Der Krieg, der nie ganz endete: Sechs Stimmen aus Israels Jom-Kippur-Trauma

Der Krieg, der nie ganz endete: Sechs Stimmen aus Israels Jom-Kippur-Trauma


Ein Telefon in der Nacht, ein Vater, der ohne Abschied geht, Glasscherben unter nackten Füßen und Verwundete im Krankenhaus: Israelis erzählen, was der Krieg von 1973 in ihrem Leben zurückließ.

Der Krieg, der nie ganz endete: Sechs Stimmen aus Israels Jom-Kippur-Trauma
Bildnachweis: IDF Spokesperson's Unit

Am 6. Oktober 1973, mitten an Jom Kippur, griffen Ägypten und Syrien IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen gleichzeitig an. Ägyptische Truppen überschritten den Suezkanal, syrische Verbände stießen auf den Golanhöhen vor. Israel wurde vom Zeitpunkt und Ausmaß des Angriffs überrascht. Erst nach schweren Abwehrkämpfen gelang es der IDF, die Offensive aufzuhalten und selbst zum Gegenangriff überzugehen. Der Krieg prägte Israels Sicherheitsdenken und seine Gesellschaft über Generationen.

Doch militärische Karten erzählen nur einen Teil dieser Geschichte.

Der israelische Sender N12 sammelt in einem digitalen „gemeinsamen Erinnerungstagebuch“ persönliche Berichte von Menschen, die den Jom-Kippur-Krieg erlebt haben. Soldaten berichten dort neben Kindern, Ärzten und Angehörigen. Es sind persönliche Erinnerungen, keine amtlichen Gefechtsprotokolle. Gerade deshalb zeigen sie etwas, das Statistiken kaum vermitteln können: wie ein Krieg innerhalb weniger Stunden in Familien, Wohnungen und Kinderzimmer eindrang.

Der Vater ging in der Dunkelheit

Israel Haviv war zehn Jahre alt und lebte mit ihrer Familie in JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen. Ihr Krieg begann nicht erst mit den Sirenen am Nachmittag des 6. Oktober. Er begann zwölf Stunden früher.

Um zwei Uhr nachts klingelte das Telefon. In dem vollkommen stillen Haus sah sie ihren Vater, einen Berufsoffizier, wenige Sekunden telefonieren. Er zog seine Uniform an, sagte ihrer Mutter etwas und verließ das Haus. Seine Tochter stand im Dunkeln. Er bemerkte sie nicht und verabschiedete sich nicht.

Am nächsten Morgen beobachtete sie vor einer Synagoge einen Bus, der Männer in weißen Hemden und mit Gebetsschals einsammelte. Einer von ihnen war der Sohn der Nachbarn. Um 14 Uhr heulte die Sirene. Die Familie eilte in den Schutzraum, während zunächst unklar war, wo sich Israels fünfjähriger Bruder befand.

Ihr Vater kehrte aus dem Krieg zurück.

Der Sohn der Nachbarn nicht.

Mehr als fünf Jahrzehnte später bezeichnet Haviv den Jom-Kippur-Krieg noch immer als Trauma ihres Lebens.

Judith Boruchov war zwölf. Ihre Familie war erst seit weniger als einem Jahr in Israel und aus der Sowjetunion eingewandert. Krieg kannte das Mädchen aus den Erzählungen über den Zweiten Weltkrieg: bombardierte Städte, Hunger, Waisen und deutsche Besatzung.

Ihre Eltern waren Ärzte am Soroka-Krankenhaus in Be'er Scheva. Noch bevor sie offiziell gerufen wurden, gingen beide zur Arbeit. Auch ihr 17-jähriger Bruder meldete sich mit seiner Schulklasse freiwillig im Krankenhaus.

Weil niemand bei Judith bleiben konnte, nahm ihre Mutter sie mit. Das Mädchen schlief allein in einem leeren Zimmer, als plötzlich ein gewaltiges, anhaltendes Geräusch einsetzte. Judith glaubte, Soldaten seien in das Krankenhaus eingedrungen. Sie lag vor Angst erstarrt im Bett.

Dann kam ihre Mutter herein und erklärte ihr, was sie hörte: einen Hubschrauber, der Verwundete von der Front brachte.

Am nächsten Morgen sah Judith am Landeplatz, wie immer neue Verwundete aus Hubschraubern getragen und in das Krankenhaus gebracht wurden.

Aviva Roll war elfeinhalb Jahre alt und lebte in Migdal HaEmek. Schon am Vorabend hatte sie ungewöhnlich viele Militärfahrzeuge beobachtet. Am Nachmittag wurden im Radio die Codewörter zur Mobilisierung der ReservistenReservisten: Israels Bürger in UniformReservisten sind frühere Soldaten, die nach ihrem aktiven Dienst weiter für Einsätze, Übungen oder Kriegsfälle bereitstehen. In Israel heißen sie im Alltag oft Miluim und sind für die Verteidigungsfähigkeit des Landes besonders wichtig.Mehr lesen verlesen.

Dann kam der Einschlag.

Nach ihrer Erinnerung traf eine syrische FROG-Rakete die Umgebung. Die Explosion zertrümmerte Fenster, Türen und Rollläden. Aviva ging barfuß hinaus. Überall lagen Glasscherben. Nachbarn liefen verängstigt umher, Kinder weinten, Verletzte mussten versorgt werden.

