Vereinigte Arabische Emirate machen Eltern für die Online-Sicherheit ihrer Kinder haftbar
Die Vereinigten Arabischen Emirate machen Eltern erstmals rechtlich für das digitale Leben ihrer Kinder verantwortlich. Was für Europa noch Diskussion ist, wird dort Gesetz und stellt eine unbequeme Frage an westliche Gesellschaften.

Was Kinder im Internet sehen, hören, anklicken oder preisgeben, galt lange als Grauzone. Zwischen elterlicher Verantwortung, technischer Überforderung und der Macht globaler Plattformen blieb der Schutz Minderjähriger oft ein gut gemeintes Versprechen ohne Folgen. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben diese Phase nun beendet.
Mit dem neuen Gesetz zur digitalen Sicherheit von Kindern macht der Staat klar, dass Online-Schutz kein pädagogischer Ratschlag mehr ist, sondern eine rechtlich bindende Pflicht. Eltern und Erziehungsberechtigte haften künftig dafür, wie ihre Kinder digitale Medien nutzen. Gleichzeitig werden internationale Konzerne in die Verantwortung genommen, selbst wenn sie keinen einzigen Firmensitz im Land unterhalten.
Damit betreten die Emirate politisches Neuland.
Das Gesetz verpflichtet Eltern ausdrücklich dazu, die digitalen Aktivitäten ihrer Kinder aktiv zu überwachen. Es reicht nicht mehr, ein Smartphone zu übergeben oder auf Einstellungen zu vertrauen, die irgendwann einmal aktiviert wurden. Wer Minderjährige unbeaufsichtigt auf Plattformen unterwegs sein lässt, die nicht altersgerecht sind oder keinen ausreichenden Schutz bieten, verstößt künftig gegen geltendes Recht.
Gleichzeitig verbietet das Gesetz, Kinder im Netz auf eine Weise sichtbar zu machen, die ihre Würde, ihre Privatsphäre oder ihr seelisches Wohl gefährden könnte. Gemeint sind nicht nur strafbare Inhalte, sondern auch leichtfertige Selbstdarstellung, bloßstellende Veröffentlichungen oder kommerzielle Nutzung durch Dritte.
Die Verantwortung endet also nicht beim Kind, sondern beginnt bei den Erwachsenen.
Noch deutlicher fällt der Eingriff gegenüber Technologieunternehmen aus. Soziale Netzwerke, Spieleplattformen, Apps und Webseiten müssen künftig Altersüberprüfungen einführen, Inhalte filtern, wirksame Elternkontrollen bereitstellen und Werbung für Minderjährige massiv einschränken. Wer sich nicht daran hält, riskiert Sanktionen auch dann, wenn der Anbieter seinen Sitz außerhalb der Emirate hat.
Besonders streng sind die Vorgaben beim Umgang mit personenbezogenen Daten. Für Kinder unter 13 Jahren dürfen Plattformen keinerlei Informationen sammeln oder nutzen, sofern keine nachweisbare Zustimmung der Eltern vorliegt. Diese Zustimmung muss dokumentiert sein, jederzeit widerrufen werden können und darf nicht stillschweigend vorausgesetzt werden.
Zielgerichtete Werbung auf Grundlage von Kinderdaten ist vollständig untersagt.
Damit stellen die Emirate eine Grundannahme des globalen Internets infrage: dass Daten von Minderjährigen lediglich ein Marktsegment sind.
Auch digitale Glücksspiele und Wettangebote werden für unter 18-Jährige konsequent gesperrt. Internetanbieter sind verpflichtet, entsprechende Seiten aktiv zu blockieren. Nicht das Kind trägt die Verantwortung für das Umgehen solcher Angebote, sondern das System selbst.
Die Zahlen, auf die sich die Gesetzgeber stützen, sprechen eine deutliche Sprache. Mehr als siebzig Prozent der Kinder zwischen acht und zwölf Jahren nutzen täglich ein Smartphone. Gleichzeitig kontrolliert weniger als die Hälfte der Eltern regelmäßig, womit ihre Kinder online konfrontiert werden.
Das ist kein Vorwurf, sondern ein Realitätsbefund. Digitale Gefahren entstehen heute nicht mehr durch offensichtliche Inhalte, sondern durch Gewöhnung, Wiederholung und emotionale Nähe. Genau darauf zielen moderne Manipulation, Betrug und Radikalisierung ab.
Sicherheitsfachleute weisen seit Jahren darauf hin, dass digitale Risiken weniger technische Lücken ausnutzen als menschliches Verhalten. Kinder gelten dabei als besonders anfällig, weil Vertrauen schneller entsteht und Warnsignale oft fehlen.
Die Emirate reagieren darauf nicht mit Appellen, sondern mit staatlicher Autorität.
Kritiker mögen darin einen übermäßigen Eingriff sehen. Doch zugleich offenbart das Gesetz ein Problem, das auch westliche Demokratien betrifft. Während man dort über Selbstverpflichtungen, Medienkompetenz und freiwillige Standards diskutiert, wachsen Generationen in digitalen Räumen auf, deren Regeln allein von Konzernen bestimmt werden.
Der Unterschied liegt nicht im Ziel, sondern im Mut zur Konsequenz.
Für Israel und Europa ist dieser Schritt bemerkenswert. Denn gerade in offenen Gesellschaften wird der Schutz von Kindern im Netz häufig an Unternehmen ausgelagert, deren Geschäftsmodell auf Aufmerksamkeit, Daten und emotionaler Bindung beruht. Der Widerspruch ist offensichtlich.
Die Emirate stellen diese Logik auf den Kopf. Nicht der Markt definiert den Schutz, sondern der Staat. Nicht Algorithmen entscheiden über Zumutbarkeit, sondern klare rechtliche Grenzen.
Ob dieses Modell langfristig tragfähig ist, wird sich zeigen. Sicher ist jedoch, dass die Debatte damit neu eröffnet wurde. Denn wer Kinder schützen will, muss bereit sein, Verantwortung klar zu benennen und durchzusetzen.
Das Internet ist längst kein neutraler Raum mehr. Es prägt Identität, Wahrnehmung und soziale Entwicklung. Wer dort wegsieht, überlässt Kinder nicht der Freiheit, sondern der Beliebigkeit.
Die Vereinigten Arabischen Emirate haben entschieden, das nicht länger zu akzeptieren.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: Symbolbild
Artikel veröffentlicht am: Montag, 16. Februar 2026