren, spüren das am Ende Unternehmen, Verbraucher und Regierungen.
Deshalb wächst das Interesse an neuen Landkorridoren zwischen Asien, dem Golf und Europa. Mehr Schienen, mehr Häfen, mehr Umschlagplätze, mehr Datenleitungen, weniger Abhängigkeit von gefährdeten Seewegen. Auf dem Papier klingt das wie eine vernünftige Antwort auf eine unsichere Welt.
Doch eine neue Route ist nicht automatisch eine sichere Route. Man kann eine gefährliche Abhängigkeit auch durch eine andere ersetzen. Genau das droht bei Plänen, die den Handel vom Golf über Saudi-Arabien, Jordanien, Syrien und die Türkei nach Europa führen sollen. Eine solche Strecke würde zwar bestimmte Seewege entlasten. Sie würde Europa aber zugleich stärker von zwei Akteuren abhängig machen, denen man kritische Infrastruktur nicht leichtfertig anvertrauen sollte: Recep Tayyip Erdogans Türkei und einem syrischen Staat, dessen neue Führung aus einem islamistischen Milizenumfeld kommt.
Der israelische Sender N12 berichtet, dass in der Region mehrere konkurrierende Korridorpläne vorangetrieben werden. Sie könnten IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen als Transitland umgehen und neue Wege über Syrien und die Türkei schaffen. Für Israel ist das eine strategische Frage. Für Europa aber ebenso. Denn es geht nicht nur darum, ob Container künftig über Haifa, Ceyhan, Damaskus oder andere Knotenpunkte laufen. Es geht darum, wem Europa künftig Macht über seine Lieferketten, Energieverbindungen und Datenströme gibt.
Ankara hat längst gezeigt, wie Erpressung funktioniert
Erdogan versteht Geografie als Macht. Die Türkei liegt zwischen Europa, dem Nahen Osten, dem Schwarzen Meer und Asien. Diese Lage nutzt Ankara seit Jahren nicht nur wirtschaftlich, sondern politisch. Wer der Türkei neue Hebel gibt, sollte wissen, was Ankara mit Hebeln macht.
Europa hat das in der Migrationskrise erlebt. Erdogan drohte wiederholt damit, die Grenzen für Migranten Richtung Europa zu öffnen. Im Jahr 2020 setzte Ankara diesen Druck sichtbar in Szene, als Tausende Menschen zur griechischen Grenze zogen, nachdem die Türkei erklärt hatte, sie werde sie nicht mehr aufhalten. Damit wurde deutlich: Die türkische Grenzpolitik ist nicht nur Verwaltung. Sie kann jederzeit politisches Druckmittel werden.
Auch innerhalb der NATO trat Ankara immer wieder als Blockierer auf. Der Beitritt Schwedens wurde über Monate verzögert. Die Zustimmung der Türkei wurde mit politischen Forderungen verbunden, unter anderem an Schweden und an die USA. Natürlich verfolgt jeder Staat Interessen. Doch wenn ein Bündnispartner in einer europäischen Sicherheitskrise seine Zustimmung so lange zurückhält, bis der Preis hoch genug ist, dann ist das ein Warnsignal.
Für Europa müsste daraus eine Lehre folgen. Wer kritische Handelswege über die Türkei legt, macht sich nicht nur von türkischen Häfen, Schienen und Grenzübergängen abhängig. Er gibt Ankara eine neue Möglichkeit, Druck auszuüben. Heute geht es um Migration oder NATO-Fragen. Morgen könnte es um Zölle, Transitgebühren, politische Zugeständnisse, Sanktionen, Rüstungsgeschäfte oder Energiefragen gehen.
Europa redet gern von strategischer Autonomie. Doch strategische Autonomie entsteht nicht dadurch, dass man sich von der Straße von Hormus löst und anschließend von Erdogan abhängig macht. Der Fehler wäre derselbe, nur die Landkarte eine andere.
Syrien ist keine sichere Abkürzung
Noch riskanter ist der syrische Teil solcher Pläne. Ahmad al-Scharaa, früher bekannt als Abu Mohammed al-Julani, tritt heute als Staatsmann auf. Doch seine politische Herkunft bleibt entscheidend. Er führte die Al-Nusra-Front, den syrischen Ableger von Al-Qaida, und später Hayat Tahrir al-Scham. Zwar bemüht er sich inzwischen um Anerkennung, Wiederaufbau und ein gemäßigteres Bild. Auch westliche Staaten haben ihre Haltung gegenüber Damaskus und HTS verändert. Aber diplomatische Annäherung macht aus Syrien noch keinen verlässlichen Korridorstaat.
