Hitler als Opfer der Juden? Iran-Prediger verbreitet Vernichtungsfantasien gegen Israel

Hitler als Opfer der Juden? Iran-Prediger verbreitet Vernichtungsfantasien gegen Israel


Ein australischer schiitischer Prediger behauptet, Zionisten hätten Hitler durch angebliche „Korruption“ gegen Juden aufgebracht. Dann kündigt er die Vernichtung Israels durch Persien an. Was wie wirre Geschichtsfälschung klingt, folgt bekannten antisemitischen Mustern.

Hitler als Opfer der Juden? Iran-Prediger verbreitet Vernichtungsfantasien gegen Israel
Bildnachweis: Pixabay / Symbolbild

Es beginnt mit einer Behauptung, die Täter und Opfer beinahe vollständig vertauscht.

Der aus Australien stammende schiitische Islamgelehrte Sayyid Abdullah Almusawi erklärte in einem am 7. August veröffentlichten Video, Zionisten hätten in Deutschland bewusst „viel Korruption“ verursacht und Adolf Hitler damit gegen die Juden aufgebracht. Hitler sei deshalb gezwungen gewesen, Juden aus Deutschland und Europa zu vertreiben.

Almusawi geht noch weiter. Nach seiner Darstellung hätten die Nationalsozialisten zunächst erwogen, die europäischen Juden nach Madagaskar zu bringen. Hitler habe diesen Plan jedoch verworfen, weil ein eigener jüdischer StaatIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen angeblich eine Gefahr für die ganze Welt dargestellt hätte.

Die Aussagen wurden vom Middle East Media Research Institute, MEMRI, dokumentiert und im englischen Original veröffentlicht.

Damit wird aus der nationalsozialistischen Judenverfolgung eine Geschichte, in der Juden beziehungsweise „Zionisten“ ihre eigene Verfolgung selbst provoziert hätten. Hitler erscheint nicht mehr als fanatischer AntisemitAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen und zentraler Verantwortlicher für die Ermordung von sechs Millionen europäischen Juden, sondern beinahe als jemand, der auf angebliches jüdisches Fehlverhalten reagiert habe.

Historisch ist das nicht haltbar.

Hitlers Antisemitismus war lange vor der nationalsozialistischen Machtübernahme dokumentiert. Die Nationalsozialisten verbreiteten systematisch die Vorstellung, Juden kontrollierten Wirtschaft, Politik und Medien und bedrohten Deutschland. Das United States HolocaustShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen Memorial Museum beschreibt genau diese Verschwörungserzählungen als wesentlichen Bestandteil der NS-Ideologie und ihrer PropagandaDesinformation: Gezielte Täuschung der ÖffentlichkeitDesinformation bezeichnet bewusst verbreitete falsche oder irreführende Informationen. Ziel ist häufig, Menschen zu täuschen, Vertrauen zu zerstören, Konflikte zu verschärfen oder politische Entscheidungen zu beeinflussen.Mehr lesen. Sie dienten dazu, Ausgrenzung, Entrechtung und schließlich die Vernichtung der europäischen JudenShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen gesellschaftlich vorzubereiten.

Auch die Geschichte über Madagaskar wird von Almusawi verdreht.

Der sogenannte Madagaskar-Plan existierte tatsächlich. Die nationalsozialistische Führung erwog 1940, Millionen europäische Juden zwangsweise auf die damals französische Insel zu deportieren. Von einem humanitären Angebot für einen jüdischen Staat konnte keine Rede sein. Yad Vashem erklärt, dass der Plan vor allem deshalb praktisch unmöglich wurde, weil Deutschland die Luftschlacht um England verlor und damit die notwendigen Seewege nicht kontrollieren konnte. Wenig später ging die nationalsozialistische Politik zur systematischen Massenvernichtung über.

Almusawis Erzählung folgt dagegen einem alten Prinzip antisemitischer Propaganda: Juden werden für den Hass verantwortlich gemacht, der sich gegen sie richtet.

Doch bei der Geschichtsfälschung bleibt es nicht.

Der Prediger beschreibt Tel Aviv anschließend als Inbegriff moralischer Verderbtheit. Er verweist auf Abtreibungen, Homosexualität und eine von ihm behauptete allgemeine „Korruption“ und erklärt, in Israel finde sich alles, was sich gegen den Willen Allahs richte.

