Koscheres Restaurant niedergebrannt: Montreal fürchtet den nächsten Hassanschlag
Eine Überwachungskamera zeigt offenbar einen Mann, der das Feuer legt und flieht. Nur Tage nach offenen Judenbeschimpfungen wächst in Montreal die Angst, dass jüdisches Leben erneut gezielt angegriffen wurde.

Als die Flammen in der Nacht zum Samstag aus dem Gebäude am Décarie Boulevard schlugen, war das Nöam längst mehr als ein brennendes Geschäft. Das koschere Restaurant war ein Treffpunkt für jüdische Familien, Freunde und Besucher, ein Ort, an dem Menschen essen konnten, ohne erst nach Zutaten, Zubereitung oder religiösen Vorschriften fragen zu müssen. Wenige Stunden später war von diesem Ort kaum mehr als ein schwer beschädigtes Gebäude übrig. Hinter der Absperrung standen Menschen, die nicht nur den Verlust eines Restaurants sahen, sondern sich dieselbe bedrückende Frage stellten: Wurde hier erneut etwas angegriffen, weil es sichtbar jüdisch war?
Gegen 3.15 Uhr ging bei den Einsatzkräften der Notruf ein. Das Feuer war in einem Gebäude nahe der Kreuzung von Décarie Boulevard und Plamondon Avenue im Montrealer Bezirk Côte-des-Neiges ausgebrochen. Die Feuerwehr benötigte mehrere Stunden, um den Brand unter Kontrolle zu bringen. Das Nöam und ein weiteres Geschäft in dem Gebäude wurden erheblich beschädigt. Weil sich zu dieser frühen Stunde niemand im Restaurant befand, gab es keine Verletzten. Für Eigentümer, Beschäftigte und Betreiber bedeutet das dennoch einen existenziellen Verlust.
Die ersten Ermittlungsergebnisse sprechen nach Angaben der Polizei gegen einen gewöhnlichen technischen Defekt. Eine Person soll kurz nach Ausbruch des Feuers den Tatort verlassen haben. Aufnahmen einer Überwachungskamera scheinen nach Angaben von B’nai Brith Canada einen einzelnen, teilweise vermummten Menschen zu zeigen, der eine brennbare Flüssigkeit verteilt, das Feuer entzündet und anschließend flieht. Die Ermittlungen wurden deshalb an die Brandermittlungseinheit der Montrealer Polizei übergeben. Beamte sichern Spuren, werten Videoaufzeichnungen aus und wollen klären, ob die Betreiber zuvor bedroht worden waren. Festgenommen wurde bislang niemand.
Noch steht nicht fest, weshalb das Restaurant angezündet wurde. Die Polizei hat ein antisemitisches Motiv bislang weder bestätigt noch ausgeschlossen. Diese juristisch notwendige Vorsicht darf jedoch nicht dazu führen, den offensichtlich jüdischen Charakter des Zieles bei den Ermittlungen wie einen unbedeutenden Zufall zu behandeln. Nöam war ein weithin bekanntes koscheres Restaurant in einem Stadtteil mit einer bedeutenden jüdischen Bevölkerung. Das Feuer wurde in der Nacht zum Schabbat gelegt, und die Aufnahmen deuten auf eine gezielte Brandstiftung hin. All das beweist noch keinen JudenhassAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen, rechtfertigt aber eine Untersuchung als möglichen Hassanschlag von der ersten Stunde an.
Ein Restaurant, Arbeitsplätze und ein Stück Sicherheit zerstört
Howard Szalavetz, dem das betroffene Gebäude gehört, erklärte, er könne nur schwer glauben, dass Antisemitismus keine Rolle gespielt habe. Der jüdische Abgeordnete Anthony Housefather forderte die Polizei auf, die Tat ausdrücklich als mögliches antisemitisches Hassverbrechen zu untersuchen. Es handele sich nicht nur um einen Angriff auf Eigentum, sondern um die mögliche gezielte Zerstörung eines jüdischen Unternehmens. Verantwortliche müssten gefunden und mit der ganzen Härte des Rechts verfolgt werden. Auch der kanadische Kulturminister Marc Miller, Mitglieder des Stadtrates und das israelische Konsulat in Montreal verlangten eine schnelle und ernsthafte Aufklärung.
Diese Reaktionen sind keine vorschnelle Verurteilung eines unbekannten Täters. Sie spiegeln die Lage wider, in der jüdische Menschen in Montreal inzwischen leben. Wenige Tage vor dem Brand wurde eine jüdische Familie in einem öffentlichen Park beschimpft. Nachdem der Vater eine Frau gebeten hatte, ihre Hunde aus einem für Tiere gesperrten Kinderspielbereich zu nehmen, erklärte sie der Familie, Juden seien dort nicht erlaubt. Was als alltäglicher Streit über eine Parkregel begann, endete mit der offenen Behauptung, jüdische Menschen hätten in einem öffentlichen Raum nichts zu suchen.
Am 3. Juli wurden zudem mehrere chassidische Männer in den Stadtteilen Outremont und Mile End angegriffen, als sie nach dem Schabbatgottesdienst zu Fuß nach Hause gingen. Nach Angaben von Polizei und B’nai Brith wurden Männer beschimpft, geschlagen, bespuckt und beraubt. Angreifer rissen ihnen ihre Schtreimel, die traditionellen Pelzmützen, vom Kopf. Die Polizei nahm später zwei Verdächtige fest und untersuchte die Taten als mögliche Hassverbrechen. Es waren Angriffe auf Menschen, deren jüdische Identität sofort sichtbar war.
