Leobersdorf: Das KZ-Gelände wird Gewerbepark für das Gedenken kauft die Initiative eigenes Land

Leobersdorf: Das KZ-Gelände wird Gewerbepark für das Gedenken kauft die Initiative eigenes Land


Die Initiative hat 4.100 Quadratmeter für einen dauerhaften Erinnerungsort gekauft. CHEFS CULINAR erklärt gegenüber haOlam, der historische Kontext des künftigen Logistikstandorts sei beim Vertragsabschluss nicht bekannt gewesen.

Leobersdorf: Das KZ-Gelände wird Gewerbepark für das Gedenken kauft die Initiative eigenes Land
Bildnachweis: © ns-zwangsarbeit.at, 2026

In Leobersdorf wird aus einem jahrelangen Streit um den Umgang mit einem ehemaligen KZ-Außenlager inzwischen bauliche Realität. Auf dem historischen Areal „Am Weinberg“ entstehen Gewerbe- und Logistikflächen. Gleichzeitig haben jene, die seit Jahren für ein angemessenes Gedenken kämpfen, einen anderen Weg eingeschlagen: Die Lokalinitiative NS-Zwangsarbeit Leobersdorf hat nach mehr als einem Jahr Bemühungen ein rund 4.100 Quadratmeter großes Grundstück in unmittelbarer Nachbarschaft gekauft. Dort soll ein dauerhafter Erinnerungsort entstehen. 

Eine weitere offene Frage ist inzwischen ebenfalls beantwortet. Der österreichische „Falter“ machte am 27. September öffentlich, wer das neu errichtete Logistikzentrum künftig nutzen soll: der deutsche Lebensmittelgroßhändler CHEFS CULINAR. Das Unternehmen will dort ab 2027 einen Standort mit Logistikfunktion betreiben.

Damit setzt sich eine Entwicklung fort, über die haOlam.de bereits im Juli berichtet hatte. Damals war bekannt, dass auf dem Gelände des ehemaligen KZ-Außenlagers Hirtenberg ein Gewerbeprojekt mit Kühl- und Tiefkühllogistik entsteht. Nicht bekannt war, welches Unternehmen die Logistikflächen beziehen würde. Die KZ-Gedenkstätte Mauthausen warnte schon zu diesem Zeitpunkt, die fortschreitende Bebauung stehe im Widerspruch zum Schutz der noch vorhandenen historischen Spuren.

Zwischen September 1944 und April 1945 waren im Außenlager Hirtenberg rund 400 Frauen und Mädchen gefangen. Die KZ-Gedenkstätte Mauthausen nennt ein Durchschnittsalter von nur 23 Jahren. Die Häftlinge mussten lebensgefährliche Zwangsarbeit in der Munitionsproduktion leisten. Nach der Auflösung des Lagers wurden sie in Richtung Mauthausen getrieben; einige Frauen wurden auf diesem Marsch getötet

Von einem lange unbekannten historischen Ort kann dabei keine Rede sein. Die KZ-Gedenkstätte Mauthausen, lokale Initiativen, die Israelitische Kultusgemeinde Wien und internationale Opferorganisationen haben wiederholt auf die Bedeutung des Geländes hingewiesen. Noch im Mai 2026 besuchte eine Delegation der französischen Amicale de Mauthausen den Ort. Zu diesem Zeitpunkt stellte die Gedenkstätte fest, dass die Arbeiten für den Gewerbepark Spuren des früheren Frauenlagers bereits überdeckt hatten.

Ein Gedenkort, weil der historische Ort überbaut wird

Der Grundstückskauf der Gedenkinitiative ist deshalb mehr als ein weiteres lokales Projekt. Er ist die praktische Antwort auf eine Situation, in der sich die ursprüngliche Forderung, das historische Lagergelände selbst als Erinnerungsort zu bewahren, nicht durchsetzen ließ.