Aus dieser religiös begründeten Verachtung entwickelt er anschließend eine Vernichtungsprophezeiung.

Seit der Staatsgründung 1948 hätten sich, so Almusawi, die Juden beziehungsweise „Kinder Israels“ an einem Ort gesammelt. Sie hätten ihren Staat, ihren Wohlstand und ihre Unterstützer erhalten. Was nun noch ausstehe, sei ihre Zerstörung.

Auf die selbst gestellte Frage, wer dies tun werde, gibt er eine knappe Antwort: die Perser.

Am Ende der Zeiten, in denen die Menschheit seiner Darstellung zufolge bereits lebe, werde es einen Krieg geben. Der Staat Israel werde durch die Perser zerstört und JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen von ihnen übernommen.

Das ist keine verschlüsselte Kritik an einer israelischen Regierung.

Es ist die ausdrückliche Vorstellung von der Vernichtung des Staates Israel, verbunden mit einer religiösen Endzeiterzählung und antisemitischen Behauptungen über Juden.

Von Melbourne in die iranische Propagandawelt

Almusawis Hintergrund macht die Aussagen besonders bemerkenswert.

Der Daily Telegraph berichtete bereits im Mai über den schiitischen Geistlichen, der ursprünglich aus dem australischen Bundesstaat Victoria stammt und inzwischen nach Iran gezogen ist. Dem Bericht zufolge produziert er von dort Podcasts und Inhalte, in denen er westliche Demokratien scharf angreift und sich ideologisch deutlich an der Islamischen Republik orientiert.

Auch auf der islamischen Bildungsplattform Islam4u wird Almusawi als langjähriger Religionsgelehrter beschrieben, der mehr als zehn Jahre an einer traditionellen schiitischen Hawza studiert habe und lange in der muslimischen Gemeinschaft Melbournes aktiv gewesen sei.

Das ist wichtig, weil seine Botschaften nicht in einem abgeschlossenen religiösen Seminarraum bleiben. Almusawi betreibt eigene soziale Medien und Videokanäle. Seine Aussagen richten sich an ein internationales Publikum.

Und die Botschaft ist bemerkenswert eindeutig.

Der Holocaust wird nicht geleugnet. Er wird anders missbraucht: Die Verantwortung wird verschoben. Aus nationalsozialistischem Judenhass wird eine angebliche Reaktion auf jüdische beziehungsweise zionistische „Korruption“. Eine historisch reale Deportationsidee wird so umgedeutet, als habe Hitler vor einer weltweiten jüdischen Gefahr gewarnt. Schließlich wird dieselbe vermeintliche Gefahr in die Gegenwart übertragen und mit der Hoffnung auf die Vernichtung Israels verbunden.

Genau diese Verbindung macht den Auftritt so gefährlich.

Es geht nicht um eine einzelne historische Falschbehauptung. Die Vergangenheit wird benutzt, um eine heutige Feinderzählung zu begründen.

Juden hätten Deutschland verdorben. Juden hätten Hitler gegen sich aufgebracht. Ein jüdischer Staat bedrohe die Welt. Israel sei moralisch verdorben. Und am Ende müsse dieser Staat verschwinden.

Die einzelnen Sätze bauen aufeinander auf.

Wer den Holocaust auf diese Weise erzählt, muss seine Opfer nicht ausdrücklich verhöhnen. Es genügt, ihnen eine Mitschuld an ihrer eigenen Verfolgung zuzuschreiben.

Und wer anschließend von der bevorstehenden Vernichtung Israels spricht, macht deutlich, wohin diese Erzählung führt.

Almusawi präsentiert das nicht als politische Möglichkeit, die er bedauern würde.

Er erwartet sie.

Seine letzten Worte lassen daran wenig Zweifel: Nach der angekündigten Zerstörung Israels und der Einnahme Jerusalems durch die Perser sei die Sache noch längst nicht beendet.

Das ist keine Nahostanalyse.

Es ist religiös aufgeladene Vernichtungsrhetorik, garniert mit einer Geschichtsfälschung, die ausgerechnet Hitler von seiner Verantwortung entlastet und sie den Juden zurückgibt.

Fast acht Jahrzehnte nach der Shoah ist die Methode erschreckend vertraut.

Nur das Medium ist neu.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Sonntag, 23. August 2026

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