Ceuta-Krise: Sánchez zeigt auf Israel und verschweigt die Lücken seiner eigenen Beweislage

Ceuta-Krise: Sánchez zeigt auf Israel und verschweigt die Lücken seiner eigenen Beweislage


Pedro Sánchez verbindet Israel öffentlich mit der Desinformation rund um die Ceuta-Krise. Doch seine eigene Aussage enthält entscheidende Einschränkungen, während spanische Geheimdienstberichte ein anderes Problem benennen: Marokko.

Ceuta-Krise: Sánchez zeigt auf Israel und verschweigt die Lücken seiner eigenen Beweislage
Bildnachweis: Vlada Republike Slovenije

Mehr als 72.000 Migranten überschritten Ende Juli innerhalb von zwei Tagen irregulär die Grenze aus Marokko in die spanische Exklave Ceuta. Mindestens 100 Menschen starben nach Angaben der örtlichen Behörden bei dem Versuch. Es war eine außergewöhnliche Krise an einer Außengrenze der Europäischen Union, ausgelöst und verstärkt durch Falschinformationen in sozialen Netzwerken, durch die schwierige wirtschaftliche Lage vieler junger Menschen in Marokko und durch ein zeitweilig weitgehendes Versagen der Grenzsicherung auf marokkanischer Seite. Doch Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez hat am Montag einen anderen Akteur besonders hervorgehoben: IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen.

Im Radiosender Cadena SER erklärte Sánchez, Falschinformationen seien über soziale Netzwerke verbreitet worden, die sowohl mit Russland als auch mit Israel verbunden seien. Hinzu komme eine internationale extreme Rechte, die Migration benutze, um Spanien und Europa anzugreifen. Später stellte Sánchez sogar die Frage, ob Russland und Israel sich in die Debatte einmischten, weil ihnen nicht Spaniens Migration, sondern die außenpolitische Haltung Madrids missfalle. Gemeint waren erkennbar der Krieg Russlands gegen die Ukraine und die ausgesprochen israelfeindliche Politik der spanischen Regierung im Zusammenhang mit GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen. Reuters berichtete ebenfalls über den Vorwurf und schrieb ausdrücklich, Sánchez habe keine weiteren Einzelheiten zu den Belegen für eine israelische Beteiligung genannt.

Das ist ein schwerer Vorwurf. Ein europäischer Regierungschef stellt Israel öffentlich neben Russland und verbindet beide mit einer Desinformationskampagne, die eine Krise mit Zehntausenden Grenzübertritten begleitet haben soll. Wer einen solchen Vorwurf erhebt, muss deshalb besonders sauber zwischen nachgewiesenen Vorgängen, Vermutungen und politischer Interpretation unterscheiden. Genau an diesem Punkt beginnt das Problem.

Sánchez schränkt seinen eigenen Vorwurf selbst ein

Denn wenige Sätze nach der Beschuldigung sagt Sánchez etwas, das in vielen Schlagzeilen erheblich weniger auffällt. Die Vorgänge würden weiterhin untersucht. Die Verbindung zu entsprechenden Netzwerken bedeute ausdrücklich nicht, dass ein staatlicher Akteur dahinterstehen müsse. Und noch deutlicher erklärte der spanische Regierungschef nach der Wiedergabe von Cadena SER: Man verfüge bedauerlicherweise noch nicht über eine vollständige Kenntnis dessen, was geschehen sei. Die Regierung müsse mit Gewissheiten arbeiten.

Das ist keine Nebensächlichkeit. Es ist der Unterschied zwischen der Aussage, dass bestimmte Konten mit Bezug zu Israel Inhalte verbreitet haben, und der Behauptung, Israel habe eine Desinformationsoperation gegen Spanien geführt. Für Letzteres liegt öffentlich bislang kein Nachweis vor. Sánchez selbst behauptet im ausführlichen Interview auch nicht, dass die israelische Regierung, ein israelischer Nachrichtendienst oder eine andere staatliche Stelle die Kampagne gesteuert habe. Trotzdem formuliert er anschließend: „Wenn Russland oder Israel sich einmischen, um zu desinformieren“, und verbindet dies mit der außenpolitischen Haltung Spaniens. Damit entsteht politisch genau jener Eindruck einer staatlichen Verantwortung, den seine vorherige Einschränkung gerade nicht belegt.

Reuters berichtet, Sánchez habe sich auf Untersuchungen des Europäischen Auswärtigen Dienstes EEAS berufen. Doch auch dort bleibt eine entscheidende Lücke. Reuters erhielt zunächst weder vom EEAS noch vom israelischen Außenministerium eine Stellungnahme und weist ausdrücklich darauf hin, dass Sánchez keine näheren Angaben zu seinen Belegen machte. Ein öffentlich zugänglicher EEAS-Bericht, aus dem sich eine staatlich gesteuerte israelische Operation zur Auslösung der Ceuta-Krise ableiten ließe, liegt bislang nicht vor. Das ist keine Widerlegung einer möglicherweise noch unveröffentlichten Untersuchung. Es bedeutet aber sehr wohl, dass die Öffentlichkeit den schwerwiegenden Vorwurf derzeit nicht anhand der von Sánchez genannten Beweise überprüfen kann.

