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Zum dritten Jahr in Folge: Antisemitische Hetze bei der Jahresausstellung der Burg Giebichenstein


Die Jüdische Gemeinde in Halle suchte das Gespräch, lud Studierende ein und wollte Brücken bauen. Die Antwort kam anonym vom Campus: Boykottaufrufe, Diffamierungen und jetzt schon zum dritten Mal ein Eklat rund um die Jahresausstellung.

Zum dritten Jahr in Folge: Antisemitische Hetze bei der Jahresausstellung der Burg Giebichenstein
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Es gibt Momente, in denen eine Grenze nicht nur berührt, sondern sichtbar überschritten wird. An der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle ist dieser Moment längst gekommen.

Wieder wurden auf dem Campus anonyme Flugblätter verteilt. Wieder ging es nicht bloß um eine harte Debatte über IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen. Wieder traf es nicht irgendeine abstrakte Institution irgendwo im Nahen Osten, sondern jüdisches Leben ganz konkret vor Ort. Und wieder steht die Frage im Raum, warum eine staatliche Kunsthochschule es offenbar nicht schafft, ihre wichtigste öffentliche Ausstellung vor genau dieser Art von HetzeVolksverhetzung: Wenn Hass strafbar wirdVolksverhetzung ist eine Straftat nach § 130 StGB. Gemeint sind unter anderem Hassaufrufe, Gewaltforderungen oder menschenwürdeverletzende Hetze gegen nationale, religiöse, ethnische oder andere geschützte Gruppen.Mehr lesen zu schützen.

Dabei hatte die Jüdische Gemeinde Halle nicht den Rückzug gewählt. Sie hatte den Dialog gesucht. Sie lud Studierende in die Synagoge ein, sprach mit ihnen, beantwortete Fragen und versuchte, Vorurteile nicht mit Gegenparolen, sondern mit Begegnung zu beantworten. Das war kein kleiner Schritt. Gerade in Halle, einer Stadt, in der 2019 an Jom Kippur ein schwer bewaffneter Rechtsextremist versuchte, ein Massaker in der Synagoge anzurichten, ist jüdische Offenheit kein naiver Reflex. Sie ist ein Vertrauensvorschuss.

Und dieser Vertrauensvorschuss wurde beantwortet mit Flugblättern.

Schon im Mai tauchten auf dem Campus Aushänge auf, in denen die Jüdische Gemeinde als „rassistische und zionistische Organisation“ angegriffen wurde. Die Forderung war klar: Die Zusammenarbeit mit der Gemeinde solle beendet werden. Das war nicht einfach nur polemisch. Es war der Versuch, einer jüdischen Gemeinschaft abzusprechen, legitimer Teil des Gesprächs zu sein. Wer so argumentiert, diskutiert nicht mit Juden. Er sortiert sie aus.

Nun ist die nächste Stufe erreicht. Während der Jahresausstellung wurden erneut anonyme Schriften verteilt. Darin wurde unter anderem ein Boykott israelischer Hochschulen gefordert. Zugleich wurde der Antisemitismusvorwurf als bloße politische Waffe abgetan. Das ist ein Satz, der vieles verrät. Denn wer AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen nur noch als Trick oder Kampfbegriff behandelt, muss jüdischen Betroffenen nicht mehr zuhören. Ihre Warnungen, ihre Erfahrungen und ihre Angst werden dann nicht mehr ernst genommen, sondern als Teil einer angeblichen Strategie abgewertet.

Genau das macht diese Entwicklung so gefährlich.

Nicht jedes Israel-Plakat ist Antisemitismus. Aber hier geht es längst um mehr

Natürlich darf man Israel kritisieren. Man darf die israelische Regierung kritisieren, militärische Entscheidungen kritisieren und politische Forderungen stellen. Das alles ist von der Meinungsfreiheit gedeckt. Doch an der Burg geht es längst nicht mehr nur um Regierungskritik.

Wenn eine jüdische Gemeinde in Halle zur Zielscheibe wird, wenn ihre Vertreter faktisch als untragbar erklärt werden, wenn Boykottforderungen mit Diffamierungen jüdischer Institutionen einhergehen und wenn das alles anonym geschieht, dann ist das keine ernsthafte akademische Auseinandersetzung mehr. Dann wird aus politischem Aktivismus ein Klima der Einschüchterung.

