Neue Angriffe im Nordirak: Teherans Druck auf kurdische Opposition wächst
PAK meldet einen abgewehrten Drohnenangriff, Komala wurde erneut beschossen. Gleichzeitig ziehen die USA ab und Kurdistan verliert militärischen Schutz.

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Der militärische Druck auf iranische Oppositionsgruppen im Nordirak nimmt weiter zu. Die kurdische Freiheitspartei PAK teilte in der Nacht zum Mittwoch mit, ein von ihr dem iranischen Regime zugeschriebener Drohnenangriff auf Stellungen ihres bewaffneten Flügels sei abgewehrt worden. Nach Angaben der Organisation erfolgte der Angriff gegen 23.45 Uhr auf Einrichtungen der sogenannten Kurdistan National Army in der autonomen Region Kurdistan. Unabhängig bestätigt waren Einzelheiten des jüngsten Vorfalls zunächst nicht.
Der Angriff steht jedoch nicht für sich. Bereits am Montag waren nach Angaben der kurdischen Nachrichtenagentur Rudaw drei Raketen in ein Lager der iranisch-kurdischen Komala bei Sulaimani eingeschlagen. Dort leben auch Familien von Mitgliedern der Organisation. Nach Angaben eines Komala-Vertreters entstand Sachschaden, Menschen seien nicht verletzt worden. Die Gruppe brachte den Angriff mit Teheran in Verbindung.
Damit setzt sich eine seit Monaten laufende Angriffswelle fort. Iranische Streitkräfte und mit Teheran verbundene Gruppen haben wiederholt Stellungen iranisch-kurdischer Organisationen auf irakischem Gebiet mit Raketen und Drohnen angegriffen. Betroffen waren unter anderem PAK, Komala, die Demokratische Partei Kurdistans-Iran und weitere oppositionelle Gruppen. Die britische Regierung fasste im August zahlreiche Berichte zusammen und dokumentierte, dass iranische Kräfte seit Beginn des Krieges im Februar gezielt iranisch-kurdische Oppositionsorganisationen im Nordirak angegriffen haben.
Teheran fürchtet eine neue kurdische Front
Der Hintergrund reicht weit über die einzelnen Militärschläge hinaus. Mehrere iranisch-kurdische Parteien schlossen sich am 22. Februar zur „Coalition of Political Forces of Iranian Kurdistan“ zusammen. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten PAK, PDKI, PJAK, Khabat und eine Komala-Fraktion. Später trat eine weitere Komala-Organisation bei. Ihr erklärtes Ziel ist eine politische Neuordnung Irans und kurdische Selbstbestimmung.
Für die Führung in Teheran ist diese Entwicklung besonders heikel. Die kurdischen Gebiete im Westen des Iran gehören seit Jahrzehnten zu den politisch unruhigsten Regionen des Landes. Nach den Protesten infolge des Todes von Jina Mahsa Amini 2022 verschärfte das Regime dort seine Sicherheitsmaßnahmen erheblich. Menschenrechtsorganisationen dokumentieren überproportional viele Verhaftungen und harte Strafen gegen kurdische Aktivisten.
Teheran bezeichnet die bewaffneten kurdischen Oppositionsgruppen als „terroristisch“ oder „separatistisch“ und wirft ihnen Zusammenarbeit mit den USA und IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen vor. Für eine direkte israelische Steuerung dieser Organisationen liegen öffentlich jedoch keine belastbaren Belege vor. Auch der im August aktualisierte Bericht der britischen Regierung weist darauf hin, dass es zwar Spekulationen über einen möglichen Einsatz kurdischer Kräfte gegen das iranische Regime gab, die Gruppen zum damaligen Untersuchungszeitpunkt aber keine entsprechende Offensive begonnen hatten.
Das macht die iranische Strategie umso deutlicher: Teheran versucht offenbar, eine mögliche organisierte Gegenmacht bereits außerhalb der eigenen Grenzen militärisch unter Druck zu setzen.
Die PAK ist dabei seit Monaten Ziel wiederholter Angriffe. Ende Mai traf ein iranischer Angriff eine ihrer Stellungen nahe Erbil und verletzte nach Angaben der Partei neun Kämpfer, vier davon schwer. Wenige Tage später wurde ein weiterer Stützpunkt mit einer Rakete angegriffen. Im Juli folgten neue Drohnenangriffe.
Auch Komala wurde wiederholt getroffen. Im Juli töteten iranische Raketen nach Angaben kurdischer Quellen neun Mitglieder einer Komala-Organisation. Bis Mitte Juli registrierte Rudaw seit Ende Februar bereits 918 iranische oder mit Iran verbundene Raketen- und Drohnenangriffe auf die autonome Region Kurdistan. Die Zahlen verschiedener Stellen unterscheiden sich allerdings, weil nicht alle Geschosse und Angriffe unabhängig überprüft werden können.
