Netanyahu: „Wir müssen stärker sein als die Barbaren, sonst zerstören sie unsere Gesellschaften“


Benjamin Netanyahu hat sich erstmals seit Beginn des Iran-Krieges ausführlich auf Englisch an internationale Medien gewandt. Es war kein klassisches Presseformat, sondern eine politische Ansprache mit klarer Botschaft: Israel sieht sich im Zentrum eines globalen Konflikts und fordert vom Westen, diese Realität endlich anzuerkennen.

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Der israelische Ministerpräsident nutzte seinen ersten großen Auftritt vor der internationalen Presse seit Kriegsbeginn, um das Geschehen in einen historischen, moralischen und strategischen Rahmen zu stellen. Wer den Auftritt auf einzelne Sätze über Uran, Raketen oder Donald Trump verkürzt, verfehlt den Kern. Netanyahu wollte deutlich machen, dass Israel diesen Krieg nicht als begrenzte Auseinandersetzung mit Iran versteht, sondern als Abwehrkampf gegen ein Regime, das nach seiner Darstellung weit über Israel hinaus eine Gefahr für den gesamten Westen geworden ist.

Schon der Beginn war typisch Netanyahu. Mit einem trockenen Satz räumte er ein Gerücht ab: „Ich lebe, und Sie sind alle Zeugen.“ Danach wurde der Ton sofort grundsätzlicher. Unter der „visionären Führung“ von Präsident Trump, sagte er, handelten die USA und Israel gemeinsam in Iran „mit großer Entschlossenheit und beispielloser Stärke“. Die Operation solle „die existenziellen Bedrohungen beseitigen“, die vom Regime der Ajatollahs ausgingen.

Er benannte drei Ziele. Erstens die nukleare Bedrohung beseitigen. Zweitens die Bedrohung durch ballistische Raketen beseitigen. Drittens Bedingungen schaffen, unter denen das iranische Volk „seine Freiheit ergreifen“ und „sein Schicksal selbst bestimmen“ könne. Diese Reihenfolge ist wichtig. Netanyahu beschreibt den Krieg nicht nur als militärische Zerschlagung feindlicher Fähigkeiten, sondern auch als Versuch, einen politischen Umbruch zu ermöglichen, ohne ihn direkt zu garantieren.

„Wir gewinnen, Iran wird zerschlagen“

Netanyahu sprach mit großer Sicherheit über die Wirkung des Feldzugs. Gegen viele Berichte, die von Unsicherheit, langem Krieg oder unklarem Ausgang sprechen, setzte er einen harten Kontrapunkt. „Wir gewinnen, und Iran wird zerschlagen“, sagte er. Der iranische Raketen- und Drohnenbestand werde massiv geschwächt und letztlich zerstört. Hunderte Abschussrampen seien vernichtet worden, Raketenlager würden schwer getroffen, ebenso die Industrie, die diese Waffen überhaupt erst herstelle.

Besonders aufschlussreich war seine Formulierung, man zerstöre diesmal nicht nur Infrastruktur oder fertige Raketen, sondern „die Fabriken, die die Komponenten herstellen, um diese Raketen und die Nuklearwaffen zu produzieren, die sie bauen wollen“. Wörtlich sagte Netanyahu: „Wir wischen ihre industrielle Basis aus auf eine Weise, wie wir es vorher nicht getan haben.“

Damit macht er deutlich, worin Israel den Unterschied zur früheren Operation „Rising Lion“ sieht. Damals seien bereits Raketen und ein erheblicher Teil der Nuklearinfrastruktur zerstört worden. Jetzt aber gehe es tiefer. Nicht nur Symptome, sondern die industrielle Grundlage selbst werde angegriffen.

Auch militärisch zeichnete er ein Bild fast vollständiger Überlegenheit. Die iranische Luftabwehr sei „nutzlos gemacht“ worden. Die Marine liege „am Boden des Meeres“. Die Luftwaffe sei „nahezu zerstört“. Die Kommando- und Kontrollstruktur befinde sich im „völligen Chaos“. Das sind große Worte, die politisch gesetzt sind. Sie sollen Handlungsfähigkeit, Dominanz und strategische Richtung ausstrahlen.

Kein Krieg für Israel, sondern mit Israel

Einer der zentralen Teile der Ansprache richtete sich erkennbar an das amerikanische Publikum. Netanyahu widersprach mit scharfem Spott dem Vorwurf, Israel habe die USA in den Krieg hineingezogen. „Glaubt wirklich jemand, man könne Präsident Trump sagen, was er zu tun hat? Komm schon“, sagte er.