Sie erinnert sich bis heute daran, wie sie auf dem Glas nach einem Schutzraum suchte.

Vom Sinai bis zum dunklen Ben-Gurion-Flughafen

Judith Michaeli befand sich nicht im israelischen Hinterland. Sie diente bei der 252. Division im Sinai.

Gegen 14 Uhr war sie unterwegs, als vier Flugzeuge im Tiefflug auftauchten und mit dem Angriff begannen. Ein weiter entfernt stehender Soldat bemerkte sie und rief ihr zu, sich in eine nahe Vertiefung zu werfen. Dann nahm er seinen eigenen Helm ab und setzte ihn ihr zum Schutz auf.

Die Luftangriffe hinterließen Spuren. Michaeli schreibt, sie habe noch lange danach instinktiv den Kopf eingezogen, sobald sie Flugzeuge sah.

Doch eine andere Aufgabe setzte ihr ebenso zu. Sie arbeitete in der Nachrichtenübermittlung des Fernmeldebataillons 197 in Refidim. Dort liefen Meldungen von den Fronten ein, darunter Telegramme mit den Namen Gefallener. Die Soldaten kamen mit der Menge kaum noch hinterher.

Fünfzig Jahre später, schrieb sie für N12, seien die Ereignisse noch immer vollkommen präsent.

Aharon Solomon war gerade fünf Jahre alt. Sein Bild vom Beginn des Krieges ist eine Familienfeier: die Brit Mila seines Cousins.

Dann heulten die Sirenen.

Sein Vater war bereits am Vortag eingezogen worden. Während der Beschneidungsfeier wurde auch sein Onkel mobilisiert. Auf dem Heimweg sah das Kind Kampfflugzeuge sehr tief über sich hinwegziehen. Bis heute weiß Solomon nicht, ob es israelische oder syrische Maschinen waren.

An diesem Tag schnitt er sich außerdem in den Daumen. Die Narbe blieb. Für Solomon wurde sie zu einem körperlichen Erinnerungszeichen an den Tag, an dem der Krieg in seine Kindheit kam. Noch heute, schreibt er, kehre diese Erinnerung an jedem Jom Kippur zurück.

Und dann ist da Ani Levy.

Ihr Krieg begann weit entfernt von Israel. Die 18-Jährige hatte gerade in Frankreich ihr Abitur gemacht und wollte allein nach Israel einwandern und dort studieren. Ihre Reise war für den 21. Oktober vorgesehen. Dann brach der Krieg aus.

Flüge wurden gestrichen. Levy wartete in Paris auf Nachricht der Jewish Agency. Am 23. Oktober erhielt sie schließlich einen Platz auf einem El-Al-Flug.

Was sie bei ihrer Ankunft am Ben-Gurion-Flughafen sah, hatte mit dem Israel ihrer Erwartungen wenig gemeinsam. Sie erinnert sich an Dunkelheit, Stille und Trauer. Selbst eine Flugbegleiterin habe geweint, offenbar nachdem sie vom Tod eines Angehörigen erfahren hatte.

Mit 18 Jahren kam Levy allein in ein Land im Krieg.

Mehr als fünf Jahrzehnte später lebt sie noch immer in Israel. In ihrem N12-Beitrag zieht sie selbst die Bilanz: fünfzig Jahre im Land, vier Kinder und inzwischen fünf Enkelkinder.

Diese sechs Erinnerungen erzählen vollkommen unterschiedliche Geschichten. Eine Tochter sieht ihren Vater nachts in den Krieg verschwinden. Ein Einwandererkind glaubt, die Schrecken aus den Erzählungen über den Zweiten Weltkrieg seien zu ihr zurückgekehrt. Ein Mädchen läuft über Glasscherben. Eine Soldatin verarbeitet Todesmeldungen. Ein Fünfjähriger behält eine Narbe. Eine junge Französin landet freiwillig in einem verdunkelten Israel.

Gemeinsam erklären sie, warum der Jom-Kippur-Krieg in Israel weit mehr ist als ein Kapitel in einem Geschichtsbuch.

Das Verteidigungsministerium beschreibt den militärischen Verlauf nüchtern: Überraschungsangriff, schwere Abwehrkämpfe, Gegenoffensive und schließlich Waffenstillstand. Die Agranat-Kommission untersuchte anschließend, wie Israel derart überrascht werden konnte.

Das Erinnerungstagebuch von N12 erzählt die andere Hälfte der Geschichte.

Es erzählt, was eine Sirene mit einem Kind macht. Wie das Geräusch eines Hubschraubers Jahrzehnte im Gedächtnis bleiben kann. Wie ein Vater aus dem Haus geht, ohne zu wissen, dass seine Tochter ihm hinterhersieht. Und wie manchmal ein einziger Satz genügt, um den Abstand von mehr als fünfzig Jahren verschwinden zu lassen.

haOlam erinnerte zum diesjährigen Jom Kippur bereits daran, dass dieser Tag in Israel neben seiner religiösen Bedeutung untrennbar mit Erfahrungen von Krieg, Verlust und nationaler Erinnerung verbunden ist. Das N12-Projekt gibt dieser Erinnerung Gesichter und Stimmen und macht sie auch für eine Generation nachvollziehbar, die 1973 noch nicht geboren war.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Dienstag, 22. September 2026

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