Die kurdische Regionalregierung spricht selbst von einer massiven Angriffswelle. In einer offiziellen Zusammenstellung erklärte sie bereits für den Zeitraum vom 28. Februar bis 20. April, dass zivile Gebiete, Infrastruktur und Sicherheitskräfte wiederholt mit Raketen und Drohnen angegriffen worden seien. Im Juli verurteilte die Regierung in Erbil iranische Angriffe ausdrücklich als Gefahr für die regionale Sicherheit und als Verletzung der irakischen Souveränität.
Der amerikanische Abzug verändert das Kräfteverhältnis
Besonders brisant ist der Zeitpunkt der neuen Angriffe. Die verbliebenen amerikanischen Truppen sollen den Irak bis zum 30. September verlassen. Der Rückzug ist Teil der zwischen Washington und Bagdad vereinbarten Neuordnung der internationalen Anti-IS-Mission. Aktuelle US-Berichte bestätigen, dass der Abzug planmäßig voranschreitet.
Für die autonome Region Kurdistan entsteht dadurch ein Sicherheitsproblem. Die Kurden waren seit dem Kampf gegen den Islamischen Staat einer der engsten militärischen Partner der Vereinigten Staaten im Irak. haOlam hatte bereits Ende August darüber berichtet, dass neben dem Truppenabzug auch die Zukunft der direkten amerikanischen Unterstützung für die Peschmerga unsicher ist. Gerade angesichts der iranischen Raketen- und Drohnenangriffe wächst deshalb die Sorge vor einem Machtvakuum.
Wie ernst die Bedrohung inzwischen ist, zeigt auch ein neuer Bericht über amerikanische Einrichtungen im Irak. Nach Angaben aus einem dem US-Kongress vorgelegten Pentagon-Bericht registrierte die US-Mission allein zwischen April und Juni mehr als 600 Angriffe. Das neue amerikanische Konsulatsgelände in Erbil erlitt Schäden an mehreren Gebäuden, auch die US-Botschaft in Bagdad wurde getroffen.
Gleichzeitig weigern sich mächtige, mit Iran verbundene schiitische Milizen im IrakSchiitenmilizen: Irans bewaffnete Netzwerke im Nahen OstenSchiitenmilizen sind bewaffnete Gruppen mit schiitischem Hintergrund, die besonders im Irak und in Syrien aktiv sind. Viele von ihnen werden vom Iran unterstützt, ausgebildet oder politisch beeinflusst und gehören zum regionalen Netzwerk der Quds-Einheit und der Revolutionsgarden.Mehr lesen weiterhin, ihre Waffen abzugeben. Einige von ihnen verlangen sogar die Ausweisung iranisch-kurdischer Oppositioneller aus dem Land. Damit treffen zwei Entwicklungen unmittelbar aufeinander: Washington zieht sich zurück, während Teheran und seine regionalen Verbündeten ihre militärischen Möglichkeiten behalten.
Genau vor diesem Szenario hatte sich die kurdische Führung seit Monaten gefürchtet.
Für Iran bietet Nordirak mehrere strategische Vorteile. Angriffe auf dort stationierte Regimegegner sollen verhindern, dass sich eine organisierte kurdische Front im Iran entwickelt. Gleichzeitig demonstriert Teheran, dass Gegner auch außerhalb der eigenen Staatsgrenzen nicht sicher sind. Und jeder Rückgang amerikanischer Schutzmöglichkeiten verändert die Kosten solcher Operationen zugunsten Irans.
Für Bagdad ist das zunehmend ein Souveränitätsproblem. Der Irak muss verhindern, dass sein Staatsgebiet zum Schlachtfeld zwischen Teheran, iranischen Oppositionellen und iranisch unterstützten Milizen wird. Genau das gelingt bislang nur begrenzt. haOlam hatte bereits im August über den Versuch der irakischen Regierung berichtet, iranisch unterstützte Milizen bis Ende September unter staatliche Kontrolle zu bringen. Mehrere dieser Gruppen widersetzen sich diesem Kurs weiterhin.
Der jüngste Angriff auf die PAK ist deshalb mehr als ein weiterer Zwischenfall an der iranisch-irakischen Grenze. Er zeigt, wie sich das strategische Umfeld im Nordirak verändert: Die amerikanische Präsenz verschwindet, Teherans Gegner geraten verstärkt unter Beschuss und die Regierung in Bagdad kämpft weiterhin darum, bewaffnete Akteure tatsächlich unter staatliche Kontrolle zu bringen.
Für die Kurden könnte der 30. September damit zu einem entscheidenden Datum werden. Nicht weil die iranische Bedrohung dann beginnt, sondern weil ein wichtiger Teil des bisherigen Gegengewichts wegfällt.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Mittwoch, 16. September 2026