Das ist mehr als nur eine Verteidigung gegen Kritik. Es ist der Versuch, die amerikanisch-israelische Allianz in diesem Krieg als Partnerschaft auf Augenhöhe darzustellen, nicht als Druckverhältnis. Netanyahu betonte mehrfach, Trump habe keine Überredung gebraucht. Im Gegenteil: Trump habe schon vor langer Zeit erkannt, wie gefährlich das iranische Regime sei. Als Beleg verwies Netanyahu auf ein Treffen in Mar-a-Lago vor Trumps Wiederwahl. Dort habe Trump als Erstes zu ihm gesagt: „Bibi, wir müssen sicherstellen, dass Iran keine Atomwaffen bekommt.“

Diesen Punkt wiederholte Netanyahu mit Nachdruck. Er habe Trump nichts erklären müssen, Trump habe es ihm erklärt. Das ist politisch geschickt, weil es die in den USA kursierende Erzählung untergräbt, Israel habe Washington gegen eigene Interessen in einen Krieg gedrängt. Netanyahu stellte dem eine andere Erzählung entgegen: Amerika kämpfe nicht für Israel, sondern „mit Israel für ein gemeinsames Ziel“.

Iran als Bedrohung für die gesamte westliche Ordnung

Die vielleicht wichtigste Ebene der Rede war nicht militärisch, sondern zivilisatorisch. Netanyahu wollte klar machen, dass das iranische Regime aus seiner Sicht nicht nur Israel und Amerika bedroht, sondern das Fundament der westlich geführten Ordnung selbst.

Er schilderte Iran als Regime, das seit 47 Jahren „Tod Amerika, Tod Israel“ skandiere, seine eigenen Menschen terrorisiere, amerikanische Soldaten in Irak und Afghanistan auf dem Gewissen habe, Botschaften bombardiert habe und sogar versucht habe, Donald Trump zu ermorden. Er sprach von „ideologischen Fanatikern“, von „Irren“, deren Daseinszweck in der Zerstörung westlicher Zivilisation liege.

Der entscheidende Punkt war dabei nicht nur die Gegenwart, sondern das mögliche Zukünftige. Netanyahu forderte die Zuhörer auf, sich vorzustellen, was geschehen würde, wenn ein solches Regime über nuklear bestückte Raketen mit interkontinentaler Reichweite verfügte. „Stellen Sie sich vor, was sie tun würden“, sagte er. „Stellen Sie sich vor, diese Irren hätten Nuklearwaffen und die Mittel, sie in jede amerikanische Stadt, jede europäische Stadt und überall auf der Welt zu bringen.“

Das ist der Kern seiner Kriegsbegründung. Aus israelischer Sicht ist die jetzige Eskalation nicht die Ursache des Problems, sondern die letzte verbliebene Gelegenheit, ein viel größeres zu verhindern.

„Wir müssen stärker sein als die Barbaren“

Der bekannteste Satz der Pressekonferenz fiel später in der Fragerunde, und er war der deutlichste. Netanyahu sagte: „Wir müssen stark sein. Wir müssen bewaffnet sein. Wir müssen stärker sein als die Barbaren, sonst werden sie nicht bloß an unseren Toren stehen. Sie werden unsere Tore einreißen und unsere Gesellschaften zerstören.“

Dieser Satz war keine spontane Zuspitzung, sondern das eigentliche Zentrum der Rede. Netanyahu formulierte hier sein sicherheitspolitisches Weltbild in einer Sprache, die absichtlich nicht diplomatisch klingt. Es ist eine Absage an jede Illusion, Moral oder Recht allein könnten eine Gesellschaft schützen. Er zitierte den Historiker Will Durant mit dem düsteren Gedanken, dass Jesus Christus „leider keinen Vorteil gegenüber Dschingis Khan“ habe, wenn das Böse stärker, rücksichtsloser und mächtiger sei als das Gute.

Mit anderen Worten: Wer zivilisiert bleiben will, muss sich verteidigen können. Wer sich nicht verteidigt, wird vom Brutaleren überrannt. Das ist die politische Philosophie, die Netanyahu dem Westen in Jerusalem noch einmal vorgetragen hat.

Er verknüpfte das mit einem historischen Vorwurf an die Demokratien. Churchill habe von der „Schläfrigkeit der Demokratie“ gesprochen, erinnerte Netanyahu. Demokratien wachten oft erst auf, wenn der „schrille Gong der Gefahr“ sie nicht mehr zu überhören zwinge. Seine Warnung lautet, dass genau dieser Moment jetzt da sei. Nicht irgendwann später, nicht nach weiteren Verhandlungen, nicht erst dann, wenn Iran vollendete Tatsachen geschaffen habe.