OFEK und RIAS Sachsen-Anhalt haben das schon im Zusammenhang mit den Mai-Aushängen treffend beschrieben: Hier wird nicht mehr nur über Israel gestritten. Hier werden jüdische Organisationen vor Ort direkt attackiert. Das ist ein entscheidender Punkt. Denn viele, die sich gern hinter dem Satz „Man wird Israel doch noch kritisieren dürfen“ verstecken, übersehen genau diese Verschiebung. Es geht eben nicht nur um Israel. Es geht darum, wer in Deutschland als legitimer jüdischer Gesprächspartner gelten darf und wer nicht.

Wer einer jüdischen Gemeinde vorwirft, zu „zionistischZionismus: Das Recht der Juden auf SelbstbestimmungZionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die für die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und für jüdische Selbstbestimmung im Land Israel eintrat. Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf Antisemitismus, Verfolgung und Entrechtung.Mehr lesen“ zu sein, sagt im Kern: Ihr dürft nur dann mitreden, wenn ihr eure Bindung an Israel ablegt. Das ist nicht progressiv. Das ist eine moderne Form der Ausgrenzung.

Die Hochschulleitung hat sich im Mai klar von den Aushängen distanziert und sie als antisemitisch bezeichnet. Das war richtig. Aber inzwischen reicht eine Stellungnahme nicht mehr. Denn wir reden nicht über einen einmaligen Ausrutscher.

2024 gab es bereits schwere Auseinandersetzungen rund um die Jahresausstellung und Antisemitismusvorwürfe.
2025 folgte der nächste Konflikt um eine als judenfeindlich kritisierte Arbeit.
2026 werden erst Aushänge gegen die Jüdische Gemeinde verbreitet und dann erneut politische Flugblätter bei der Jahresschau.

Drei Jahre in Folge. Immer wieder dieselbe Hochschule. Immer wieder dieselbe Richtung. Immer wieder dieselbe Zumutung für jüdische Menschen.

Wer da noch von Einzelfällen spricht, will das Muster nicht sehen.

Die Hochschule ist nicht Täterin. Aber sie trägt Verantwortung

Niemand behauptet, die Hochschulleitung selbst habe diese Texte geschrieben. Das wäre falsch. Doch eine staatliche Hochschule ist nicht nur Zuschauerin, wenn auf ihrem Gelände immer wieder antisemitische oder israelfeindliche Hetze auftaucht. Sie ist verantwortlich für das Klima, das sich dort entwickelt. Sie ist verantwortlich für klare Regeln, für Schutzkonzepte und für die Frage, ob jüdische Studierende, Besucher und Gemeindemitglieder sich auf diesem Campus sicher und respektiert fühlen können.

Es genügt nicht, nach jedem Vorfall zu erklären, man lehne Antisemitismus ab. Diese Selbstverständlichkeit wird wertlos, wenn die nächsten Vorfälle schon angekündigt scheinen.

Die Vorsitzenden des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt haben deshalb recht, wenn sie von einer roten Linie sprechen. Diese Linie verläuft nicht erst dort, wo strafrechtliche Grenzen sicher überschritten sind. Sie verläuft bereits dort, wo jüdische Institutionen systematisch delegitimiert, anonyme Hetzschriften normalisiert und antisemitische Muster mit politischen Schlagworten bemäntelt werden.

Was jetzt gebraucht wird, ist keine weitere beschwichtigende Sprache. Es braucht Konsequenzen. Eine unabhängige Aufarbeitung der Vorfälle seit 2024. Klare Strukturen für den Umgang mit antisemitischen Vorfällen. Verbindliche Schutzmechanismen. Und die Bereitschaft, offenzulegen, weshalb trotz wiederholter Skandale keine wirksame Beruhigung eingetreten ist.

Vor allem aber braucht es Ehrlichkeit.

Die Jüdische Gemeinde Halle hat ihren Teil längst getan. Sie hat nicht abgeschottet reagiert, sondern geöffnet. Sie hat nicht abgebrochen, sondern zunächst das Gespräch gesucht. Wenn darauf Flugblätter, Boykottaufrufe und neue Diffamierungen folgen, dann liegt das Problem nicht in mangelndem Dialogwillen der jüdischen Seite.

Dann liegt das Problem auf dem Campus.

Antisemitismus wird nicht harmloser, weil er im Milieu einer Kunsthochschule auftritt. Er wird nicht edler, weil er sich auf Flugblättern statt in Schmierereien äußert. Und er wird nicht klüger, weil er sich mit dem Wort Antizionismus schmückt.

Wenn Juden vor Ort zur Zielscheibe werden, dann ist die rote Linie nicht nur überschritten. Dann brennt sie längst.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Samstag, 25. Juli 2026

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