Berlin benennt Platz vor dem Abgeordnetenhaus nach Holocaust-Überlebender Margot Friedländer


Mitten im politischen Zentrum Berlins trägt nun ein Platz den Namen einer Frau, die wie kaum eine andere für Erinnerung, Würde und den Kampf gegen Antisemitismus stand. Die Ehrung für Margot Friedländer kommt in einer Zeit, in der Judenhass in Deutschland wieder offen sichtbar geworden ist.

Berlin benennt Platz vor dem Abgeordnetenhaus nach Holocaust-Überlebender Margot Friedländer
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Ein Jahr nach ihrem Tod setzt Berlin ein sichtbares Zeichen gegen das Vergessen. Der Platz vor dem Berliner Abgeordnetenhaus trägt ab sofort den Namen „Margot-Friedländer-Platz“. Die deutsche Hauptstadt ehrt damit eine Holocaust-Überlebende, die in den letzten Jahren ihres Lebens zu einer der wichtigsten moralischen Stimmen Deutschlands geworden war.

Die feierliche Umbenennung fand nur zwei Tage vor dem ersten Todestag Friedländers statt. An der Zeremonie nahmen unter anderem Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner, Vertreter des Abgeordnetenhauses sowie Mitglieder der Margot-Friedländer-Stiftung teil. Gerade der Ort der Ehrung besitzt enorme Symbolkraft. Vor dem Parlament, im Zentrum demokratischer Macht, soll ihr Name dauerhaft sichtbar bleiben.

Margot Friedländer wurde 1921 in Berlin geboren. Ihre Familie wurde von den Nationalsozialisten deportiert und ermordet. Sie selbst überlebte das Konzentrationslager Theresienstadt als einziges Mitglied ihrer Familie. Nach dem Krieg wanderte sie mit ihrem Ehemann in die Vereinigten Staaten aus. Jahrzehntelang sprach sie kaum öffentlich über das Erlebte. Erst im hohen Alter begann sie, ihre Geschichte zu erzählen und wurde damit zu einer der bedeutendsten Zeitzeuginnen Deutschlands.

Besonders bemerkenswert war ihre Entscheidung, im Alter von fast 90 Jahren nach Berlin zurückzukehren. Viele Holocaust-Überlebende hätten diesen Schritt niemals gehen können. Friedländer entschied sich bewusst dafür, in die Stadt zurückzukehren, aus der ihre Familie vertrieben und zerstört worden war. Genau diese Rückkehr machte sie für viele Menschen zu einer außergewöhnlichen Figur.

In Schulen, Universitäten und bei öffentlichen Veranstaltungen sprach sie unermüdlich über die Verbrechen der Nationalsozialisten, aber auch über Verantwortung in der Gegenwart. Ihr Satz „Seid Menschen“ wurde zu einer Art moralischem Vermächtnis. Gerade junge Menschen hörten ihr oft mit einer Aufmerksamkeit zu, die nur wenige Politiker oder öffentliche Persönlichkeiten noch erreichen.

Die Umbenennung des Platzes erfolgt in einer Zeit, in der Deutschland wieder massiv über Antisemitismus diskutiert. Jüdische Einrichtungen stehen unter Polizeischutz, antisemitische Straftaten nehmen zu und viele Juden berichten offen von wachsender Unsicherheit im Alltag. Genau deshalb sehen viele Beobachter die Ehrung nicht nur als Erinnerung an die Vergangenheit, sondern auch als politische Botschaft an die Gegenwart.

Berlins Bürgermeister Kai Wegner erklärte, der Platz stehe für Menschenwürde, jüdisches Leben und demokratische Werte. Gleichzeitig sprach er ausdrücklich von einem Zeichen gegen Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit. Gerade in Deutschland haben solche Worte besonderes Gewicht. Denn die Frage, wie ernst Erinnerungskultur tatsächlich genommen wird, entscheidet sich nicht bei Gedenkreden, sondern im gesellschaftlichen Alltag.

Die Margot-Friedländer-Stiftung kündigte parallel zur Platzbenennung den Aufbau einer neuen Bildungsakademie an. Dort sollen künftig Programme für Schulen, Jugendliche und Lehrkräfte entstehen, die sich mit Antisemitismus, Ausgrenzung und demokratischer Verantwortung beschäftigen. Ziel ist es, Friedländers Botschaft dauerhaft an kommende Generationen weiterzugeben.

Die Ehrung in Berlin zeigt dabei auch einen tiefen Widerspruch der Gegenwart. Während Deutschland Holocaust-Überlebende öffentlich würdigt, erleben viele Juden gleichzeitig wieder offenen Hass auf Straßen, Demonstrationen und im Internet. Genau deshalb besitzt die Erinnerung an Menschen wie Margot Friedländer heute eine neue Dringlichkeit.

Denn Friedländer sprach nie nur über Vergangenheit. Sie warnte davor, wie schnell Gleichgültigkeit, Entmenschlichung und gesellschaftliche Verrohung wachsen können. Viele ihrer Reden wirkten in den letzten Jahren fast wie Mahnungen an ein Land, das glaubte, bestimmte Entwicklungen endgültig überwunden zu haben.

Dass ihr Name nun dauerhaft vor dem Berliner Abgeordnetenhaus sichtbar bleibt, ist deshalb mehr als eine symbolische Geste. Es ist auch ein stiller Test für die deutsche Gesellschaft selbst: ob Erinnerung tatsächlich Konsequenzen hat – oder nur solange gepflegt wird, wie sie niemanden herausfordert.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Montag, 11. Mai 2026

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