Die zentrale Frage lautet nicht, ob al-Scharaa heute anders spricht als früher. Die Frage lautet, ob Syrien unter seiner Führung stabile, sichere und berechenbare Infrastruktur garantieren kann. Ein Handelskorridor braucht mehr als eine Unterschrift unter ein Memorandum. Er braucht Schutz vor Milizen, funktionierende Gerichte, verlässliche Grenzkontrollen, Korruptionsbekämpfung, Versicherbarkeit, klare Zuständigkeiten und einen Staat, der seine Strecken tatsächlich kontrolliert.
Davon ist Syrien weit entfernt. Das Land ist von Jahren des Bürgerkriegs gezeichnet. Institutionen sind schwach, Teile des Landes bleiben fragil, und die neue Machtordnung ist nicht gefestigt. Jüngste Berichte über Gewalt und Sicherheitsvorfälle zeigen, dass Syrien nicht einfach als normale Transitfläche behandelt werden kann. Wer dort kritische europäische Handelswege plant, baut auf Hoffnung, nicht auf belastbare Stabilität.
Hinzu kommt die Rolle der Türkei im syrischen Bürgerkrieg. Ankara unterstützte nicht nur eine demokratische Opposition gegen Assad. Die Türkei wurde über Jahre ein wichtiger Rückhalt für bewaffnete Rebellengruppen im Norden Syriens, darunter auch islamistische Kräfte. Diese Vergangenheit ist für die heutige Debatte nicht nebensächlich. Wenn nun ausgerechnet Ankara und ein von al-Scharaa geprägtes Damaskus an neuen Routen arbeiten, dann geht es nicht nur um Logistik. Es geht um Einfluss, Macht und die Frage, wer die künftige Ordnung zwischen Golf und Europa prägt.
Ein Korridor über Syrien und die Türkei wäre deshalb keine neutrale technische Lösung. Er wäre eine politische Entscheidung mit hohem Risiko. Europa würde eine neue Lebensader durch Räume legen, in denen Verlässlichkeit nicht bewiesen ist und in denen politische Erpressung bereits zum Instrument geworden ist.
Der Unterschied zur ursprünglichen IMEC-Idee ist deutlich. Der India-Middle East-Europe Economic Corridor sollte Indien, den Golf, Saudi-Arabien, Jordanien, Israel und Europa verbinden. Israel muss in dieser Debatte nicht im Mittelpunkt stehen. Doch als Transitstaat bietet Israel etwas, was Syrien nicht bieten kann: funktionierende Institutionen, moderne Sicherheitstechnik, unabhängige Justiz, enge westliche Anbindung und eine Wirtschaft, die auf Berechenbarkeit beruht. Das heißt nicht, dass jede Route über Israel automatisch einfach wäre. Aber es heißt, dass Europa zwischen Risiko und Verlässlichkeit unterscheiden muss.
Saudi-Arabien, die Emirate, Indien, die USA und Europa werden am Ende vermutlich mehrere Routen prüfen. Das ist normal. Kein Staat will sich nur auf einen Weg verlassen. Doch Vielfalt darf nicht bedeuten, ausgerechnet die unsichersten Akteure zu Schlüsselfiguren europäischer Lieferketten zu machen. Resilienz entsteht nicht durch neue Abhängigkeit von Regierungen, die Schwächen ausnutzen. Sie entsteht durch Partner, die auch in Krisen berechenbar bleiben.
Der Fehler Europas bestand schon oft darin, Risiken zu spät ernst zu nehmen. Man hielt russisches Gas für günstige Energie und bekam politische Erpressbarkeit. Man lagerte Migrationskontrolle aus und bekam türkische Drohungen. Nun könnte Europa den nächsten Fehler machen: Es sucht sichere Handelswege und schafft sich eine neue Abhängigkeit von Ankara und Damaskus.
Ein Korridor über Syrien und die Türkei mag kurzfristig billiger, kürzer oder politisch bequem erscheinen. Langfristig könnte er genau das werden, wovor Europa eigentlich fliehen will: eine neue Engstelle, kontrolliert von Akteuren, die Druck nicht scheuen.
Wer Hormus umgehen will, darf nicht in Ankara und Damaskus die nächste Falle bauen. Europa braucht Handelswege, die nicht nur auf Karten gut aussehen, sondern im Ernstfall tragen. Dafür braucht es Partner, denen man Infrastruktur anvertrauen kann. Erdogan hat mehr als einmal gezeigt, dass er Abhängigkeiten politisch nutzt. Syrien hat noch lange nicht bewiesen, dass es verlässlich ist. Beides zusammen ist keine sichere Zukunftsroute, sondern ein Risiko, das Europa sich nicht schönreden sollte.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Samstag, 4. Juli 2026