Entebbe: Israels Geiselbefreiung, die zur Staatsräson wurde

Entebbe steht für die spektakuläre Rettung israelischer Geiseln 1976 in Uganda. Die Operation zeigte, dass Israel seine Bürger auch Tausende Kilometer entfernt nicht aufgibt.

Entebbe ist eine Stadt in Uganda am Viktoriasee, südlich der Hauptstadt Kampala. Weltgeschichtliche Bedeutung erhielt der Name durch die Geiselnahme und Rettungsoperation vom Sommer 1976. Wenn in Israel von Entebbe gesprochen wird, ist meist nicht der Ort selbst gemeint, sondern die israelische Kommandoaktion am Flughafen Entebbe, bei der israelische Spezialkräfte Geiseln eines entführten Passagierflugzeugs befreiten.

Die Operation gehört zu den bekanntesten Rettungsaktionen der Militärgeschichte. Sie wurde zunächst als Operation Thunderbolt bekannt und später in Israel nach dem gefallenen Kommandeur Yonatan „Joni“ Netanyahu auch Operation Yonatan genannt. Yonatan Netanyahu war der ältere Bruder des späteren israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu. Er wurde während der Aktion getötet und wurde in Israel zu einer Symbolfigur militärischer Verantwortung und persönlicher Opferbereitschaft.

Entebbe steht bis heute für einen Grundsatz israelischer Sicherheitspolitik: Der jüdische Staat lässt seine Bürger nicht allein, wenn sie wegen ihrer Herkunft, ihrer Staatsangehörigkeit oder ihres Judentums zu Zielscheiben werden. Diese Bedeutung ist nicht nur militärisch. Sie ist historisch und moralisch. Nach Jahrhunderten jüdischer Schutzlosigkeit und nach der Shoah war Entebbe ein Signal an Täter, Verbündete und Juden weltweit: Israel schaut nicht zu, wenn Juden wieder selektiert, festgehalten und mit dem Tod bedroht werden.

Die Entführung von Air France Flug 139

Am 27. Juni 1976 startete Air France Flug 139 von Tel Aviv nach Paris mit Zwischenstopp in Athen. Nach dem Abflug aus Athen wurde die Maschine von Terroristen entführt. An Bord befanden sich mehr als 240 Passagiere und eine Besatzung von Air France. Die Entführer gehörten zur Volksfront zur Befreiung Palästinas, genauer zu deren Auslandsoperationsstrukturen, sowie zu den deutschen Revolutionären Zellen. Besonders die Beteiligung deutscher Linksterroristen machte die Geiselnahme für Israelis und Juden weltweit zusätzlich erschütternd.

Das Flugzeug wurde zunächst nach Bengasi in Libyen und anschließend nach Entebbe in Uganda umgeleitet. Uganda stand damals unter der Herrschaft von Idi Amin, einem brutalen Diktator, der den Terroristen Schutzraum bot oder sie zumindest gewähren ließ. Am Flughafen Entebbe wurden die Geiseln in einem alten Terminalgebäude festgehalten. Die Entführer verlangten die Freilassung inhaftierter Terroristen in Israel und anderen Ländern.

Besonders erschütternd war die Trennung der Geiseln. Die Entführer sonderten israelische und jüdische Passagiere von anderen Geiseln ab. Auch wenn die genauen Abläufe im Detail in unterschiedlichen Berichten beschrieben werden, ist der historische Kern klar: Juden und Israelis wurden gezielt herausgegriffen. Für viele Überlebende, für Israel und für jüdische Beobachter weltweit rief diese Selektion unmittelbar Erinnerungen an die nationalsozialistische Praxis der Auswahl und Entwürdigung wach. Dass daran auch deutsche Terroristen beteiligt waren, machte den Vorgang besonders bitter.

Die Lage in Entebbe

Die Entführer ließen nach und nach einen Teil der nichtisraelischen und nichtjüdischen Geiseln frei. Viele israelische und jüdische Geiseln sowie die Air-France-Besatzung blieben zurück. Die Besatzung entschied sich, bei den Geiseln zu bleiben, obwohl sie hätte gehen können. Dieses Verhalten wurde später weithin gewürdigt.

Israel stand vor einer extrem schwierigen Entscheidung. Eine militärische Rettungsoperation schien fast unmöglich. Entebbe lag Tausende Kilometer von Israel entfernt. Die Kommandos mussten durch feindliche oder unsichere Lufträume fliegen, ohne Überraschungsmoment kaum Erfolgsaussichten haben und in einem fremden Land operieren, dessen Regierung den Terroristen nicht feindlich gegenüberstand. Gleichzeitig lief die Frist der Entführer. Für die Geiseln bestand Lebensgefahr.

