Queere Räume unter Druck: Juden sollen weichen, Islamismus wird verharmlost
Der Streit um den Münchner Pride zeigt einen verstörenden Widerspruch: Ausgerechnet in Räumen, die Freiheit und Schutz versprechen, geraten jüdische und israelsolidarische Queers unter Druck.

Bildnachweis: Symbolbild
Der Streit um das Posting der „People’s Pride“ und die dort sichtbare Unterstützung durch verschiedene Gruppen ist mehr als eine lokale Auseinandersetzung in der Münchner Szene. Er zeigt ein Problem, über das viel zu lange zu leise gesprochen wurde: In Teilen aktivistischer, linker und queerfeministischer Milieus wird IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen nicht mehr nur kritisiert. Israel wird zum Ausschlusskriterium gemacht. Wer jüdisch ist, wer Beziehungen nach Israel hat, wer Freunde oder Familie dort hat, wer mit queeren Menschen in Be’er Scheva verbunden ist oder wer schlicht das Existenzrecht IsraelsExistenzrecht Israels: Das Recht des jüdischen Staates auf SicherheitDas Existenzrecht Israels bezeichnet das Recht des jüdischen Staates, als souveräner Staat sicher und anerkannt zu bestehen. Wer Israel dieses Recht abspricht, kritisiert nicht nur eine Regierung, sondern stellt jüdische Selbstbestimmung grundsätzlich infrage.Mehr lesen verteidigt, gerät zunehmend unter Rechtfertigungsdruck. Genau darin liegt die eigentliche Gefahr. Aus Solidarität wird ein Loyalitätstest. Aus politischem Aktivismus wird soziale Ausgrenzung. Und ausgerechnet Räume, die Schutz vor Hass, Verachtung und Verdrängung bieten sollten, drohen für jüdische und israelsolidarische Queers unsicherer zu werden.
Dass sich der CSD München diesem Druck bislang nicht gebeugt hat, ist deshalb ein wichtiges Signal. Es zeigt, dass nicht jede laute Kampagne automatisch moralisch recht hat. Es zeigt auch, dass Pride nicht jenen überlassen werden darf, die Vielfalt nur so lange verteidigen, wie Juden und Israelis in ihr Weltbild passen. Wenn Be’er Sheva Munich Queer angegriffen wird, weil die Gruppe für Austausch zwischen queeren Menschen in München und Be’er Scheva steht, dann geht es nicht um eine belanglose Nebenfrage. Dann geht es darum, ob jüdisches Leben, israelische Realität und israelsolidarische Haltung in queeren Räumen noch selbstverständlich dazugehören oder ob sie dort nur geduldet werden, wenn vorher Distanzierungen eingefordert werden.
Dieser Mechanismus ist besonders bitter, weil er an ein altes Muster erinnert: Juden sollen erst beweisen, dass sie die „richtigen“ Juden sind. Sie sollen erklären, warum sie Israel nicht abschwören. Sie sollen sich für eine Regierung rechtfertigen, die sie nicht gewählt haben müssen. Sie sollen sich für einen Krieg erklären, den sie nicht führen. Sie sollen politische Reinheit nachweisen, bevor ihre Angst, ihre Trauer oder ihre Zugehörigkeit anerkannt wird. Genau das ist kein Fortschritt. Das ist kein Antirassismus. Das ist auch keine mutige Solidarität. Es ist ein Druck, der jüdische Menschen wieder einmal kollektiv in Haftung nimmt.
Der blinde Fleck heißt Islamismus
Besonders verstörend wird dieser Vorgang durch den Widerspruch, der kaum größer sein könnte. Ausgerechnet eine Bewegung, die Selbstbestimmung, körperliche Freiheit, sexuelle Vielfalt und Schutz vor religiöser Bevormundung verteidigt, zeigt in Teilen auffallend wenig Klarheit gegenüber islamistischen Ideologien. Dabei ist offensichtlich: Wer queere Freiheit ernst nimmt, kann nicht über Bewegungen hinwegsehen, in deren Weltbild queere Menschen keinen gleichberechtigten Platz haben. Wer gegen Homophobie kämpft, darf religiösen Fundamentalismus nicht romantisieren, nur weil er sich gegen Israel richtet. Wer Schutzräume für Minderheiten fordert, darf nicht ignorieren, dass islamistische Gruppen genau solche Freiheiten bekämpfen.