Im Juni soll ein Mann außerdem versucht haben, die Synagoge Temple Emanu-El in Westmount in Brand zu setzen. Die Beth-Tikvah-Synagoge und ein nahe gelegenes Büro der jüdischen Gemeindeföderation waren bereits im November 2023 und erneut im Dezember 2024 Ziel mutmaßlicher Brandanschläge und Sachbeschädigungen. Auch damals wurden Gebäude beschädigt, Täter konnten zunächst nicht gefasst werden. Das Restaurant Nöam steht deshalb nicht in einem leeren Raum. Der Brand trifft eine Gemeinschaft, die Synagogen, Schulen, Geschäfte und selbst gewöhnliche Wege nach dem Gottesdienst inzwischen als mögliche Angriffsziele erleben muss.
Für die Betreiber des Restaurants ist die statistische Einordnung zunächst zweitrangig. Sie haben Räume, Vorräte, Geräte und vermutlich einen erheblichen Teil ihrer wirtschaftlichen Existenz verloren. Beschäftigte wissen nicht, wann sie wieder arbeiten können. Stammgäste verlieren einen vertrauten Ort. Ein koscheres Restaurant erfüllt zudem eine besondere Funktion, weil es jüdischen Menschen ermöglicht, ihre religiösen Speisevorschriften einzuhalten und dennoch selbstverständlich am öffentlichen Leben teilzunehmen. Wird ein solcher Ort zerstört, geht es nicht nur um verkohlte Wände. Es geht um die Botschaft, die ein möglicher Täter hinterlässt: Selbst Essen, Begegnung und Alltag sollen für Juden nicht mehr sicher sein.
Kanada hat kein Erkenntnisproblem mehr
B’nai Brith Canada hatte bereits vor diesem Brand vor einer rasanten Zunahme antisemitischer Gewalt gewarnt. Bis zum 15. Juli dokumentierte die Organisation 27 gewalttätige antisemitische Vorfälle seit Jahresbeginn. Das waren mehr als doppelt so viele wie im gesamten Jahr 2025, als zehn Fälle dieser Kategorie erfasst wurden. Nur 2023 lag die Zahl mit 77 Gewalttaten noch höher. Die 27 Fälle waren bereits mehr als die jeweiligen Jahreswerte von 2022, 2024 und 2025.
Insgesamt verzeichnete B’nai Brith für 2025 rund 6.800 antisemitische Vorfälle in Kanada. Das entspricht durchschnittlich 18,6 Meldungen pro Tag und dem höchsten Wert seit Beginn der jährlichen Erhebung im Jahr 1982. Ein großer Teil spielte sich im Internet ab, doch die Entwicklung endet längst nicht mehr an den Bildschirmen. Aus Beschimpfungen werden Einschüchterungen, aus Einschüchterungen werden tätliche Angriffe, Schüsse auf Einrichtungen und Brandstiftungen. Die Zahl der bei der Polizei gemeldeten Hassdelikte gegen jüdische Menschen lag 2025 nach Angaben von Statistics Canada bei 788.
Kanadas Regierungen haben den Antisemitismus oft verurteilt, Schutzprogramme finanziert und neue Maßnahmen angekündigt. Doch eine jüdische Gemeinschaft kann nicht dauerhaft hinter Sicherheitstüren, Kameras und bewachten Eingängen leben. Schutzgeld für Synagogen und Schulen ist notwendig, ersetzt aber keine Strafverfolgung, die Täter abschreckt. Solidarische Erklärungen sind wichtig, verlieren jedoch ihren Wert, wenn auf den nächsten Anschlag wieder dieselben Worte und dieselben ausbleibenden Konsequenzen folgen.
B’nai Brith fordert deshalb eine transparente Untersuchung, bei der die jüdische Gemeinschaft regelmäßig über den Stand informiert wird. Die Organisation verlangt außerdem die Prüfung, ob es sich um ein Hassverbrechen oder sogar um eine Tat mit Bedeutung für die nationale Sicherheit handeln könnte. Zugleich warnt sie ausdrücklich davor, ohne Beweise voreilige Schlüsse zu ziehen. Diese Haltung ist richtig: Der Täter und sein Motiv müssen ermittelt werden. Ebenso falsch wäre es aber, den möglichen antisemitischen Hintergrund erst ganz am Ende zu prüfen, nachdem alle anderen Erklärungen gescheitert sind.
Die Polizei muss nun feststellen, wer in jener Nacht zum Restaurant kam, woher die verwendete Flüssigkeit stammte, ob das Gebäude zuvor ausgekundschaftet wurde und ob Drohungen gegen die Betreiber vorlagen. Sie muss klären, ob der Täter allein handelte und ob Verbindungen zu extremistischen Gruppen oder vorausgegangenen Angriffen bestehen. Vor allem muss sie Ergebnisse liefern. In einer Stadt, in der Juden auf dem Heimweg von der Synagoge geschlagen und in einem Park für unerwünscht erklärt werden, kann ein zerstörtes koscheres Restaurant nicht als gewöhnliche Brandakte behandelt werden.
Noch ist nicht bewiesen, dass Nöam aus Judenhass angezündet wurde. Bewiesen ist aber, dass ein Mensch offenbar gezielt Feuer legte, ein jüdisches Unternehmen zerstört wurde und eine bereits verängstigte Gemeinschaft erneut vor einer rauchenden Ruine steht. Kanada darf von seinen jüdischen Bürgern nicht verlangen, auf Gewissheit über das Motiv zu warten, bevor ihre Angst ernst genommen wird. Diese Angst ist nicht eingebildet. Sie speist sich aus Angriffen, Zahlen und der Erfahrung, dass die nächste Tat häufig beginnt, bevor die vorherige vollständig aufgeklärt ist.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Sonntag, 2. August 2026