Das neu erworbene Grundstück liegt unmittelbar neben dem früheren Lagerareal, aber abseits der stark befahrenen B18. Es ermöglicht einen direkten Blick auf den historischen Ort. Angehörige ehemaliger Häftlinge, Opfervereinigungen, Schulklassen und andere Besucher sollen dort künftig einen geschützten Raum für Erinnerung und historisches Lernen finden. 

Dabei soll es nicht bei einem einzelnen Gedenkort bleiben. Geplant ist ein regionaler Gedenkweg, der die Geschichte der NS-Zwangsarbeit im unteren Triestingtal sichtbar macht. Nach Angaben der Initiative waren in der Region rund 20.000 Menschen von Zwangsarbeit betroffen. Sie erwartet deshalb bei der weiteren Umsetzung nicht allein Unterstützung der Gemeinden, sondern auch von Land, Bund und Unternehmen. Initiativen-Sprecher Günter Lessig bringt den Anspruch auf den Punkt: „Die Zivilgesellschaft hat das Fundament gelegt.“ 

Dass dieses Fundament buchstäblich auf einem privat erworbenen Nachbargrundstück gelegt werden musste, gehört inzwischen selbst zur Geschichte des Ortes. Die gewerbliche Entwicklung des ehemaligen Lagerareals war keineswegs alternativlos oder unumstritten. Recherchen von „Wiener Zeitung“ und „Falter“ hatten bereits 2024 die Grundstücksgeschäfte, Umwidmungen und wirtschaftlichen Interessen rund um die Fläche offengelegt. Die damalige Vermarktung pries das Gelände unter anderem wegen seiner Lage und wirtschaftlichen Möglichkeiten an; die Vergangenheit als Lagerstandort wurde nach der Recherche in dieser Vermarktung nicht erwähnt.

Die späteren Bauarbeiten änderten daran nichts mehr. Im August 2025 meldete die Gemeinde, dass die erforderlichen Bewilligungen vorlägen. Zu diesem Zeitpunkt waren die Proteste längst öffentlich, und auch die Forderung nach einer Gedenkstätte war bekannt.

CHEFS CULINAR: Historischer Kontext war nicht bekannt

Mit der Veröffentlichung des Namens CHEFS CULINAR rückte nun ein Unternehmen in den Mittelpunkt, das an den ursprünglichen Grundstücksgeschäften und politischen Entscheidungen nicht beteiligt war. haOlam.de hat den künftigen Mieter deshalb um eine eigene Stellungnahme gebeten.

CHEFS CULINAR bestätigte unserer Redaktion, einen Mietvertrag für einen Standort mit Logistikfunktion in Leobersdorf abgeschlossen zu haben. Zugleich erklärte das Unternehmen eindeutig:

„Der historische KontextKontextualisierung: Fakten verständlich einordnenKontextualisierung bedeutet, Informationen in einen Zusammenhang zu stellen. Sie hilft, Ereignisse nicht isoliert zu betrachten, sondern mit Vorgeschichte, Ursachen, Folgen und beteiligten Akteuren zu verstehen.Mehr lesen war uns zu dem Zeitpunkt nicht bekannt.“

Der Mietvertrag sei im Vertrauen auf die staatlichen Institutionen und das Baurecht geschlossen worden.

Diese Antwort ist für die Einordnung wesentlich. Nach dem derzeit bekannten Sachstand ist CHEFS CULINAR Mieter der entstehenden Immobilie, nicht Verkäufer des Grundstücks und nicht Entwickler des ursprünglichen Gewerbeprojekts. Die Aussage des Unternehmens entbindet deshalb nicht von der Frage nach dem Umgang mit dem Gelände, verschiebt aber den Blick auf einen anderen Punkt: Wie konnte ein historisch dokumentierter und seit Jahren öffentlich umstrittener Standort wirtschaftlich entwickelt werden, ohne dass seine Vergangenheit nach Aussage des späteren Mieters beim Vertragsabschluss bekannt war?