Damit ist nicht gesagt, dass jede Person, die sich für Palästinenserinnen und Palästinenser einsetzt, Islamismus unterstützt. Eine solche Pauschalisierung wäre falsch. Solidarität mit palästinensischen Zivilisten ist möglich und legitim. Sie kann menschlich, notwendig und glaubwürdig sein. Aber sie wird unglaubwürdig, wenn sie HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen-Ideologie ausblendet, islamistische Gewalt verharmlost oder jüdische und israelsolidarische Menschen zu Störfaktoren erklärt. Wer palästinensisches Leid ernst nimmt, muss auch jene Palästinenser ernst nehmen, die selbst unter Hamas, Repression, Korruption und religiösem Zwang leiden. Eine Solidarität, die nur gegen Israel laut ist, aber bei Islamismus leise bleibt, ist keine glaubwürdige Menschenrechtspolitik.
Genau hier liegt der offene Widerspruch. In vielen queeren Zusammenhängen wird sehr genau darauf geachtet, ob Sprache verletzend ist, ob Minderheiten ausgeschlossen werden, ob Machtverhältnisse sichtbar gemacht werden. Das ist grundsätzlich richtig. Doch bei Israel und Juden scheinen diese Maßstäbe in Teilen plötzlich zu verschwimmen. Da wird aus „Sensibilität“ Härte. Aus „Awareness“ wird Schweigen. Aus „Solidarität“ wird einseitige Feindbildpolitik. Und ausgerechnet jene, die sonst jede Form von Ausgrenzung benennen wollen, übersehen, wenn jüdische Menschen in ihren eigenen Räumen unter Druck geraten.
Pride darf nicht zur Bühne für neue Ausgrenzung werden
Pride ist nicht entstanden, damit neue Gruppen an den Rand gedrängt werden. Pride lebt von Sichtbarkeit, Mut und dem Recht, ohne Angst öffentlich da zu sein. Genau deshalb darf eine Pride-Bewegung nicht zulassen, dass jüdische Queers sich verstecken müssen, sobald Israel Thema wird. Sie darf nicht zulassen, dass israelische Partnerstädte, jüdische Initiativen oder israelsolidarische Stimmen als moralisches Problem markiert werden. Und sie darf erst recht nicht zulassen, dass ausgerechnet jene Ideologien geschont werden, unter denen queere Menschen in vielen Teilen der Welt verfolgt, bedroht oder zum Schweigen gezwungen werden.
Der Münchner Streit zeigt deshalb nicht nur ein Problem der People’s Pride. Er zeigt eine größere Verunsicherung innerhalb einer Szene, die sich entscheiden muss, ob sie ihre eigenen Werte wirklich ernst nimmt. Freiheit gilt nicht nur für die politisch Bequemen. Vielfalt gilt nicht nur für jene, die in das aktivistische Weltbild passen. Solidarität gilt nicht nur dann, wenn Juden schweigen. Eine Community, die Ausgrenzung bekämpfen will, muss auch dann widersprechen, wenn Ausgrenzung aus den eigenen Reihen kommt.
Gerade deshalb verdient der CSD München Unterstützung, wenn er sich nicht von antiisraelischem Druck treiben lässt. Ebenso verdienen Be’er Sheva Munich Queer und Münchens Oberbürgermeister Dominik Krause Solidarität, wenn sie in diesem Zusammenhang angegriffen werden. Nicht, weil jede politische Position unangreifbar wäre. Nicht, weil Kritik an Israel verboten wäre. Sondern weil Kritik dort ihre Grenze überschreitet, wo jüdische und israelsolidarische Menschen aus queeren Räumen gedrängt werden sollen.
Es braucht jetzt mehr Widerspruch aus der queeren Community selbst. Nicht gegen Palästinenser. Nicht gegen Mitgefühl. Nicht gegen politische Debatten. Sondern gegen die gefährliche Verschiebung, bei der Antizionismus zur Eintrittskarte in bestimmte Milieus wird und jüdische Zugehörigkeit unter Vorbehalt steht. Wer wirklich gegen Hass und Ausgrenzung kämpft, darf beim AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen nicht ausweichen. Auch dann nicht, wenn er sich progressiv gibt. Auch dann nicht, wenn er mit Regenbogenfahnen auftritt. Auch dann nicht, wenn der Widerspruch unbequem wird.
Am Ende geht es um eine einfache Frage: Sind jüdische und israelsolidarische Queers Teil dieser Vielfalt oder nicht? Wer darauf keine klare Antwort gibt, hat das Problem nicht verstanden. Wer dagegen sagt, sie gehörten selbstverständlich dazu, muss auch bereit sein, sie gegen jenen Druck zu verteidigen, der sie aus diesen Räumen verdrängen will. Pride darf kein Ort werden, an dem Juden sich erklären müssen, während Islamismus verharmlost oder ausgeblendet wird. Pride muss ein Ort bleiben, an dem Freiheit, Menschenwürde und Schutz vor Ausgrenzung für alle gelten.
Autor: Samuel Benning
Artikel veröffentlicht am: Sonntag, 7. Juni 2026