Regimewechsel möglich, aber nicht garantiert

Netanyahu blieb auffallend vorsichtig in der Frage, ob das Regime in Teheran tatsächlich zusammenbrechen werde. Er sagte, Israel arbeite daran, die Bedingungen für einen Zusammenbruch zu schaffen. Garantieren könne er ihn nicht. „Ja, das Regime könnte sich ändern. Ist das garantiert? Nein.“

Diese Zurückhaltung ist wichtig, weil sie zeigt, dass Jerusalem die politische Öffnung in Iran zwar fördern will, sich aber nicht an eine feste Prognose bindet. Netanyahu sprach von „Rissen“ im System, von Spannungen an der Spitze, von Widersprüchen in Befehlen und von Angst in den Einheiten der Revolutionsgarden, die ballistische Raketen bedienen. Seine Metapher dafür war auffällig plastisch: Das Regime sei wie ein „ausgehöhltes, morsches Stück Holz, das außen noch hält, aber innen voller Fäulnis ist“.

Das ist klassische psychologische Kriegsführung. Es geht darum, Stärke des Gegners öffentlich infrage zu stellen und zugleich den Eindruck zu erwecken, der innere Kollaps sei zumindest denkbar. Dass Netanyahu dabei zugleich sagte, Iran sei schwächer als je zuvor, passt genau in diese Linie.

Bodenkomponente nicht ausgeschlossen

Ein weiterer bemerkenswerter Punkt war sein Satz, man könne Revolutionen nicht allein aus der Luft machen. Vieles lasse sich aus der Luft erreichen, und Israel tue das gerade. „Aber es muss auch eine Bodenkomponente geben.“ Welche Möglichkeiten das seien, verriet er nicht.

Gerade dieser Satz dürfte international Aufmerksamkeit auslösen, weil er bewusst offen lässt, ob Israel oder verbündete Kräfte noch weitergehende Schritte vorbereiten. Netanyahu wollte keine operative Aussage treffen, aber sehr wohl strategische Mehrdeutigkeit bewahren. Die Botschaft an Teheran ist klar: Auch über das bisher Sichtbare hinaus ist noch Spielraum vorhanden.

Trump bremst bei Energiezielen

Besonders präzise wurde Netanyahu in einer Frage, die zuletzt für widersprüchliche Darstellungen gesorgt hatte. Zum Schlag gegen den Gaskomplex in Asaluyeh sagte er: „Tatsache Nummer eins: Israel hat allein gegen den Gaskomplex von Asaluyeh gehandelt. Tatsache Nummer zwei: Präsident Trump bat uns, bei weiteren Angriffen zurückzuhalten, und wir halten uns daran.“

Das ist eine klare, zitierfähige Aussage. Sie zeigt einerseits, dass Israel zu eigenständigem Handeln bereit ist. Andererseits zeigt sie, dass die strategische Abstimmung mit Washington eng genug ist, um auf amerikanische Wünsche Rücksicht zu nehmen. Gerade weil Energieanlagen in der Golfregion weltwirtschaftlich hochsensibel sind, ist dieser Punkt politisch entscheidend.

Hisbollah und der Norden

Auch zur Nordfront äußerte sich Netanyahu. Er sagte, die Hisbollah sei nicht mehr das, was sie einmal war. Ihre Raketenfähigkeit sei massiv getroffen worden, die Radwan-Infrastruktur an der Grenze zerstört, Nasrallah ausgeschaltet. Israel habe nun „einen Sicherheitskorridor, eine Sicherheitszone“, die eine Invasion wie am 7. Oktober verhindern solle.

Der Satz ist auch deshalb wichtig, weil er bestätigt, wie stark der 7. Oktober Israels strategisches Denken verändert hat. Sicherheitszonen, sterile Räume, Vorfeldkontrolle: All das wird seither nicht mehr als Option, sondern als Notwendigkeit betrachtet.

Keine technische Lage, sondern eine Kampfansage

Wer diese Pressekonferenz nur als Sammlung harter Sprüche liest, unterschätzt sie. Netanyahu hat eine politische Doktrin formuliert. Er sagt: Die freie Welt steht nicht vor einem lösbaren Missverständnis, sondern vor einem fanatischen Feind. Wer diese Bedrohung rechtzeitig erkennt und bekämpft, handelt verantwortungsvoll. Wer sie relativiert, wiederholt den Fehler früherer Generationen.

Seine Ansprache war daher nicht nur an Journalisten gerichtet. Sie war eine direkte Aufforderung an westliche Eliten, aufzuhören, Israel als Sonderfall zu behandeln. Aus seiner Sicht verteidigt Israel gerade nicht nur sich selbst, sondern etwas Größeres: die Fähigkeit offener Gesellschaften, sich gegen mörderische Regime zu behaupten.

Ob man jede seiner Schlussfolgerungen teilt, ist eine andere Frage. Aber man muss diese Rede in ihrem eigenen Anspruch ernst nehmen. Netanyahu wollte nicht erklären, was gestern bombardiert wurde. Er wollte sagen, in welcher Welt wir leben und was in dieser Welt aus seiner Sicht nötig ist.

Und genau deshalb war es eine Ansprache.

Thematische Einordnung


Autor: David Goldberg
Bild Quelle: GPO

Artikel veröffentlicht am: Freitag, 20. März 2026

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