Die israelische Regierung unter Ministerpräsident Jitzchak Rabin und Verteidigungsminister Schimon Peres prüfte Verhandlungen, Zeitgewinn und militärische Optionen. Die Entscheidung zur Rettungsoperation war riskant. Ein Scheitern hätte den Tod vieler Geiseln, gefallene Soldaten, internationale Krise und schwere politische Folgen bedeutet. Doch Nichtstun oder Nachgeben hätte ebenfalls eine Botschaft gesendet: dass jüdische und israelische Geiseln weltweit erpressbar sind.

Die israelische Rettungsoperation

In der Nacht vom 3. auf den 4. Juli 1976 flogen israelische Transportflugzeuge mit Spezialkräften nach Uganda. Die Operation wurde über enorme Distanz geplant und durchgeführt. Beteiligt waren unter anderem Soldaten der Eliteeinheit Sayeret Matkal sowie weitere israelische Kräfte zur Sicherung, Evakuierung und Luftwaffenunterstützung.

Ein bekanntes Detail der Operation war die Nutzung eines schwarzen Mercedes und begleitender Fahrzeuge, um zunächst den Eindruck einer ugandischen offiziellen Wagenkolonne zu erzeugen. Diese Täuschung sollte den israelischen Kräften wertvolle Sekunden verschaffen. Am Terminal kam es zum Feuergefecht. Die Terroristen wurden getötet, die Geiseln befreit und in israelische Flugzeuge gebracht. Israelische Kräfte zerstörten außerdem ugandische Kampfflugzeuge am Boden, um eine Verfolgung zu verhindern.

Die Operation dauerte am Boden nur kurz, war aber das Ergebnis präziser Planung, hoher Risikobereitschaft und außergewöhnlicher militärischer Disziplin. Drei Geiseln wurden während der Rettungsaktion getötet. Eine weitere Geisel, Dora Bloch, war zuvor in ein Krankenhaus in Kampala gebracht worden und wurde später von ugandischen Kräften ermordet. Der israelische Kommandeur Yonatan Netanyahu fiel während der Aktion. Mehrere israelische Soldaten wurden verwundet.

Die Rolle von Idi Amin und Uganda

Uganda war unter Idi Amin ein brutaler Staat. Amin inszenierte sich zeitweise als Vermittler, spielte aber eine gefährliche und feindliche Rolle. Die Terroristen konnten in Entebbe operieren, die Geiseln wurden dort festgehalten, und ugandische Soldaten standen im Umfeld des Terminals. Nach der israelischen Rettungsaktion wurde Dora Bloch, eine ältere jüdische Geisel, die krankheitsbedingt in ein Krankenhaus gebracht worden war, nicht gerettet. Sie wurde später ermordet. Ihr Schicksal steht für die Grausamkeit der Lage und für die Tatsache, dass auch nach dem militärischen Erfolg nicht alle gerettet werden konnten.

Die Rolle Ugandas machte Entebbe zu mehr als einer Flugzeugentführung. Es ging nicht nur um eine Terrorzelle. Es ging um die Verbindung von palästinensischem Terrorismus, internationalem Linksterrorismus und einem diktatorischen Regime, das den Geiseln keinen verlässlichen Schutz bot. Damit zeigte Entebbe, wie verwundbar zivile Luftfahrt und jüdische Passagiere in einer Zeit waren, in der Flugzeugentführungen ein zentrales Mittel politischer Gewalt wurden.

Deutsche Terroristen und jüdische Geiseln

Die Beteiligung deutscher Mitglieder der Revolutionären Zellen ist einer der dunkelsten Punkte der Geiselnahme. Deutsche Terroristen standen wenige Jahrzehnte nach der Shoah an der Seite palästinensischer Terroristen und wirkten an einer Lage mit, in der jüdische und israelische Geiseln ausgesondert wurden. Das ist historisch kaum zu überschätzen.

Für Israel und viele Juden war Entebbe deshalb nicht nur eine Episode im Kampf gegen Terror. Es war ein Moment, in dem sich alte und neue Formen des Judenhasses berührten. Linksterroristen, die sich selbst als revolutionär verstanden, handelten faktisch in einem Szenario, das jüdische Opfer wieder als gesonderte Gruppe markierte. Die politische Sprache der „Befreiung“ konnte nicht verdecken, was geschah: Zivilisten wurden bedroht, Juden wurden herausgegriffen, Israel wurde erpresst.