Was sich dagegen nachweisen lässt, ist eine Kampagne israelischer oder proisraelischer Konten mit dem Schlagwort „Free Ceuta“. Der spanische Faktenprüfer Maldita dokumentierte bereits am 31. Juli Konten auf X, die Ceuta und Melilla als spanische Kolonien bezeichneten und damit auf die besonders israelfeindliche Politik Madrids reagierten. Auch Äußerungen des israelischen UN-Botschafters Danny Danon, der Spanien wegen dessen ständiger Belehrungen gegenüber Israel mit der Frage nach Ceuta konfrontierte, waren politisch unnötig und lieferten Sánchez' Umfeld eine willkommene Vorlage. Die israelische Botschaft in Madrid korrigierte anschließend die Darstellung und bekräftigte Spaniens Souveränität über Ceuta und Melilla.

Aber auch hier muss sauber getrennt werden. Dass israelische Konten die Krise politisch gegen Sánchez nutzten, beweist noch lange nicht, dass sie jene Falschinformationen erzeugten oder verbreiteten, die Menschen in Marokko glauben ließen, sie könnten nach einer Einreise über das Meer in Spanien bleiben. Der Ursprung dieser FalschinformationDesinformation: Gezielte Täuschung der ÖffentlichkeitDesinformation bezeichnet bewusst verbreitete falsche oder irreführende Informationen. Ziel ist häufig, Menschen zu täuschen, Vertrauen zu zerstören, Konflikte zu verschärfen oder politische Entscheidungen zu beeinflussen.Mehr lesen lag in einer verzerrten Darstellung eines Urteils des spanischen Obersten Gerichtshofs über sogenannte unmittelbare Zurückweisungen. Aus einer juristischen Entscheidung wurde in sozialen Netzwerken die Botschaft, Spanien könne oder werde Menschen, die Ceuta schwimmend erreichten, nicht zurückschicken. Genau diese Erzählung entwickelte eine enorme Anziehungskraft.

Damit stehen bislang zwei unterschiedliche Vorgänge nebeneinander: Falschinformationen, die Menschen zur Überquerung der Grenze bewegten, und eine spätere politische Kampagne gegen Spanien, an der auch israelische Konten beteiligt waren. Wer daraus eine gemeinsame israelische Operation ableiten will, muss die Verbindung belegen. Genau diesen entscheidenden Schritt hat Sánchez öffentlich bislang nicht getan.

Bei Marokko gelten plötzlich andere Maßstäbe

Noch auffälliger wird die Angelegenheit durch Sánchez' Umgang mit Marokko. Im selben Interview erklärte der Ministerpräsident, es gebe keine Informationen der spanischen Sicherheitskräfte oder des Geheimdienstes CNI, die Zweifel an der Rolle der marokkanischen Behörden weckten. Die Zusammenarbeit mit Rabat bezeichnete er als ausgesprochen positiv. Reuters fasste seine Position noch deutlicher zusammen: Sánchez wies Spekulationen über eine Beteiligung der marokkanischen Behörden entschieden zurück.

Das steht zumindest in erheblicher Spannung zu Recherchen von El País über Einschätzungen der spanischen Nachrichtendienste. Bereits am 3. August berichtete die Zeitung, die Dienste seien zu dem Schluss gekommen, dass Marokko die Massenbewegung zwar nicht geplant habe, sie aber zugelassen und politisch genutzt habe. Nach diesen Erkenntnissen wurde die marokkanische Überwachung der Grenze während des Ansturms zunächst auf ein Minimum reduziert und schließlich weitgehend aufgehoben. Marokkanische Behörden hätten die Menschen passieren lassen und anschließend Nutzen aus der internationalen Aufmerksamkeit für die marokkanischen Ansprüche auf Ceuta und Melilla gezogen.

Am 31. August berichtete El País erneut über Einschätzungen spanischer Geheimdienste. Demnach gelten weitere verdeckte Aktionen gegen Ceuta und Melilla als möglich. Dabei geht es ausdrücklich um den sogenannten Graubereich zwischen offenem Konflikt und gewöhnlicher Politik, einschließlich Desinformation, Cyberangriffen, Sabotage und der Instrumentalisierung von Migration. Eine direkte Beteiligung ausländischer Geheimdienste an den konkreten Netzwerken, die den jüngsten Ansturm mobilisierten, sei dagegen nicht bewiesen.