Eine endgültige Antwort darauf liefern die bislang zugänglichen Unterlagen nicht. Bemerkenswert ist jedoch, dass die ältere Recherche von „Wiener Zeitung“ und „Falter“ bereits für eine frühere Phase der Vermarktung festgestellt hatte, dass die KZ-Geschichte in der Präsentation des Grundstücks nicht auftauchte. Daraus lässt sich nicht ableiten, welche Informationen CHEFS CULINAR während seiner späteren Vertragsverhandlungen erhielt. Es zeigt aber, dass die historische Bedeutung des Geländes bei seiner wirtschaftlichen Vermarktung nicht von Beginn an im Vordergrund stand.

CHEFS CULINAR belässt es nach Bekanntwerden des historischen Zusammenhangs nicht bei dieser Erklärung. Das Unternehmen teilte haOlam.de mit, die Geschichte der Menschen, die an diesem Ort Zwangsarbeit leisten mussten, wachhalten zu wollen. Es sei ein Anliegen, einen würdigen Ort zu schaffen, der zum Innehalten und zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit einlädt.

Zudem kündigte CHEFS CULINAR an, persönlich mit der örtlichen Gedenkinitiative Kontakt aufzunehmen. Diese Gespräche sollen nach dem Wunsch des Unternehmens ohne öffentliche Begleitung stattfinden. Auch der Bauträger wolle sich nach Angaben von CHEFS CULINAR beim Erinnern an die Geschichte des Geländes engagieren. Ob und in welcher konkreten Form daraus eine Beteiligung am neuen Gedenkort oder am geplanten Gedenkweg entsteht, ist bislang offen.

Damit wäre es ebenso falsch, CHEFS CULINAR eine bewusste Missachtung der KZ-Geschichte zu unterstellen, wie die Vorgeschichte des Projekts nun auf die Entscheidung eines einzelnen Mieters zu reduzieren. Die wesentlichen Entscheidungen über Verkauf, Entwicklung und Bebauung des historischen Areals waren bereits gefallen, bevor der Name des künftigen Logistiknutzers öffentlich bekannt wurde.

Der bemerkenswerte Gegensatz bleibt dennoch bestehen: Auf dem Gelände, auf dem mehr als 400 Frauen und Mädchen gefangen gehalten und zur Zwangsarbeit gezwungen wurden, werden Gewerbe- und Logistikflächen geschaffen. Einen geschützten Ort, an dem ihre Geschichte dauerhaft erzählt werden kann, sichert die Zivilgesellschaft derweil auf einem eigens gekauften Grundstück nebenan.

Der Ankauf verhindert die Überbauung des historischen Lagergeländes nicht mehr. Er verhindert aber, dass mit dessen baulichen Spuren auch die Erinnerung verschwindet. Und er schafft etwas, das auf dem ursprünglichen Areal trotz jahrelanger Auseinandersetzungen nicht gesichert werden konnte: einen Ort, dessen Zweck nicht Rendite, Verkehrsanbindung oder Logistik ist, sondern Erinnerung.

Wie ernst dieser Anspruch künftig genommen wird, entscheidet sich nun nicht mehr allein an Worten. Die Fläche für den Gedenkort ist vorhanden. CHEFS CULINAR hat Gespräche angekündigt. Bund, Land, Gemeinden, Bauträger und weitere wirtschaftlich Beteiligte wissen, was die Initiative von ihnen erwartet.

Mehr als 80 Jahre nach der Befreiung sollte die Erinnerung an die Frauen von Hirtenberg jedenfalls nicht erneut darum kämpfen müssen, zwischen wirtschaftlichen Interessen überhaupt noch einen Platz zu finden.

Foto: Erich Strobl und Christian Simlinger auf dem für den Gedenkort erworbenen Grundstück. © ns-zwangsarbeit.at, 2026



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Dienstag, 29. September 2026

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