Gerade dieser Punkt macht Entebbe bis heute aktuell. Antisemitismus erscheint nicht immer in alter rechter Sprache. Er kann sich auch als Antizionismus, Antiimperialismus oder angebliche Solidarität mit Unterdrückten tarnen. Wenn diese Haltung am Ende dazu führt, dass jüdische Zivilisten als legitime Druckmittel behandelt werden, ist die Grenze längst überschritten.

Bedeutung für Israel

Entebbe wurde in Israel zu einem nationalen Schlüsselereignis. Die Operation bewies militärische Reichweite, Entschlossenheit und die Fähigkeit, unter extremem Druck zu handeln. Sie stärkte das Selbstverständnis eines Staates, der aus der Erfahrung jüdischer Wehrlosigkeit Konsequenzen gezogen hatte. Israel zeigte, dass es nicht darauf wartet, ob andere seine Bürger retten.

Das bedeutet nicht, dass jede spätere Sicherheitsentscheidung automatisch mit Entebbe gerechtfertigt werden kann. Aber Entebbe prägt bis heute eine israelische Grundhaltung: Terror darf nicht belohnt werden, Geiseln dürfen nicht vergessen werden, und jüdisches Leben darf nicht von der Gnade feindlicher Regime abhängen. Dieser Gedanke reicht weit über den konkreten Einsatz von 1976 hinaus.

Auch international wurde die Operation bewundert, aber nicht überall vorbehaltlos unterstützt. Sie war ein militärischer Einsatz auf dem Territorium eines anderen Staates. Völkerrechtlich und diplomatisch war das heikel. Israel argumentierte jedoch mit dem Schutz seiner Bürger und der akuten Lebensgefahr für die Geiseln. In der politischen Erinnerung überwog der Eindruck einer erfolgreichen Rettung aus einer fast aussichtslosen Lage.

Entebbe und die Lehren für den Kampf gegen Terror

Entebbe zeigte, wie Terrororganisationen zivile Luftfahrt als Bühne nutzten. Eine Flugzeugentführung war nie nur ein Transportverbrechen. Sie war ein politisches Theater mit Menschenleben als Einsatz. Die Täter wollten Aufmerksamkeit, Gefangenenfreilassungen, Demütigung Israels und internationale Sichtbarkeit. Die Geiseln waren für sie keine Menschen mit eigenen Rechten, sondern Druckmittel.

Israels Antwort war das Gegenteil dieser Logik. Die Geiseln wurden nicht als verhandelbare Masse behandelt, sondern als Menschen, für die ein Staat Verantwortung trägt. Genau darin liegt die moralische Kraft des Ereignisses. Die Operation war militärisch, aber ihre Bedeutung war menschlich: Jeder Name zählte, jede Stunde zählte, jede Entscheidung konnte Leben kosten.

Für den heutigen Blick auf Terror bleibt Entebbe wichtig. Es zeigt, dass Terror nicht nur aus Waffen besteht, sondern aus der Entwürdigung seiner Opfer. Es zeigt auch, dass Staaten vor einer grausamen Wahl stehen können: verhandeln, nachgeben, angreifen oder warten. Keine dieser Optionen ist einfach. Aber Entebbe steht für den Willen, dem Terror nicht die letzte Entscheidung über jüdisches Leben zu überlassen.

Quellen

  1. https://www.britannica.com/event/Entebbe-raid britannica.com/event/Entebbe-raid
  2. https://www.jewishvirtuallibrary.org/operation-entebbe jewishvirtuallibrary.org/operation-entebbe
  3. https://www.idf.il/en/mini-sites/wars-and-operations/operation-entebbe/ idf.il/en/mini-sites/wars-and-operations/operation-entebbe/
  4. https://www.gov.il/en/departments/general/operation-entebbe gov.il/en/departments/general/operation-entebbe
  5. https://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-3270987,00.html ynetnews.com/articles/0,7340,L-3270987,00.html
  6. https://www.nationalarchives.gov.uk/education/resources/operation-entebbe/ nationalarchives.gov.uk/education/resources/operation-entebbe/
  7. https://www.britannica.com/biography/Idi-Amin britannica.com/biography/Idi-Amin
  8. https://www.britannica.com/topic/Popular-Front-for-the-Liberation-of-Palestine britannica.com/topic/Popular-Front-for-the-Liberation-of-Palestine

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