Gerade das macht Sánchez' öffentliche Gewichtung bemerkenswert. Bei Israel reicht ihm offenbar die Verbindung bestimmter sozialer Netzwerke, um das Land namentlich neben Russland zu stellen und über mögliche Motive wegen Gaza zu spekulieren. Bei Marokko, dessen Behörden unmittelbar die Grenze kontrollieren, von dessen Staatsgebiet die gesamte Bewegung ausging und dem spanische Nachrichtendienste laut El País zumindest vorwerfen, die Situation zugelassen und politisch genutzt zu haben, betont Sánchez dagegen die positive Zusammenarbeit.

Man muss nicht behaupten, Sánchez lüge, um diesen Widerspruch zu erkennen. Dafür reichen seine eigenen Worte und die veröffentlichten Erkenntnisse spanischer Stellen.

haOlam hatte bereits am 2. August auf eine weitere problematische Entwicklung hingewiesen. Damals verbreiteten Influencer und politische Aktivisten die Verschwörungserzählung, Israel habe gemeinsam mit anderen Akteuren die gesamte Migrationskrise organisiert, um Sánchez zu bestrafen. Belege dafür gab es nicht. Ein alter Beitrag von Jair Netanyahu aus dem Jahr 2019 und die politische Auseinandersetzung zwischen JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen und Madrid wurden zu angeblichen Indizien einer jahrelang vorbereiteten Operation umgedeutet. Zu diesem Zeitpunkt hatten spanische Behörden keine Beweise für eine israelische Steuerung vorgelegt. Die Behauptung verbreitete sich trotzdem millionenfach.

Vier Wochen später spricht nun der spanische Regierungschef selbst von mit Israel verbundenen Netzwerken. Das macht die damalige Verschwörungserzählung nicht nachträglich wahr. Es zeigt vielmehr, wie wichtig die Unterscheidung zwischen belegter Online-Aktivität und staatlicher Verantwortung ist. Eine Regierung darf Israel selbstverständlich kritisieren, wenn israelische Akteure nachweisbar Falschinformationen verbreiten. Sie muss dann aber sagen, welche Akteure gemeint sind, welche Inhalte sie verbreitet haben, wann dies geschah, welchen Einfluss diese Inhalte auf die Ereignisse hatten und worauf die behauptete Verbindung zu Israel beruht.

Genau diese Antworten fehlen bislang.

Besonders problematisch ist die politische Wirkung. Sánchez hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der schärfsten Gegner der israelischen Regierung innerhalb Europas entwickelt. Madrid hat wiederholt Maßnahmen gegen Israel unterstützt, Jerusalem schwer beschuldigt und den Konflikt mit der israelischen Regierung zu einem Bestandteil der eigenen Außenpolitik gemacht. Vor diesem Hintergrund genügt es nicht, Israel bei einer der schwersten spanischen Grenzkrisen der vergangenen Jahre öffentlich zu nennen und die entscheidenden Belege einer angeblichen Beteiligung im Ungefähren zu lassen.

Israel darf nicht deshalb von jeder Kritik ausgenommen werden, weil die Beziehungen zu Spanien schlecht sind. Das Gegenteil ist richtig: Wenn israelische Konten nachweislich manipulieren, muss darüber berichtet werden. Wenn ein israelischer Diplomat mit unklugen Aussagen eine Krise verschärft, gehört auch das benannt. Aber derselbe Maßstab muss für die Anschuldigung gegen den Staat Israel gelten. Aus einigen Konten wird keine Regierungsoperation. Aus einer politischen Kampagne wird kein Beweis für die Auslösung einer Massenmigration. Und aus der Vermutung eines möglichen Motivs wird noch kein Täter.

Die Ceuta-Krise verdient eine Aufklärung, die diesen Namen verdient. Mehr als 72.000 Menschen überschritten innerhalb von zwei Tagen die Grenze, mindestens 100 starben. Die Frage, wie eine solche Bewegung entstehen konnte, weshalb marokkanische Sicherheitskräfte sie zeitweise nicht aufhielten, welche Rolle kriminelle Netzwerke spielten und wer die entscheidenden Falschinformationen verbreitete, ist zu ernst für politische Abkürzungen.

Wenn Sánchez Beweise für eine gezielte israelische Einflussoperation besitzt, sollte er sie vorlegen oder zumindest präzise benennen, was der EEAS festgestellt hat. Solange das nicht geschieht, bleibt eine unangenehme Feststellung: Der spanische Ministerpräsident beschuldigt Israel öffentlich, während er selbst einräumt, dass die Untersuchung nicht abgeschlossen ist, keine vollständige Kenntnis der Vorgänge besteht und hinter den Netzwerken nicht einmal ein staatlicher Akteur stehen muss.

Das ist für eine Verurteilung Israels zu wenig. Für eine politisch wirksame Schlagzeile hat es Sánchez offenbar gereicht.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Montag, 31. August 2026

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